Interview mit Forsaken 2017

Written by Lex J.Oven. Posted in Interviews

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Published on November 19, 2017 with No Comments

Interview mit Forsaken am 16.11.2017.
Mit Leo Stivala (Vocals), Albert Bell (bass), Sean Vukovic (Guitars) & Simeon Gatt (Drums).

Die maltesischen Epic Doom Urgesteine von FORSAKEN haben mit ihrem neuesten Album “Pentateuch” ein mächtiges Kapitel im Buch des Epic Doom geschrieben, das zumindest für Lex Oven ganz klar ein Meisterwerk auf Augenhöhe mit Candlemass´ “Nightfall”-Album darstellt. EIn Interview war also unvermeidbar. Alles um das neue Album, vom Drumsound bis zu Bibelkram, gibt es hier nachzulesen.

Hallo! Als allererstes einmal ein fettes Lob für dieses großartig gelungene Album namens “Pentateuch”: Wie ich bereits in meinem Review ausgedrückt habe, halte ich es nicht nur für ein Highlight des Jahres 2017, sondern auch für eines der besten Metalalben die ich in 15 Jahren gehört habe (und es dementsprechend unter „Meisterwerk“ getaggt). Wie geht´s euch, und vor allem wie waren die bisherigen Reaktionen?
Leo: Erstmal vielen Dank für dieses Interview, das Interesse an Forsaken und die positive Bewertung unseres neuen Albums. Seit das Album draußen ist, haben wir die Reaktionen recht genau beobachtet, die bis jetzt ziemlich ermutigend waren. Alle Reviews lobten die Songs und die musikalische Qualität der Band, die Produktion dagegen rief gespaltene Reaktionen hervor. Wir sind momentan ständig in Kontakt mit unserem Label Mighty Music um Gigs außerhalb Maltas zu organisieren. Also seid bereit, wenn Forsaken nächstes Jahr vielleicht zu euch kommen!
Simeon: Bisher waren die Reaktionen sehr positive, im Schnitt so 7.5/10 Punkten, also haben wir da sicher etwas Hochwertiges geschaffen.

Ich höre Metal aller Stilprägungen seit immerhin rund 15 Jahren, trotzdem habe ich euch – zumindest bewusst – erst jetzt wahrgenommen. Also erzählt doch vielleicht ein bisschen über Forsaken, eure musikalische Geschichte und worum es bei der Band geht?
Leo: Forsaken haben unter dem Namen “Blind Alley” in den späten 80ern begonnen. Damals spielten wir eine Prog/Doom/Heavy Metal-Mischung. 1990 stieg dann Albert Bell ein, und wir begannen unter dem neuen Namen „Forsaken“ verstärkt Songs im Stil des Epic Doom Metal zu schreiben. Unser erster Gig fand am Freitag, dem 13. Oktober 1991 statt. Wir begannen eine Menge lokale Konzerte zu spielen, aber unser Ziel war es unserer Musik über die engeren Grenzen hinaus Geltung zu verschaffen. Also nahmen wir mit kleinem Budget 1992 ein Demo-Tape namens „Requiem“ auf, das wir an Magazine rund um den Globus verschickten. So weckten wir das Interesse von Joel Grevost, der das französische Label „Arkham Productions“ leitete und sehr an einer Veröffentlichung in Form einer 7” E.P. interessiert war. Also unterschrieben wir für diesen Release einen Vertrag und veröffentlichten 1993 „Virtues Of Sanctity“, gefolgt von einer ersten kleinen Tour von acht Gigs außerhalb unserer Landesgrenzen in Spanien und Frankreich. In der Zwischenzeit spielten wir weiterhin lokale Konzerte. Unglücklicherweise war die Partnerschaft mit Arkham nicht von Dauer. Wir schrieben neues Material für unser Debutalbum im traditionelleren Doom Metal Stil auf, das mit dem Titel „Evermore“ 1996 bei Storm Records rauskam. Auch dieses Album wurde wieder gut aufgenommen, aber auch Storm Records machten bald darauf den Laden dicht. Das schwächte die Band. Wir lösten uns sogar für sechs Monate auf, um uns dann mit Blick in Richtung Epic Doom Metal wiedervereinigt an neue Songs zu machen. Mit Mario Ellul als neuem Zugang an den Keyboards fingen wir erneut an, Songs zu schreiben und Gigs zu spielen. Tragischerweise wurde dann an unserem Gitarristen Daniel Magri Krebs diagnostiziert, und er verlor seinen Kampf im Jänner 2001. Das war ein schwerer Verlust für die Band. Aber wir beschlossen, weiterzumachen um die Erinnerung an Daniel aufrechtzuerhalten, holten uns einen Deal mit Golden Lake Productions und veröffentlichten 2003 die Mini CD „Iconoclast“, die sehr gut aufgenommen wurde. Dort veröffentlichten wir zwei weitere Alben: „Anima Mundi“ (2004) und Dominaeon“ (2005), das sehr hoch gelobt wurde. Unglücklicherweise machten Golden Lake dicht, so dass wir wieder ohne Label waren. Es folgte eine lange Labelsuche, bis schlussendlich „After The Fall“ 2009 beim schwedischen Label I Hate Records erscheinen konnte. Außerdem folgte noch eine Split EP mit Fall Of The Idols („Tales Of Doom And Woe“, 2010). Wir supporteten die Releases mit Live-Shows und begannen dann Ende 2012 mit dem Songwriting für „Pentateuch“, das am 13. Oktober 2017 über Mighty Records erschien.
Ich denke man kann sehen, dass unsere Geschichte voll mit Rückschlägen war, wir uns aber immer geweigert haben aufzugeben. Unser Sinn für wahre Freundschaft und unsere Leidenschaft für Heavy/Doom Metal hat uns stets Kraft gegeben, weiterzumachen.

Als Nicht-Musiker interessieren mich Produktionsdetails eigentlich recht wenig, ebensowenig wie der Klang bestimmter Instrumente auf einem Album, aber: Der Klang der Drums auf “Pentateuch” hat mich doch schwer begeistert, als ob sie in einer finsteren Höhle aufgenommen wären. Besonders bei „The Dove And The Raven“, wo die Drums die schweren Gitarrenriffs auf eine Weise unterstützen, dass man an irgendetwas wirklich Großes und Fieses denkt, das einem langsam aber sicher unaufhaltsam näher kommt. Wie habt ihr diesen geilen Klang hinbekommen?
Sean: Schön dass es dir gefällt. Wir haben auf diesem Album mehr Raum für die natürliche Dynamik der einzelnen Instrumente gelassen, damit einzelne Nuancen besser zur Geltung kommen.
Simeon: Der Drumsound ist mehr nach der alten Schule, und da gab es einige Kritiker denen er überhaupt nicht gefiel. Wir wollten es diesmal unpoliert und roh. „Pentateuch“ ist sowieso kein Easy Listening Album, und es braucht einige Durchgänge um dem Album etwas abzugewinnen. Aber es freut uns, dass dir der Drumsound gefällt.

Auch die Vocals sind auf dem Album hervorragend gelungen, weil man jederzeit deutlich merkt, dass Leo ganz in den Themen der Songs aufgeht.
Leo: Danke für das Lob. In der Tat passe ich die Stimmung in meiner Stimme stets dem an, was in einem Song textlich und musikalisch gerade passiert. Ich war immer ein großer Fan von Black Sabbath und Dio, die immer noch eine wichtige Inspirationsquelle für mich sind. Großen Einfluss auf mich üben auch die großen Doombands, wie beispielsweise Candlemass, Solitude Aeternus und Saint Vitus, aus. Über die Jahre habe ich es geschafft, eine eigene Identität als Sänger zu finden, die wie ein maßgeschneiderter Handschuh auf alles passt, was wir mit Forsaken machen.

Pentateuch ist – wie ja alle eure Werke – stark von christlichen Themen und Mythologien geprägt. Im Gegensatz zu anderen Bands (bspw. Narnia mit ihrem Comeback) hab ich bei euch aber nicht das Gefühl, dass ihr predigt oder Leute zu beeinflussen versucht. Außerdem klingt das Album nicht „weiß“, sondern richtig „badass“, in gewisser Hinsicht dunkler und schwerer als viele aktuelle Death/Black-Sachen. Was ist denn die Botschaft oder auch das Gefühl, das ihr mit der Kombination aus Epic Doom und christlichen Themen rüberbringen wollt?
Albert: Wenn man die Schriften studiert, kann man eine ziemliche Entwicklung im menschlichen Verständnis von Gott ausmachen. Die bestehende Gesellschaft zur Zeit der Ereignisse im neuen Testament war bereits gebildeter. All der Unruhen dieser Zeit und der Aggression des Römischen Imperiums zum Trotz, dachte die Menschheit im Neuen Testament bereits ganz anders über das Wesen Gottes nach. Wir sehen hier Gott durch bedingungslose Liebe gekennzeichnet, so dass er sogar bereit ist, seinen eigenen Sohn für die Erlösung der Menschheit und eine höhere Daseinsform zu opfern. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist darin komplexer, bis zum heutigen Tag grundlegende theologische Fragen aufwerfend.
Meine Texte auf den bisherigen Alben reflektieren größtenteils diese Themen, besonders unser drittes Album „Dominaeon“, das erstmals wirklich einen spezifischen Themenkomplex fokussierte. Es zeichnet im Grunde genommen eine geistige Reise auf, die vom spirituellen Nihilismus hin zur Erleuchtung führt – eine sehr anti-Nietzscheanische Interpretation dieser Thematik.
Auf „After The fall“ waren die apokalyptischen Visionen der Offenbarungen des Johannes meine Hauptinspirationsquelle. Ich fand und finde sämtliche eschatologischen Schriften ungemein faszinierend.
Wie dem auch sei, „Pentateuch“ (die Bezeichnung für die ersten fünf Bücher des Alten Testaments) dreht sich um meine Faszination für die primitiveren, ursprünglicheren und weniger feingeschliffenen Interpretationen von Gott in den Büchern Mose und der Torah – wo er zwar als gütiger, aber dennoch oft rachelüsterner Gott auftritt, der auf menschliche vergehen und Fehler häufig brutal reagiert. So gesehen stelle ich bis zu einem gewissen Grad das Jüdische/Jüdisch-Christliche Gottesbild dem der Christlichen Theologie als Gegensätze zueinander dar. All das liegt der Aggression auf diesem Album zugrunde, welches vielleicht das härteste der bisherigen Bandgeschichte darstellt. Meiner Meinung nach sind die Musik und Texte auf diesem Album perfekt aufeinander abgestimmt, und die sind – wie du gesagt hast – in der Tat „badass“. Nennen wir es Sacral Heavy Music, haha!

Seit dem letzten Album sind ja ein paar Jahre vergangen. Wenn ein neuer Hörer „Pentateuch“ mit dem bisherigen Material vergleicht, gibt es da Veränderungen die er feststellen könnte im Sound von FORSAKEN?
Simeon: Das neue Album ist meiner Ansicht nach eine Fortsetzung unseres bsiherigen Werkes, wobei wir natürlich durch unser ständiges Streben nach Verbesserung eine stetige Entwicklung der Musik gibt. Trotzdem kann man beim Hören des neues Albums sofort erkennen, dass es von FORSAKEN stammt.
Sean: Klar würde er Veränderungen erkennen. Wir haben uns nie mit einer bestimmten Formel zufriedengegeben und entwickelten uns von Album zu Album weiter. Von einem Produktionsgesichtspunkt her betrachtet, ist „Pentateuch“ das dreckigste und Bass-lastigste Album bisher. Anders als „After The Fall“, wo viele Spuren im Mix durch Rhytmusgitarren beansprucht wurden um eine mächtige Soundwall zu errichten, achteten wir diesmal darauf, den Drums, dem Bass und den Gitarren-Soli mehr Raum zum „Atmen“ zu geben. Es kommt näher an unseren Live-Sound. Der Sound ist deutlich weniger klar als „Dominaeon“, und nichts für Weichspüler. Wir haben es riskiert, gewisse niedrige Frequenzen, Dreck und Grobheiten beim Bass und hohe Frequenzen der Drums drin zu lassen. Das war einfach, was wir diesmal wollten, was nicht unbedingt bedeutet, dass sich dies auf dem nächsten Album so wiederholt. „Pentateuch“ ist wahrscheinlich das Album mit dem geringsten Easy Listening-Potenzial. Wahrscheinlich werden die Hörer es um einiges düsterer als „After The Fall“ empfinden, und näher an „Dominaeon“, welches allerdings wesentlich flüssiger und eingängiger ist.
Albert: “Pentateuch” ist stilistisch breiter aufgestellt als seine Vorgänger. Es ist definitiv ganz klar ein Epic Doom Metal Album, und gerade das epische Element haben wir vielleicht sogar noch einmal mächtig hochgeschraubt – aber erfahrene Hörer und Metalkenner werden einige Schwenker in Richtung klassichen Heavy Metal und Proto Metal erkennen. Unsere verschiedensten Einflüsse und Inspirationsquellen kommen stärker durch als auf bisherigen Alben. Und diese kaleidoskopische Herangehensweise macht uns als Band auch einzigartig, unterscheidet uns von der „typischen Epic Doom Band von nebenan“. Wer es eher zahm und berechenbar braucht, sollte FORSAKEN lieber meiden.

Wo wir von eurem Backkatalog reden: Eure alten Alben sind heutzutage nicht mehr besonders leicht zu bekommen. Gibt es da Pläne für Re-Releases eurer älteren Werke, vielleicht mit eurem neuen Label Mighty Music?
Albert: Das haben wir bandintern schon seit einiger Zeit besprochen, und sichten da im Moment verschiedene Möglichkeiten. Mighty Music scheinen da offensichtlich einige Optionen zu bieten.
Simeon: Ich hoffe auf einen Re-Release über Mighty Music, weil unsere alten Alben definitive eine breitere Öffentlichkeit verdienen.

Gibt´s Pläne für österreichische Gigs?
Simeon: Wir können arbeitsbedingt keine wochenlang ausgedehnten Touren machen, werden aber versuchen in kurzen Trips einen großen Teil Europas abzudecken.
Albert: Wir hatten mal einen Hammergig im Wiener Viper Room und würden gerne einmal zurückkehren. Wie Simeon sagte, ist es wegen Arbeit und Familie etwas schwierig. Eines Tages kommen wir sicher wieder nach Österreich!

Falls es etwas gibt, das ich hätte fragen sollen, aber nicht gefragt habe – die letzten Worte gehören euch! Und vielen Dank für das Interview!
Leo: Unterstützt uns und legt euch unser Album zu, ihr werdet nicht enttäuscht sein! Hoffentlich sehen wir uns mal live … Doomed Blessings To All!
Albert: Danke für den Support! Hails and many Ales!!
Simeon: Danke für das interessante Interview, vielleicht sehen wir uns ja mal auf Tour.
Sean: Cheers, see you on the road!

About Lex J.Oven

Wenn mir irgendwas von Manowar nicht gefällt, konsumiere ich es solange, bis ich endlich nach mehreren Durchläufen erkenne, welche Großtat die New Yorker wieder geleistet haben. Leider habe ich diese Geduld nicht bei anderen Bands, tut mir leid für euch.

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