Tracklist
01. A Testament To Stoicism
02. Denial (And So It Begins)
03. The Way Things Should End
04. …And So We Rise
Besetzung
Sofia DeMasi – Gesang
Margot Bogosian – Gitarre
Marcelo Crespo – Gitarre
Canaan Sharon – Bass
Michael Karnage – Schlagzeug
Über den Titel »TORN THE FUCK OPEN, Vol. 2« muss man eigentlich erst einmal laut nachdenken. Nicht lange, denn diese EP tritt einem nach wenigen Sekunden ohnehin die Denkzentrale aus der Halterung, aber doch kurz genug, um festzustellen: Subtilität war hier offenbar nicht einmal als Praktikant eingeladen. Torn Open nennen ihr Ding nicht „Inner Conflicts“, nicht „The Fracture Within“ und schon gar nicht „Emotionale Zwischenräume in Beige“. Nein, hier wird direkt aufgerissen, aufgebrochen, offengelegt. Und weil das beim ersten Mal offenbar noch nicht genug war, jetzt eben Vol. 2. Willkommen im Deathcore, wo Zurückhaltung meistens nur bedeutet, dass der Breakdown drei Sekunden später kommt.
Die aus New Jersey stammenden Torn Open haben mit »TORN THE FUCK OPEN, Vol. 1« bereits deutlich gemacht, dass sie nicht angetreten sind, um dem Genre ein Duftkerzchen hinzustellen. Mit »TORN THE FUCK OPEN, Vol. 2« wird dieser Ansatz nun präziser, brutaler und selbstbewusster fortgeführt. Vier Songs, knapp 13 Minuten, kein Leerlauf. Diese EP funktioniert wie ein sehr wütender Kurzfilm: blutig, hektisch, überdreht, aber mit klarer Regie.
Stilistisch bewegen sich Torn Open im Deathcore, allerdings nicht in jener überorchestrierten Variante, bei der jedes zweite Riff klingt, als würde ein Dämon gerade ein Symphonieorchester bewerben. Hier geht es eher zurück in Richtung MySpace-Revival, Früh-Deathcore, Groove-Wucht, tiefe Chugs, fiese Screams und Breakdowns, bei denen man im Pit kurz prüfen sollte, ob die Zahnzusatzversicherung noch aktiv ist. Der Sound ist roh genug, um glaubwürdig zu bleiben, aber sauber genug produziert, um nicht im eigenen Schlamm zu ersaufen.
(Hört hier »TORN THE FUCK OPEN, Vol. 2« von Torn Open)
KURZ, BRUTAL, UNMISSVERSTÄNDLICH
»A Testament To Stoicism« eröffnet die EP mit genau jener Mischung aus maschineller Präzision und körperlicher Gewalt, die modernen Deathcore im Idealfall ausmacht. Der Song braucht keine lange Vorrede. Das Riff zieht an, die Drums setzen die Nackenmuskulatur unter Zwangsverwaltung, und Sofia DeMasi klingt vom ersten Moment an, als würde sie nicht singen, sondern eine Anklage mit bloßen Händen in Beton ritzen. Der Opener erfüllt damit gleich zwei Aufgaben: Er stellt die Härtegrade ein und macht klar, dass Torn Open diesmal noch fokussierter auftreten.
Besonders stark ist hier die Balance zwischen technischer Straffung und stumpfer Schlagwirkung. Die Gitarren von Margot Bogosian und Marcelo Crespo liefern keine ziellose Griffbrettgymnastik, sondern setzen auf Riffs, die unmittelbar drücken. Das ist nicht unnötig verspielt, aber auch nicht platt. Die Songs leben von kantigen Wechseln, abrupten Stopps, niederwalzenden Grooves und jener unangenehmen Spannung, die entsteht, wenn man merkt: Gleich kommt etwas sehr Schweres. Und dann kommt es auch. Höflichkeit ist hier höchstens ein Produktionsfehler.
»Denial (And So It Begins)« hält die Aggression hoch, wirkt aber noch gemeiner in der Art, wie das Tempo angezogen und wieder gebrochen wird. Der Song spielt mit Erwartungshaltung, schiebt sich erst in den Körper, dann in den Nacken und schließlich frontal in die Magengrube. Die Breakdowns sitzen, ohne zur bloßen Pflichtübung zu werden. Gerade hier zeigt sich, dass Torn Open ihre Gewalt nicht einfach nur höher stapeln, sondern dramaturgisch setzen. Das ist wichtig, denn im Deathcore kann Härte schnell zur Währung ohne Wechselgeld werden. Laut, tiefer, böser – schön und gut. Aber wenn alles die ganze Zeit explodiert, merkt irgendwann niemand mehr, wo der Krater war.
SOFIA DEMASI ALS ZENTRALE ABRISSKANTE
Die vielleicht auffälligste Leistung auf »TORN THE FUCK OPEN, Vol. 2« liefert Sofia DeMasi. Ihre Vocals sind nicht nur brutal, sondern variabel genug, um den vier Songs jeweils ein eigenes Gesicht zu geben. Tiefe Growls, giftige Screams, gepresste Raserei, kontrollierter Wahnsinn: DeMasi steht nicht vor der Soundwand, sie ist ein Teil davon. Gerade in einem Genre, das stark von vokaler Extremleistung lebt, ist das ein klarer Pluspunkt. Hier wird nicht einfach ins Mikro geprügelt, hier wird mit Druck, Textur und Ausdruck gearbeitet.
»The Way Things Should End« ist der zentrale Nackenschlag der EP. Der Song bringt mehr Tempo, mehr Vorwärtsdrang und eine fast filmische Brutalität mit. Kein Wunder, dass gerade diese Nummer als Single und Video funktioniert: Sie hat den nötigen Wiedererkennungswert, ohne den Dreck von den Stiefeln zu wischen. Das Riffing ist giftig, der Groove trifft schnell, und die Breaks wirken so gesetzt, dass live vermutlich niemand lange darüber nachdenkt, ob der Boden rutschfest ist. Wer hier im Pit steht, unterschreibt stillschweigend die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des blauen Flecks.
Inhaltlich wirkt die Nummer wie ein wütender Kommentar auf Macht, Gewalt, Gier und den Punkt, an dem bloßes Erdulden zur Mitschuld wird. Das passt zum Gesamtbild der EP: Torn Open verpacken ihren Deathcore nicht als reine Splatter-Show, auch wenn die Ästhetik blutig und bewusst überzogen ist. Unter der Oberfläche steckt eine klare Wut auf Zustände, die nicht mit hübschen Worten wegmoderiert werden. Das macht die Musik nicht subtiler, aber relevanter. Man muss diese Form der Direktheit mögen, aber man kann ihr kaum vorwerfen, keine Haltung zu haben.
GROOVE, CHUGS UND MYSPACE-GEISTER
Musikalisch erinnert »TORN THE FUCK OPEN, Vol. 2« an jene Zeit, in der Deathcore noch mehr nach verschwitzten kleinen Clubs, schlecht belüfteten Jugendzentren und Layouts mit schwarzem Hintergrund klang. Gleichzeitig ist die EP keine bloße Nostalgie-Übung. Torn Open greifen die DNA dieses Sounds auf, ziehen sie aber durch eine modernere Produktion und mehr rhythmische Schärfe. Die Gitarren sägen und stampfen, der Bass von Canaan Sharon verdichtet das Fundament, und Michael Karnage treibt das Ganze mit Drumming an, das zwischen Blast-Attacken, Groove-Druck und Breakdown-Mathematik souverän pendelt.
»…And So We Rise« beendet die EP mit dem Gefühl, dass Torn Open nicht auslaufen, sondern die Tür noch einmal aus dem Rahmen treten wollen. Der Track bündelt viele Stärken der Veröffentlichung: düstere Atmosphäre, wuchtige Rhythmik, finstere Vocals und diesen ständigen Wechsel aus Druckaufbau und Entladung. Besonders die Schlussphase setzt noch einmal ein Ausrufezeichen. Das ist kein episches Finale im klassischen Sinne, sondern eher der Moment, in dem nach dem Abriss jemand den Schutt betrachtet und feststellt: Ja, das war Absicht.
Die Produktion von Anthony Sallustio trifft dabei einen sehr brauchbaren Punkt zwischen Schmutz und Klarheit. Der Sound ist nicht steril, nicht glattgebügelt und nicht auf maximale Plastikbrutalität gezüchtet. Trotzdem bleiben die Instrumente unterscheidbar. Die Gitarren haben Biss, die Drums drücken, die Vocals stehen weit vorne, und der Bass verschwindet nicht komplett in der Wand. Gerade bei einer EP, die so sehr von kurzen, konzentrierten Einschlägen lebt, ist das entscheidend. Jeder Song muss sofort treffen. Viel Zeit für atmosphärische Seitenstraßen gibt es nicht.
FAZIT:
»TORN THE FUCK OPEN, Vol. 2« ist ein kurzer, hässlicher und verdammt wirksamer Deathcore-Brocken. Torn Open klingen brutaler, fokussierter und selbstsicherer als auf dem ersten Teil, ohne sich dabei in unnötiger Modernisierung zu verlieren. Die EP setzt auf Groove, Chugs, fiese Vocals, präzise Breakdowns und eine blutige Direktheit, die wunderbar zum Titel passt.






