Bands: MATERIA, PETER GRUSEL & DIE UNHEIMLICHEN, OVERLOAD Date: 12.02.16 Venue: Bandhaus Leipzig


Freitagabend, Showtime, abrocken, YEAAH!
Oder auch nicht. Ich komme gegen 20:20 Uhr im etwas abgelegenen Bandhaus in Leipzig/Plagwitz an und bin der erste zahlende Gast. Der offizielle Beginn soll 10 Minuten später vonstatten gehen,  daher bin ich dementsprechend überrascht. Ich war schon zweimal zu Konzerten in dieser kleinen Location und sie war beide Male gut gefüllt beziehungsweise voll.

Nun gut, die Bands sind unbekannt, aber es ist Freitag. Was kann es besseres geben, als für läppische 7 Euro drei Bands anzuchecken und Live zu erleben?

01-overload-04Das sich später doch noch circa 15 Leute einfinden, die mit fast einstündiger Verspätung dann den Opener Overload sehen, täuscht nicht darüber hinweg dass die Masse lieber 100 Glocken und mehr für alterschwache Megaacts ausgibt und den unbekannten Bands sowie kommenden Dekaden somit eine Absage erteilt.

O-Ton Simon: „Wir sehen das dann eben als Liveprobe für kommende Konzerte.“
Der Gitarrist von OVERLOAD nimmt es, genauso wie seine Mitstreiter, also sportlich.
Und verdammt ernst. Die anscheinend auch beim Publikum unbekannten Thrasher legen mit TV Lies und Suppression ordentlich vor und sind gut drauf. In der einen Stunde erweist sich vor allem Fronter/Gitarrist Huhne in Toppform, bangt, schreit, singt und frickelt absolut professionell.

Tracks wie Burnung Wheels, Scared Live und Forcible Fire offenbaren Live ohnehin immer internationales Niveau, was auch das Publikum, trotz der eigensinnigen „Araya meets Halford meets King Diamond“ Vocals, so sieht.

Das mit einem „Gänsehautriff“ beginnende  Evil Shadows beendet dann einen der besten Gigs der Band, die ich bisher gesehen habe.

02-peter-grusel-die-unheimlichen-02Während ich noch so denke, dass es schwer zu toppen sein wird, beginnen nach ungefähr 20 Minuten Soundcheck PETER GRUSEL & DIE UNHEIMLICHEN.

Ich war gespannt was sich hinter diesem Namen verbirgt und nehme schon einmal vorweg:
Der Opener wurde locker übertrumpft!

Der Peter und seine mutmaßlichen Mitmusiker, die sich nach eigenen Angaben den Beinamen gaben weil sie sich selbst zu unheimlich waren, sind schon länger in der Extremistenszene unterwegs und bieten musikalisch eine mehr als gelungene Mischung aus Death Metal, Grindcore und Hardcore Einflüssen.
Akkustisch kommt es beim Hörer als eine Mischung aus Bolt Thrower, Napalm Death und Pro Pain an. Besonders gelungen ist dabei die gelegentliche, sporadische Einbindung der 90er Alternative Rock Musik.
Vor allem Songs wie Cast Away, Ayatolla, Junky und Slaughtering Sheep sind schwärzer als Humor und bewegen sich dermaßen gut zwischen Death Metal Walze, Grindgemetzel und Hardcore Attitüde, das man auf die demnächst erscheinende EP wirklich gespannt sein darf!

Das durchweg positive Gesamtbild runden die verrückten Niedersachsen mit diesem Auftritt ab, denn sie zerlegen die Bühne vom eröffnenden Piss Christ an. Während Fronter Peter wie angestochen hin und her rennt, röhrt, röchelt, grunzt und kreischt als wäre er aus einer Anstalt ausgebrochen, rotiert auch der Rest
– der sich um Missverständnissen vorzubeugen auch Peter nennt –
unentwegt.

„Viel Spaß dann noch mit Materia! Nicht zu verwechseln mit Materia!“ heißt es dann kurz vor Gigende, und verwechseln kann man da wirklich nichts.

03-materia-19Die Polen sind den meisten im Publikum anscheinend unbekannt. Es sickert durch, dass das Quartett Nu Metal spielt. Mein Begeisterung hält sich also in Grenzen. Ein Gast bekommt das mit und sagt mir mit verschmitztem Lächeln: „Das Wort Djent ist vorhin auch gefallen.“ Uff!

Doch bleiben wir objektiv, denn nur weil es nicht meine Geschmacksrichtung abdeckt, werde ich die sehr sympathischen Jungs noch lange nicht verreizen.

Zudem sind Nu Metaller heutzutage eher als Puristen zu sehen, denn trendy ist schließlich momentan eher die traditionelle Schiene. Die offensichtlichen (und später von Gitarrist Tadeusz bestätigten) Einflüsse sind Bands wie Korn und Limp Bizkit. Ausschmücken tut man viele Songs dann noch mit ausgiebigen instrumentalen Parts, fertig sind MATERIA.

Während Sänger/Bassist Michał zusätzlich für die aggressiven Leadvocals zuständig ist, übernimmt Tadeusz den cleanen Gesang. Den Aktionsradius schränkt dies allerdings nicht ein, auch der Headliner rotiert ohne Unterlass und bietet ein super Stageacting.

Man stört sich nicht daran, vor einer spärlichen Crowd zu spielen und reizt sich sprichwörtlich den Allerwertesten auf. Was selbst einem vorurteilsbehafteten Scheuklappenträger wie mir neben dieser Tatsache nicht entgeht ist, dass die Jungs diese Musik wirklich lieben.

OK, wo die Liebe hinfällt, aber so mancher „truer“ Act kann sich von der Hingabe eines Adrian Dubiński, dem Energielevel eines Tadeusz Piesiak und vor allem was die Interaktion von Michał Piesiak mit dem Publikum angeht, eine ganze Menge abschauen.

Erschwerend kommt hinzu, dass mir neben der sehr guten Show auch Tracks wie We Believe In Different Gods, Wasted und Addictions aufgrund ihrer Mischung aus modernen und rockigen Elementen durchaus zusagen.

Beinahe nach jedem Song bedankt sich die Band für die positven Resonanzen. Und das wirkt nicht einmal aufgesetzt, denn die paar Anwesenden feiern die Band gebührend und die Band feiert das Publikum und trinkt nach dem Gig noch ein paar Bier mit den verbliebenen Zuschauern.

Es war also wie so oft bei kleineren Veranstaltungen:
Zu wenig zahlende Gäste, sehr gute Bands und trotzdem eine saugute Stimmung. Davon können sich Veranstalter freilich nichts kaufen, deswegen nochmal an alle:

Wer nichts wagt, kann nichts verlieren! Bei solchen Events kann man sogar nur gewinnen. Das Bier ist relativ günstig, der Eintrittspreis im unteren Sektor und die eine oder andere Band für sich zu entdecken unbezahlbar!

Selbst wenn ich bei einer Veranstaltung mit kleineren Bands in die Kloacke fasse, ist der wirtschaftliche Schaden verkraftbarer als bei einem schlechten Gig einer großen Band in einer großen Arena mit, sorry, beschissenem Sound, wo ich bei 4,50 Euro pro Bier mir selbst das nicht mehr schön saufen kann!

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