Band: RISING INSANE 🇩🇪
Titel: DEATHRACE
Label: Long Branch Records
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Modern Metalcore / Post-Hardcore

Tracklist

01. INTRO
02. DEATHRACE
03. COUNTDOWN
04. OUTRAGE
05. TRAUMATIZED
06. DARK (feat. ACCVSED)
07. NARCISSIST
08. DIRT
09. GREY (feat. DAVID SCHNEIDER)
10. ERROR (feat. STEVEN JONES)
11. GOOD ENOUGH (feat. CASKETS)

Besetzung

Aaron Steineker – Gesang
Sven Polizuk – Gitarre
Florian Köchy – Gitarre
Ulf Hedenkamp – Bass
Robert Kühling – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Der September hat begonnen, und RISING INSANE schicken ihr neues Metalcore-Album »DEATHRACE« ins Rennen! Der Titel passt, denn das fünfte Studiowerk der Norddeutschen benötigt nur wenige Sekunden, um den Motor hochzujagen und anschließend für rund 34 Minuten auf der linken Spur zu bleiben. Das Quintett verspricht seine bislang härteste und unmittelbarste Platte – doch zwischen mächtigen Breakdowns, offenen Gefühlen und stadiongroßen Refrains stellt sich die Frage, ob RISING INSANE tatsächlich ein neues Fahrzeug gebaut oder lediglich den bekannten Metalcore-Motor stärker aufgeladen haben.

Albumstream:

VOM PORZELLAN ZUR TODESFAHRT

Seit ihrer Gründung im Jahr 2012 haben sich RISING INSANE schrittweise aus der norddeutschen Metalcore-Szene herausgearbeitet. Das Debüt »Nation« zeigte eine junge Band mit reichlich Energie, während »Porcelain« Härte, Melodie und persönliche Texte wesentlich überzeugender miteinander verband. Spätestens die Metalcore-Version von The Weeknds »Blinding Lights« öffnete anschließend Türen weit über die angestammte Hörerschaft hinaus.

Auf »Afterglow« und »Wildfires« rückten moderne Klangflächen und große Melodien stärker in den Mittelpunkt. Diese Entwicklung brachte der Band Reichweite, ließ jedoch gelegentlich jene unmittelbare Aggression vermissen, die ihre frühen Veröffentlichungen ausgezeichnet hatte. »DEATHRACE« soll nun bewusst in die entgegengesetzte Richtung fahren: mehr Riffs, mehr Breakdowns und weniger dekorative Elektronik.

Vollständig entsagt das Quintett seiner melodischen Seite glücklicherweise nicht. Aaron Steinekers Wechsel zwischen wütenden Shouts, hohen Screams und klarem Gesang bleibt ein wichtiger Bestandteil des Bandsounds. Neu ist vielmehr die Gewichtung. Die Gitarren von Sven Polizuk und Florian Köchy stehen deutlicher im Vordergrund, Robert Kühling bekommt am Schlagzeug erheblich mehr Raum, und die elektronischen Elemente dienen überwiegend als Hintergrundbeleuchtung.

SECHS SEKUNDEN BIS ZUM AUFPRALL

Das schlicht »INTRO« getaufte Eröffnungsstück dauert gerade einmal sechs Sekunden. Schritte, ein Husten, ein kurzer Moment vor dem Bühnenauftritt – dann rast der Titeltrack los. Als eigenständige Komposition ist das natürlich nicht der Rede wert, als Zündschlüssel für die Platte funktioniert es jedoch ausgezeichnet.

»DEATHRACE« beginnt mit einem nervösen Rhythmus und Gitarren, die weniger auf melodische Verzierungen als auf körperliche Wirkung abzielen. Kühling treibt das Stück mit kurzen Stopps und harten Akzenten voran, während Steineker sofort die Stimmbänder belastet. Der Refrain öffnet den Song, ohne ihn völlig in Richtung Pop-Metalcore zu ziehen. Statt süßer Erlösung gibt es eine große, aber weiterhin angespannte Melodie.

Im letzten Abschnitt wartet erwartungsgemäß der Breakdown. Überraschend ist daran wenig, wirkungslos bleibt er trotzdem nicht. Die Gitarren werden tiefer gestimmt, das Tempo sackt ab und der Song verwandelt sich für einige Takte in eine massive Betonpresse. Der Titeltrack zeigt damit früh die große Stärke und zugleich eine Grenze des Albums: RISING INSANE beherrschen das moderne Metalcore-Handwerk ausgesprochen sicher, folgen dessen Bauplan aber häufig sehr gewissenhaft.

DER COUNTDOWN LÄUFT, DIE MENGE ANTWORTET

»COUNTDOWN« besitzt einen jener Refrains, bei denen man die ausgestreckten Arme eines Festivalpublikums praktisch vor sich sieht. Die Strophen bleiben kompakt und aggressiv, ehe sich die Musik für den melodischen Teil weit öffnet. Steineker trägt die klare Gesangslinie überzeugend, ohne dass der Wechsel zwischen Geschrei und Melodie künstlich wirkt.

Dass viele Stücke unmittelbar für die Bühne geschrieben wurden, lässt sich kaum überhören. Wiederholte Textzeilen, kurze Pausen für Publikumsreaktionen und rhythmisch leicht erfassbare Gitarrenfiguren erfüllen einen klaren Zweck. Im Club dürfte dieses Material noch heftiger einschlagen als über Kopfhörer.

Mit »OUTRAGE« folgt einer der besten Songs der Platte. Ein ruppiger Punk-Impuls beschleunigt die Strophen, während der Refrain die Aggression in eine eingängige Melodie umleitet. Der von Steven Jones von Bleed From Within mitproduzierte Track klingt konzentriert und verzichtet auf unnötige Umwege. Besonders Steinekers gesangliche Bandbreite fällt auf: Seine Stimme wechselt zwischen kontrollierter Wut und beinahe verzweifelter Offenheit.

Inhaltlich beschreibt »OUTRAGE« den Versuch, aus wiederkehrenden Gedanken und alten Erfahrungen auszubrechen. Die Musik bildet dieses Gefühl präzise ab. Jeder Anlauf in Richtung Befreiung endet zunächst in einer neuen rhythmischen Blockade, bevor der Refrain wenigstens für kurze Zeit Luft verschafft.

VERLETZLICHKEIT STATT DAUERFEUER

»TRAUMATIZED« schlägt zunächst einen anderen Weg ein. Der Einstieg erinnert mit seinem federnden Rhythmus leicht an den Nu Metal der frühen Zweitausender. Später tauchen Punk-Einflüsse und ein melodischer Refrain auf, ohne dass der Song wie eine willkürliche Stilcollage wirkt.

Steineker trägt das Stück mit einer glaubwürdigen Mischung aus Erschöpfung und Aggression. Gerade weil RISING INSANE hier nicht permanent auf maximale Härte setzen, treffen die wuchtigen Passagen umso besser. Der Song klingt nicht nach aufgesetzter Selbsthilfeparole, sondern nach dem Versuch, psychische Belastungen überhaupt erst in Worte zu fassen.

Diese direkte Emotionalität zieht sich durch das gesamte Album. Zweifel, innere Unruhe, beschädigte Beziehungen und das Gefühl, in einer immer schneller werdenden Welt nicht mehr mithalten zu können, bilden den inhaltlichen Kern. Die Texte verwenden dafür keine komplizierten Bilder. Manche Zeile fällt beinahe plakativ aus, doch Steinekers Vortrag verhindert meistens, dass die Botschaften zu bloßen Kalendersprüchen werden.

IM DUNKELN WIRD GEMEINSAM ZUGESCHLAGEN

Bei »DARK« erhält die Band Unterstützung von ACCVSED. Die Kooperation gehört zu den härtesten Momenten des Albums. Abrasive Screams treffen auf einen tiefen, bedrohlich stampfenden Rhythmus, während der melodische Anteil stärker zurückgenommen wird. Der Gastbeitrag wirkt nicht wie eine nachträglich angeklebte Marketingmaßnahme, sondern verschärft den ohnehin konfrontativen Charakter des Songs.

Anschließend beginnt »NARCISSIST« vergleichsweise langsam. Klare Gesangslinien und eine beinahe lethargische Grundstimmung täuschen zunächst Ruhe vor, ehe schneidende Screams die Oberfläche durchbrechen. Der Spannungsaufbau zählt zu den interessanteren Arrangements der Platte, weil der unvermeidliche Ausbruch nicht sofort erfolgt.

Allerdings wird in der Albummitte auch die Formel hinter »DEATHRACE« deutlicher. Harte Strophe, melodische Öffnung, kurzer elektronischer Übergang und abschließender Breakdown: Mehrere Songs verwenden ähnliche Bewegungen. Die Qualität bleibt hoch, doch wer regelmäßig moderne Metalcore-Veröffentlichungen hört, dürfte einige Abbiegungen bereits vor dem Erreichen des nächsten Taktes erkennen.

DIRT UND GREY VERLASSEN DIE IDEALLINIE

»DIRT« trägt seinen Frust offen vor sich her. Die Gitarren arbeiten mit kurzen, tiefen Schlägen, Bass und Schlagzeug halten das Fundament in Bewegung, und Steineker liefert eine seiner vielseitigsten Leistungen ab. Besonders gelungen ist der Kontrast zwischen dem scharf angeschnittenen Beginn und dem schweren letzten Drittel.

Noch stärker gerät »GREY«. Mit David Schneider von The Butcher Sisters erweitert die Band ihren Klang um eine Gitarrenstimme, die tatsächlich auffällt. Der Song nimmt sich mehr Zeit, baut eine breite Wand aus Post-Hardcore-Rhythmen und atmosphärischen Flächen auf und lässt seine Ideen länger atmen als die meisten übrigen Stücke.

Schneiders Solo ist kein technisches Schaulaufen. Es zieht eine melodische Linie durch die schwere Instrumentierung und gibt dem Stück einen eigenen Charakter. Genau solche Momente hätte »DEATHRACE« häufiger vertragen können. Wenn RISING INSANE den üblichen Wechsel aus Strophe, Refrain und Breakdown lockern, klingt die Band nicht weniger zugänglich, sondern deutlich eigenständiger.

ERROR IM SYSTEM

»ERROR« entstand mit Steven Jones von Bleed From Within, der nicht nur als Gast vertreten ist, sondern auch an der Produktion des Albums beteiligt war. Sein Einfluss zeigt sich in der metallischeren Gitarrenarbeit und in der massiven rhythmischen Präzision. Das Stück klingt dunkler und schwerer als der überwiegende Teil der Platte.

Thematisch geht es erneut um Zweifel, Selbstentwertung und den Eindruck, im eigenen Kopf festzusitzen. Die Instrumentierung setzt dieses Gefühl mit wiederkehrenden, zunehmend enger wirkenden Figuren um. Erst im späteren Verlauf bricht der Song aus dieser Schleife aus und findet in einem mächtigen Schlussabschnitt seine Katharsis.

Die vielen Gäste könnten auf dem Papier den Eindruck erwecken, RISING INSANE würden sich hinter prominenter Unterstützung verstecken. Auf dem Album geschieht das nicht. ACCVSED, David Schneider, Steven Jones und Matt Flood bringen unterschiedliche Farben ein, ohne der Stammband die Kontrolle zu nehmen. Gleichzeitig fällt auf, dass ausgerechnet die Kollaborationen die abwechslungsreichsten Stücke liefern. Für das nächste Album darf das Quintett diesen Mut zur klanglichen Erweiterung gerne auch ohne fremde Hilfe stärker ausleben.

GUT GENUG IST MAN OFFENBAR NIE

Den Abschluss bildet »GOOD ENOUGH« mit CASKETS-Sänger Matt Flood. Der Song hatte bereits vor der Albumveröffentlichung die Marke von einer Million Streams überschritten und ist der offensichtlichste Kandidat für ein größeres Publikum. Floods hoher Klargesang ergänzt Steinekers rauere Stimme hervorragend und verleiht dem Refrain zusätzliche Weite.

Trotz seiner Zugänglichkeit ist »GOOD ENOUGH« kein versöhnliches Ende. Der Text kreist um das Gefühl, nie den eigenen oder fremden Erwartungen zu genügen. Die wiederholte Suche nach Bestätigung wird als zermürbender Kreislauf dargestellt. Während der Refrain sofort hängen bleibt, arbeitet die Instrumentierung weiterhin mit hektischen Rhythmen und harten Ausbrüchen.

Als Schlussstück erfüllt der Song seine Aufgabe, wenngleich die Dramaturgie etwas konventionell bleibt. Ein längeres instrumentales Finale oder eine Rückkehr zum nervösen Motiv des Titeltracks hätte dem Album einen geschlosseneren Rahmen geben können. Stattdessen endet »DEATHRACE« mit seinem größten Refrain – publikumswirksam, emotional und sehr bewusst auf Wiedererkennung ausgerichtet.

ROH ANGEKÜNDIGT, SAUBER PRODUZIERT

Die Ankündigung einer roheren Platte sollte nicht mit einem tatsächlich ungeschliffenen Klang verwechselt werden. »DEATHRACE« ist modern, transparent und ausgesprochen druckvoll produziert. Jeder Schlag sitzt exakt, die Gitarren besitzen klar umrissene Konturen und selbst in den dichtesten Passagen bleibt Steinekers Stimme gut verständlich.

Der Unterschied zu früheren Veröffentlichungen liegt weniger in technischer Rohheit als in der Auswahl der Mittel. Synthesizer und atmosphärische Flächen werden sparsamer eingesetzt, während Gitarren, Bass und Schlagzeug mehr körperliche Präsenz erhalten. Robert Kühling profitiert besonders davon. Seine präzise Arbeit treibt die Platte an und sorgt mit unterschiedlichen Akzenten dafür, dass das hohe Grundtempo nicht vollständig gleichförmig wird.

Gelegentlich wirkt die Produktion allerdings so kontrolliert, dass das behauptete Chaos kaum eine Chance bekommt. Die Breakdowns sind gewaltig, aber exakt vermessen; die Screams klingen aggressiv, sitzen jedoch perfekt im Mix. Ein paar unberechenbarere Übergänge oder rauere Aufnahmen hätten die Todesfahrt gefährlicher erscheinen lassen.

BEKANNTES FAHRZEUG, STÄRKERER MOTOR

Eine Revolution des Metalcore findet auf »DEATHRACE« nicht statt. Einflüsse von Architects, While She Sleeps, Fit For A King, Polaris, Currents und Bleed From Within lassen sich problemlos heraushören. Tiefe Riffs, Wechselgesang, elektronische Akzente, große Refrains und Breakdowns gehören längst zum Standardinventar des Genres.

Entscheidend ist daher die Ausführung, und dort leisten sich RISING INSANE kaum gravierende Schwächen. Die Platte ist kompakt, besitzt ein hohes Tempo und verschwendet in ihren rund 34 Minuten wenig Zeit. »OUTRAGE«, »TRAUMATIZED«, »GREY« und »ERROR« zeigen unterschiedliche Seiten der Band, während »GOOD ENOUGH« das vorhandene Gespür für große Melodien bestätigt.

Die Kehrseite dieser Konsequenz ist eine gewisse Vorhersehbarkeit. Mehrere Songs verwenden vergleichbare rhythmische Muster und bereiten ihre Refrains oder Breakdowns nach ähnlichen Prinzipien vor. Dank der kurzen Laufzeit wird daraus kein ernstes Ermüdungsproblem. Ein wenig stärkeres Risiko hätte aus einer sehr guten Metalcore-Platte jedoch eine herausragende machen können.

FAZIT:

»DEATHRACE« verbindet die melodischen Stärken von RISING INSANE mit härteren Riffs, mächtigen Breakdowns und einer überzeugenden Live-Energie. Der bekannte Metalcore-Bauplan begrenzt gelegentlich die Überraschungen, doch starke Songs wie »OUTRAGE«, »GREY« und »ERROR« halten die Fahrt zuverlässig auf Kurs. Keine vollständige Neuerfindung, aber das bislang fokussierteste und druckvollste Rennen der Norddeutschen.

RISING INSANE feat. CASKETS – Good Enough

Internet

RISING INSANE - DEATHRACE - Album Review

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