Citrinitas - Telestic Ekstasis - cover Artwork

Band: Citrinitas 🇫🇮
Titel: Telestic Ekstasis
Label: Caligari Records
VÖ: 26.06.2026
Format: Kassette / Digital
Genre: Death Doom / Black Metal / Experimental Metal

Tracklist

01. The Infernal Hunt
02. Stella Signata
03. Telestic Ekstasis

Besetzung

Die Identitäten und instrumentalen Rollen der beteiligten Musiker wurden nicht öffentlich bekannt gegeben.

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Manche Veröffentlichungen wollen keine gewöhnlichen Songs präsentieren, sondern einen Zustand erschaffen, in dem Zeit, Struktur und räumliche Orientierung langsam ihre Bedeutung verlieren. Zu dieser Kategorie gehört »Telestic Ekstasis«, das zweite Demo des anonym auftretenden finnischen Projekts Citrinitas. Veröffentlicht wurde das knapp über 16 Minuten lange Werk über Caligari Records, wo bereits das im Januar erschienene Debüt »Unending Descent« eine passende Heimat gefunden hatte. Hinter dem erneut aus drei Kompositionen bestehenden Nachfolger steckt eine eigenwillige Verbindung aus Death Doom, verschobenem Black Metal, psychedelischen Klangflächen und geräuschhaften Elementen. Die Gitarren spielen keine klassischen Strophen- und Refrainstrukturen aus, sondern bewegen sich in wiederkehrenden Kreisläufen. Verhallte Stimmen dringen nur schemenhaft durch den Mix, während das Schlagzeug die Musik weniger vorantreibt, als sie in einem schwebenden Zwischenzustand festzuhalten. Der Titel lässt sich sinngemäß als rituelle oder initiatorische Ekstase verstehen. Genau danach klingt diese Aufnahme: wie ein Übergangsritus, bei dem sich das eigene Bewusstsein langsam auflöst und einer gleichermaßen strahlenden wie beängstigenden Erkenntnis Platz macht.

Albumstream

DIE INFERNALISCHE JAGD BEGINNT

»The Infernal Hunt« eröffnet die Veröffentlichung nicht mit einem unmittelbar erkennbaren Gitarrenriff, sondern mit vereinzelten Schlägen, Rückkopplungen und undeutlichen Geräuschen. Die Instrumente scheinen zunächst aus großer Entfernung zu kommen. Erst allmählich bildet sich aus dem diffusen Klangbild eine wiederkehrende Death-Doom-Figur, die sich schwerfällig durch den Hall bewegt. Die Gitarren besitzen keine scharfen Konturen. Sie wirken eher wie massive Schatten, deren Umrisse durch den dichten Raumklang permanent verwischt werden.

Das zentrale Riff ist vergleichsweise einfach aufgebaut, entfaltet durch seine Wiederholungen jedoch eine hypnotische Wirkung. Citrinitas setzen nicht auf technische Fingerfertigkeit oder komplizierte Taktwechsel. Die Wirkung entsteht aus Geduld, kontrollierter Monotonie und dem bewussten Verzicht auf eine klare Auflösung. Einzelne Akkorde werden so lange in den Raum gestellt, bis sie ihren ursprünglichen Charakter verlieren und nur noch als dröhnende Bewegung wahrgenommen werden.

Das Schlagzeug hält die Komposition zusammen, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Trockene Schläge und sparsam eingesetzte Becken bilden ein stabiles Gerüst, über dem Gitarren, Rückkopplungen und Stimmen ineinanderlaufen. Die Rhythmik wirkt behäbig, aber nicht unpräzise. Jeder Schlag sitzt an der vorgesehenen Stelle, selbst wenn die verhallte Produktion den Eindruck erweckt, als würde die gesamte Musik durch einen unterirdischen Gang dringen.

Die Stimmen sind tief im Hintergrund platziert. Statt verständliche Aussagen zu transportieren, fungieren sie als zusätzliche Klangschicht. Heisere Schreie, gequälte Laute und beinahe körperlose Ausbrüche kämpfen gegen die Gitarren an, können sich jedoch niemals vollständig aus deren Masse befreien. Dadurch entsteht keine gewöhnliche Gesangsleistung, sondern der Eindruck, als würde jemand innerhalb der Musik eingeschlossen um Aufmerksamkeit ringen.

»The Infernal Hunt« ist damit weniger eine Jagd im schnellen oder aggressiven Sinne. Das Stück beschreibt vielmehr ein unausweichliches Verfolgtwerden. Die Musik rennt niemandem hinterher. Sie wartet geduldig, bis sich ihre Beute erschöpft hat.

UNTER GEZEICHNETEN STERNEN

Mit »Stella Signata« verändert sich die Stimmung deutlich. Die Gitarren treten zunächst zurück und machen Platz für eine geisterhafte, beinahe an Dungeon Synth erinnernde Melodik. Der Klang wirkt heller und weiter als im Opener, ohne seine Fremdartigkeit zu verlieren. Für einen kurzen Moment scheint sich der dichte Nebel zu öffnen. Dahinter wartet jedoch keine Erlösung, sondern eine seltsam entrückte Landschaft.

Der Titel bedeutet sinngemäß „gezeichneter“ oder „gekennzeichneter Stern“. Musikalisch passt diese Vorstellung ausgezeichnet. Einzelne Melodien leuchten aus dem gedämpften Gesamtbild hervor, bleiben aber stets von Hall und Rauschen umgeben. Die Komposition besitzt eine melancholische Qualität, die im bisherigen Schaffen von Citrinitas vergleichsweise zugänglich erscheint. Die Melodik ist nachvollziehbarer, die Gitarren wirken weniger erdrückend und der Rhythmus bewegt sich mit größerer Leichtigkeit.

Trotzdem bleibt »Stella Signata« weit von gewöhnlichem melodischem Black Metal entfernt. Die Tonfolgen werden nicht zu einem großen Spannungsbogen ausgebaut, sondern kreisen erneut um wenige Motive. Die Musik scheint sich an eine Erinnerung heranzutasten, die nicht mehr vollständig rekonstruiert werden kann. Einzelne Passagen wirken beinahe warm, doch gerade diese unerwartete Wärme erzeugt innerhalb der Veröffentlichung ein Gefühl der Unsicherheit.

Auch das Schlagzeug arbeitet zurückhaltender. Es begleitet die schwebenden Melodien mit einem gleichmäßigen Puls und verzichtet weitgehend auf aggressive Ausbrüche. Dadurch entsteht ein kurzer Ruhepunkt zwischen den beiden massiveren Kompositionen. Die Nummer wirkt wie ein Durchgang zwischen zwei Zuständen: Der infernalischen Jagd des Openers folgt ein Moment schwereloser Orientierungslosigkeit, bevor der abschließende Titeltrack sämtliche Konturen erneut auflöst.

Mit weniger als vier Minuten ist »Stella Signata« das kürzeste Stück. Gleichzeitig besitzt es die größte melodische Klarheit. Die Komposition deutet an, dass hinter der bewusst verschmutzten Oberfläche durchaus ein ausgeprägtes Gespür für Atmosphäre und emotionale Wirkung steckt. Allerdings bleibt die Idee eher eine Skizze als eine vollständig ausgearbeitete Entwicklung. Gerade deshalb funktioniert sie innerhalb des Demos: Der flüchtige Charakter gehört zum Konzept.

EKSTASE DES ZERFALLS

Der abschließende Titelsong »Telestic Ekstasis« beansprucht beinahe sieben Minuten und bildet das eigentliche Zentrum der Veröffentlichung. Die Musik kehrt zum schweren Tempo des Openers zurück, klingt jedoch noch entrückter. Gitarren, Stimmen und Schlagzeug werden von einem dichten Schleier überzogen, unter dem einzelne Details nur schwer zu unterscheiden sind. Statt eines klaren Beginns scheint die Komposition bereits vor dem ersten hörbaren Ton existiert zu haben.

Das zentrale Gitarrenmotiv bewegt sich in einem langsamen Kreislauf. Es erreicht keinen eindeutigen Zielpunkt, sondern beginnt immer wieder von vorn. Diese Struktur vermittelt den Eindruck eines schwarzen Lochs, das die Musik fortlaufend in sich selbst zurückzieht. Jede Wiederholung klingt vertraut, scheint durch den Hall aber aus einer leicht veränderten Entfernung zu kommen. Das Riff wird dadurch weniger zu einer Abfolge bestimmter Noten als zu einer Oberfläche, an der sich die Wahrnehmung festhält.

Die Stimmen sind noch tiefer im Klangbild vergraben als zuvor. Teilweise lassen sie sich kaum von den Rückkopplungen und Gitarrenschichten unterscheiden. Gerade diese Entscheidung verstärkt das Gefühl von Selbstauflösung. Die menschliche Stimme besitzt keine beherrschende Position mehr. Sie wird von der Musik aufgenommen, zersetzt und als unkenntliche Energie wieder ausgespuckt.

In der zweiten Hälfte treten geräuschhafte und dissonante Elemente stärker hervor. Sie führen jedoch nicht zu einem klassischen Höhepunkt. Stattdessen löst sich die Komposition zunehmend auf. Die Musik erscheint wie die akustische Darstellung sterbender Sterne, in deren Überresten bereits neue, ebenso zum Untergang bestimmte Gebilde entstehen. Das Ende bietet keine Erlösung und keinen endgültigen Akkord, der die vorherige Spannung auflösen würde. Es bleibt lediglich das Gefühl, dass der Kreislauf außerhalb der Aufnahme weitergeht.

Der Titeltrack ist der stärkste Moment des Demos, weil Form, Produktion und thematische Ausrichtung besonders eng miteinander verbunden sind. Gleichzeitig zeigt er die Grenzen des Ansatzes. Wer eine klare Steigerung, markante Tempowechsel oder einen dramatischen Abschluss erwartet, wird die konsequente Wiederholung als zäh empfinden. Citrinitas verlangen, dass man sich auf den Stillstand einlässt. Nicht jede Passage besitzt genug innere Bewegung, um diesen Anspruch über die gesamte Laufzeit einzulösen.

DIE PRODUKTION ALS EIGENES INSTRUMENT

Die verhallte Lo-Fi-Produktion ist nicht bloß eine Frage des Budgets oder nostalgische Underground-Dekoration. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Kompositionen. Würden Gitarren, Schlagzeug und Stimmen sauber voneinander getrennt, verlöre »Telestic Ekstasis« einen erheblichen Teil seiner Wirkung. Die Musik lebt davon, dass Grenzen verschwimmen und sich Instrumente gegenseitig verschlucken.

Die Gitarren besitzen eine weiche, stark gedämpfte Oberfläche. Ihre tiefen Frequenzen erzeugen Druck, während die höheren Bestandteile häufig im Hall verschwinden. Das reduziert zwar die unmittelbare Schlagkraft der Riffs, schafft aber eine bemerkenswerte räumliche Tiefe. Manche Akkorde wirken, als würden sie aus einem angrenzenden Raum erklingen. Andere scheinen direkt innerhalb des Kopfes zu entstehen.

Das Schlagzeug bleibt vergleichsweise trocken und bildet den notwendigen Gegenpol. Ohne diesen stabilen Puls würden die drei Stücke vollständig in ihren eigenen Klangflächen versinken. Die Drums dienen nicht der technischen Selbstdarstellung, sondern markieren die Grenzen des jeweiligen Tempos. Blastbeats oder schnelle Doublebass-Figuren spielen kaum eine Rolle. Citrinitas setzen auf Schwere, Wiederholung und das kontrollierte Aushalten einzelner Bewegungen.

Die im Hintergrund liegenden Stimmen sind konsequent als Textur behandelt. Das funktioniert atmosphärisch ausgezeichnet, erschwert jedoch den emotionalen Zugang. Da weder Worte noch individuelle Merkmale klar hervortreten, bleibt der Gesang abstrakt. Diese Anonymität passt zum geheimnisvollen Auftreten des Projekts, verhindert aber zugleich, dass sich einzelne Passagen stärker einprägen.

Das Artwork von Endlessvastmystrium greift die verschwommene, kosmische und rituelle Wirkung der Musik angemessen auf. Es erklärt nichts, sondern erweitert das Rätsel. Genau diese Haltung zieht sich durch die gesamte Veröffentlichung: Citrinitas liefern keine biografischen Informationen, keine namentlich bekannte Besetzung und keine eindeutigen Antworten. Die Musik soll für sich allein stehen.

ATMOSPHÄRE STATT KLASSISCHER SONGENTWICKLUNG

Im Vergleich zu »Unending Descent« wirkt das zweite Demo etwas zugänglicher. Die zentralen Motive sind deutlicher zu erkennen, während »Stella Signata« sogar eine überraschend melodische Seite offenbart. Gleichzeitig bleibt die Musik fremdartig. Death Doom, Black Metal, Noise und psychedelische Klanggestaltung werden nicht sauber voneinander getrennt, sondern zu einer bewusst unscharfen Masse verbunden.

Die größte Stärke liegt in der Atmosphäre. Bereits nach wenigen Sekunden entsteht ein unverwechselbarer Raum, der gleichermaßen unterirdisch, kosmisch und traumartig wirkt. Die drei Stücke lassen sich problemlos als zusammenhängende Bewegung hören. Übergänge und wiederkehrende Produktionsmerkmale sorgen dafür, dass das Demo trotz unterschiedlicher Schwerpunkte geschlossen erscheint.

Genau diese Geschlossenheit kann allerdings auch als Gleichförmigkeit wahrgenommen werden. Viele Riffs basieren auf kurzen, wiederholten Figuren. Das Schlagzeug bleibt über längere Abschnitte in einer stabilisierenden Rolle, und die Stimmen verändern ihre Position innerhalb des Mixes kaum. Die Musik wächst daher nicht immer durch neue kompositorische Ereignisse. Sie vertieft vielmehr denselben Zustand.

Dieser Ansatz funktioniert über 16 Minuten wesentlich besser, als er es vermutlich auf einem vollständigen Album von 40 oder 50 Minuten tun würde. Innerhalb des kompakten Formats bleibt die Spannung größtenteils erhalten. Trotzdem hätten einzelne rhythmische Brüche oder deutlichere Veränderungen der Gitarrenarbeit den Kompositionen zusätzliche Dynamik gegeben. Besonders der Titeltrack besitzt ausreichend Substanz, um neben seiner hypnotischen Wiederholung auch stärkere Kontraste zu vertragen.

FAZIT:

»Telestic Ekstasis« ist ein eigenwilliges zweites Demo, auf dem Citrinitas Death Doom, Black Metal und geräuschhafte Klanggestaltung zu einem verhallten Ritual verbinden. »The Infernal Hunt« überzeugt mit schwerer, geduldiger Bedrohlichkeit, während »Stella Signata« eine unerwartet melodische und beinahe traumartige Zwischenwelt öffnet. Der abschließende Titeltrack bündelt die Stärken des Projekts und erzeugt mit kreisenden Gitarren, fernen Stimmen und kosmischer Auflösungsstimmung den intensivsten Moment der Veröffentlichung. Die dichte Atmosphäre ist bemerkenswert, doch die geringe dynamische Entwicklung und die häufige Wiederholung weniger Motive verhindern eine höhere Wertung. Als kompakte, bewusst rätselhafte Reise in einen Zustand zwischen Selbstauflösung und schrecklicher Klarheit funktioniert das Demo dennoch ausgesprochen gut.

Citrinitas – The Infernal Hunt – Caligari Records

Internet

Citrinitas - Telestic Ekstasis - Tape Review

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