Tracklist
01. Between Cold Stars and Mass Graves
02. Fruchtbaren Ackers schändend Pflug
03. Kamadevas Mantra an den Tod
04. Worship the Temple of Flesh
05. Tides of Wrath
06. Lux Ferre
07. Abgesang
Besetzung
Gabriel – Gesang
Thorn – Gitarren und Gesang
Aquilifer – Gitarren
Syknatt – Bass
Katharsis – Schlagzeug
An diesem Dienstagabend gibt es mal gepflegten Black Metal aus unserer schönen Heimat Österreich. Genauer gesagt aus Wien, wo Ill Tidings seit 2018 ihr eigenes Verständnis von atmosphärischer Finsternis entwickeln. Mit »Seeds of True Rebirth« legt das Quintett nach »Signa Tenebris« und »Hymns to Demise« sein drittes Studioalbum vor. Während die vorherigen Veröffentlichungen den Zusammenbruch und das Ende noch aus einiger Entfernung betrachteten, widmet sich das neue Werk nach Aussage der Band unmittelbar der Apokalypse. Zerstörung, Transformation, menschliche Abgründe und die Möglichkeit einer Wiedergeburt ziehen sich durch sieben umfangreiche Kompositionen. Musikalisch treffen kalte Melodien, vielschichtige Gitarren, dissonante Spannungen und unerbittliche Blastbeats auf langsamere, beinahe rituelle Abschnitte. Das Ergebnis ist kein leicht verdaulicher Schwarzmetall-Happen für zwischendurch, sondern ein rund 50-minütiger Abstieg, der seine Stärken ebenso offenbart wie einige unnötige Längen.
ZWISCHEN KALTEN STERNEN UND MASSENGRÄBERN
»Between Cold Stars and Mass Graves« eröffnet das Album mit jener Mischung aus eisiger Melodik und dichter Gewalt, die den weiteren Verlauf bestimmen wird. Die Gitarren von Thorn und Aquilifer liegen in mehreren Schichten übereinander, ohne zu einer vollkommen undurchsichtigen Masse zu verschwimmen. Über den rasenden Rhythmen ziehen sich melancholische Melodien, die weniger an eine heroische Schlacht als an deren trostlose Überreste erinnern. Immer wieder wird die Geschwindigkeit zurückgenommen, damit sich einzelne Akkorde und melodische Bewegungen stärker entfalten können. Der Gesang von Gabriel klingt heiser, angegriffen und emotional aufgeladen. Gemeinsam mit den zusätzlichen Vocals von Thorn entsteht kein klassischer Wechsel zwischen klar voneinander getrennten Rollen. Die Stimmen verdichten vielmehr das Gefühl permanenter innerer Unruhe. Der Opener gehört zu den stärksten Nummern, weil Atmosphäre und Aggression besonders ausgewogen ineinandergreifen. Die Band präsentiert technische Kontrolle, lässt ihre Musik aber weiterhin rau und gefährlich wirken. Mit »Fruchtbaren Ackers schändend Pflug« folgt eine umfangreichere Komposition, deren sperriger deutscher Titel bereits erkennen lässt, dass hier weder sprachlich noch musikalisch der bequemste Weg gewählt wird. Schwere Riffs und treibende Drums wechseln mit flirrenden Gitarrenpassagen. Die Musik wirkt gleichzeitig erdverbunden und entrückt, als würde etwas längst Begrabenes durch den aufgerissenen Boden wieder an die Oberfläche gelangen. Die ausgedehnte Struktur gibt den Gitarren genügend Raum, verschiedene Motive zu entwickeln. Allerdings zeigt sich erstmals, dass Ill Tidings manche Ideen länger ausführen, als es für ihre Wirkung zwingend notwendig wäre.
MANTRA AN DEN TOD
»Kamadevas Mantra an den Tod« beginnt melodischer und lässt die Gitarren zunächst weit über der Rhythmusgruppe schweben. Das Stück besitzt einen beinahe zeremoniellen Charakter, wird jedoch immer wieder von heftigen Ausbrüchen durchbrochen. Die Band beherrscht das Wechselspiel aus Bewegung und Stillstand. Katharsis beschränkt sich nicht auf durchgehende Blastbeats, sondern setzt unterschiedliche Tempi, rollende Doublebass und gezielte Pausen ein. Der Bass von Syknatt bleibt unter den Gitarrenschichten hörbar und verleiht den langsamen Abschnitten zusätzliche Tiefe. Gerade dort entwickelt das Album seine stärkste körperliche Wirkung. Der Song zeigt außerdem, dass Melodie bei Ill Tidings nicht mit Wärme oder Versöhnlichkeit gleichzusetzen ist. Selbst die eingängigeren Gitarrenfiguren wirken frostig und von einem Gefühl unausweichlicher Endgültigkeit umgeben. Mit beinahe sieben Minuten nimmt sich die Komposition erneut viel Zeit. Die einzelnen Abschnitte greifen zwar sinnvoll ineinander, könnten jedoch an einigen Stellen etwas kompakter ausfallen. Trotzdem bleibt »Kamadevas Mantra an den Tod« ein überzeugendes Bindeglied zwischen dem melodischen Beginn und der deutlich dissonanteren Mitte des Albums.
DER TEMPEL DES FLEISCHES
»Worship the Temple of Flesh« setzt unmittelbar auf Spannung. Durchdringende dissonante Töne stehen über einem zunächst entfernten Grollen, bevor die gesamte Band mit erheblicher Wucht einsetzt. Das Stück ist nervöser und unberechenbarer als seine Vorgänger. Gitarrenlinien ziehen in unterschiedliche Richtungen, das Schlagzeug verändert regelmäßig seine Betonung und die Stimmen steigern sich in eine beinahe fiebrige Intensität. Trotz der zahlreichen Wechsel wirkt die Komposition nicht wahllos. Jeder neue Abschnitt erhöht entweder den Druck oder öffnet für kurze Zeit einen dunklen Raum, in dem die vorherige Gewalt nachhallen kann. Gerade die Gitarrenarbeit überzeugt. Dissonanzen werden nicht als bloße Verzierung eingesetzt, sondern bilden das eigentliche Fundament. Die Akkorde reiben sich aneinander und erzeugen ein dauerhaftes Gefühl von Instabilität. Der Titel gehört zu den kompromisslosesten Momenten. Gleichzeitig bleibt er durch wiederkehrende Motive nachvollziehbar und gerät nicht zu einer akademischen Übung in möglichst komplizierter Klanggestaltung. »Worship the Temple of Flesh« zeigt besonders deutlich, wie stark sich Ill Tidings seit ihrem Debüt entwickelt haben. Atmosphäre entsteht nicht mehr nur durch Hall und lange Gitarrenflächen, sondern direkt aus der inneren Konstruktion der Riffs.
DIE FLUT DES ZORNS
»Tides of Wrath« bringt mehr unmittelbaren Vorwärtsdrang in das Album. Die Drums arbeiten aggressiver, während die Gitarren eine vergleichsweise geradlinige Bewegung entwickeln. Natürlich bleiben Richtungswechsel und atmosphärische Abschnitte erhalten. Dennoch wirkt der Song kompakter und körperlicher als die beiden vorherigen Stücke. Nach der dichten Dissonanz des Fleischtempels kommt dieser stärkere Fokus genau zur richtigen Zeit. Die Stimmen besitzen eine rohe Dringlichkeit, die hervorragend zur Musik passt. Gleichzeitig liegt hier einer der möglichen Streitpunkte des Albums. Einige besonders forcierte Schreie wirken emotional glaubwürdig, können auf Dauer aber anstrengend werden. Gerade in den höchsten Lagen entsteht gelegentlich der Eindruck, dass der Gesang gegen die Instrumente ankämpfen muss. Das steigert zwar die Verzweiflung, nimmt einzelnen Passagen jedoch etwas von ihrer Klarheit. Instrumental bleibt die Nummer stark. Bass und Schlagzeug formen ein druckvolles Fundament, während die Gitarren zwischen treibenden Riffs und melodischen Spannungsbögen wechseln. »Tides of Wrath« ist kein vollkommen überraschender Song, erfüllt innerhalb des Albums aber eine wichtige Aufgabe: Er führt die Energie zurück, ohne die düstere Atmosphäre aufzugeben.
DER LICHTTRÄGER IM DUNKEL
»Lux Ferre« ist eines der längsten Stücke und führt das Album erneut in weitläufigere Bereiche. Der lateinisch gefärbte Titel verweist auf den Lichtträger, doch musikalisch ist von tröstlichem Leuchten wenig zu spüren. Die Gitarren bauen langsam eine finstere Melodie auf, die im weiteren Verlauf mehrfach verändert zurückkehrt. Blastbeats und schnellere Tremolofiguren werden von schweren, beinahe doomigen Abschnitten unterbrochen. Besonders überzeugend ist die Dynamik. Die Band lässt die Musik nicht dauerhaft auf maximaler Lautstärke laufen, sondern arbeitet mit kontrollierten Rücknahmen und allmählichen Steigerungen. Dadurch entwickelt »Lux Ferre« eine starke rituelle Wirkung. Die Komposition scheint weniger einen gewöhnlichen Song als eine schrittweise vollzogene Beschwörung darstellen zu wollen. Die lange Laufzeit wird größtenteils sinnvoll genutzt. Einige Wiederholungen könnten dennoch gestrafft werden, zumal das abschließende »Abgesang« anschließend noch einmal zehn Minuten beansprucht. Die Qualität der Riffs verhindert, dass der Titel vollständig an Spannung verliert. Gerade die langsamen Passagen gehören zu den eindrucksvollsten Momenten der zweiten Albumhälfte.
ZEHN MINUTEN ABGESANG
»Abgesang« bildet den erwartungsgemäß monumentalen Abschluss. Die Band bündelt atmosphärischen Black Metal, dissonante Gitarren, schwere Rhythmen und rasende Ausbrüche zu einer langen finalen Bewegung. Der Titel beginnt kontrollierter und lässt die einzelnen Instrumente ausreichend atmen. Nach und nach verdichtet sich das Klangbild, bis Gitarren und Schlagzeug erneut in heftige Raserei übergehen. Die Wechsel wirken weniger abrupt als bei »Worship the Temple of Flesh«. Statt nervöser Sprünge baut der Song größere Abschnitte auf und führt sie langsam ihrem Ende entgegen. Damit passt »Abgesang« hervorragend zum apokalyptischen Konzept. Die Welt endet nicht mit einem einzigen Schlag, sondern zerfällt schrittweise, während unter ihren Trümmern bereits die titelgebenden Samen einer möglichen Wiedergeburt liegen. Der Abschluss besitzt starke melodische und atmosphärische Momente. Gleichzeitig bestätigt er die größte Schwäche der Platte: Nicht jede Idee benötigt eine derart ausgedehnte Wiederholung. Eine um einige Minuten gekürzte Fassung hätte vermutlich noch intensiver gewirkt. Dennoch bleibt »Abgesang« ein würdiges Finale, das die Hörerschaft nicht mit einer klaren Auflösung, sondern mit einem Gefühl fortbestehender Bedrohung zurücklässt.
KÄLTE MIT MODERNER KONTROLLE
Die Produktion von Mario Dahmen hält eine überzeugende Balance aus Rauheit und Verständlichkeit. Die Gitarren besitzen eine scharfe Oberfläche, während Bass und Schlagzeug genügend Druck entwickeln. Trotz der vielen übereinanderliegenden Spuren bleibt das Klangbild überwiegend nachvollziehbar. Besonders die melodischen Gegenbewegungen der beiden Gitarren lassen sich auch während der schnelleren Passagen erkennen. Das Schlagzeug klingt kraftvoll und kontrolliert, ohne vollständig klinisch zu wirken. Blastbeats setzen sich deutlich durch, während die langsameren Rhythmen ausreichend Gewicht behalten. Der Gesang wurde weit vorn platziert und trägt einen erheblichen Teil der emotionalen Intensität. Diese Präsenz kann jedoch ermüden, wenn besonders schrille Passagen über längere Zeit kaum Raum für Entlastung lassen. Insgesamt passt der Klang zur musikalischen Ausrichtung. Seeds of True Rebirth besitzt weder den dünnen Nebel einer absichtlich primitiven Produktion noch den vollkommen polierten Charakter modernen Hochglanz-Metals. Auch das Artwork von View from the Coffin greift Zerstörung und Transformation auf. Die verstörende Gestaltung wirkt nicht wie eine beliebige Ansammlung okkulter Symbole, sondern bereitet visuell auf die apokalyptische Atmosphäre des Albums vor.
TRADITION UND EIGENE HANDSCHRIFT
Die Einflüsse aus melodischem, atmosphärischem und dissonantem Black Metal sind deutlich hörbar. Namen wie Misþyrming, Sinmara, Eis und die heimischen Abigor bieten sinnvolle Orientierung. Ill Tidings kopieren diese Vorbilder jedoch nicht vollständig. Die Verbindung aus deutscher und englischer Sprache, mehrschichtigen Gitarren und stark emotionalem Gesang verleiht der Band eine erkennbare Handschrift. Im Vergleich zu »Hymns to Demise« wirkt das neue Album umfangreicher und ambitionierter. Die Songs besitzen komplexere Entwicklungen, stärkere Dissonanzen und eine konsequentere thematische Verbindung. Diese Weiterentwicklung bringt allerdings auch Längen mit sich. Bei sieben Songs und rund 50 Minuten liegt die durchschnittliche Laufzeit hoch. Nicht jede Komposition hält ihre Spannung über die gesamte Distanz. Eine strengere Auswahl bei Wiederholungen und Übergängen hätte das Album noch wirkungsvoller gemacht. Die vorhandene Substanz ist jedoch stark genug, um selbst in den schwächeren Momenten ein überzeugendes Gesamtbild zu erhalten. Vor allem »Between Cold Stars and Mass Graves«, »Worship the Temple of Flesh« und »Abgesang« zeigen, welches Potenzial in der Verbindung aus melodischer Kälte, dissonanter Unruhe und apokalyptischer Atmosphäre steckt.
FAZIT:
»Seeds of True Rebirth« ist ein ambitioniertes drittes Album, auf dem Ill Tidings ihren atmosphärischen Black Metal dichter, dissonanter und umfangreicher gestalten. Vielschichtige Gitarren, ein druckvolles rhythmisches Fundament und ein emotionaler Gesang erschaffen eine kalte, bedrohliche Atmosphäre. Besonders »Between Cold Stars and Mass Graves«, »Kamadevas Mantra an den Tod«, »Worship the Temple of Flesh« und der abschließende »Abgesang« überzeugen. Einige Stücke werden jedoch länger ausgedehnt, als es ihre zentralen Motive erfordern, während die stark forcierten Schreie auf Dauer anstrengend wirken können. Eine etwas kompaktere Spielzeit hätte der apokalyptischen Wucht zusätzliche Schlagkraft verliehen. Dennoch beweisen die Wiener, dass aus unserer schönen Heimat nicht nur Berge, Mozartkugeln und fragwürdige politische Diskussionen kommen, sondern auch anspruchsvoller Black Metal mit eigener Identität.






