
Hallo Minotaurus! Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview nehmt. Mit „Memories In The Haze“ habt ihr ein Album veröffentlicht, das tief in Mythologie, Fantasy, persönlichen Rückblicken und emotionalen Grenzerfahrungen verwurzelt ist. Gleichzeitig steht mit eurem Auftritt beim Wacken Open Air 2026 ein ganz besonderes Kapitel bevor.
Olli und Clarissa, „Memories In The Haze“ wirkt wie ein Album zwischen Rückblick, Aufbruch und innerer Bewältigung. War euch von Anfang an bewusst, dass dieses Werk auch eine Art Spiegel der langen Minotaurus-Geschichte werden würde?
Clarissa: Das Album hat beim Gestaltannehmen immer mehr gezeigt, dass wir alle, wer auch immer die Texte geschrieben hat, einen Rückblick auf die letzten Jahre darstellen wollten. Es war nicht direkt beabsichtigt, aber es wurde deutlicher, je mehr Songs wir fertiggestellt hatten. Dieses Unbewusste war und ist ein deutlicher Ausdruck jedes einzelnen unserer Mit-Minos.Olli: Irgendwie war schon zu spüren, dass es ein besonderes Album wird. Alles fühlte sich anders an, ohne dass man genau sagen konnte, was es war. Nicht besser oder schlechter als vorher, einfach anders. Ich würde sagen: eine ganz besondere Spannung, wie ein Knistern, mal schön, mal schmerzhaft. Am Ende ist es Rückblick und Vorschau zugleich. Ein würdiges Jubiläumsalbum. Und wer beim Hören dieser CD sehr aufmerksam ist, kann sehr viel über uns erfahren.
Olli, der Titeltrack eures aktuellen Albums „Memories In The Haze“ steht sinnbildlich für Erinnerungen an Schlachten, Verluste und überstandene Kämpfe. Wie viel davon ist reine Fantasy-Erzählung — und wie viel echte Bandbiografie steckt darin?
Olli: Nun, wir haben zwar schon immer über diese Themen geschrieben, aber es stimmt schon: Bei „Memories In The Haze“ sind viele unserer Erlebnisse mit eingeflossen. Unfassbar, was wir in über 30 Jahren Bandgeschichte alles erleben durften und mussten. Das macht das Lied so unglaublich emotional: erfüllte Träume, aber auch sehr schlimme und traurige Momente. Schaut uns in die Augen, wenn wir ihn live spielen, dann könnt ihr es vielleicht spüren.
Mit „Memories In The Haze“ seid ihr zu NRT-Records gewechselt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit, und wie erlebt ihr das Label bislang als neue Heimat für Minotaurus?
Olli: Ja, das stimmt. Auch das gehört zu den oben genannten Emotionen, denn jeder Abschied ist schwer. Wir wollten nicht wechseln, weil irgendetwas schiefgelaufen ist. Limb Music hat uns immer gut unterstützt und war ein verlässlicher Partner. Sonst hätten wir sicher nicht drei ganze Alben dort veröffentlicht. Wir sind auch für alles sehr dankbar, was Limb Music für uns in all den Jahren gemacht hat.Aber manchmal hat man einfach das Gefühl, dass eine Veränderung guttun würde und einem vielleicht auch neue Horizonte öffnen kann. Ein großes Risiko, da man nie weiß, ob man sich damit wirklich einen Gefallen tut. Nach langen Recherchen und Abwägungen der eigenen Möglichkeiten hat uns unser lieber Freund Franky Demon NRT-Records und seinen unermüdlichen Philipp Gottfried empfohlen.Wenn man bedenkt, wie er sich für uns ins Zeug gelegt hat und auch weiterhin legt, war es wohl die goldrichtige Entscheidung für uns. Denn wir haben noch viel vor. Und ich glaube, dass Philipp unsere Träume teilt, manchmal sogar noch mehr. Ein neues, spannendes Kapitel.
Clarissa, du hast mit „Lonely Prisoner“ einen der emotional dunkelsten Songs des Albums geschrieben und singst ihn auch federführend. Was war der persönliche oder künstlerische Auslöser für dieses beklemmende Bild eines Gefangenen zwischen Todesangst, innerer Leere und Hoffnung?
Clarissa: Der Text dieses Songs ist in einer Zeit entstanden, die für mich persönlich sehr schwer war. Ich war in mehreren Situationen gefangen, und durch das Schreiben, ob nun in Songtexten oder Gedichten, habe ich meine Emotionen zu Geschichten werden lassen.Auch wenn die Story des Songs nicht im Wesentlichen darstellt, was ich erlebt habe, zeigt sie dennoch, dass es für jede Person solche Zeiten gibt, in denen man keinen Ausweg sieht und versucht, sich darüber klar zu werden, ob Ausharren oder Davonlaufen die richtige Entscheidung ist. Genau diesen inneren Konflikt wollte ich darstellen. Das Ganze im Bild eines Verurteilten auf dem Weg zum Galgen passte sehr gut zur Szenerie unserer Banddarstellung.
Euer Album pendelt stark zwischen epischem Power Metal, Folk-Metal-Elementen, klassischer Lyrik und sehr persönlichen Momenten. Wie findet ihr als Sängerduo die Balance zwischen Theatralik, Härte und echter Emotionalität?
Clarissa: Als Duo an der Front sind wir nach mittlerweile über einem Jahrzehnt ein eingespieltes Team. Sowohl bei Proben als auch auf der Bühne finden wir meist ohne Worte die passende Einstellung für uns. Jeder Song beinhaltet eine andere Art Herzblut, und durch das gemeinsame Ausarbeiten haben wir natürlich auch jeden Song mit der Zeit angenommen und fühlen ihn beim Singen. Ob nun ein stählerner Kriegs-Track oder eine emotionale Ballade: Wir finden uns in den Song ein, weil wir ihn und uns kennen.Olli: Das hast du sehr schön gesagt, da gibt es fast nichts hinzuzufügen. Wir haben tatsächlich in den letzten Jahren unglaublich viel mit- und voneinander gelernt. Auf der Bühne, aber auch in den Proben, ist da eine wirklich großartige Verbindung entstanden. Die kann man nicht lernen oder erzwingen. Sie entsteht oder eben nicht. Dafür bin ich sehr dankbar.
Mit „Der Jüngling am Bache“ und „Sehnsucht“ greift ihr gleich zweimal Friedrich Schiller auf. Was reizt euch daran, klassische deutsche Lyrik in ein metallisches Gewand zu übertragen, und wo liegen dabei die größten Herausforderungen?
Olli: Da hat sich fast so etwas wie eine kleine Tradition bei uns entwickelt, he he. Wer uns kennt, weiß, dass wir schon sehr früh damit begonnen haben, Gedichte zu vertonen, siehe „Der Erlkönig“. Es macht einfach Spaß, diese alten, großartigen Klassiker aus einer anderen Zeit in neue Gewänder zu hüllen.Zu sehen, was sie in uns bewegen, wie wir sie interpretieren können, ohne den Sinn zu verändern, und was sie musikalisch aus uns hervorbringen: Das ist immer sehr spannend. Die Resultate sind mehr als zufriedenstellend. Da wird wohl noch einiges kommen.
Olli und Clarissa, euer Wechselgesang ist ein zentrales Markenzeichen von Minotaurus geworden. Wie entscheidet ihr, welche Passagen männlich, weiblich oder im Dialog funktionieren müssen?
Clarissa: Oftmals kristallisieren sich die Parts beim Schreiben eines Songs schon heraus. Spätestens beim Ausarbeiten mit der Band stellen wir fest, wo welcher Klang eingesetzt wird, was zum Storybuilding passt, als Unterstrich eingesetzt werden kann oder etwas vertieft. Es ist weniger ein Entscheiden, sondern eher ein Ausprobieren und Erspüren der Atmosphäre, die der Song geben soll.Olli: Ja, manchmal ist es die Story selbst, die sagt: Das ist ganz klar mein Part oder eben Claris. Dann gibt es Songs, die so deutlich auf eine Stimme oder Tonart zugeschnitten sind, dass sich die Frage gar nicht stellt. Es ist wirklich klasse, dass wir da so vielfältige Möglichkeiten haben. Das haben wir noch lange nicht ausgereizt.
„Coming Home“ verbindet Piraten-Atmosphäre, drohendes Unheil und am Ende eine Art spirituelle Läuterung. Was bedeutet „Heimkehr“ in diesem Song für euch — Rückkehr zu Gott, zur eigenen Wahrheit, zur Band oder vielleicht zu allem zugleich?
Clarissa: Als wir den Song ausgearbeitet haben, war ich tatsächlich örtlich weiter von der Band entfernt. Als er fertiggestellt war, war ich wieder in der Heimat. Nicht nur an einem Ort, an dem meine Freunde und Familie sind, sondern in einem Zuhause. Das ist zumindest meine Heimkehr: die Feststellung dessen, wohin man selbst gehört. Auch wir als Band haben damit verdeutlicht, dass wir unserem Stil treu bleiben, egal, wie windig es wird und wie viele Opfer es kostet. Am Ende kommen wir zu einem Ganzen zurück.Olli: Das bedeutet sicher für jeden etwas anderes. Für mich eher Odin als Gott oder eben einfach zu wissen, was man will und wo man hingehört. Ob im wahren Leben oder in der Musik, wie für uns. Gerade heute ist das eine sehr wichtige Sache, wie ich finde: Coming Home.
Das Video zu „Coming Home“ wurde deutlich aufwendig inszeniert. Wie wichtig ist euch heute noch das visuelle Erzählen, gerade bei einer Band, die schon immer stark über Figuren, Kostüme, Mythen und Bilder funktioniert hat?
Olli: Das ist ein ganz essenzieller Teil unserer Musik und Philosophie. Denn wir lieben es, den Zuhörer und auch live die Zuschauer mit auf unsere Reise zu nehmen. Die Geschichten, die wir erzählen, sollen miterlebt werden. Da hilft es unserer Meinung nach sehr, diese Videos zu drehen und live gewandet schon mal eine Vorstellung davon zu geben, was wir meinen.Die Reaktionen des Publikums und der Hörer geben uns da meistens recht. Obwohl es sicher auch einige gibt, denen das alles too much ist. Aber so sind wir, und so geht es auch weiter.
Mit „D.R.I.P.“ verabschiedet ihr den „Lonely Dwarf“, eine Figur, die Minotaurus lange begleitet hat. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt, dieses Kapitel endgültig zu schließen?
Olli: Na ja, haben wir das? Ja, so sieht es wohl aus. Vielleicht aber auch nicht. In der Fantasy und gerade bei uns ist fast alles möglich. Verdient hätte er es schon, denn er dient uns schon sehr lange. Und irgendwie hat das zu diesem Album gepasst. Es ist ja auch ein starker Song, der Tiefe verdient.
„Proud Kings Of Avalon“ spielt augenzwinkernd mit Online-Rollenspielen und digitalem Eskapismus. Olli, wie kritisch oder liebevoll blickst du selbst auf diese Flucht in virtuelle Heldenwelten?
Olli: Da bin ich selbst sehr lange mittendrin gewesen. Von den Anfängen mit D&D, Midgard, Tabletop, PC- und Konsolenspielen habe ich wirklich jede Menge ausprobiert und auch länger gezockt. Einige Jahre lang bin ich sogar bei Live-Rollenspielen auf Burgen und in deutschen Wäldern herumgefallen, um Orks und Riesen zu erschlagen. Das war eine herrliche Zeit.Aber ich habe auch die Gefahren geschnuppert, die leider gerade beim Online-Spielen lauern. Pay-to-win-Games, in denen es fast unmöglich ist, voranzukommen oder ganz an der Spitze mitzuspielen, ohne viel reales Geld zu investieren. Wenn man da nicht gefestigt im Leben steht, ist die Gefahr leider groß, dass es unschön wird und man das Maß verliert.Nur darauf wollte ich in dem Song hinweisen. Nicht, dass es generell verwerflich wäre. Ich habe nach wie vor gelegentlich Spaß daran. Ich fände es super, auch musikalisch da mal etwas beizusteuern. Material wäre genug da. Also Gaming-Studios: einfach melden! Ha ha ha.
Mit „Tears Of A Hero“ habt ihr einen Bandklassiker neu interpretiert. Was musste an diesem Song unangetastet bleiben, und wo wolltet ihr bewusst eine neue emotionale Tiefe hineinlegen?
Clarissa: Der Song war schon ein Diamant, bevor er neu aufgelegt wurde. Er bringt alles mit: Emotionalität im Text, bewegende Instrumentalparts und einen Gesang, der hin- und hergerissen scheint zwischen Erleichterung und Verzweiflung.Mit der Neuauflage wollten wir den Diamanten etwas schleifen. Aus einer alten Aufnahme formten wir eine moderne, klar klingende Aufnahme. Mit Streichern und ein paar Parts, die ich dazugegeben habe, brachten wir Kontrast mit ein, der vorher zwar vorhanden, aber nicht so deutlich war. Olli und ich bilden stimmlich immer irgendwie zwei Welten. Ohne dass ich viel übernommen habe, wollte ich dennoch die Zerrissenheit hervorheben.
Außer Olli und Clarissa wurde die Besetzung inzwischen neu aufgestellt. So direkt nach Erscheinen des Albums: Was ist passiert, und wie fühlt es sich an, mit einer neuen Mannschaft in die nächste Phase von Minotaurus zu gehen, ohne dabei die Identität der Band zu verlieren?
Clarissa: Nach so vielen Jahren Bandgeschichte war es bloß eine Frage der Zeit, bis das erste Buch abgeschlossen ist. Irgendwann stand der Wind still, und eine neue Brise wird den zweiten Band dieser Geschichte neu aufleben lassen. Der rote Faden bleibt bestehen, darum kümmern sich Olli und ich. Es muss einfach passen. Und genau das tut es auch mit der neuen Crew.Olli: Ja, das wirkt für Außenstehende sicher kurios, gerade der Zeitpunkt. Aber so ist das Leben, und das muss man akzeptieren. Dass irgendwann die Interessen auseinandergehen oder man eben nicht weiter gemeinsam die gleichen Visionen hat. Solange man das respektvoll tut, ist alles in bester Ordnung.Clari und ich waren uns sicher, dass dies noch lange nicht das Ende ist. Wenn man dann das Glück hat, solch grandiose neue Mitstreiter zu finden, war es vielleicht sogar ein großes Glück. Es kommt ein neues, aufregendes Kapitel für Minotaurus. Da sind wir einer Meinung. Holla die Waldfee!
Am 1. August 2026 steht ihr auf der Wackinger Stage beim Wacken Open Air. Was bedeutet dieser Auftritt für euch nach über drei Jahrzehnten Bandgeschichte — eher Ritterschlag oder Herausforderung?
Olli: Na beides, ganz klar. Welcher Metaller hat sich das noch nicht vorgestellt, auf dem Holy Ground selbst zu spielen? Welch ein Ritterschlag. Und diese Herausforderung nehmen wir sehr gerne an.Wir hatten in über 30 Jahren Bandgeschichte so einige denkwürdige Auftritte und Herausforderungen, die allermeisten darunter sehr erfolgreich. Wir bringen den Stier nach Norden, und das wird die Wackinger Stage zum Beben bringen. Das wird sicher unvergesslich. Wir sind bereit! Zwo, drei, vier, H…
Zum Abschluss möchten wir uns nochmals herzlich für das Interview bedanken. Die letzten Worte gehören euch: Was möchtet ihr euren Fans, Wegbegleitern und allen, die „Memories In The Haze“ gerade erst entdecken, mit auf den Weg geben?
Clarissa: Für alle da draußen, die nach Hause kommen, die etwas durchleben, was einer Geschichte würdig ist: Schreibt eure Geschichte weiter. Lasst euch gerne von unserer Musik begleiten und geht euren Weg. Danke an alle, die das schon tun und uns, auf welche Art auch immer, unterstützen. Horns up und Holla die Waldfee!Olli: Danke für über 30 Jahre Gefolgschaft oder Wegbegleitung. Wir sind noch lange nicht am Ende angekommen. Gebt „Memories In The Haze“ mehrere Rotationen Zeit, bei euch zu zünden, denn es steckt vieles noch in den Tiefen der Songs, das ihr entdecken könnt. Augen zu und los geht’s. Wir sehen uns. Holla Die Waldfee





