Tracklist
01. Katharsis
02. Neon Dom
03. Feuerregen
04. Krieger
05. Chaos
06. Nie mehr zurück
07. 1000 Scherben
08. Gegen die Zeit
09. Koloss
10. Apokalypsis
11. Nachtschatten 1
12. Nachtschatten 2
Besetzung
Timm Hindorff – Vocals
Daniel De Clercq – Gitarre, Vocals, Programmierung, Elektronik
Don Canone – Bass
Toby Fuhrmann – Drums
Seit ihrer Gründung im Jahr 2009 haben sich Unzucht aus Hannover Stück für Stück ihren eigenen Platz zwischen Dark Rock, Alternative Metal, Gothic-Szene und Neuer-Deutscher-Härte-Nähe erarbeitet. Schon früh standen Festivals, Support-Touren und später Alben wie »Todsünde 8«, »Rosenkreuzer«, »Venus Luzifer«, »Neuntöter«, »Akephalos« und »Jenseits der Welt« auf dem Weg. Dann kam der Einschnitt: Sänger Daniel Schulz ging, Timm Hindorff übernahm das Mikrofon, und plötzlich stand nicht nur ein neues Album, sondern auch eine neue Phase im Raum.
Mit »Neon Dom« liefern Unzucht nun genau diesen Befreiungsschlag. Das Album wirkt nicht wie ein vorsichtiger Neustart, bei dem alle Beteiligten erst einmal höflich anklopfen. Nein, hier wird die Tür direkt aufgestoßen. Unzucht klingen dunkler, metallischer und stellenweise wuchtiger als zuletzt, behalten aber ihren Sinn für große Refrains, emotionale Fallhöhe und clubtaugliche Schattenromantik. Das ist kein kalter Maschinenrock, der nur auf Stampfbeat und Lederjacke setzt, sondern eine Platte, die Wut, Schmerz, Hoffnung und Aufbruch in einen sehr greifbaren Sound presst.
Aufgebaut auf ein solides Fundament aus Drums und Bass entwickelt »Neon Dom« seine eigentliche Stärke vor allem dann, wenn Toby Fuhrmann und Don Canone den Boden unter den Songs betonieren und Daniel De Clercq darüber Gitarren, Elektronik und programmierte Dunkelflächen stapelt. Darüber steht Timm Hindorff, der seinen Einstand nicht nur ordentlich, sondern richtig stark hinlegt. Seine Stimme bringt genug Schärfe für die härteren Momente mit, hat aber auch die nötige Melancholie, um die emotionalen Stücke nicht wie Pflichtballaden wirken zu lassen. Genau hier entscheidet sich, ob die neue Ära funktioniert. Antwort: Ja, sie funktioniert.
(Schaut hier »Katharsis« von Unzucht)
ZWISCHEN KATHARSIS UND NEONLICHT
»Katharsis« eröffnet das Album mit ordentlich Druck und macht sofort klar, dass Unzucht ihren Neustart nicht in Watte packen. Die Gitarren greifen bissig zu, die Drums setzen früh auf Vorwärtsbewegung, und der Refrain hat genug Größe, um live direkt zu funktionieren. Inhaltlich passt der Titel perfekt zum Album: Reinigung, Loslösung, innerer Brand und der Wille, nicht länger im eigenen Schatten sitzen zu bleiben. Das ist Dark Rock mit aufgerissener Brust, aber ohne peinliche Selbstmitleids-Geste.
Der Titeltrack »Neon Dom« schlägt danach düsterer und atmosphärischer ein. Hier wird das Bild eines kalten, künstlich leuchtenden Schutzraums aufgebaut, der zugleich Zuflucht und Gefängnis sein kann. Musikalisch gefällt besonders, wie Daniel De Clercq Gitarren und Elektronik miteinander verzahnt. Nichts wirkt wie nachträglich aufgeklebt, die Synth-Flächen und Programmierungen gehören zum Kern des Songs. Timm Hindorff nutzt diesen Raum stark aus: mal rau, mal fast verletzlich, mal mit jener dramatischen Kante, die Unzucht seit jeher brauchen.
»Feuerregen« trägt den Aufbruch bereits im Titel. Der Song wirkt wie ein brennender Schnitt durch alte Bindungen, Ängste und falsche Sicherheiten. Hier zeigt die Band, dass sie Pathos kann, ohne komplett in Kitsch zu kippen. Der Refrain ist breit, die Gitarren schieben ordentlich, und die Rhythmusgruppe bleibt angenehm hartnäckig im Rücken. Genau diese Mischung aus emotionaler Geste und metallischer Bodenhaftung macht die erste Albumhälfte stark.
KRIEGER, CHAOS UND DIE WUCHT DER MASCHINE
»Krieger« gehört zu den unmittelbarsten Songs der Platte. Das Stück funktioniert über klare Konturen, eine starke Hook und den typischen Unzucht-Spagat zwischen Verletzlichkeit und Kampfansage. Man könnte sagen: Die Nummer trägt schwarze Schminke, aber darunter steckt ein ziemlich kräftiger Puls. Toby Fuhrmann arbeitet hier am Schlagzeug sehr songdienlich. Kein unnötiges Gefrickel, sondern treibende Energie, die den Song nach vorne zwingt.
Mit »Chaos« wird der Härtegrad merklich angezogen. Hier kratzt die Band stärker am Industrial-Metal-Rand, ohne den eigenen Dark-Rock-Kern zu verlieren. Das Riffing ist kantiger, die Elektronik kälter, der Gesang bissiger. Genau dieser Song zeigt, warum »Neon Dom« nicht nur als Fortsetzung alter Unzucht-Muster gelesen werden sollte. Die Band klingt befreit, entschlossener und teilweise auch metallischer. Das steht ihr gut. Man merkt: Diese Formation will nicht bloß beweisen, dass sie nach dem Sängerwechsel noch existiert. Sie will zeigen, dass sie gerade dadurch neuen Schub bekommen hat.
»Nie mehr zurück« ist dann der emotionale Gegenpol. Die Nummer geht deutlich unter die Haut und behandelt Dunkelheit nicht als schicke Kulisse, sondern als echten inneren Zustand. Gerade weil der Song weniger auf Härte und mehr auf Verletzlichkeit setzt, funktioniert er so gut. Timm Hindorff zeigt hier seine vielleicht stärkste gefühlvolle Seite. Er überzieht nicht, er trägt. Das ist wichtig, denn solche Songs kippen schnell ins Drama-Schaufenster. Hier bleibt es glaubwürdig.
SCHERBEN, ZEITDRUCK UND EIN KOLOSS IM NEBEL
»1000 Scherben« nimmt danach wieder Tempo auf und bringt eine klassische Unzucht-Tugend zurück: Eingängigkeit mit dunklem Unterbau. Der Song hat Ohrwurmqualität, ohne seine Kanten zu verlieren. Don Canone sorgt am Bass für einen kräftigen Untergrund, der die Gitarren nicht nur begleitet, sondern dem Song zusätzlich Druck gibt. Genau so muss das bei diesem Sound sein. Wenn unten nichts rollt, wirkt oben schnell alles nur wie Nebelmaschine mit WLAN.
»Gegen die Zeit« arbeitet stärker mit Dringlichkeit. Der Titel sagt es bereits: Hier rennt etwas, hier brennt etwas, hier will jemand dem eigenen Verfall oder den äußeren Umständen entkommen. Musikalisch ist das einer der Songs, die sofort in Bewegung bringen. Die Arrangements sind nicht überkompliziert, aber clever genug aufgebaut, um nicht nach Schema F zu klingen. Gerade die Verbindung aus Rhythmik, Gitarrenhärte und Refrain macht den Track stark.
»Koloss« legt mehr Gewicht auf die Waage. Der Song wirkt massiver, dunkler und etwas schwerfälliger im besten Sinne. Hier passt der Titel zur Musik: Das Ding stapft. Nicht elegant, aber wirkungsvoll. Die Gitarren stehen breiter, die Atmosphäre wird dichter, und Unzucht zeigen, dass sie nicht nur schnelle Club-Brecher schreiben können, sondern auch schwere, drückende Momente überzeugend hinbekommen.
APOKALYPSE, NACHTSCHATTEN UND DER BLICK NACH INNEN
»Apokalypsis« bringt noch einmal eine metallische Schärfe ins Spiel. Der Song besitzt klare Riffs, viel Druck und eine fast endzeitliche Grundfarbe. Hier macht sich positiv bemerkbar, dass Unzucht den Metallgehalt auf »Neon Dom« hörbar angezogen haben. Das ist keine reine Gothic-Rock-Schwebeplatte, sondern ein Album, das immer wieder mit den Zähnen knirscht.
Mit »Nachtschatten 1« und »Nachtschatten 2« endet die Platte deutlich atmosphärischer. Der Abschluss wirkt weniger wie ein klassisches Finale mit Feuerwerk, sondern eher wie ein Auslaufen in die Dunkelheit. Die beiden Stücke setzen stärker auf Stimmung, Melancholie und Nachhall. Das passt zum Albumtitel, denn »Neon Dom« ist kein einfacher Ort des Lichts. Dieses Neon leuchtet kalt, brüchig und manchmal sehr einsam.
Gerade im letzten Drittel zeigt sich aber auch eine kleine Schwäche: Nicht jeder Song setzt sich gleich stark fest. Die erste Albumhälfte hat mit »Katharsis«, »Neon Dom«, »Feuerregen«, »Krieger« und »Chaos« eine enorme Dichte. Danach bleibt das Niveau hoch, aber einzelne Momente könnten noch etwas mehr Eigenprofil vertragen. Das ist kein Beinbruch, aber bei zwölf Songs fällt es eben auf, wenn nicht jeder Refrain gleich tief im Nacken sitzt.
NEUE STIMME, ALTER SCHATTEN, FRISCHER DRUCK
Die größte Frage vor »Neon Dom« war natürlich: Wie klingt Unzucht mit Timm Hindorff? Die Antwort ist erfreulich klar. Er versucht nicht, Daniel Schulz zu kopieren, sondern bringt eine eigene Farbe mit. Seine Stimme hat mehr als genug Ausdruck für die melancholischen Stücke, aber auch die nötige Aggression für Songs wie »Chaos« oder »Apokalypsis«. Damit gibt er der Band nicht nur Ersatz, sondern tatsächlich eine neue Energie.
Daniel De Clercq bleibt als Gitarrist, Sänger, Programmierer und Elektronik-Kopf das zentrale Klangscharnier. Seine Arbeit entscheidet, ob der Sound nur nach Rockband mit ein paar digitalen Schatten klingt oder wirklich zu einer Einheit wird. Auf »Neon Dom« gelingt das sehr ordentlich. Don Canone am Bass und Toby Fuhrmann an den Drums bilden dazu das bereits erwähnte solide Fundament aus Drums und Bass, das die Songs trägt und ihnen Druck verleiht. Gerade dieser Unterbau sorgt dafür, dass die emotionalen Momente nicht zerfließen und die harten Songs nicht nur behaupten, hart zu sein.
KLEINE EINWÄNDE AUS DEM NEON-SCHATTEN
Ganz ohne Kritik geht es nicht. »Neon Dom« ist stark, aber nicht jeder Song erreicht die gleiche Trefferquote. Einige Refrains sitzen sofort, andere brauchen länger oder bleiben etwas blasser. Außerdem ist der Sound sehr klar auf die bekannte Schnittstelle aus Dark Rock, Alternative Metal, Gothic-Geste und Industrial-Kante zugeschnitten. Wer mit dieser Art Pathos grundsätzlich nichts anfangen kann, wird hier nicht plötzlich zum Jünger im Neonlicht.
Trotzdem muss man der Band zugutehalten, dass sie ihren Neustart mutig genug angeht. Unzucht beschädigen ihre Vergangenheit nicht, aber sie hängen auch nicht nur daran wie an einem alten Tourshirt. »Neon Dom« klingt nach Übergang, aber nicht nach Unsicherheit. Und genau das ist nach einem Sängerwechsel ein ziemlich gutes Zeichen.
FAZIT:
»Neon Dom« ist ein überzeugender Neubeginn für Unzucht. Die Band verbindet ihre bekannte Dark-Rock-DNA mit mehr metallischem Druck, intensiver Emotionalität und einer neuen Stimme, die dem Material hörbar guttut. Timm Hindorff liefert einen starken Einstand, Daniel De Clercq hält Gitarren, Elektronik und Atmosphäre zusammen, während Don Canone und Toby Fuhrmann den Songs das nötige Fundament geben.
Die stärksten Stücke sind »Katharsis«, »Neon Dom«, »Feuerregen«, »Krieger«, »Chaos« und »Nie mehr zurück«. Gerade diese Songs zeigen, wie gut die neue Konstellation funktioniert: hart, dunkel, eingängig und emotional genug, um mehr zu sein als bloßer Szenestandard.
Kleine Abzüge gibt es für ein paar weniger markante Momente im hinteren Teil der Platte. Insgesamt bleibt »Neon Dom« aber ein starkes Album, das alte Fans nicht verschreckt und neue Hörer durchaus anziehen kann. Wer Lord Of The Lost, Mono Inc., Stahlmann, Eisbrecher, Megaherz oder dunklen Alternative Metal mit deutschsprachiger Schlagkraft mag, sollte hier definitiv einsteigen.
Kurz gesagt: Unzucht stehen wieder im Licht. Es ist zwar Neonlicht, kalt und flackernd, aber es brennt hell genug, um zu zeigen, dass diese Band noch lange nicht am Ende ist.






