Sterbenswille - Asche und Licht - cover artwork

Band: Sterbenswille 🇩🇪
Titel: Asche & Licht
Label: Independent
Herkunft: Altötting, Bayern, Deutschland
VÖ: 15.05.2026
Genre: Post-Black-Metal / Black Metal / Atmospheric Black Metal
Format: Album

Tracklist

01. Verzweiflung
02. Selbstzerstörung
03. Bruchstücke
04. Breath of Silence
05. Depression
06. Zwischen Asche & Licht
07. Asche
08. Dunkelheit feat. Liz von Roxton

Besetzung

G3ist – Vocals
Lukai – Guitar
Rooster – Bass
Andy – Drums
Liz von Roxton – Gastgesang auf Dunkelheit

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Es gibt Alben, die Dunkelheit nur als Kulisse benutzen. Ein bisschen Schwarz, ein bisschen Nebel, ein paar klirrende Gitarren, fertig ist die ästhetische Finsternis. Sterbenswille machen es sich auf »Asche & Licht« allerdings nicht so bequem. Dieses Album klingt nicht nach dekorativer Schwermut, sondern nach innerem Ausnahmezustand. Nach etwas, das lange gegärt hat, irgendwann aufbricht und sich dann in Gitarren, Schreien, Drums, Stille und atmosphärischer Schwere entlädt.

Mit »Asche & Licht« legt die Formation aus Altötting ein Werk vor, das tief im Black Metal verwurzelt ist, aber nicht sklavisch an dessen alten Mauern kratzt. Stattdessen öffnen Sterbenswille ihren Sound in Richtung Post-Black-Metal, lassen Melancholie zu, setzen auf epische Spannungsbögen und geben den Songs genug Raum, um mehr zu sein als reine Raserei. Genau darin liegt die Klasse dieser Platte: Sie ist heftig, aber nicht stumpf. Sie ist emotional, aber nicht weinerlich. Sie ist finster, aber nicht leer.

Der Titel »Asche & Licht« bringt diesen Gegensatz bereits auf den Punkt. Hier prallen Zerstörung und Hoffnung aufeinander, Verfall und Weiterleben, verbrannte Erde und ein letzter Schein am Horizont. Das Album beschäftigt sich mit Verlust, Depression, Selbstzerstörung, seelischen Brüchen und dem mühsamen Versuch, trotz allem weiterzugehen. Dabei werden diese Themen nicht als platte Elendsromantik ausgeschlachtet. Sterbenswille klingen vielmehr so, als würden sie mit offenen Händen in den eigenen Schutt greifen, um aus den Resten noch irgendeine Form von Wahrheit herauszuziehen.

Besonders deutlich wird das durch den neuen Sänger G3ist. Seine Stimme ist kein bloßes Stilmittel, sondern ein zentrales Element der Wirkung. Er schreit, keift, presst und schleudert die Texte nicht einfach in den Raum, sondern klingt oft, als würde jeder Vers körperlich wehtun. Gleichzeitig funktionieren auch die ruhigeren und klareren Momente, weil sie nicht künstlich versöhnlich wirken. Sie reißen keine romantische Lichterkette in die Dunkelheit, sondern zeigen eher kurze Risse in einer Wand, hinter der noch etwas lebt.

Wenn Verzweiflung nicht niederfällt, sondern zurückschlägt

Der Einstieg mit „Verzweiflung“ macht unmittelbar klar, dass Sterbenswille keine lange Vorrede brauchen. Der Song öffnet sich zunächst fast vorsichtig, als würde man eine Tür in einen Raum aufstoßen, den man eigentlich nicht betreten möchte. Doch diese anfängliche Zurückhaltung hält nicht lange. Schritt für Schritt baut sich eine massive Wand aus Gitarren, Bass und Schlagzeug auf, bis der Song schließlich seine volle schwarze Wucht entfaltet.

Lyrisch kreist „Verzweiflung“ um das Gefühl, etwas oder jemanden nicht halten zu können. Hoffnung wird hier nicht pathetisch beschworen, sondern scheint einem zwischen den Fingern zu zerfallen. Trotzdem klingt der Song nicht nach Kapitulation. Eher nach einem letzten Aufbäumen. Nach diesem Moment, in dem der Mensch zwar am Boden liegt, aber innerlich noch immer mit den Zähnen knirscht.

Musikalisch überzeugt vor allem die Dynamik. Sterbenswille prügeln nicht einfach mehrere Minuten alles nieder, sondern arbeiten mit Wechseln aus mittlerem Tempo, Ausbrüchen und atmosphärischen Zwischenräumen. Die Double-Bass-Passagen treiben ordentlich nach vorne, während die Gitarren eine melancholische Kälte entfalten, die mehr kann als bloß frostig zu klingen. Hier wird nicht nur Geschwindigkeit vorgeführt. Hier wird Spannung aufgebaut.

Gerade das macht diesen Auftakt so stark. „Verzweiflung“ trägt den Schmerz nicht wie ein Schild vor sich her, sondern verwandelt ihn in Bewegung. Der Song hat Druck, aber auch Tiefe. Er wütet, ohne die Kontrolle zu verlieren. Damit setzen Sterbenswille direkt zu Beginn ein klares Statement: „Asche & Licht“ will nicht nur gehört, sondern ausgehalten werden.

Selbstzerstörung, Nebel und die Kunst des inneren Zerfalls

Mit „Selbstzerstörung“ geht das Album noch tiefer in jene seelischen Zonen, in denen der Mensch sich selbst zum Gegner wird. Der Beginn verzichtet zunächst auf rohe Gewalt und setzt stattdessen auf eine unheilvolle Atmosphäre. Keyboard-Flächen liegen wie kalter Dunst über dem Stück, während sich die Spannung langsam zusammenzieht. Man merkt sofort: Der Sturm kommt. Er wartet nur noch auf den richtigen Moment.

Wenn der Song dann losbricht, wirkt das nicht wie ein plötzlicher Stilwechsel, sondern wie die logische Entladung einer vorher bereits spürbaren Bedrohung. Die Gitarren schneiden scharf durch den Mix, die Rhythmik drückt schwer nach unten, und G3ist liefert eine vokale Performance, die zwischen Wut, Schmerz und Kontrollverlust pendelt. Das ist nicht schön im klassischen Sinne. Aber es ist verdammt wirkungsvoll.

Besonders gelungen ist, dass „Selbstzerstörung“ nicht in eindimensionalem Geballer erstarrt. Der Song nimmt sich nach der ersten Eruption wieder zurück, öffnet eine ruhigere Passage und lässt klaren Gesang zu. Genau dieser Moment gibt dem Stück eine zusätzliche emotionale Schicht. Er wirkt nicht wie ein aufgesetzter Kontrast, sondern wie ein kurzer Blick auf die verletzte Stelle unter der Rüstung.

Damit zeigen Sterbenswille, dass sie den Begriff Post-Black-Metal nicht nur als Etikett verwenden. Sie verstehen, dass Atmosphäre nicht bloß bedeutet, irgendwo ein Keyboard unter die Gitarren zu legen. Atmosphäre entsteht hier aus Dramaturgie, aus Reibung, aus dem Wechselspiel zwischen Druck und Rückzug. „Selbstzerstörung“ ist einer jener Songs, die nicht sofort alles preisgeben, aber mit jedem Durchlauf stärker greifen.

Depression als Schwerpunkt und Schattenherz des Albums

Mit „Depression“ erreichen Sterbenswille einen der intensivsten Punkte des Albums. Schon der Titel lässt wenig Raum für Umdeutung. Hier geht es nicht um eine vage Traurigkeit oder ein dekoratives Gefühl von Melancholie, sondern um einen seelischen Zustand, der Menschen lähmen, verschlucken und innerlich von der Welt abschneiden kann. Das Stück nimmt dieses Thema ernst, ohne es plakativ auszubreiten.

Der Beginn baut langsam Spannung auf. Die ersten Momente wirken fast wie ein inneres Herantasten an etwas, das zu groß ist, um es direkt auszusprechen. Dann schichten sich Gitarren, Drums und Stimme übereinander, bis aus der anfänglichen Beklemmung eine massive Klangwand entsteht. G3ist zeigt hier besonders eindrucksvoll, wie viel Ausdruckskraft in seinem Gesang steckt. Seine gutturalen Passagen klingen nicht bloß aggressiv, sondern verwundet. Und genau darin liegt die Stärke.

Musikalisch übersetzt „Depression“ Schwere nicht in bloße Langsamkeit. Der Song besitzt Bewegung, aber diese Bewegung fühlt sich nicht befreiend an. Sie wirkt eher wie ein Kreislauf, aus dem man nicht herauskommt. Double-Bass, drückender Bass, kalte Gitarren und verzweifelte Vocals bilden eine Atmosphäre, die sich eng um den Hörer legt. Man wird nicht brutal überfahren, sondern allmählich eingeschlossen.

Besonders stark ist die Steigerung im ersten Abschnitt. Die Band lässt den Song nicht sofort explodieren, sondern zieht die Spannung kontinuierlich an. Wenn die härteren Passagen schließlich vollständig greifen, haben sie dadurch deutlich mehr Gewicht. „Depression“ ist einer der Songs, bei denen man merkt, dass Sterbenswille nicht einfach über ein Thema schreiben, sondern versuchen, dessen Druck musikalisch erfahrbar zu machen.

Damit wird „Depression“ zu einem zentralen Stück auf „Asche & Licht“. Nicht nur, weil es emotional besonders stark trifft, sondern weil es die Kernidee des Albums bündelt: Dunkelheit wird hier nicht romantisiert. Sie wird durchlitten. Und gerade deshalb klingt der Song so glaubwürdig.

Zwischen Asche und Licht liegt kein gerader Weg

Der Titeltrack „Zwischen Asche & Licht“ kommt danach ohne große Umwege zur Sache. Hier verdichten Sterbenswilleviele Elemente, die das Album ausmachen: wuchtige Drums, breite Gitarrenflächen, atmosphärische Schichten, emotionale Zuspitzung und eine Thematik, die zwischen Narben, Erinnerung und Weiterleben pendelt. Das Stück klingt, als würde jemand durch die Reste eines zerstörten Lebens gehen und dabei jeden Schritt gegen den eigenen Schmerz setzen.

Besonders auffällig ist die rhythmische Gestaltung. Sterbenswille arbeiten mit Breaks, Verschiebungen und wechselnden Spannungszuständen, ohne den Song unnötig kompliziert wirken zu lassen. Die Gitarren bauen mächtige Wände auf, während Synthesizer-Flächen dem Ganzen eine zusätzliche Tiefe geben. Man hört hier deutlich, dass die Band ihre Songs nicht nur als Riff-Abfolge versteht, sondern als emotionale Räume.

Inhaltlich ist „Zwischen Asche & Licht“ einer der wichtigsten Momente der Platte. Es geht um einen Menschen, der von Schmerz geprägt wurde, vielleicht sogar so sehr, dass dieser Schmerz irgendwann zur vertrauten Umgebung geworden ist. Trotzdem bleibt der Song nicht vollständig im Untergang stehen. In den Spoken-Word-Passagen öffnet sich eine andere Ebene. Sie wirken wie Gedanken, die nicht mehr geschrien werden können, sondern nur noch ausgesprochen werden müssen.

Gerade diese gesprochenen Elemente geben dem Stück zusätzliche Würde. Sie vermeiden übertriebenes Pathos und treffen dennoch direkt. Wenn das Album irgendwo seine zentrale Aussage formuliert, dann hier: Heilung ist nicht immer hell, sauber und eindeutig. Manchmal besteht sie nur daraus, weiterzugehen, obwohl alles nach Rauch riecht. Sterbenswille finden für diesen Gedanken eine musikalische Sprache, die bedrückend und zugleich erstaunlich kraftvoll ist.

Nachglimmender Staub und das letzte dunkle Aufbäumen

Mit „Asche“ folgt anschließend ein weiteres instrumentales Stück. Das Knistern von Feuer setzt sofort ein klares Bild. Man sieht förmlich die letzten Glutreste vor sich, während akustische Gitarren eine melancholische Stimmung zeichnen. Der Song verzichtet auf Gesang und große Ausbrüche, gewinnt aber gerade dadurch an Wirkung. Nach all der Schwere wirkt „Asche“ wie ein kurzer Blick auf das, was übrig bleibt.

Dabei ist das Stück weit mehr als ein atmosphärischer Einschub. Es zeigt, dass Sterbenswille auch ohne vokale Extreme Spannung erzeugen können. Die Gitarren tragen eine stille Traurigkeit in sich, ohne kitschig zu werden. Das Feuer knistert, aber es wärmt nicht wirklich. Es erinnert eher daran, dass etwas verbrannt ist.

Als Abschluss wartet schließlich „Dunkelheit“, entstanden mit Liz von Roxton. Der Song beginnt mit akustischen Gitarren und streicherartigen Elementen, bevor er sich noch einmal zu massiven Black-Metal-Wänden aufrichtet. Hier bündeln Sterbenswille ein letztes Mal Brachialität, Melancholie und dramatische Atmosphäre.

Die Beteiligung von Liz von Roxton ist dabei ein echter Gewinn. Ihr melodischer Gesang bildet einen wirkungsvollen Kontrast zu den härteren, verzweifelten Passagen und gibt dem Song eine menschliche, beinahe verletzliche Öffnung. Das wirkt nicht wie ein kalkulierter Gastbeitrag, sondern wie ein notwendiger Gegenpol. Als würde eine zweite Stimme aus der Dunkelheit antworten, ohne sie einfach vertreiben zu können.

Inhaltlich passt „Dunkelheit“ perfekt ans Ende des Albums. Noch einmal geht es um Erschöpfung, innere Leere, Verzweiflung und den Wunsch nach Erlösung. Doch durch die melodischen Elemente bekommt das Stück eine andere Färbung. Es bleibt finster, aber nicht vollkommen verschlossen. Genau diese Ambivalenz ist die große Stärke von „Asche & Licht“. Das Album kennt den Abgrund, aber es macht aus ihm keine Pose.

Fazit

„Asche & Licht“ ist ein starkes, intensives und erstaunlich geschlossenes Album geworden. Sterbenswille liefern hier keinen beliebigen Black-Metal-Ausbruch von der Stange, sondern ein Werk mit Konzept, emotionaler Substanz und kompositorischem Anspruch. Die Band verbindet rohe Energie mit atmosphärischer Tiefe, Härte mit Melancholie und Dunkelheit mit jenen kleinen Lichtspuren, die nicht laut triumphieren, aber trotzdem nicht verschwinden.

Besonders überzeugend ist, dass Sterbenswille ihre Themen nicht billig ausschlachten. Depression, Verlust, Selbstzerstörung und Verzweiflung werden nicht als düstere Dekoration benutzt, sondern als ernsthafte innere Zustände behandelt. Dadurch wirkt das Album glaubwürdig und an vielen Stellen beklemmend nah. Man hört hier keine aufgesetzte Finsternis, sondern Musik, die sich mit Schmerz auseinandersetzt, ohne daran zu ersticken.

Schlusswort

Auch musikalisch funktioniert „Asche & Licht“ auf hohem Niveau. Die Gitarren schaffen dichte, kalte und zugleich melodisch greifbare Räume. Das Schlagzeug treibt mit Wucht, bleibt aber dynamisch genug, um den Songs Luft zu lassen. Der Bass gibt dem Material ein solides Fundament, während die atmosphärischen Elemente nie bloß Schmuck sind. Sie tragen entscheidend zur Wirkung bei. Mit G3ist haben Sterbenswille zudem eine Stimme, die den emotionalen Kern der Platte überzeugend nach außen reißt.

Zu den stärksten Momenten zählen „Verzweiflung“, „Selbstzerstörung“, „Depression“, „Zwischen Asche & Licht“und „Dunkelheit“. Doch auch die instrumentalen Passagen sind wichtig, weil sie dem Album Struktur und Atem geben. „Breath of Silence“ und „Asche“ verhindern, dass die Platte in permanenter Schwere erstarrt. Sie sind keine Pausenfüller, sondern notwendige Zwischenräume.

Am Ende bleibt ein Album, das lange nachhallt. „Asche & Licht“ ist wuchtig, traurig, zerrissen, atmosphärisch und stellenweise fast unangenehm direkt. Genau das macht es so gut. Wer modernen Post-Black-Metal sucht, der nicht nur auf Klangtapete, sondern auf emotionale Konsequenz setzt, sollte an Sterbenswille nicht vorbeigehen. Dieses Album brennt nicht hell und sauber. Es glimmt tief in der Brust weiter.

Sterbenswille - Depression

Internet

Sterbenswille - Asche & Licht - CD Review

Vorheriger ArtikelVERBA SERPENTIS – Torchbearers