Tracklist
01. The Green Men
02. Sacred Water
03. Dispossession
04. The Forger
05. Wither
06. Exile
07. Uhtceare
08. The Free Man
Besetzung
Tim Shaw – Gesang, E-Gitarre, Akustikgitarre, Bass, Keys / Programming
Ian Finley – Schlagzeug, Percussion
Weitere Credits:
Greg Chandler – Drum- und Akustikgitarren-Aufnahmen, Re-Amping, Mixing / Priory Studios, Sutton Coldfield
Calum Wotherspoon – Clean-Vocal-Aufnahmen / Joe’s Garage, Bristol
Chris Taylor & Jake Boughton – Harsh-Vocal-Aufnahmen / Noiseboy Studios, Salford
Mark Mynett – Mastering / Mynetaur Productions, Manchester
Dan Capp – Artwork & Layout
Phil Robinson – Logo
Andrew Helps – Fotografie
Es gibt Alben, die bereits mit ihrem Artwork einfach nur Neugierde wecken. Doch wie Omma bereits sagte: Beurteile ein Buch nicht nach seinem Einband… Mit »The Free Man« melden sich Fyrdsman nicht einfach nur aus der Versenkung zurück, sondern steigen wie ein rußverschmierter Geist aus dem englischen Frühmittelalter aus dem Nebel. Nach »Omen In The Sky« aus dem Jahr 2013 hat sich Tim Shaw reichlich Zeit gelassen. Andere Bands veröffentlichen in dieser Zeit drei Alben, zwei Liveplatten, eine akustische EP und ein fragwürdiges Weihnachtscover. Fyrdsman hingegen haben offenbar erst einmal tief in Erde, Geschichte, Folklore und inneren Abgründen gewühlt – und kommen nun mit einem Album zurück, das nicht nur Black Metal spielen will, sondern eine Erzählung atmen soll.
Inhaltlich führt »The Free Man« in das England nach 1066. Also in eine Zeit, in der Freiheit nicht gerade wie ein gemütlicher Sonntagsspaziergang klang, sondern eher wie Schlamm, Blut, Verlust, Ohnmacht und der unangenehme Gedanke, dass der neue Chef im Land leider mit Schwert, Herrschaftsanspruch und schlechter Laune angereist ist. Erzählt wird aus der Perspektive eines Rebellen, der Terror, Entfremdung, Verlust und Rachedurst durchlebt, angetrieben von Visionen und Erscheinungen. Klingt nicht nach Gute-Laune-Grillparty, passt aber hervorragend zu einem Album, das seine Atmosphäre nicht aus Plastiknebel zieht, sondern aus historischer Schwere und emotionalem Druck.
(Hört hier »The Free Man« von Fyrdsman)
Der Opener »The Green Men« fällt nicht einfach so mit der Tür ins Haus, sondern begrüßt den Konsumenten mit dem Gefühl, dass im Wald etwas uraltes die Augen aufschlägt. Der Song beginnt atmosphärisch, lässt sich Zeit und baut dann jene Mischung aus melodischem Black Metal, rauer Stimme und organischer Erdigkeit auf, die »The Free Man« prägen wird. Dabei geht es Fyrdsman nicht um stumpfes Geknüppel im Dauerfrostmodus. Die Musik hat Wurzeln, Moos an den Stiefeln und genug Melodie, um nicht bloß als Kerkerhalllenden Schall durchgehen.
Besonders auffällig ist, wie stark das Album von Kontrasten lebt. Die harschen Vocals kratzen ordentlich am Gemäuer, die Gitarren können schneidend und wuchtig sein, doch darunter liegt immer wieder ein melodisches Fundament, das weniger nach kaltem Keller und mehr nach weiter, grauer Landschaft klingt. »The Green Men« ist damit ein sehr passender Einstieg: nicht sofort spektakulär, aber stimmungsvoll, griffig und mit genügend Substanz, um klarzumachen, dass hier kein 08/15-Schwarzmetall von der Stange kommt.
WENN GESCHICHTE NICHT IM MUSEUM VERSTAUBT
Mit »Sacred Water« vertiefen Fyrdsman diesen Ansatz. Der Song wirkt spiritueller, beschwörender und trägt eine fast rituelle Schwere in sich. Hier zeigt sich eine der größten Stärken des Albums: Es klingt nicht so, als hätte jemand einfach ein paar historische Begriffe über Standard-Black-Metal-Riffs gekippt. Die Musik versucht tatsächlich, diese Welt greifbar zu machen. Man hört Schlamm, Angst, Erinnerung und Trotz. Oder zumindest genug davon, dass man kurz überlegen könnte, ob die Steuererklärung unter normannischer Besatzung vielleicht doch noch unangenehmer gewesen wäre als heute.
»Dispossession« packt das Thema Verlust bereits im Titel an der Kehle. Enteignung, Entwurzelung, das Gefühl, dass einem Heimat, Stand und Zukunft aus den Händen gerissen werden – all das steht hier musikalisch im Raum. Die Nummer wirkt härter und drängender, ohne den atmosphärischen Faden zu verlieren. Die Gitarren schieben, das Schlagzeug von Ian Finley bringt die nötige physische Wucht, und Tim Shaw klingt nicht wie ein distanzierter Erzähler, sondern wie jemand, der den Dreck noch zwischen den Zähnen hat.
Genau an solchen Stellen funktioniert »The Free Man« am besten. Der historische Hintergrund bleibt nicht bloße Dekoration, sondern wird zum emotionalen Motor. Man muss keine Dissertation über angelsächsischen Widerstand geschrieben haben, um diese Songs zu verstehen. Es reicht, das Gefühl von Verlust und Aufbegehren zu kennen. Und falls man es nicht kennt, stellt einem das Album sehr freundlich eine brennende Fackel in die Hand und zeigt auf den nächsten Hügel.
DER SCHMIED IM NEBEL
Mit »The Forger« steht einer der zentralen Songs des Albums im Mittelpunkt. Die Nummer beginnt mit einem starken atmosphärischen Aufbau, bevor sich die Black-Metal-Kraft langsam Bahn bricht. Das Stück wirkt weniger wie ein klassischer Einzeltrack als wie ein Kapitel innerhalb einer größeren Erzählung. Gerade hier merkt man, dass Fyrdsman nicht nur Riffs aneinanderkleben, sondern Stimmungen verschieben wollen: ruhigere Passagen, melodische Linien, eruptive Ausbrüche und erzählerische Spannung greifen ineinander.
Dass der Song nicht immer sofort auf den Punkt kommt, ist zugleich Stärke und kleine Schwäche. Wer ausschließlich nach direkter Raserei sucht, könnte hier kurz ungeduldig mit dem Kettenhemd rascheln. Wer aber atmosphärischen und progressiven Black Metal mag, bekommt mit »The Forger« einen der spannendsten Momente der Platte. Der Song schmiedet seine Wirkung nicht mit einem Hammerschlag, sondern mit mehreren – und ja, dieses Bild lag so dermaßen offen herum, dass man es kaum liegen lassen konnte.
»Wither« setzt anschließend stärker auf dunkle Melodik und eine fast kränkliche Schönheit. Der Song hat etwas Verdorrtes, Abgekämpftes und zugleich Würdevolles. Besonders die cleaneren Gesangsmomente sorgen für Farbe im ansonsten rauen Gefüge. Hier zeigt sich, dass Fyrdsman nicht einfach nur zwischen laut und leise wechseln, sondern tatsächlich unterschiedliche emotionale Zustände ausformen. Das ist kein Black Metal, der nur böse schaut, weil er morgens seine Stachelhalsbänder nicht gefunden hat. Das hier trägt Trauer, Wut und Melancholie unter der Rüstung.
EXIL, ERSCHÖPFUNG UND EIN LANGER WEG DURCH DIE NACHT
Der längste Song des Albums ist »Exile«, und er nutzt seine über neun Minuten nicht für bloße Angeberei. Die Nummer ist weit angelegt, nimmt sich Raum und führt durch mehrere Stimmungen. Mal öffnet sich der Sound, mal zieht er sich wieder zusammen, mal wirkt das Ganze beinahe hymnisch, dann wieder schwer und bedrückend. Die progressiven Anteile treten hier besonders deutlich hervor. Fyrdsman beweisen, dass lange Songs im Black Metal nicht zwangsläufig klingen müssen wie ein Riff, das vergessen hat, wo der Ausgang ist.
Trotzdem ist »Exile« auch der Punkt, an dem das Album seine Hörer stärker fordert. Die Atmosphäre ist stark, die Komposition ambitioniert, aber man muss bereit sein, sich auf diesen langen Marsch einzulassen. Wer bei Black Metal vor allem sofortige Kälte, Geschwindigkeit und Hass im praktischen Kompaktformat sucht, wird hier vielleicht nervös auf die Uhr schauen. Wer dagegen gerne in ein Album hineinfällt, statt nur daran vorbeizurennen, bekommt einen der wichtigsten Songs der Platte.
Nach diesem massiven Brocken wirkt »Uhtceare« fast wie ein bewusst gesetzter Atemzug. Das kurze Instrumental nimmt die Aggression zurück und setzt auf Klavierstimmung, Nachhall und eine eigentümliche Traurigkeit. Der Titel bezeichnet sinngemäß jene Sorge oder Angst vor dem Morgengrauen, wenn man wachliegt und der Kopf Dinge tut, für die man ihn eigentlich kündigen müsste. Genau so klingt das Stück auch: wie eine Zwischenwelt zwischen Schlaf, Erinnerung und der unangenehmen Erkenntnis, dass draußen noch immer Geschichte passiert. Es ist ein kurzer, aber wichtiger Moment, weil das Album hier nicht nur kämpft, sondern innehält.
DER FREIE MANN UND DER PREIS DER FREIHEIT
Der abschließende Titelsong »The Free Man« führt die Platte zurück in dunklere Regionen. Hier laufen die zentralen Motive noch einmal zusammen: Widerstand, Verlust, Trotz, Zorn und die Frage, was Freiheit eigentlich wert ist, wenn man sie nur noch als Erinnerung oder Sehnsucht besitzt. Musikalisch ist der Song nicht der spektakulärste Moment des Albums, aber ein würdiger Abschluss. Er hat Schwere, Dramatik und genug melodische Substanz, um nicht einfach nur als letzter Schlag auf den Amboss zu verpuffen.
Produktionstechnisch klingt »The Free Man« angenehm organisch. Der Sound ist nicht klinisch glatt, aber auch nicht künstlich roh auf alt getrimmt. Die Gitarren haben Druck, der Bass bleibt hörbar, die Drums wirken kräftig und lebendig, und die atmosphärischen Elemente bekommen Raum, ohne das Album in Watte zu packen. Gerade im Bereich des Atmospheric Black Metal ist das keine Selbstverständlichkeit. Manchmal werden solche Platten entweder zu verwaschen oder zu steril. Fyrdsman finden hier einen guten Mittelweg: erdig, klar genug, aber mit genügend herrlicher Ungeschöntheit.
Was dem Album besonders zugutekommt, ist die erzählerische Geschlossenheit. »The Free Man« fühlt sich nicht wie eine lose Sammlung von Songs an, sondern wie ein zusammenhängender Weg durch eine beschädigte Landschaft. Die Songs greifen thematisch ineinander, und die musikalischen Wechsel zwischen Härte, Melodie, Folk-Nähe, progressiver Struktur und atmosphärischer Breite wirken überwiegend sinnvoll. Das ist kein Album für den schnellen Snack zwischendurch. Das ist eher ein dunkler Eintopf aus Geschichte, Wut und Wetter. Macht satt, liegt aber auch ein bisschen schwer im Magen.
MEHR ALS GENREPFLICHT
»The Free Man« ist stark, weil es mehr will als nur Genrepflichten erfüllen. Fyrdsman verbinden Black-Metal-Aggression mit Melodie, Historienbewusstsein und einer organischen Atmosphäre, die tatsächlich nach Herkunft, Landschaft und innerem Konflikt klingt. Die besten Momente entstehen dort, wo Härte und Erzählung ineinandergreifen: »The Green Men«, »The Forger«, »Wither« und vor allem »Exile« zeigen, wie wirkungsvoll dieser Ansatz sein kann.
Ganz makellos ist das Album allerdings nicht. Einige Passagen verlangen Geduld, und nicht jeder Song brennt sich sofort ein. Wer klare Hooks oder direkte Black-Metal-Abrissbirnen erwartet, muss sich an die ausführlichere Dramaturgie gewöhnen. Manchmal wirkt »The Free Man« eher wie ein düsteres Kapitelbuch als wie eine klassische Metalplatte. Das ist grundsätzlich spannend, kann aber punktuell auch etwas sperrig wirken. Der freie Mann ist hier eben kein Entertainer mit Feuerwerk, sondern ein angeschlagener Rebell mit Visionen, Rachegedanken und vermutlich sehr nassen Schuhen.
FAZIT:
»The Free Man« ist ein atmosphärisch dichter, musikalisch reifer und erzählerisch überzeugender Rückkehrschlag von Fyrdsman. Tim Shaw nimmt den Hörer mit in ein post-1066-England voller Verlust, Widerstand, Geisterbilder und innerer Zerrissenheit. Das Album klingt dabei nicht nach Mittelaltermarkt mit Blastbeats, sondern nach ernsthaft geformtem Atmospheric / Progressive Black Metal, der seine historischen Motive glaubwürdig in Musik übersetzt.
Die Platte lebt von starken Melodien, organischem Klang, gut gesetzten Kontrasten und einer Atmosphäre, die lange nachhallt. Besonders »The Forger«, »Wither«, »Exile« und »The Free Man« zeigen, dass hier nicht nur Schwarzmetall geschmiedet, sondern tatsächlich eine Geschichte erzählt wird. Kleine Abzüge gibt es für einige etwas langgezogene Momente und dafür, dass nicht jeder Song sofort denselben Griff an die Kehle findet.
Unterm Strich ist »The Free Man« aber ein starkes, charaktervolles und angenehm eigenständiges Album, das Fans von atmosphärischem und progressivem Black Metal dringend auf den Zettel stehen haben sollten. Kein Album für die schnelle Nebenbei-Beschallung, sondern eines für Kopfhörer, Dunkelheit und den Moment, in dem man merkt, dass Geschichte manchmal deutlich lauter nachhallt als ein gewöhnlicher Refrain.






