Tracklist
01. ENEMY
02. OUBLIETTE
03. L’ETAT
04. VAMPYR
05. YOÜ
06. OUTERNATIONAL INTERVENTION
07. A OKAY
08. STRAY BULLET 2.0
09. CATCH & KILL
10. GUN QUARTER SUE
11. THE SECOND COMING
Besetzung
Sascha „Käpt’n K“ Konietzko – Gesang, Synthesizer, Programmierung, Produktion
Lucia Cifarelli – Gesang und Songwriting
Andy Selway – Schlagzeug und Perkussion
Tidor Nieddu – Gitarre
Annabella Konietzko – Gesang und Songwriting auf „YOÜ“
Es gibt Bands, die nach vier Jahrzehnten nur noch ihre eigene Vergangenheit verwalten. Und es gibt KMFDM. Mit »ENEMY« beweist die Industrial-Institution um Sascha „Käpt’n K“ Konietzko und Lucia Cifarelli, dass der berühmte Ultra Heavy Beat auch 2026 nicht museal klingt, sondern weiterhin mit Stahlkappe, Synthesizer, Gitarrenriff und politischem Stachel nach vorne tritt. Das Album ist kein nostalgisches Rückschauprogramm, sondern ein kompakter, bissiger und überraschend vielseitiger Klang Kosmos, in dem Industrial Rock, Electro-Industrial, Metal-Riffing, Dub, Funk, Gothic-Schattierungen und clubtaugliche Maschinenrhythmik sehr bewusst ineinandergreifen. Gerade im Sounddesign zeigen sich KMFDM nicht nur als Komponisten, sondern wie eh und je als Sound Designer: Jeder Beat sitzt wie ein mechanischer Bolzen, jede Gitarrenspur wirkt wie ein zusätzlicher Panzerplattenaufsatz, jede Stimme erfüllt eine klare dramaturgische Funktion.
Auffällig ist, wie kraftvoll »ENEMY« produziert ist. Der Sound drückt, ohne alles plattzuwalzen. Die Elektronik ist nicht bloß Hintergrundtapete, sondern ein eigenständiges architektonisches Element. Synthflächen, Sequencer, Samples, Effekte und digitale Störgeräusche bilden ein Gerüst, auf dem die Gitarren von Tidor Nieddu ihre schneidenden Linien ziehen. Andy Selway sorgt für körperliche Wucht, während Konietzko und Cifarelli die bekannten KMFDM-Gegensätze aus Parole, Melodie, Sarkasmus und Angriffslust in neue Formen bringen. Dazu kommt mit Annabella Konietzko eine frische Stimme, die auf »YOÜ« einen anderen, persönlicheren Ton in das Album trägt. Textlich geht es um Feindbilder, Machtmissbrauch, Entmenschlichung, Überwachung, autoritäre Systeme, mediale Gewalt, Eskapismus und die Frage, wie man in einer hysterischen Gegenwart überhaupt noch Haltung bewahrt. KMFDM zitieren dabei keine simple Protestpose, sondern bauen aus Schlagwort, Ironie und Klangdruck einen eigenen politischen Resonanzraum.
DER FEIND ALS SPIEGEL
Der Titeltrack »ENEMY« eröffnet das Album mit jener Mischung aus Ansage, Groove und elektronischer Verdichtung, die KMFDM seit Jahrzehnten von vielen Industrial-Kollegen unterscheidet. Die Nummer marschiert nicht einfach los, sondern baut sich wie ein Systemstart auf: Bassimpuls, Maschinenpuls, Gitarrenstich, Stimme. Konietzko klingt dabei nicht wie ein alternder Frontmann, der noch einmal Parolen aus dem Archiv holt, sondern wie ein Kommentator, der die Gegenwart mit trockenem Zorn vermisst.
Inhaltlich funktioniert der Song als Standortbestimmung. Der Feind ist hier nicht nur eine äußere Figur, sondern auch ein gesellschaftliches Konstrukt. Wer wird zum Gegner erklärt? Wer profitiert davon? Und wann wird Widerstand selbst zum letzten Mittel, um überhaupt noch Haltung zu zeigen? KMFDM verpacken diese Fragen nicht in akademische Sprache, sondern in einen kompakten Industrial-Rock-Track mit Haken, Druck und eindeutiger Körpersprache.
Besonders stark ist das Sounddesign. Die Gitarren sind nicht bloß Metal-Zugabe, sondern werden wie rhythmische Werkzeuge eingesetzt. Sie schneiden in den Beat, verdoppeln einzelne Betonungen und lassen den Song kantiger wirken. Darunter arbeitet ein elektronisches Fundament, das gleichzeitig old-schoolig und modern klingt. Kein billiges Retro-Gehabe, sondern bewusst gesetzte KMFDM-DNA.
Der Refrain sitzt, der Groove drückt, die Produktion lässt genügend Raum für jedes Element. Genau so muss ein Opener funktionieren: sofort erkennbar, sofort körperlich, sofort KMFDM.
OUBLIETTE: DER KELLER DER GESELLSCHAFT
»OUBLIETTE« gehört zu den stärksten Songs des Albums. Der Begriff bezeichnet ein Verlies, aus dem man nicht einfach entkommt, und KMFDM machen daraus eine schneidende Metapher für Entrechtung, Ausgrenzung und staatlich oder gesellschaftlich legitimierte Entmenschlichung. Der Song wirkt dadurch nicht nur düster, sondern sehr konkret. Es geht um Menschen, die in Systeme gestoßen werden, deren Architektur auf Vergessen basiert.
Lucia Cifarelli dominiert die Nummer mit enormer Präsenz. Ihre Stimme gleitet nicht über den Beat, sondern führt ihn. Sie bringt Melodie, Schärfe und emotionale Tiefe in einen Track, der sonst leicht zu rein mechanischer Härte hätte werden können. Konietzkos ergänzende Passagen setzen dagegen den vertrauten KMFDM-Kommandoton und verankern die Nummer fest im Bandkosmos.
Musikalisch sitzt »OUBLIETTE« zwischen Industrial Rock, Gothic-Elektronik und metallischer Attacke. Die Synths sind kalt, aber nicht steril. Die Gitarren treiben, ohne den Song zu überladen. Der Beat ist tanzbar, wirkt aber niemals harmlos. Genau diese Doppelfunktion beherrschen KMFDM meisterhaft: Musik für den Club, aber mit politischem Widerhaken.
Im Klang Kosmos des Albums ist »OUBLIETTE« einer der zentralen Fixpunkte. Der Track zeigt, wie stark KMFDM 2026 sind, wenn Melodie, Botschaft und Maschinenrhythmik vollständig ineinandergreifen.
L’ETAT UND DIE GEWALT DER MASCHINE
Mit »L’ETAT« zieht das Album deutlich härter an. Schon der Titel verweist auf Staat, Struktur, Kontrolle und Machtapparat. KMFDM übersetzen diese Idee in einen Song, der wie eine schwer gepanzerte Maschine wirkt. Das Riffing ist massiver, der Groove bulliger, die gesamte Nummer besitzt mehr Industrial-Metal-Kante als viele andere Stücke des Albums.
Tidor Nieddu setzt hier ein deutliches Ausrufezeichen. Seine Gitarrenarbeit verleiht dem Track eine zusätzliche physische Ebene. Die Riffs sind nicht überkompliziert, aber sehr wirkungsvoll gesetzt. Sie erinnern daran, dass KMFDM immer dann besonders stark sind, wenn Elektronik und Gitarre nicht gegeneinander arbeiten, sondern dieselbe Schneise schlagen.
Textlich lässt sich »L’ETAT« als Auseinandersetzung mit autoritärem Denken, institutioneller Härte und der kalten Sprache der Macht lesen. Die französische Färbung verleiht dem Stück zusätzliche Distanz und Eleganz, ohne die Aggression zu entschärfen. Es klingt, als würde ein Verwaltungsapparat plötzlich Zähne zeigen.
Der Song ist einer der schwersten Momente der Platte. Er beweist, dass KMFDM den Metal-Anteil nicht nur als Dekor einsetzen. Hier knirscht der Stahl tatsächlich.
VAMPYR: BLUTSAUGER IM NEONLICHT
»VAMPYR« bringt Funk, dunklen Groove und eine fast körperliche Bedrohung zusammen. Der Vampir erscheint hier weniger als klassisches Horrorwesen, sondern als Bild für Ausbeutung, Sucht, Manipulation und parasitäre Beziehungen. KMFDM halten das bewusst mehrdeutig. Der Song kann politisch, persönlich oder medial gelesen werden. Genau dadurch gewinnt er an Reiz.
Lucia Cifarelli liefert eine starke Performance. Ihre Vocals sind energisch, scharf und zugleich melodisch geführt. Der Refrain hat Biss, die Strophen rollen mit finsterem Schwung. Darunter arbeitet ein Groove, der beinahe funky wirkt, aber durch die Industrial-Produktion sofort verdunkelt wird. Das ist kein Disco-Zitat, sondern ein Nachtclub mit Stahlträgern und flackernden Warnlampen.
Das Sound Design ist hier besonders fein. Kleine elektronische Details, Filterbewegungen und rhythmische Verschiebungen lassen den Track ständig pulsieren. Es passiert mehr, als der erste Durchlauf vermuten lässt. Die Band baut keine Wand, sondern ein bewegliches Klangsystem.
»VAMPYR« ist einer dieser Songs, die zeigen, weshalb KMFDM nach so langer Zeit immer noch relevant klingen. Die Band kennt ihre Werkzeuge, aber sie setzt sie nicht mechanisch ein. Hier wird gebaut, geschichtet, geschnitten und verschoben.
YOÜ: EIN ANDERES FENSTER IM BETON
»YOÜ« ist der auffälligste Perspektivwechsel auf »ENEMY«. Annabella Konietzko übernimmt hier eine zentrale Rolle und bringt eine andere Wärme, eine andere Verletzlichkeit und eine andere melodische Farbe in das Album. Der Song fällt nicht aus dem Rahmen, öffnet aber ein neues Fenster innerhalb dieses ansonsten sehr schlagkräftigen Industrial-Gefüges.
Während viele Tracks des Albums mit Parole, Angriff und gesellschaftlichem Blick arbeiten, wirkt »YOÜ« persönlicher. Es geht um Nähe, Selbstbild, emotionale Projektion und die Spannung zwischen Anziehung und Distanz. Der Text lässt sich als innere Auseinandersetzung lesen, nicht als reine Kampfansage. Gerade deshalb ist der Song wichtig.
Musikalisch setzen KMFDM auf schwere Beats, schwebende Synths und eine deutlich weichere Gesangslinie. Diese Weichheit bedeutet aber nicht Schwäche. Sie erweitert den Klang Kosmos. Annabellas Stimme sitzt wie ein Kontrastlicht zwischen den massiven Strukturen. Sascha und Lucia rahmen den Song, ohne ihn an sich zu reißen.
»YOÜ« ist kein typischer KMFDM-Brecher, aber ein sehr gelungenes Stück Sounddramaturgie. Es zeigt, dass die Band auch im Spätwerk neue Stimmen und neue emotionale Räume zulassen kann, ohne ihre Identität zu verlieren.
OUTERNATIONAL INTERVENTION: SATIRE MIT STRAHLENKANONE
»OUTERNATIONAL INTERVENTION« spielt mit Science-Fiction, politischer Groteske und der alten Frage, ob die Menschheit sich vielleicht nur noch durch Eingreifen von außen retten ließe. Der Song wirkt absurd, aber nicht beliebig. Hinter der alienhaften Oberfläche steckt eine bissige Satire auf globale Konflikte, militärische Logik und die lächerliche Selbstüberschätzung politischer Systeme.
Musikalisch ist das Stück einer der unterhaltsamsten Momente des Albums. Der Beat treibt, die Synths blinken in grellen Farben, und die Gitarren setzen kurze, harte Akzente. KMFDM gelingt hier der Spagat zwischen Humor und Härte. Der Song hat eine fast comicartige Energie, kippt aber nie in Albernheit.
Konietzkos Vortrag passt perfekt zu dieser Mischung. Er klingt trocken, spöttisch und vollständig souverän. Lucia Cifarelli ergänzt die Struktur mit zusätzlicher Dynamik. Der Track ist nicht der tiefste Moment des Albums, aber einer der charakterstärksten. Er erinnert daran, dass KMFDM nie eine Band waren, die politische Schärfe mit völliger Humorlosigkeit verwechselt.
Im Albumfluss bringt »OUTERNATIONAL INTERVENTION« eine willkommene grelle Farbe. Ein Industrial-Sci-Fi-Kommentar mit Tanzflächenmotor und schiefem Grinsen.
A OKAY: TANZEN IM SYSTEMFEHLER
»A OKAY« wirkt zunächst leichter, fast spielerisch. Doch gerade dieser Kontrast macht den Song spannend. Unter der poppigeren Oberfläche lauert das Gefühl, dass hier jemand den eigenen Kontrollverlust mit einem künstlichen Lächeln überklebt. Der Titel klingt nach Beschwichtigung, die Musik nach einer blinkenden Benutzeroberfläche kurz vor dem Absturz.
Der Track arbeitet stärker mit Synthpop- und Electro-Elementen. Der Beat ist weniger metallisch, die Melodien wirken zugänglicher, und der gesamte Song besitzt einen helleren Farbton. Dennoch bleibt das Sounddesign eindeutig KMFDM. Die Elektronik ist kantig, die Produktion druckvoll, die Rhythmik stabil. Nichts wirkt weichgespült.
Gerade im Kontext des Albums ist »A OKAY« wichtig. Nach den martialischeren Songs öffnet er einen anderen Raum, ohne den roten Faden zu verlieren. KMFDM zeigen, dass Widerstand nicht immer im breitbeinigen Riff beginnen muss. Manchmal steckt die bitterste Aussage in einem Song, der beinahe zu freundlich wirkt.
Das Stück ist kein Hauptargument des Albums, aber ein clever gesetzter Farbtupfer. Es erweitert den Klangkosmos und sorgt dafür, dass »ENEMY« nicht in monotone Härte verfällt.
STRAY BULLET 2.0: DUB IM INDUSTRIAL-SCHATTEN
»STRAY BULLET 2.0« ist mehr als eine bloße Neuauflage. KMFDM nehmen ein bekanntes Motiv aus der eigenen Vergangenheit und verschieben es in einen dubby, entspannteren, aber keineswegs harmlosen Raum. Statt frontaler Industrial-Attacke gibt es hier Hallräume, Offbeat-Gefühl, tiefe Bassbewegungen und eine fast rauchige Atmosphäre.
Inhaltlich bleibt das Thema brisant: Waffen, Gewalt, Projektion und das gefährliche Begehren nach Kontrolle. Der Song wirkt in dieser Version weniger wie ein direkter Angriff und mehr wie eine nachträgliche Betrachtung der Ruinen. Die Kugel ist bereits geflogen, der Rauch hängt noch in der Luft, und die Konsequenzen bleiben zurück.
Das Sound Design ist ausgezeichnet. Die Dub-Elemente sind nicht aufgesetzt, sondern organisch in die KMFDM-Ästhetik eingebunden. Bass, Hall, Echo und elektronische Details erzeugen einen anderen Bewegungsmodus. Der Song rollt, statt zu marschieren. Er lässt Raum, statt alles zu pressen.
Nicht jeder Fan wird diese Version zwingend brauchen, doch innerhalb des Albums funktioniert sie überraschend gut. Sie zeigt, dass KMFDM ihr eigenes Material nicht ehrfürchtig konservieren, sondern neu verkabeln können.
CATCH & KILL: JAGDMECHANIK UND MEDIENRAUSCHEN
»CATCH & KILL« führt das Album zurück in dunklere Industrial-Grooves. Der Titel legt Deutungen in Richtung Machtmissbrauch, Informationskontrolle, mediale Manipulation und gezielte Ausschaltung unbequemer Stimmen nahe. KMFDM bauen daraus keinen plumpen Verschwörungssoundtrack, sondern einen drückenden Track über Jagd, Verschweigen und Systemerhalt.
Musikalisch besitzt die Nummer eine schattige, beinahe lauernde Qualität. Der Beat ist kontrolliert, die Gitarren treten dosiert auf, und die Elektronik erzeugt eine untergründige Spannung. Gerade hier zeigt sich die Stärke der Band als Sound Designer. Kleine Geräusche, Filter, Räume und rhythmische Details sorgen dafür, dass der Song nicht statisch wird.
Die Vocals sind weniger hymnisch als bei »OUBLIETTE« oder »ENEMY«, passen aber zur Atmosphäre. Der Track will nicht sofort explodieren. Er arbeitet mit Druck, Wiederholung und kalter Effizienz. Dadurch wirkt er wie eine Maschine, die nicht schreit, sondern einfach funktioniert.
»CATCH & KILL« ist kein offensichtlicher Hit, aber ein sehr guter Albumtrack. Er hält die dunkle politische Linie des Albums zusammen und beweist, dass KMFDM auch in zurückgenommeneren Momenten Spannung erzeugen können.
GUN QUARTER SUE: INSTRUMENTALER ACTIONFILM
»GUN QUARTER SUE« ist das instrumentale Kuriosum des Albums und wirkt tatsächlich wie der Vorspann zu einer schmutzigen Retro-Future-Serie, in der Neon, Chrom, Lederjacken und Exploitation-Kino aufeinandertreffen. Der Song lebt von Gitarren, Rhythmus und Atmosphäre, ohne eine Stimme zu benötigen.
Tidor Nieddu kann hier stärker glänzen. Seine Gitarrenarbeit bringt Bewegung, Farbe und Rock-Charakter in den Track. Das Stück ist verspielt, aber nicht belanglos. Es erinnert daran, dass KMFDM nie nur aus Beats und Parolen bestanden haben. Die Band besitzt immer auch eine filmische Seite, einen Hang zur überzeichneten Szene, zur Bildhaftigkeit, zum großen stilisierten Auftritt.
Der Instrumentaltrack funktioniert vor allem als Klangbild. Er erzählt keine Geschichte über Worte, sondern über Textur, Dynamik und Energie. Die Produktion lässt die Gitarren gut atmen, während die Elektronik den Rahmen zusammenhält.
Natürlich hätte ein starker Gesang dem Song zusätzliche Durchschlagskraft geben können. Trotzdem ist »GUN QUARTER SUE« ein charmantes und selbstbewusst platziertes Stück. KMFDM erlauben sich hier eine kleine Genremontage, die dem Album zusätzliche Persönlichkeit verleiht.
THE SECOND COMING: DUNKLER ABSPANN
»THE SECOND COMING« schließt das Album mit deutlich schwererer, langsamerer und apokalyptischerer Stimmung. Der Song ist weniger unmittelbarer Brecher als dunkler Abspann. Industrial-Doom, cineastische Elektronik und dystopische Bildsprache verbinden sich zu einem Finale, das eher unter die Haut kriecht, als sofort die Faust hochzureißen.
Textlich wirkt die Nummer wie ein Blick auf Zivilisationsmüdigkeit, Endzeitgefühl und die Wiederkehr alter Katastrophen in neuer Gestalt. KMFDM stellen keine einfache Erlösung in Aussicht. Der Titel spielt mit Erwartung, religiöser Aufladung und politischer Dunkelheit, lässt aber alles in einem kühlen, fast fatalistischen Klangraum hängen.
Der Song wird sicherlich polarisieren. Wer KMFDM vor allem für schnelle Industrial-Hymnen liebt, wird hier weniger sofortige Befriedigung finden. Wer jedoch die dunklere, filmischere Seite der Band schätzt, bekommt einen starken Abschluss. Die Produktion ist dicht, die Atmosphäre schwer, die Elektronik arbeitet mit viel Raum.
Als Finale ist »THE SECOND COMING« mutig gesetzt. Kein einfacher Hit am Ende, sondern ein langsamer Vorhang, der über einem brennenden Bühnenbild herunterfällt.
KMFDM ALS KLANGARCHITEKTEN
Der größte Triumph von »ENEMY« liegt im Sounddesign. KMFDM zeigen auf diesem Album, dass Industrial Metal nicht dadurch interessant bleibt, dass man einfach Gitarren über Beats legt. Entscheidend ist, wie die Elemente miteinander verzahnt werden. Genau darin liegt die Meisterschaft dieser Platte.
Die Beats sind nicht bloß rhythmische Basis, sondern Charakterträger. Sie können marschieren, rollen, pumpen oder tänzeln. Die Gitarren übernehmen nicht permanent die Hauptrolle, sondern erscheinen als Schneidwerkzeuge, Druckverstärker oder melodische Widerhaken. Die Synths wiederum bauen Räume, signalisieren Gefahr, öffnen Kälte oder setzen grelle Akzente. Alles erfüllt eine Funktion.
Gerade deshalb klingt »ENEMY« so lebendig. Die Band komponiert nicht nur Songs, sie konstruiert Räume. Jeder Track besitzt eine eigene Architektur. »OUBLIETTE« ist ein Verlies, »L’ETAT« eine staatliche Maschine, »VAMPYR« ein finsterer Club, »YOÜ« ein persönliches Fenster, »STRAY BULLET 2.0« ein Dub-Nachhall und »THE SECOND COMING« ein apokalyptischer Abspann.
Das ist exakt der Punkt, an dem sich KMFDM von vielen Epigonen unterscheiden. Sie verstehen Sound nicht als Verpackung, sondern als Bedeutungsträger. Klang ist hier Aussage.
POLITIK, SARKASMUS UND PERSPEKTIVE
Lyrisch bleibt »ENEMY« fest in der KMFDM-Tradition verankert. Die Band verhandelt Macht, Staat, Gewalt, Manipulation, gesellschaftliche Ausgrenzung und individuelle Gegenwehr. Gleichzeitig wirkt das Album weniger platt agitatorisch, als man es von außen vielleicht erwarten könnte. Die Texte arbeiten mit Parolen, ja, aber auch mit Bildern, Perspektivwechseln und sarkastischen Brechungen.
»OUBLIETTE« nutzt das Bild des Verlieses, um über entmenschlichte Gruppen und autoritäre Systeme zu sprechen. »L’ETAT« verdichtet Staatskritik zu Industrial-Metal-Maschinenlogik. »VAMPYR« lässt parasitäre Machtstrukturen als Nachtwesen erscheinen. »OUTERNATIONAL INTERVENTION« überzeichnet politische Rettungsfantasien mit Science-Fiction-Humor. »YOÜ« bringt dagegen eine intimere Perspektive hinein und öffnet das Album emotional.
Diese Texte sind nicht dazu da, im stillen Kämmerlein zerlegt zu werden. Sie funktionieren im Zusammenspiel mit dem Sound. KMFDM schreiben keine Seminararbeit, sondern Kampfmusik mit Reflexionsfläche. Gerade die Verbindung aus Schlagwort und Klangarchitektur macht das Album so wirksam.
STARKES SPÄTWERK STATT PFLICHTÜBUNG
Viele Bands mit einer derart langen Geschichte veröffentlichen irgendwann Alben, die zwar professionell sind, aber kaum noch zwingend wirken. ENEMY gehört nicht in diese Kategorie. Das Album besitzt Energie, Haltung, starke Songs und eine Produktion, die die alte KMFDM-Identität mit zeitgemäßem Druck verbindet.
Die erste Hälfte ist besonders stark. »ENEMY«, »OUBLIETTE«, »L’ETAT« und »VAMPYR« bilden eine beeindruckende Serie aus Angriff, Melodie, Härte und Groove. »YOÜ« setzt anschließend einen klugen Kontrast. Die zweite Hälfte ist stilistisch breiter und etwas verspielter, verliert aber nicht den Faden. Gerade »STRAY BULLET 2.0«, »CATCH & KILL« und »THE SECOND COMING« beweisen, dass KMFDM auch jenseits direkter Hits spannende Klangräume bauen können.
Nicht jeder Track hat denselben unmittelbaren Punch. »A OKAY« und »GUN QUARTER SUE« wirken eher wie farbige Seitenwege als wie zentrale Albumhöhepunkte. Doch selbst diese Stücke tragen zur Vielfalt bei. Das Album ist dadurch nicht perfekt glatt, aber deutlich lebendiger.
FAZIT:
»ENEMY« ist ein starkes, druckvolles und bemerkenswert frisch klingendes KMFDM-Album, das seine Wirkung nicht nur aus bekannten Industrial-Metal-Rezepten bezieht, sondern aus einem hervorragend gebauten Klang Kosmos. Sascha Konietzko, Lucia Cifarelli, Andy Selway, Tidor Nieddu und Annabella Konietzko liefern ein Werk, das politische Schärfe, clubtaugliche Beats, schwere Gitarren, elektronische Detailarbeit und klare Songstrukturen überzeugend miteinander verbindet. Besonders »ENEMY«, »OUBLIETTE«, »L’ETAT«, »VAMPYR« und »YOÜ« zeigen eine Band, die sich nicht nur als Komponisten, sondern wie eh und je als Sound Designer beweist. Die zweite Hälfte geht etwas stärker in die Breite, doch auch dort entstehen spannende Räume zwischen Dub, Synthpop, Instrumental-Rock und dunklem Industrial-Abspann. KMFDM liefern hier kein Alterswerk im Lehnstuhl, sondern ein waches, scharf produziertes und verdammt unterhaltsames Statement. Der Ultra Heavy Beat lebt, pulsiert und tritt weiterhin nach vorne.






