Band: Castiel 🇦🇹
Titel: All Returns to Hollow and Silence
Label: Seek & Strike
VÖ: 24.07.2026
Format: Digital
Spieldauer: 19:38 Minuten
Genre: Downtempo Deathcore / Deathcore / Slam Deathcore

Tracklist

01. Act I: Defile // Denounce
02. Act II: A Festering Wound
03. Act III: Vile Spirits
04. Act IV: Empty Throne

Besetzung und Produktion

Georg Mulle – Gesang
Paul Cerne – Gitarre
Maximilian Lackner – Gitarre
Chris Mandl – Schlagzeug

Komposition und Texte:
Maximilian Lackner, Paul Cerne, Chris Mandl und Georg Mulle

Produktion:
Maximilian Lackner

Aufnahme, Mix und Mastering:
Dark Vision Audio

Artwork:
Johann von Glück

Musikvideos:
Daniel Franklin

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Downtempo Deathcore aus unserem schönen Österreich darf gerne so bedrückend, massiv und erstaunlich emotional klingen wie »All Returns to Hollow and Silence«. Die Klagenfurter Castiel teilen ihre neue EP in vier Akte, die nicht lediglich als getrennte Songs nebeneinanderstehen, sondern den psychischen und zwischenmenschlichen Verfall zweier Figuren verfolgen. Langsame, tief gestimmte Gitarren, abrupte Beschleunigungen, massive Breakdowns und dunkle Hintergrundflächen bilden eine Wand, hinter der sich eine tragische Beziehungsgeschichte verbirgt. Die vier Kompositionen benötigen dafür lediglich 19:38 Minuten, wirken durch ihr gemeinsames Konzept jedoch umfangreicher, als es die kurze Spielzeit zunächst erwarten lässt.

Castiel – All Returns to Hollow and Silence – Official EP Stream

VON KLAGENFURT IN DIE INTERNATIONALE DEATHCORE-SZENE

Castiel wurden 2014 in Klagenfurt gegründet und richteten ihren Blick von Beginn an auf die besonders langsame und massive Seite des Deathcore. Die frühe Single »Human Scum« und die 2015 veröffentlichte EP »Exitium« bestimmten diese Richtung, bevor »Blasphemy« zwei Jahre später den Anteil aus Slam, tiefen Gitarren und beinahe bewegungsloser Schwere weiter verstärkte.

Besetzungswechsel führten anschließend zu einer längeren Unterbrechung. Mit »Shadowlands« kehrte die Band 2023 zurück und präsentierte sich atmosphärischer sowie kompositorisch deutlich geschlossener. Gastbeiträge von Musikern aus dem Umfeld von Distant und Street To The Ocean halfen dabei, Castiel auch außerhalb Österreichs bekannter zu machen.

Die 2025 erschienene EP »Kháos« beschäftigte sich mit psychischem Zusammenbruch, innerer Leere und dem Verlust menschlicher Verbindungen. Musikalisch standen weiterhin langsame Downtempo-Riffs und Breakdowns im Mittelpunkt, doch Klavier, elektronische Flächen und stärker ausgearbeitete Übergänge deuteten bereits an, dass die Band ihren Klang erweitern wollte.

Mit der weltweiten Verpflichtung durch Seek & Strike beginnt nun ein neuer Abschnitt. Castiel haben zuvor unter anderem mit Distant, Carnifex und Born Of Osiris gespielt. »All Returns to Hollow and Silence« ist ihre erste Veröffentlichung über das internationale Label und klingt entsprechend selbstbewusst produziert.

A.R.T.H.A.S. – VIER AKTE ÜBER DEN VERLUST EINES MENSCHEN

Die Anfangsbuchstaben von »All Returns to Hollow and Silence« ergeben A.R.T.H.A.S.. Diese Abkürzung ist kein Zufall, sondern verweist auf Arthas Menethil aus World Of Warcraft. Sänger Georg Mulle und Gitarrist Paul Cerne ließen sich besonders von der Beziehung zwischen Arthas und Jaina Proudmoore beeinflussen.

Castiel erzählen die bekannte Handlung allerdings nicht unmittelbar nach. Es fallen keine Namen aus dem Spiel, und die Texte setzen kein Wissen über dessen Welt voraus. Stattdessen wird die Entwicklung in eine allgemein verständliche Geschichte über Nähe, Entfremdung, psychischen Zerfall und die schmerzhafte Erkenntnis übersetzt, dass ein geliebter Mensch nicht gegen seinen Willen gerettet werden kann.

Dabei verändert sich die Perspektive. Zu Beginn beobachtet eine Person erste Risse im Verhalten ihres Gegenübers und versucht, die gemeinsame Zukunft aufrechtzuerhalten. Mit jedem weiteren Akt wird die Distanz größer, bis Erinnerungen, Empathie und schließlich die bisherige Identität verloren gehen.

Die vier Musikvideos von Daniel Franklin erweitern diese Entwicklung zu einer zusammenhängenden visuellen Erzählung. Dadurch ähnelt die Veröffentlichung tatsächlich einer kurzen Serie, deren Episoden einzeln funktionieren, ihre vollständige Wirkung aber erst in der vorgegebenen Reihenfolge erreichen.

LANGSAMKEIT IST NICHT DIE EINZIGE WAFFE

Die Grundlage bleibt Downtempo Deathcore. Maximilian Lackner und Paul Cerne verwenden tief gestimmte Gitarren, lange Pausen und einzelne Akkorde, deren Wirkung durch den freien Raum zwischen den Schlägen verstärkt wird. Einige Breakdowns werden derart weit verlangsamt, dass jeder Anschlag für sich steht.

Castiel beschränken sich jedoch nicht auf dieses Prinzip. Schnellere Riffs, Doublebass-Passagen und kurze Ausbrüche verhindern, dass die EP zu einer Sammlung austauschbarer Zeitlupen-Breakdowns wird. Besonders das Schlagzeug von Chris Mandl nutzt Tempowechsel, um die unterschiedlichen psychischen Zustände der Geschichte voneinander abzugrenzen.

Die wichtigsten Bezugspunkte sind leicht zu erkennen. Die beklemmende Schwere erinnert an Black Tongue, während die dunklen Flächen und das Gefühl einer erdrückenden räumlichen Tiefe in die Richtung von Humanity’s Last Breath weisen. Wenn Castiel direkter und körperlicher werden, treten Einflüsse von Bodysnatcher und The Acacia Strain hervor.

Vollständig lösen sich die Österreicher noch nicht von diesen Vorbildern. Bestimmte Übergänge aus atmosphärischem Aufbau, kurzer Beschleunigung und anschließendem Halftime-Breakdown gehören inzwischen zum festen Vokabular des modernen Deathcore. Innerhalb der kompakten Spielzeit werden diese Mittel jedoch konzentriert genug eingesetzt, um kaum Leerlauf entstehen zu lassen.

»ACT I: DEFILE // DENOUNCE« – DIE ERSTEN RISSE WERDEN SICHTBAR

»Act I: Defile // Denounce« eröffnet die Geschichte mit dem Gefühl, unmittelbar neben einem Menschen zu stehen und ihn dennoch nicht mehr erreichen zu können. Eine Beziehung existiert äußerlich weiter, während sich darunter bereits eine Leere ausbreitet, die beide Beteiligten erfasst.

Die Gitarren setzen tiefe, voneinander getrennte Schläge gegen dissonante Hintergrundflächen. Castiel lassen den Song nicht sofort vollständig ausbrechen, sondern steigern seine Dichte. Dadurch entsteht der Eindruck eines Bodens, der langsam an Stabilität verliert.

Georg Mulle wechselt zwischen sehr tiefen Growls, schärferen Schreien und kurzen, hervorgepressten Akzenten. Seine Stimme beschreibt die Entwicklung nicht aus sicherer Entfernung. Sie klingt, als befände sich der Erzähler bereits innerhalb jener emotionalen Abhängigkeit, deren Gefahr er erst allmählich erkennt.

Der spätere Breakdown besitzt die erwartete körperliche Wirkung, wird aber durch den zuvor aufgebauten Zusammenhang aufgewertet. Er steht nicht wahllos im Arrangement, sondern markiert den Moment, in dem die verdrängten Risse nicht länger übersehen werden können.

»ACT II: A FESTERING WOUND« – NÄHE WIRD ZUR GEMEINSAMEN KRANKHEIT

Mit 5:15 Minuten erhält »Act II: A Festering Wound« mehr Zeit für den langsamen Zerfall. Das Bild einer eiternden Wunde beschreibt eine Verletzung, die nicht behandelt wurde und deshalb den gesamten Zustand vergiftet. Schweigen, unerfüllte Versprechen und zurückgehaltene Gedanken vergrößern die Distanz.

Musikalisch gehört der zweite Akt zu den schwersten Teilen der EP. Die Gitarren arbeiten mit besonders langen Abständen, während Schlagzeug und elektronische Hintergrundgeräusche die Spannung zwischen den einzelnen Schlägen aufrechterhalten. Sobald sich das Tempo erhöht, wirkt dies weniger wie Befreiung als wie eine plötzlich ausbrechende innere Unruhe.

Der Text betrachtet die hilflose Position eines Menschen, der den Rückzug seines Gegenübers beobachtet. Gemeinsam unterzugehen bedeutet, sich selbst zu verlieren; die Beziehung zu beenden erscheint jedoch ebenfalls wie eine vollständige Niederlage. Castiel finden für diesen Widerspruch keine einfache moralische Lösung.

Gerade deshalb ist »A Festering Wound« einer der stärksten Songs. Der Breakdown bleibt enorm, doch die emotionale Bedeutung ist wichtiger als die reine Schwere. Die Band zeigt hier am deutlichsten, wie Downtempo Deathcore einen psychischen Zustand darstellen kann, ohne auf eine lange Erklärung angewiesen zu sein.

»ACT III: VILE SPIRITS« – DER MENSCH VERSCHWINDET SCHICHT FÜR SCHICHT

»Act III: Vile Spirits« ist mit 4:17 Minuten der kürzeste Akt und zugleich der unmittelbarste. Der Verfall vollzieht sich nicht in einem einzigen dramatischen Augenblick. Erinnerungen, Verbindungen und emotionale Reaktionen werden schrittweise abgestreift, bis von der früheren Persönlichkeit kaum etwas übrig bleibt.

Das Schlagzeug erhöht den Druck früher als im vorangegangenen Stück. Schnellere Passagen treffen auf abrupt verlangsamte Riffs, während die Gitarren stärker zwischen dissonanten Bewegungen und einfachen tiefen Schlägen wechseln. Dadurch wirkt der Song unruhiger und weniger berechenbar.

Mulle verwendet seine hohen Schreie gezielter. Die tiefen Growls verkörpern die zunehmende Gefühllosigkeit, während die schärferen Stimmen wie der letzte Widerstand gegen diese Entwicklung erscheinen. Beide Ebenen kämpfen gegeneinander, ohne dass daraus eine klassische Wechselgesang-Struktur entsteht.

Inhaltlich bleibt am Ende nur noch die äußere Bezeichnung eines Menschen bestehen, während seine vertrauten Eigenschaften verloren gegangen sind. Dieser Gedanke bildet die entscheidende Vorbereitung auf den Abschluss. Der frühere Partner wird nicht einfach verlassen, sondern verwandelt sich in jemanden, der lediglich noch denselben Namen trägt.

»ACT IV: EMPTY THRONE« – DIE LEERE WIRD ZUR NEUEN IDENTITÄT

Der 5:39 Minuten lange Abschluss führt die Geschichte an ihren kältesten Punkt. »Act IV: Empty Throne« beschreibt keinen Menschen mehr, der gegen seine innere Dunkelheit kämpft. Das Leiden hat ihn verändert, Empathie wurde abgelegt und die bisherige Menschlichkeit gilt nicht länger als etwas, das bewahrt werden muss.

Hier treten die Bezüge zu Arthas am deutlichsten hervor. Eisige Leere, Krone und verlassener Thron verweisen auf dessen Aufstieg zum Lichkönig, funktionieren aber ebenso als Bilder für einen Menschen, der sich vollständig hinter emotionaler Unnahbarkeit verschanzt hat.

Castiel lassen das Finale größer wirken als die vorherigen Stücke. Atmosphärische Flächen erhalten mehr Raum, bevor Gitarren und Schlagzeug erneut ihre volle Masse entfalten. Die langsamsten Schläge besitzen dabei beinahe einen zeremoniellen Charakter, als würde die endgültige Verwandlung nicht betrauert, sondern feierlich besiegelt.

Der Song schließt den Kreis überzeugend. Die Leere, die im ersten Akt noch als bedrohlicher Riss wahrgenommen wurde, hat nun den gesamten Raum übernommen. Eine versöhnliche Wendung wäre an dieser Stelle unglaubwürdig, weshalb Castiel konsequent auf Erlösung oder nachträgliche Hoffnung verzichten.

GEORG MULLES STIMME ZWISCHEN TRAUER UND VÖLLIGER ENTMENSCHLICHUNG

Georg Mulle verfügt über das notwendige tiefe Growling, um gegen die massiven Gitarren zu bestehen. Entscheidender ist jedoch seine Fähigkeit, verschiedene emotionale Zustände voneinander abzugrenzen. Manche Passagen klingen verzweifelt, andere anklagend und wieder andere vollständig gefühllos.

Auf ausgedehnte Pig Squeals oder besonders auffällige vokale Kunststücke wird weitgehend verzichtet. Das kommt dem Konzept zugute. Mulle muss keinen Wettbewerb um das extremste Geräusch gewinnen, sondern die Perspektive der jeweiligen Figur vermitteln.

Vollständig verständlich sind die Texte ohne Vorlage erwartungsgemäß nicht. Innerhalb des Deathcore ist das keine Überraschung, doch bei einer derart wichtigen zusammenhängenden Handlung hätte eine gelegentliche klarere Artikulation zusätzliche Orientierung geboten.

DARK VISION AUDIO ERRICHTET EINE MASSIVE, ABER KONTROLLIERTE WAND

Maximilian Lackner produzierte die EP, während Aufnahme, Mix und Mastering bei Dark Vision Audio entstanden. Das Ergebnis besitzt eine moderne und enorm verdichtete Lautstärke. Gitarren, Bassfrequenzen und Bassdrum greifen eng ineinander, ohne zu einem undefinierbaren tiefen Dröhnen zu verschmelzen.

Das Schlagzeug bleibt auch während der schnelleren Abschnitte klar. Besonders die Kickdrum ist stark definiert und unterstützt die kurzen Gitarrenimpulse. Die Snare besitzt genügend Schärfe, um sich gegen die tiefen Frequenzen durchzusetzen, ohne unangenehm künstlich im Vordergrund zu stehen.

Die atmosphärischen Ebenen wurden sinnvoll in den Hintergrund gelegt. Sie erzeugen räumliche Tiefe, beanspruchen aber nicht dauerhaft die Aufmerksamkeit. Dadurch bleibt der Schwerpunkt auf den Gitarren und dem Gesang, während die elektronischen Elemente die psychische Kälte der Geschichte verstärken.

Gelegentlich wirkt die Produktion nahezu zu kontrolliert. Einige besonders langsame Passagen hätten von etwas mehr natürlicher Unordnung und weniger exakt begrenzten Anschlägen profitieren können. Die klinische Präzision passt allerdings zum fortschreitenden Verlust menschlicher Wärme.

VIER AKTE BILDEN EIN STARKES, ABER SEHR KURZES GESAMTWERK

Die Entscheidung für lediglich vier Stücke besitzt Vor- und Nachteile. Castiel verschwenden keine Zeit mit einem Intro, einem instrumentalen Zwischenspiel oder einem Song, der nur zur Verlängerung der Spielzeit dient. Jeder Akt übernimmt eine erkennbare Aufgabe innerhalb der Geschichte.

Die EP endet jedoch genau dort, wo die Band ihre interessanteste Verbindung aus Atmosphäre, Erzählung und massiver Langsamkeit erreicht. Nach 19:38 Minuten bleibt deshalb der Wunsch nach einem zusätzlichen Kapitel oder einem längeren instrumentalen Nachspiel bestehen.

Auch musikalisch ähneln sich manche Auflösungen. Mehrere Spannungsbögen führen in einen besonders langsamen Schlussabschnitt, dessen Position erfahrene Deathcore-Hörer früh erkennen können. Die Qualität der Breakdowns steht außer Frage, ihre grundsätzliche Funktion überrascht aber nicht jedes Mal.

Dafür besitzen die vier Stücke eine bemerkenswerte Geschlossenheit. »Act I: Defile // Denounce« führt die emotionale Distanz ein, »Act II: A Festering Wound« vertieft den gemeinsamen Zerfall, »Act III: Vile Spirits« trennt die vertraute Persönlichkeit von ihrem Namen und »Act IV: Empty Throne« vollendet die Verwandlung. Diese klare Entwicklung hebt »All Returns to Hollow and Silence« aus der großen Zahl moderner Deathcore-EPs hervor.

FAZIT:

Mit »All Returns to Hollow and Silence« liefern Castiel ihre bislang geschlossenste Veröffentlichung und verbinden Downtempo Deathcore, Slam, dunkle Atmosphäre und eine nachvollziehbare Beziehungstragödie zu vier wirkungsvollen Akten. Die kurze Spielzeit und einige vorhersehbare Wege zum nächsten Breakdown verhindern eine höhere Wertung, während besonders »Act II: A Festering Wound« und »Act IV: Empty Throne« zeigen, wie viel emotionale Wirkung in extremer Langsamkeit liegen kann. Österreich besitzt damit eine Deathcore-Band, die international nicht nur wegen ihrer Schwere, sondern zunehmend auch wegen ihres konzeptionellen Anspruchs bestehen kann.

Castiel – Act IV: Empty Throne – Official Music Video

Internet

Castiel - All Returns to Hollow and Silence - EP Review

Vorheriger ArtikelMinipony – Detach