Tracklist
01. Heart Of Bones
02. Workout
03. Fake A Smile
04. Chains
05. BTK
06. Here I Stand
07. SIAM
08. Lovebugs
Besetzung
Danny Zaremba – Gesang, Gitarre
Mercedes Lalakakis-Bee – Bass, Gesang
Thorsten „Babblz“ Stratmann – Schlagzeug
Ein Album mit dem Titel »Glue« sollte im Idealfall ordentlich kleben bleiben. Das Dortmunder Trio DAILY THOMPSON nimmt diesen Auftrag durchaus ernst und verbindet auf seinem siebten Studioalbum sonnige Alternative-Rock-Melodien mit melancholischem Grunge, massiven Fuzzgitarren und den verbliebenen Resten seiner Stoner-Rock-Vergangenheit. Aufgenommen wurde die Platte erneut mit Tony Reed in Port Orchard im US-Bundesstaat Washington. Die Nähe zu Seattle ist nicht bloß eine hübsche Geschichte für den Pressetext: »Glue« trägt den Alternative Rock der frühen Neunziger tief im Klangbild, entwickelt daraus aber ein erstaunlich persönliches und geschlossenes Album.
ZWISCHEN DORTMUND UND WASHINGTON
DAILY THOMPSON entstanden 2012 und veröffentlichten zwei Jahre später ihr selbstbetiteltes Debüt. Seither arbeitete sich das Trio mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit durch Stoner Rock, Psychedelic, Grunge und Alternative Rock. Das 2024 erschienene »Chuparosa« wurde bereits mit Tony Reed in der Nähe von Seattle aufgenommen und rückte die Band hörbar näher an den amerikanischen Alternative Rock heran.
Für »Glue« kehrten Danny Zaremba, Mercedes Lalakakis-Bee und Thorsten „Babblz“ Stratmann zu Reed und ins APL Recording Studio zurück. Diesmal wirkt das Ergebnis allerdings weniger wie ein Ausflug zu den eigenen Einflüssen. Die Band hat die dortigen Klangfarben tief in ihre eigene Sprache eingebaut.
Die Klangbühne im Hörraum fällt breit und angenehm ungeschliffen aus. Zarembas Gitarre darf rauschen, fiepen und übersteuern, während der Bass darunter ein solides Fundament legt. Stratmann spielt weder steif noch unnötig kompliziert, sondern setzt genau jene Akzente, die diese oftmals langen und langsam wachsenden Songs benötigen.
EIN HERZ AUS KNOCHEN UND FUZZ
»Heart Of Bones« eröffnet das Album mit einem Riff, das gleichzeitig spröde und erstaunlich freundlich klingt. Die Gitarre erinnert an Dinosaur Jr., während sich der Refrain mit jener scheinbaren Leichtigkeit bewegt, die auch The Lemonheads in ihren besten Momenten beherrschten. Unter der sonnigen Oberfläche liegt allerdings eine spürbare Melancholie.
Genau dieser Widerspruch wird zu einem der wichtigsten Merkmale der Platte. Die Musik lädt zum Fahren mit offenem Fenster ein, während die Texte von Einsamkeit, Selbstzweifeln und brüchigen Beziehungen erzählen. DAILY THOMPSON tragen diese Gefühle nicht mit großer dramatischer Geste vor. Die Melancholie sitzt eher beiläufig zwischen zwei Akkorden und trifft dadurch umso genauer.
»Workout« biegt danach in eine schrägere Richtung ab. Eine nervös kreisende Gitarre und der stoische Rhythmus greifen das Gefühl täglicher Wiederholung auf. Arbeit, Verpflichtungen, kurze Pausen und anschließend wieder von vorne – der Song bewegt sich absichtlich in Schleifen, bis die aufgestaute Energie aus dem Arrangement herausbricht.
DAS LÄCHELN HÄLT NICHT EWIG
»Fake A Smile« beginnt mit einer zurückgenommenen Gitarre und einer verletzlichen Gesangslinie. Zaremba klingt, als müsse er jedes Wort zunächst gegen einen inneren Widerstand nach außen drücken. Nach und nach wächst die Nummer zu einer dichten Wand aus Fuzz, Bass und Schlagzeug.
Inhaltlich geht es um das vorgespielte Lächeln, mit dem Unsicherheit und innere Einsamkeit vor anderen verborgen werden. Das Thema könnte leicht in pathetische Allgemeinplätze kippen. DAILY THOMPSON bleiben jedoch glaubwürdig, weil das Arrangement die Emotion nicht sofort mit voller Lautstärke erklärt. Erst wenn der Song ausreichend Spannung gesammelt hat, darf die Band den Verstärkern endgültig freien Lauf lassen.
Mit rund 43 Minuten Spielzeit ist »Glue« für acht Songs keineswegs kurz. Die Band lässt ihren Kompositionen bewusst Platz, damit sich Riffs und Stimmungen entwickeln können. Das verlangt etwas Geduld. Wer lediglich auf schnelle Refrains wartet, dürfte manche Strecke als zu ausführlich empfinden. Für den Charakter der Platte ist dieses gemächliche Wachstum jedoch entscheidend.
DIE KETTEN WERDEN IMMER SCHWERER
Das zeigt sich besonders bei »Chains«. Die beinahe achtminütige Nummer beginnt verhältnismäßig kontrolliert, steigert ihre Intensität aber mit jedem Durchlauf. Zarembas Stimme wird rauer, die Gitarre löst sich zunehmend von der ursprünglichen Struktur und die Rhythmusgruppe hält das Stück zusammen, während darüber langsam alles ins Wanken gerät.
Im letzten Drittel verwandelt sich »Chains« in eine ausgedehnte Jam-Passage. Tony Reeds Einfluss lässt sich hier ebenso heraushören wie die jahrelange Bühnenerfahrung der Band. Der Song klingt nicht nach einer Studiokonstruktion, sondern nach drei Musikern, die ein Motiv so lange bearbeiten, bis es seinen größtmöglichen emotionalen Druck erreicht.
Ein wenig kürzer hätte dieser Weg durchaus ausfallen dürfen. Manche Wiederholung trägt nicht mehr wesentlich zur Entwicklung bei. Trotzdem gehört »Chains« zu den stärksten Stücken, weil die Band hier Atmosphäre, Melodie und instrumentale Wucht besonders wirkungsvoll zusammenführt.
BTK UND EINE NEUE STIMME
Auch »BTK« überschreitet die Sieben-Minuten-Marke. Erstmals übernimmt Bassistin Mercedes Lalakakis-Bee bei einem vollständigen Song den Leadgesang. Ihre zurückhaltende, leicht distanzierte Stimme verändert die Wirkung der Musik unmittelbar und erinnert stellenweise an Kim Gordon oder die ruhigeren Seiten der Breeders.
Der Titel bezieht sich auf den als BTK bekannten Serienmörder, betrachtet das Thema jedoch aus der Perspektive eines Opfers. Statt Gewalt sensationell auszuschlachten, konzentriert sich die Band auf Angst, Kontrollverlust, Widerstand und weibliche Selbstbehauptung. Die ruhigen Passagen erzeugen dabei eine unangenehme Spannung, bevor der Refrain mit funkigem Rhythmus und schweren Gitarren aufbricht.
Der Song hätte leicht wie ein Fremdkörper wirken können. Lalakakis-Bees Gesang und das ungewöhnlich aufgebaute Arrangement erweitern das Album jedoch an der richtigen Stelle. Gerade nach dem langen, emotional aufgeladenen »Chains« verhindert »BTK«, dass die Platte in ein gleichförmiges Muster gerät.
HIER STEHE ICH – UND JETZT WIRD ES LAUT
»Here I Stand« verzichtet anschließend auf lange Anläufe. Das Riff klingt roh, sumpfig und deutlich näher an Nirvanas »Bleach« als am melodischen Indie Rock des Openers. Stratmann treibt die Nummer mit schweren Schlägen vorwärts, während der Bass die tiefen Frequenzen ordentlich in Bewegung hält.
Der Refrain öffnet das Stück, ohne die vorher aufgebaute Schwere zu verlieren. Dadurch entsteht einer der unmittelbarsten Songs der Platte. Wo »Chains« und »BTK« ihre Wirkung langsam entfalten, packt »Here I Stand« bereits in den ersten Sekunden zu.
Noch massiver folgt »SIAM«. Hier kommt die Stoner-Rock-Vergangenheit wieder deutlich zum Vorschein. Das tiefe Gitarrenriff besitzt einen leicht südlichen Schwung, während die übereinandergelegten Gesangsstimmen an Alice In Chains erinnern. Der Song gehört zu den härtesten Momenten des Albums und dürfte live besonders gut funktionieren.
DIE LIEBESKÄFER ÜBERNEHMEN
Nach den beiden schweren Nummern beendet »Lovebugs« das Album überraschend leicht. Die Gitarre bleibt verzerrt, doch der Refrain besitzt eine beinahe unschuldige Eingängigkeit. Ein wenig Sonic Youth, etwas Fuzz Pop und eine sommerliche Melodie reichen aus, um die vorherige Dunkelheit langsam aufzulösen.
Dieser Abschluss funktioniert deshalb so gut, weil er die Grundidee von »Glue« noch einmal zusammenfasst. Freude und Melancholie stehen nicht getrennt nebeneinander. Sie existieren gleichzeitig und geben selbst den zugänglichsten Melodien einen leicht bitteren Nachgeschmack.
Die Band spielt den Song nicht unnötig in die Länge und setzt damit einen angenehm klaren Schlusspunkt. Nach den ausgedehnten Mittelteilen wäre ein weiteres siebenminütiges Finale vermutlich zu viel gewesen. »Lovebugs« beendet die Platte dagegen kompakt, warm und mit einem Refrain, der tatsächlich haften bleibt.
KLEBSTOFF AUS FREUNDSCHAFT UND VERSTÄRKERRAUSCHEN
Der Albumtitel bezieht sich auch auf jene Verbindung, die das Trio nach vielen gemeinsamen Jahren zusammenhält. Das ist auf »Glue« hörbar. Bass, Gitarre und Schlagzeug kämpfen nicht um Aufmerksamkeit, sondern greifen ineinander. Selbst in den freien Jam-Passagen bleibt klar, dass hier eine eingespielte Band arbeitet.
Tony Reeds Produktion bewahrt die notwendige Rauheit. Das Schlagzeug klingt natürlich, der Bass drückt kräftig und die Gitarren dürfen ihre gesamte körnige Oberfläche zeigen. Gleichzeitig werden die Melodien nicht unter einer undurchdringlichen Schicht aus Verzerrung begraben.
Vollständig ohne Längen kommt das Album nicht aus. »Chains« und »BTK« hätten durch geringfügige Straffungen noch präziser gewirkt, während einige klangliche Verweise auf die Neunziger sehr offen zutage treten. Doch DAILY THOMPSON tragen ihre Einflüsse mit einer derart persönlichen Handschrift vor, dass daraus keine bloße Grunge-Nachstellung entsteht.
FAZIT:
»Glue« verbindet melancholischen Grunge, Alternative Rock und schweren Fuzz zu einem der geschlossensten Alben in der bisherigen Laufbahn von DAILY THOMPSON. Einige ausgedehnte Passagen verlangen Geduld, werden aber durch starkes Songwriting, ehrliche Emotionen und eine ausgezeichnete Banddynamik aufgewogen. Dieser Klebstoff hält – und zwar nicht bloß bis zum nächsten Waschgang.






