Tracklist
01. I Curse You
02. Broken Better
03. I Want The Ride To Begin Again
04. Immaculate
05. Cephalophore
06. We Do Not Use Names Here
07. Tenements (Only The Wicked Walk In Circles)
08. The Rot Shall Inherit The Earth
Besetzung und Produktion
Sam Bean – Gesang / Bass
Matt Wilcock – Gitarre
David Haley – Schlagzeug
Komposition:
Sam Bean / Matt Wilcock / David Haley
Produktion / Mix / Mastering:
Joe Haley – Crawlspace Productions
Coverartwork:
Belial Necroarts
Black Metal ist etzadla auch in Austrieln Krieg aller! Wer nach diesem sprachlichen Frontalunfall noch nicht die Flucht ergriffen hat, darf gemeinsam mit Faustian in jene Abwasserkanäle hinabsteigen, in denen sich religiöse Verheißung, gnostische Gedanken, okkultes Wissen, architektonischer Wahnsinn und körperlicher Verfall zu einem ausgesprochen finsteren zweiten Album verbinden. Sam Bean, Matt Wilcock und David Haley sind als Mitglieder von Werewolves bereits auf maximale Death-Metal-Gewalt eingeschworen, nutzen »Parable Of The Sewer« jedoch für eine andere Form der Bedrohung: An die Stelle des unmittelbaren Angriffs treten kalte Melodien, liturgische Stimmen, dissonante Gitarren, kontrollierte Tempowechsel und ein Gefühl des Unbehagens, das weit über die Laufzeit einzelner Stücke hinauswirkt. Obwohl Faustian ihre Einflüsse von Emperor, Dissection, Immortal, Dark Funeral, Mayhem und Akercocke keineswegs verbergen, ist »Parable Of The Sewer« keine nostalgische Wiederholung skandinavischer Lehrsätze, sondern eine verdrehte schwarze Messe über eine beschädigte Welt, in der Erlösung nicht durch Reinheit, sondern durch Sünde, Auflösung und das gewaltsame Öffnen der menschlichen Hülle gesucht wird.
DREI SERIENTÄTER DES AUSTRALISCHEN EXTREME METAL
Bei Faustian handelt es sich nicht um eine hastig zusammengerufene Nebenbeschäftigung dreier bekannter Musiker. Sam Bean, Matt Wilcock und David Haley spielen gemeinsam bei Werewolves und begegneten einander zuvor oder parallel in Gruppen wie The Berzerker, Psycroptic, The Amenta, Abramelin und The Antichrist Imperium. Diese Erfahrung erklärt die technische Sicherheit des Trios, bestimmt aber nicht automatisch seine musikalische Ausrichtung.
Werewolves arbeiten mit der Wirkung einer möglichst direkten und häufig bewusst überzeichneten Death-Metal-Attacke. Faustian suchen dagegen nach Angst, spiritueller Verunsicherung und jenem kaum greifbaren Unbehagen, das entsteht, wenn bekannte religiöse Bilder nur geringfügig verändert werden. Die beteiligten Musiker müssen ihre Fähigkeiten deshalb nicht künstlich zurücknehmen, ordnen sie aber einem wesentlich stärker ausgearbeiteten Spannungsbogen unter.
Die erste Veröffentlichung »We Come As Angels« erschien 2023 mit sieben Stücken und einer Spielzeit von mehr als 35 Minuten. Einige Datenbanken führen sie als EP, die Band selbst betrachtet das Werk ausdrücklich als ihr erstes Album. Folglich ist »Parable Of The Sewer« für Faustian keine Langspielpremiere, sondern das zweite Kapitel einer bereits vorhandenen Idee.
Dieses Mal nahm sich die Gruppe deutlich mehr Zeit. Matt Wilcocks Gitarrenentwürfe lagen teilweise bereits seit Jahren vor. David Haley ergänzte anschließend die Schlagzeugarrangements, bevor Sam Bean Bass, Gesang und das übergreifende Textkonzept entwickelte. Der längere Entstehungsprozess ist hörbar. Die Stücke folgen keiner Schablone, nach der ein besonders schnelles Riff lediglich durch einen langsamen Abschnitt und den nächsten Blastbeat ersetzt wird. Wiederkehrende Motive, liturgische Passagen und bewusst verzögerte Eskalationen geben dem Album einen geschlossenen Aufbau.
DIE VERDREHTE PREDIGT AUS DER KANALISATION
Der Titel »Parable Of The Sewer« verändert das biblische Gleichnis vom Sämann durch ein einziges Wort. Aus demjenigen, der Saatgut verteilt, wird ein Abwasserkanal, in dem sich Ausscheidungen, Fäulnis und alles gesellschaftlich Verdrängte sammeln. Hinter diesem zunächst beinahe pubertär wirkenden Wortspiel steckt ein erstaunlich durchdachtes Konzept.
Faustian fragen, was geschieht, wenn ein religiöser Verkünder durchaus überzeugend und moralisch beispielhaft auftritt, die von ihm verbreitete Lehre jedoch entsetzlich ist. Der Prediger auf dem Cover verspricht keine Reinigung von Sünde. Er steht inmitten der Ausscheidungen und behandelt die Verunreinigung wie eine Form der Offenbarung. Die bekannte christliche Bildsprache bleibt erkennbar, ihre Bedeutung wurde jedoch verschoben.
Das von Belial Necroarts geschaffene Artwork setzt diesen Gedanken konsequent um. Die Welt wirkt zerbrochen, während einzelne Farben noch vorhandene Lebensfunken andeuten. Gnostische Vorstellungen treffen auf das aus der jüdischen Mystik stammende Konzept des Tikkun Olam, der Heilung beziehungsweise Vervollständigung einer beschädigten Welt. Faustian ersetzen die Hoffnung auf makellose Retter allerdings durch die Vorstellung, dass gerade gebrochene Menschen zur Reparatur dieses Zustands benötigt werden.
Das Album betrachtet Sünde entsprechend nicht ausschließlich als moralisches Versagen. Sie wird zum Werkzeug, mit dem die materielle Hülle beschädigt und der darin eingeschlossene göttliche Funke freigesetzt werden soll. Körperlicher und geistiger Verfall erscheinen dadurch gleichzeitig erschreckend und verführerisch. Die Texte predigen diese Ideen nicht als tatsächliches Glaubensbekenntnis, nehmen ihre eigene gedankliche Konstruktion aber ernst genug, damit die Atmosphäre nicht in bloßer Provokation endet.
Zu den außermusikalischen Bezugspunkten gehören Ingmar Bergmans »Das siebente Siegel«, die Graphic-Novel-Reihe »Providence« von Alan Moore und jene Form körperlicher Grenzerfahrung, die mit den Werken von Clive Barker verbunden wird. Es geht weniger um einzelne übernommene Szenen als um eine Wirklichkeit, die durch eine kleine Verschiebung plötzlich in etwas vollkommen Fremdes kippt.
»I CURSE YOU« – DER FLUCH IST BEREITS VOLLZOGEN
»I Curse You« verzichtet auf eine vorbereitende Geräuschkulisse. David Haley eröffnet mit hoher Geschwindigkeit, Matt Wilcock setzt schneidende Tremoloriffs dagegen und Sam Bean erscheint sofort mit einer Stimme, die zwischen tiefem Befehl, rauem Brüllen und heiserem Kreischen wechselt.
Die Geschwindigkeit bleibt dabei kein Selbstzweck. Haley spielt die Blastbeats nicht als gleichförmigen Dauerzustand, sondern setzt sie innerhalb eines beweglichen Arrangements ein. Kurze rhythmische Verschiebungen und schwerere Akzente geben den Gitarren genügend Raum, zwischen unmittelbarer Aggression und größer angelegten melodischen Linien zu wechseln.
Inhaltlich geht der Opener von der Vorstellung aus, dass das Elend des täglichen Lebens nicht zufällig entstanden sei. Eine erfolgreiche magische Arbeit habe beinahe die gesamte Menschheit mit einem Fluch belegt. Dieser Gedanke erklärt, weshalb der Song nicht wie eine Drohung wirkt, die erst noch verwirklicht werden muss. Die Katastrophe ist längst eingetreten, und die angesprochene Person erkennt lediglich verspätet, dass sie schon immer innerhalb ihrer Folgen gelebt hat.
Beans Bass bleibt selbst unter den schnellsten Gitarren hörbar. Das verleiht dem Stück körperliche Schwere und verhindert, dass sich »I Curse You« ausschließlich in den hohen Frequenzen traditioneller Black-Metal-Produktionen bewegt. Der Opener stellt damit innerhalb von knapp fünf Minuten sämtliche Grundlagen des Albums vor: Raserei, Melodie, Dissonanz, wechselnde Stimmen und eine religiös aufgeladene Bedrohung.
»BROKEN BETTER« – HEILUNG DURCH WEITERE BESCHÄDIGUNG
Der erste vorab veröffentlichte Song »Broken Better« nimmt das Tempo deutlich zurück. Matt Wilcocks Gitarren winden sich in dissonanten Bewegungen umeinander, während Haley mit schweren Schlägen und längeren Pausen arbeitet. Die dadurch entstehenden Freiräume lassen jede einzelne Tonverschiebung unangenehm lange wirken.
Sam Bean erweitert sein Spektrum um beschwörende und beinahe gesprochene Passagen. Tiefe Stimmen stehen neben aggressiveren Ausbrüchen, ohne dass daraus der übliche Wechsel zwischen klarer Strophe und geschrienem Refrain entsteht. Der Gesang wirkt stärker wie ein Bestandteil eines Rituals als wie eine über die Instrumente gelegte Hauptstimme.
Textlich sucht »Broken Better« nach einer Möglichkeit, den Fluch des Openers aufzuheben. Dafür greift das Stück auf das Grimorium Verum und damit auf jene magischen Verfahren zurück, deren Anwendung selbst erhebliche Gefahren mit sich bringt. Heilung bedeutet folglich nicht, wieder unversehrt zu werden. Die bestehende Beschädigung soll durch einen weiteren, gezielten Bruch verändert werden.
Gerade die langsameren Abschnitte gehören zu den wirkungsvollsten Momenten des Albums. Faustian verstehen, dass Bedrohung nicht ständig durch größtmögliche Lautstärke erzeugt werden muss. Das aufsteigende Gitarrenspiel, die zurückgehaltenen Schläge und Beans unterschiedliche Stimmen schaffen eine Spannung, die auch dann bestehen bleibt, wenn die Musik scheinbar zur Ruhe kommt.
»I WANT THE RIDE TO BEGIN AGAIN« – LUZIFER GENIESST DEN FALL
»I Want The Ride To Begin Again« öffnet den Klang in eine epischere Richtung. Die Gitarren entwickeln größere melodische Bewegungen, ohne auf Keyboards oder eine symphonische Verkleidung angewiesen zu sein. Wilcock erzeugt die Erhabenheit ausschließlich durch übereinandergeschichtete Riffs, Akkordfolgen und harmonische Spannungen.
Inhaltlich verbindet der Song die Vorstellung der Wiedergeburt mit Luzifers Fall. Dieser wird nicht als endgültige Niederlage betrachtet, sondern als berauschender Beginn körperlicher Existenz. Selbst die Sterblichkeit Gottes wird als Möglichkeit in den Raum gestellt. Sünde erhält innerhalb dieser Perspektive einen Zweck, weil erst Erfahrung, Begrenzung und Vergänglichkeit die Freude am Dasein ermöglichen.
In der Mitte des Stücks verändert sich die Atmosphäre abrupt. Der bislang beobachtende Schrecken richtet seine Aufmerksamkeit scheinbar auf den Hörer. Diese kurze Durchbrechung der üblichen Distanz ist ausgesprochen wirkungsvoll, weil sie nicht mit einem billigen Geräuscheffekt angekündigt wird. Arrangement und Gesang vermitteln plötzlich, dass die bislang beschriebene Gegenwart etwas bemerkt hat.
Der Einfluss von Emperor ist hier besonders deutlich. Faustian kopieren jedoch weder deren Keyboardflächen noch einzelne Riffs. Sie greifen vielmehr das Prinzip auf, Black Metal gleichzeitig gewalttätig und majestätisch erscheinen zu lassen. »I Want The Ride To Begin Again« gehört deshalb zu den kompositorisch stärksten Beiträgen der Platte.
»IMMACULATE« – DIE UNBEFLECKTE HERKUNFT WIRD UMGESCHRIEBEN
Mit »Immaculate« rücken Faustian näher an den Black Metal der Neunziger heran. Mehrere Gitarrenfiguren greifen ineinander, während liturgisch intonierte Stimmen einen deutlichen Gegensatz zu Beans aggressiverem Gesang herstellen. Die Wirkung erinnert an eine Zeremonie, deren Regeln dem zufällig eingetretenen Beobachter unbekannt bleiben.
Die Menschheitsgeschichte wird über Lilith neu erzählt. Anstelle einer geordneten Schöpfung erscheint eine Herkunft, in der Auflehnung, Verweigerung und verdrängte weibliche Macht eine zentrale Rolle einnehmen. Der vermeintlich makellose Ursprung besitzt einen Riss, der nicht nachträglich entstanden ist, sondern von Anfang an zu ihm gehörte.
David Haley hält das Stück mit bemerkenswerter Kontrolle zusammen. Seine Tempowechsel wirken niemals wie technische Vorführungen. Selbst dann, wenn sich das Schlagzeug beschleunigt, folgt es dem dramatischen Verlauf der Gitarren. Der Bass verdichtet unterdessen die liturgischen Passagen und gibt den tieferen Stimmen ein belastbares Fundament.
Innerhalb des Albums gehört »Immaculate« allerdings zu den vertrauteren Stücken. Einzelne Wendungen erinnern sehr deutlich an den atmosphärischen und melodischen Black Metal der frühen und mittleren Neunziger. Die überzeugende Ausführung verhindert einen deutlichen Qualitätsabfall, doch Faustian überschreiten hier seltener die bekannten Grenzen ihres Genres.
»CEPHALOPHORE« – DIE HEILIGEN TRAGEN IHRE EIGENEN KÖPFE
Der Begriff Cephalophor bezeichnet einen Heiligen, der nach seiner Enthauptung den eigenen Kopf trägt. Im christlichen Bilderkanon sind solche Darstellungen keineswegs ungewöhnlich. Besonders bekannt ist die Überlieferung des heiligen Dionysius von Paris, der nach seiner Hinrichtung seinen Kopf aufgehoben und noch mehrere Kilometer predigend zurückgelegt haben soll.
Faustian entfernen aus diesem Bild die gewohnte Voraussetzung, dass der betreffende Märtyrer dem christlichen Glauben dient. Plötzlich erscheint das Wunder nicht länger tröstlich, sondern wie die Verehrung eines sprechenden Leichnams. Im Text werden die drei Weisen als enthauptete Heilige umgedeutet, die bereits wissen, dass Jesus als menschliches Opfer vorgesehen ist und vom Morgenstern gesandt wurde.
Musikalisch beginnt »Cephalophore« mit einem tiefen, dissonanten Dröhnen und beschwörenden Stimmen. Anschließend entlädt sich eines der heftigsten Arrangements des Albums. Haleys Schlagzeug beschleunigt ohne längere Vorwarnung, während Wilcocks Riffs zwischen abgehackter Gewalt und schnelleren Tremolobewegungen wechseln.
Der Kontrast zwischen dem rituellen Beginn und dem nachfolgenden Ausbruch funktioniert hervorragend. In der zweiten Hälfte verliert das Stück allerdings etwas von seiner anfänglichen Unberechenbarkeit. Die musikalische Gewalt bleibt beeindruckend, doch einige Übergänge folgen stärker den bereits etablierten Lösungen der Platte. Als Bindeglied zwischen der ersten und zweiten Albumhälfte erfüllt »Cephalophore« dennoch eine wichtige Aufgabe.
»WE DO NOT USE NAMES HERE« – OKKULTES WISSEN FORDERT SEINEN PREIS
Mit 6:06 Minuten ist »We Do Not Use Names Here« das längste Stück. Faustian nutzen diese Zeit nicht für ein instrumentales Kräftemessen, sondern entwickeln wiederkehrende Gitarrenfiguren über mehrere Stufen. Jede Wiederholung verändert ihre Umgebung, weil Schlagzeug, Bass und Gesang den Schwerpunkt verschieben.
Der Titel deutet einen Ort oder eine Gemeinschaft an, in der persönliche Namen keine Bedeutung mehr besitzen. Inhaltlich stehen das Verlangen nach verborgenem Wissen und die damit verbundenen Gefahren im Mittelpunkt. Erkenntnis verleiht nicht automatisch Macht. Wer eine Grenze überschreitet, kann dadurch ebenso seine bisherige Identität verlieren.
Sam Bean liefert hier eine seiner stärksten Gesangsleistungen. Tiefe, autoritäre Passagen gehen in verzerrte Schreie über, während einzelne Stimmen aus größerer Entfernung zu kommen scheinen. Die unterschiedlichen Ebenen bleiben verständlich voneinander getrennt und erzeugen dennoch den Eindruck einer gemeinsamen Beschwörung.
Die Gitarren verbinden erkennbare melodische Linien mit zunehmend feindseligen Harmonien. Der Song wirkt dadurch nicht chaotisch, obwohl sich sein Zustand fortlaufend verändert. Faustian zeigen besonders überzeugend, wie Atmosphäre aus kompositorischer Entwicklung entstehen kann, anstatt lediglich durch Hall, Hintergrundgeräusche oder eine bewusst undeutliche Produktion erzeugt zu werden.
»TENEMENTS (ONLY THE WICKED WALK IN CIRCLES)« – ARCHITEKTUR ALS BESCHWÖRUNG
Der Untertitel von »Tenements (Only The Wicked Walk In Circles)« bezieht sich auf Psalm 12:8 und die Vorstellung, dass sich die Gottlosen im Kreis bewegen. Faustian interessieren sich dabei weniger für eine wortgetreue religiöse Auslegung als für die Frage, ob das Böse eine erkennbare Architektur besitzen könnte.
Der Text betrachtet die bedrückende Gestaltung öffentlicher Wohnanlagen als mögliches Ergebnis einer bewussten Beschwörung. Beton, wiederkehrende Flure, geschlossene Höfe und einander gleichende Gebäudeteile werden zu Formen, die Menschen psychologisch in Kreisläufen festhalten. Das lässt sich sowohl wörtlich als auch als Kommentar auf gesellschaftliche Verhältnisse lesen, in denen Armut und Ausgrenzung durch die gebaute Umgebung verstärkt werden.
Die kreisförmige Bewegung verweist zugleich auf die Höllenkreise in Dantes »Inferno« und die Verbindung von Raum, Wiederholung und Gewalt in Pier Paolo Pasolinis »Salò oder die 120 Tage von Sodom«. Die Gegensätze aus alltäglicher Wohnarchitektur und metaphysischem Schrecken gehören zu den interessantesten Gedanken des Albums.
Musikalisch wird diese Vorstellung durch kantige, wiederkehrende Riffs umgesetzt. Bestimmte Figuren scheinen einen Ausgang anzudeuten, führen aber erneut zum Ausgangspunkt zurück. Haley steigert den Druck schrittweise, während Bean weniger wie ein allwissender Erzähler als wie ein Bewohner dieser Konstruktion klingt.
»Tenements« ist kein eingängiger Song und dürfte in einer einzelnen Playlist weniger unmittelbar auffallen als »I Curse You« oder »Broken Better«. Innerhalb des Albums gehört er jedoch zu den wichtigsten Kompositionen, weil Form, Inhalt und Atmosphäre besonders eng aufeinander reagieren.
»THE ROT SHALL INHERIT THE EARTH« – DIE FÄULNIS ÜBERNIMMT
Der Abschlusstitel verdreht die biblische Verheißung, dass die Sanftmütigen die Erde erben werden. Bei Faustian gehört sie der Fäulnis. Verfall ist dabei kein zukünftiges Ereignis, sondern ein fortlaufender Zustand: Er hat die Erde übernommen, übernimmt sie gerade und wird sie immer wieder übernehmen.
Diese Aufhebung einer linearen Zeitvorstellung erinnert an fiktive Sprachen und nichtmenschliche Formen des Bewusstseins, bei denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht klar voneinander getrennt werden. Zugleich schließt der Song das gnostische Grundmotiv des Albums ab. Wenn der göttliche Funke durch die beschädigte Hülle freigesetzt werden soll, ist Verwesung vielleicht die langsamste und vergleichsweise sanfteste Form dieser Öffnung.
Matt Wilcock entwickelt einige der melodischsten Gitarrenlinien der Platte. Ihre Schönheit bleibt jedoch instabil. Harmonien, die für wenige Augenblicke beinahe erhebend wirken, verändern sich in dissonante Bewegungen und verlieren jede Aussicht auf eine versöhnliche Auflösung.
David Haley treibt das Stück in mehreren Schüben voran. Statt auf einen einzelnen abschließenden Blastbeat-Ausbruch zu setzen, verdichtet die Band verschiedene Ebenen, bis die gesamte Konstruktion zusammenbricht. Glocken und menschliche Schreie markieren schließlich das Ende.
Als Abschluss ist »The Rot Shall Inherit The Earth« ausgezeichnet gewählt. Der Song fasst das Verhältnis von Schönheit, Verfall und religiöser Umkehrung zusammen, ohne das Konzept in einem erklärenden Schlusswort aufzulösen. Die Fäulnis erhält das letzte Wort.
TECHNISCHE FÄHIGKEIT IM DIENST DER ATMOSPHÄRE
Die beteiligten Musiker könnten jederzeit ein wesentlich stärker auf Geschwindigkeit und technische Leistung ausgerichtetes Album aufnehmen. David Haley besitzt durch Psycroptic, The Amenta und weitere Gruppen genügend Erfahrung, um nahezu jedes Stück in ein Schlagzeugfeuerwerk zu verwandeln. Auf »Parable Of The Sewer« setzt er sein Können jedoch auffallend diszipliniert ein.
Haley bestimmt den Schwerpunkt der Arrangements. Blastbeats erzeugen Bewegung und zusätzliche Spannung, während langsamere Schläge die dissonanten Gitarren länger im Raum halten. Selbst kompliziertere Übergänge klingen nicht wie eingeschobene Beweise technischer Überlegenheit.
Matt Wilcock verzichtet weitgehend auf Soli und arbeitet stattdessen mit übereinandergeschichteten Riffs. Seine deutlichsten Bezugspunkte liegen bei Emperor, Dissection, Dark Funeral und Akercocke. Gerade in den epischeren Passagen ist erkennbar, dass Wilcock die Größe des klassischen symphonischen Black Metal erreichen möchte, ohne sich auf Keyboards zu verlassen.
Sam Beans Bass besitzt eine für das Genre ungewöhnlich starke Präsenz. Er folgt nicht durchgehend der Gitarre, sondern verstärkt bestimmte rhythmische Bewegungen und gibt den langsameren Passagen zusätzliche Masse. Seine Stimme ist unterdessen wesentlich vielseitiger als das typische eindimensionale Kreischen. Tiefe Befehle, heisere Schreie, liturgische Rezitationen und entfernt wirkende Hintergrundstimmen unterstützen die jeweilige Erzählperspektive.
KLAR PRODUZIERT, ABER NICHT STERILISIERT
Joe Haley produzierte, mischte und masterte das Album. Die Aufnahmen entstanden mit demselben eingespielten Umfeld, das die Musiker auch für Werewolves nutzen. Trotz der modernen Klarheit besitzt »Parable Of The Sewer« keinen klinisch geglätteten Klang.
Die Gitarren stehen breit im Stereobild und können dichte Wände errichten, ohne jede einzelne Bewegung zu verdecken. Der Bass ist deutlich wahrnehmbar, während Bassdrum und Snare genügend Durchsetzungskraft besitzen, um auch in den schnellsten Passagen nicht unterzugehen. Gleichzeitig bleiben die Becken natürlich genug, um nicht wie ein programmiertes Dauerrauschen zu wirken.
Beans Stimme steht weit vorn, wird aber durch unterschiedliche Räume und Entfernungen erweitert. Gerade die beschwörenden Passagen profitieren davon. Statt eines künstlichen Kathedralenhalls entstehen mehrere stimmliche Ebenen, die zum Eindruck eines Rituals beitragen.
Gelegentlich erreicht die Mischung eine derart hohe Dichte, dass kleinere Unterschiede zwischen den Gitarrenfiguren verschwimmen. Besonders im Mittelteil können die zahlreichen Schreie, Blastbeats und dissonanten Akkorde ermüden. Diese Überlastung passt zwar zum Konzept, nimmt einzelnen Motiven aber etwas von ihrer möglichen Wirkung.
HOHE ZIELE UND DEUTLICH HÖRBARE VORBILDER
Faustian haben für »Parable Of The Sewer« einen bewusst überhöhten Maßstab gewählt. Das Album sollte nach eigener Aussage neben Emperors »Anthems To The Welkin At Dusk« bestehen können, ohne schwach zu wirken. Dieses Ziel zeugt von Selbstvertrauen, macht die Nähe zu den Vorbildern allerdings besonders leicht erkennbar.
Die Platte erreicht weder die historische Bedeutung noch die damals revolutionäre Wirkung von »Anthems To The Welkin At Dusk«. Einige Passagen in »Immaculate« und »Cephalophore« verwenden bekannte melodische und atmosphärische Lösungen. Auch Beans wiederkehrende Wechsel zwischen tiefem Befehl und hohem Schrei verlieren gegen Ende etwas von ihrer anfänglichen Überraschung.
Entscheidend ist jedoch, was Faustian mit diesem vorhandenen Vokabular anfangen. Das Trio verbindet seine Einflüsse mit einem außergewöhnlich konsequenten Konzept. Die Umkehrung religiöser Bilder bleibt nicht auf Titel und Cover beschränkt, sondern wirkt auf die musikalischen Strukturen zurück. Feierliche Melodien versprechen Erhebung und werden anschließend beschädigt. Liturgische Stimmen führen nicht zur Erlösung, sondern tiefer in die Verunsicherung.
Besonders »Broken Better«, »I Want The Ride To Begin Again«, »We Do Not Use Names Here«, »Tenements« und »The Rot Shall Inherit The Earth« zeigen eine Band mit eigener Vorstellungskraft. Faustian erfinden Black Metal nicht neu, behandeln seine bekannten Bestandteile aber mit erheblich größerer gedanklicher Sorgfalt als zahlreiche Gruppen, die sich mit Pentagrammen, Kirchenruinen und austauschbaren Beschwörungsformeln begnügen.
FAZIT:
Mit »Parable Of The Sewer« erschaffen Faustian ein geschlossenes, technisch ausgezeichnetes und inhaltlich ungewöhnlich durchdachtes Black-Metal-Album, dessen religiöse Umkehrungen ebenso stark wirken wie die Verbindung aus Raserei, Dissonanz und kontrollierter Atmosphäre. Die deutlich hörbaren Vorbilder und einige vertraute Übergänge verhindern die Höchstwertung, während »Broken Better«, »I Want The Ride To Begin Again«, »We Do Not Use Names Here« und der abschließende Titelschlag zu den stärksten Stücken zählen. Wer sich in diese Kanalisation hinabführen lässt, erhält keine Erlösung, aber eine der überzeugendsten schwarzen Predigten des australischen Extreme Metal.






