Interview: Beppo Fegesack + Andy & G3ist

STERBENSWILLE über »Asche & Licht« im exklusiven Interview

Mit »Asche & Licht« haben STERBENSWILLE ein (post) Black Metal Album veröffentlicht, das tief in Schmerz, Verlust, Depression, Selbstzerstörung und innerer Zerrissenheit verwurzelt ist. Dabei nutzt die Band diese Themen nicht als bloße düstere Ästhetik, sondern als unmittelbaren Ausdruck echter Erfahrungen, emotionaler Abgründe und persönlicher Kämpfe.

Unser Review zu »Asche & Licht« hat gezeigt, dass dieses Werk weit mehr ist als eine weitere Genreveröffentlichung. Es ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit seelischen Grenzerfahrungen, mit dem Gefühl des Zerbrechens, aber auch mit jener kleinen Glut, aus der irgendwann wieder Feuer entstehen kann. Zwischen roher Aggression, melancholischer Schwere, atmosphärischen Zwischenräumen und Momenten vorsichtiger Hoffnung entfaltet sich ein Album, das unbequem bleibt, aber gerade dadurch eine besondere Wahrhaftigkeit besitzt.

Grund genug also, mit STERBENSWILLE über den Ursprung des Bandnamens, Depression und Trauer als künstlerische Themen, den Weg in die Unabhängigkeit, die neue Stimme von G3ist, den Kontrast zwischen Asche und Licht sowie die Frage zu sprechen, wie Musik zu einer Stütze für Menschen werden kann, die selbst durch dunkle Zeiten gehen.

Hallo Sterbenswille, schön, dass ihr euch Zeit für dieses Interview nehmt. Mit »Asche & Licht« veröffentlicht ihr am 15. Mai 2026 ein Album, das Schmerz, Verlust, Depression und Selbstzerstörung nicht als bloße düstere Ästhetik benutzt, sondern sehr direkt und emotional verarbeitet. Gleichzeitig schimmert zwischen all der Schwere immer wieder etwas auf, das nach Hoffnung, Heilung und Weitergehen klingt. Genau über diesen Spannungsraum zwischen Dunkelheit und Licht möchten wir mit euch sprechen.
 
 
Sterbenswille ist ein Name, der sofort hängen bleibt und eine enorme Schwere trägt. Was bedeutet dieser Name für euch heute, gerade im Zusammenhang mit einem Album wie »Asche & Licht«?
 
Andy: Die Band hat den Namen ursprünglich durch ein traumatisches Erlebnis von einem unserer Gründungsmitglieder bekommen. Damals hat ein Mensch sein Leben wegen Trauer und Depressionen tragischerweise beendet. Er hat einen Abschiedsbrief für Freunde und Familie hinterlassen. Und auf dem Couvert stand: „mein Sterbenswille“. Das war die Inspiration.
 
Es gibt so viele Menschen, die in solchen schlimmen Gedanken gefangen sind und leider nicht wieder alleine herausfinden. Wir wünschen uns einfach, dass wir durch unsere Musik ein paar Menschen eine Stütze auf ihrem Weg sein können.
 
Ihr sprecht offen über Depression, Trauer, Schmerz und innere Kämpfe. War es von Anfang an euer Ziel, mit der Band einen Raum zu schaffen, in dem solche Themen nicht verdrängt, sondern ausgesprochen werden dürfen?
 
G3ist: Sterbenswille steht seit Beginn an dafür, dass Emotionen frei ausgesprochen werden dürfen und auch sollen. »Asche & Licht« ist ein für uns sehr persönliches Album geworden, und wir sind dadurch gewachsen und gereift, gerade weil wir auf diesem Album noch tiefer in dieses Thema hineingehen. Also ja, der Raum dafür war immer da, nur jetzt ist die Tür zur Gänze geöffnet!
 
Nach »Dunkelheit« wirkt »Asche & Licht« emotional reifer und musikalisch vielseitiger. Was hat sich seit dem Debütalbum innerhalb der Band verändert?
 
Andy: Das Debütalbum »Dunkelheit« wurde damals zu 90 Prozent von einer Person geschrieben und dann von den jeweiligen Musikern minimal angepasst.
 
Bei »Asche & Licht« war der Prozess anders. Wir sind viel mehr zusammengewachsen und haben natürlich auch privat viel miteinander zu tun, wo man einfach gute Gespräche führt, eben genau über diese Themen: Verlust, Existenzängste, Trauer, Liebe, Kummer. Genau durch diese Gespräche entwickelten sich die Ideen für das Musikalische.
 
Wir sind älter geworden, und jeder von uns hat auf gewisse Weise seine „Kämpfe im Kopf“. Deshalb klingt es anders, weil sich jeder zu 100 Prozent eingebracht hat und natürlich auch seinen eigenen Struggle damit verarbeiten möchte und kann.
 
Mit G3ist habt ihr eine neue Stimme am Mikrofon. Wie hat sich dadurch die Ausdruckskraft und Atmosphäre von Sterbenswille verändert?
 
G3ist: Die neue Stimme ist natürlich in ihrer Art erstmal eine völlig andere als noch auf »Dunkelheit«. Jedoch schafft es G3ist, mit seiner Stimme den neuen Songs die nötige Glaubwürdigkeit zu geben, indem er quasi auch darin „physisch anwesend“ ist.
 
Man hört, wenn die Stimme wegbricht oder etwas sich nicht glatt oder perfekt anhört: Das ist nicht kalkuliert, das passiert völlig natürlich beim Recording, zum Beispiel wenn die Gefühle hochkommen und hervorbrechen. Dies trägt auch maßgeblich zur Atmosphäre und Ausdruckskraft bei.
 
Ihr habt euch von Teufelszeug Records getrennt und geht euren Weg nun unabhängiger weiter. War dieser Schritt wichtig, um »Asche & Licht« genau so umzusetzen, wie ihr es wolltet?
 
Andy: Ja, war er! Teufelszeug Records waren uns eine sehr gute Stütze. Aber wir wollten einfach unabhängig sein und mit niemandem außer uns selbst klären müssen, ob das jetzt so gut ist oder nicht.
 
»Asche & Licht« ist ein 100 Prozent ehrliches Album, ohne irgendwelche imaginären Themen oder Gedanken. Alles, was zu hören ist, ist passiert. Bis auf Mix und Master ist alles in Eigenregie passiert. Wir wollten dieses extrem persönliche Album einfach komplett für uns und unsere Fans machen!
 
Der Albumtitel »Asche & Licht« beschreibt einen starken Gegensatz zwischen Zerstörung und Hoffnung. War dieser Kontrast von Anfang an das Zentrum des Albums?
 
G3ist: Wir wollten von Beginn an eben jenen Kontrast einfangen und ihn musikalisch darstellen. Jeder einzelne Song steht für ein Gefühl und eine damit verbundene echte, erlebte Geschichte dahinter, die mit dieser Emotion einhergeht.
 
Alles dreht sich um die Zerstörung von sich selbst, aber auch um die damit verbundene Hoffnung, dass es irgendwann wieder gut wird.
 
In »Verzweiflung« geht es um Verlust, Kälte, Einsamkeit und das Gefühl, etwas Endgültiges nicht mehr aufhalten zu können. Ist dieser Song eher ein Ausdruck von Kapitulation oder ein letztes inneres Aufbäumen?
 
G3ist: Wir würden ihn als anfängliche Kapitulation vor dem Unvermeidbaren beschreiben, aber zugleich auch als ein Aufbäumen mit letzter Kraft. Um das Unvermeidbare zu akzeptieren, um trotzdem weitermachen zu können.
 
»Selbstzerstörung« beschreibt sehr schonungslos den Kampf gegen sich selbst. Wie schwer ist es, solche Gedanken in Worte zu fassen, ohne sie zu romantisieren?
 
G3ist: Solche Gedanken auf Papier zu bringen, ist nie einfach. Aber wenn die Worte echt sind, wenn alles auf eigener Erfahrung und Erlebtem basiert, dann gibt es keine Romantisierung.
 
Dann schreibt man alles Angestaute einfach schonungslos auf, ohne groß darüber nachzudenken. Denn diese Gefühle prasseln sozusagen regelrecht aufs Papier. Für Romantik und Gefühlsduselei ist dann keine Zeit und kein Platz. Es wird geschrieben, wie es herausbricht. Alles andere wäre gekünstelt, unehrlich und würde unnötig beschönigen, wo es nichts zu beschönigen gibt. Es ist, wie es ist!
 
In »Depression« wird der seelische Zustand sehr körperlich erfahrbar: als Last, Dunkelheit, Ertrinken und innere Gefangenschaft. Was war euch bei diesem Text besonders wichtig?
 
G3ist: Da es sich hier um ein sehr tiefgehendes und ernstes Thema handelt, welches sehr viele Menschen betrifft, war von Beginn an klar, dass wir besonders hier nichts schönreden, es schonungslos ausbreiten und es auch wie eine Depression in der Gesamtkomposition darzustellen versuchen.
 
Anfänglich schleichend, bis hin zum Ausbruch sich steigernd. Und ohne dabei verherrlichend, mit dem Finger zeigend oder gar befürwortend zu sein. Einfach bei aller Themenhärte auch mit Fingerspitzengefühl zu arbeiten, ist hier besonders wichtig.
 
»Zwischen Asche & Licht« wirkt wie ein zentrales Stück des Albums. Dort treffen Schmerz, Erinnerung, Wut und Hoffnung direkt aufeinander. Ist dieser Song für euch der Schlüssel zur Aussage der Platte?
 
G3ist: Definitiv! Dieser Song spiegelt das Gesamtkonzept in seiner Gänze wider, und da hier alles gegen Ende zusammenkommt, bricht der Song auch ohne Umschweife los, so wie es zu viele Emotionen auf einmal auch bewirken können.
 
Es riecht nach verbrannter Asche, in welcher noch Glut glimmt und worüber man wandern muss, um seine persönliche Heilung zu erfahren. Dabei hagelt alles auf einen nieder: Erinnerungen, Trauer, Wut, Schmerzen. Und man muss trotzdem irgendwie da durch.
 
In »Bruchstücke« tauchen Motive wie Spiegel, Masken und Selbsthass auf. Geht es in diesem Song auch darum, sich selbst nach innerer Zerstörung wieder neu zusammensetzen zu müssen?
 
G3ist: Im Kern handelt das Album auch davon, dass der innere Frieden und die Heilung nicht durch Selbstaufgabe passieren oder kommen werden, sondern durch den unbequemen Weg mitten hindurch, indem man sich sich selbst stellt.
 
Dazu gehört, sich selbst im Spiegel zu sehen, auch den Hass und die Wut auf sich zu erkennen und diesen Spiegel beim Kampf mit sich selbst zu zerstören. Seine selbst erschaffene Maske fallen zu lassen. Dann kommt der Moment, sich selbst zu finden, sein wahres Ich. Und dazu gehört, sich wieder neu zusammenzusetzen.
 
Eure Musik arbeitet stark mit Gegensätzen: rohe Aggression, melancholische Atmosphäre, ruhige Passagen und massive Ausbrüche. Wie wichtig ist euch diese Dynamik beim Songwriting?
 
Andy: Sehr wichtig! Unsere Musik ist wie das Leben, mit Höhen und Tiefen. Egal ob bei einer Trennung, einem Verlust oder sonstigem Stress: Es gibt Momente, in denen man einfach denkt, es geht nicht mehr, in denen alles im Leben eskaliert und man sich komplett alleine und melancholisch fühlt.
 
Und dann kommen die Momente, in denen sich alles langsam legt und das Leben wieder die schönen, melodischen Momente zeigt. Genau darum geht es: Das Leben kann oft unglaublich schlimm sein und einem alles abverlangen, aber dann gibt es die Momente, in denen sich alles wieder einspielt und wunderschön wird. Aufgeben ist keine Option.
 
Die instrumentalen Momente wie »Breath of Silence« und »Asche« geben dem Album Raum zum Atmen. Welche Funktion haben solche Zwischenstücke für euch?
 
G3ist: Uns ist bewusst, dass wir mit »Asche & Licht« ein vielleicht schwer verdauliches und unbequemes Album geschrieben haben. Um kurz aufatmen zu können, benötigt so etwas unserer Ansicht nach etwas Leichtes dazwischen. Nicht nur aus kompositorischer Sicht, sondern auch, um das Thema weiter aufzugreifen.
 
Unsere beiden Instrumentals sind nicht nur fürs Atmen. Sie geben dir die Möglichkeit, dich kurz umzusehen. Wo stehst du gerade? Sieh dich um, bevor du weitergehst. Setz dich, der Gipfel ist bald da, atme ein, atme aus. So in etwa kann man die Funktion beschreiben.
 
Bei »Dunkelheit« ist Liz von Roxton beteiligt. Was hat ihre Stimme dem Song und dem Abschluss des Albums gegeben?
 
G3ist: Es war uns wichtig, einen Gegenpart im Song zu schaffen, der einem nochmals mehr Licht und Hoffnung schenkt und über dieser Dunkelheit zu schweben scheint. Ein Dialog zwischen dunkel und hell sozusagen.
 
Liz hat eine fantastische Stimme, und sie singt mit sehr viel Gefühl und Herz, was dazu führt, dass eben Licht und Hoffnung glaubhaft transportiert werden. Auch ist ihre Stimme der weiche, sanfte Gegenpart zum Rest des Albums. Hier war sofort klar, dass auch nur Liz dafür in Frage kam.
 
Zum Schluss möchten wir euch die letzten Worte überlassen: Was möchtet ihr den Menschen sagen, die sich in »Asche & Licht« wiederfinden und vielleicht selbst zwischen Asche und Licht stehen?
 
Sterbenswille: Heilung kann nicht immer auf einfachem Wege wiedererlangt werden. Manchmal muss man tief hinein und den Kampf mit sich selbst aufnehmen, um sich selbst wiederzufinden. Haltet euch dabei immer vor Augen, dass selbst die kleinste Glut wieder Feuer entstehen lässt. Ihr seid das Feuer!
 
Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Wir wünschen euch viel Erfolg mit »Asche & Licht« und alles Gute für die kommenden Live-Termine.
 

STERBENSWILLE – Interview

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