Band: Chamber Of Unlight 🇫🇮
Titel: Avernus
Label: Werewolf Records
VÖ: 31. Juli 2026
Format: Digital / CD / Vinyl
Genre: Melodic Black Metal / Symphonic Black Metal

Tracklist

01. One With the One
02. Wraithlike
03. Night Chasm
04. Polkuni
05. The Dagger
06. Rise Above
07. Where Light Does Not Dare to Enter
08. Dominus Tenebrarum

Besetzung

Necrosis – Gesang
Leper – Gitarre
Infection – Gitarre
VnoM – Bass
LRH – Schlagzeug
Spellgoth – Keyboards

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Diesen Freitag lassen wir gleich mit einer weiteren Black Metal Scheibe ausklingen, und diesmal aus Finnland. Mit »Avernus« veröffentlichen die 2016 gegründeten Chamber Of Unlight ihr zweites Studioalbum und versammeln darauf sechs gestandene Musiker der finnischen Metalszene. Namen wie Horna, Ajattara, Deathchain, Bythos und Trollheims Grott finden sich in den Lebensläufen der Beteiligten. Entsprechend abgeklärt klingt dieses Album: schneidende Tremologitarren, mächtige Keyboards, finstere Melodien und ein wütendes Schlagzeug greifen ineinander, ohne dass daraus ein überfülltes Klangchaos entsteht. Chamber Of Unlight holen den melodischen und symphonischen Black Metal der späten Neunziger in die Gegenwart, polieren ihn ordentlich auf und achten dennoch darauf, dass seine notwendige Kälte nicht unter einer allzu glänzenden Produktion begraben wird.

Albumplaylist:

DIE NEUNZIGER SIND NOCH LANGE NICHT TOT

Chamber Of Unlight begannen 2016 als Soloprojekt des Multiinstrumentalisten Necrosis. Mit LRH am Schlagzeug und Leper an der Gitarre wuchs das Projekt zu jener Band heran, die 2021 mit »Realm Of The Night« ihr Langspieldebüt vorlegte. Das Album beschäftigte sich hörbar mit der zweiten Hälfte der Neunziger, als melodischer Black Metal seinen rauen Untergrund verließ und Keyboards, majestätische Arrangements sowie größere Produktionen für sich entdeckte.

Nach der Veröffentlichung wurde die Besetzung um VnoM am Bass, den Gitarristen Infection und Spellgoth an den Keyboards erweitert. »Avernus« ist nun das erste Album, das von dieser sechsköpfigen Formation eingespielt wurde. Wer angesichts des umfangreichen Personals einen radikalen Stilwechsel erwartet, wird diesen nicht bekommen. Die Finnen reißen ihr Fundament nicht ein, sondern bauen darauf eine erheblich größere und eindrucksvollere Festung.

Die Einflüsse sind dabei kaum zu überhören. Frühere Werke von Dimmu Borgir, Covenant, Tartaros, Thyrane, Alghazanth und …And Oceans stehen als Orientierungspunkte im Raum. Chamber Of Unlight kopieren jedoch kein einzelnes Album. Sie greifen vielmehr jene Zeit auf, in der symphonischer Black Metal noch gefährlich klang und Keyboards nicht automatisch eine Einladung zum bombastischen Kostümball bedeuteten.

Das Ergebnis ist nostalgisch, aber keineswegs verstaubt. Die Produktion klingt deutlich voller und transparenter als viele Veröffentlichungen aus der damaligen Zeit. Gleichzeitig behalten die Gitarren ihre Schärfe und das Schlagzeug seinen organischen Druck. Dadurch wirkt »Avernus« nicht wie eine künstlich gealterte Aufnahme, sondern wie die Fortsetzung einer musikalischen Entwicklung, die für diese Band niemals beendet war.

EIN STURM AUS SECHS RICHTUNGEN

»One With the One« beginnt ohne vorsichtige Annäherung. Gitarren, Schlagzeug, Gesang und Keyboards brechen beinahe gleichzeitig los und errichten bereits innerhalb der ersten Sekunden eine gewaltige Klangwand. Die Tremoloriffs rasen voran, während Spellgoth mit seinen Tastenflächen eine eisige und zugleich erhabene Atmosphäre darüberlegt.

Necrosis zeigt dabei sofort, weshalb sein Gesang zu den tragenden Säulen des Albums gehört. Seine Stimme beschränkt sich nicht auf einen einzigen hohen Kreischton. Er wechselt zwischen heiserem Black-Metal-Gesang, tieferen Ausbrüchen und scharf ausgesprochenen Beschwörungen. Diese unterschiedlichen Ebenen lassen den Song lebendiger wirken, ohne seinen finsteren Charakter aufzuweichen.

Die beiden Gitarristen Leper und Infection arbeiten präzise zusammen. Während eine Gitarre das schnelle rhythmische Fundament legt, setzt die andere melodische Linien und kleine Gegenbewegungen. Dadurch bleibt der Song trotz seiner dichten Instrumentierung nachvollziehbar. Es passiert viel, aber nichts wirkt willkürlich zusammengeschoben.

LRH treibt das Stück mit wuchtigen Blastbeats und sauber gesetzten Übergängen voran. Sein Schlagzeug klingt kräftig, ohne die Gitarren und Keyboards zu überrollen. VnoM hält den Bass meist unterhalb der dominierenden Instrumente, verleiht dem Gesamtbild aber genau jene Tiefe, die aus dem symphonischen Sturm eine körperlich spürbare Angelegenheit macht.

GEISTERHAFTE MELODIEN UND EIN NÄCHTLICHER ABGRUND

Mit »Wraithlike« wird die theatralische Seite von Chamber Of Unlight deutlicher. Die Keyboards treten stärker hervor und erinnern stellenweise an eine schwarze Messe, die in einer zugefrorenen Kathedrale abgehalten wird. Unter diesen Flächen arbeiten die Gitarren weiterhin ausgesprochen aggressiv.

Einige der melodischen Gitarrenbewegungen besitzen sogar eine Spur klassischen Heavy Metal. Die Band lässt diese Einflüsse jedoch nicht offen ausbrechen, sondern hält sie innerhalb des Black-Metal-Rahmens gefangen. Dadurch erhält der Song eine Eingängigkeit, die sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig offenbart.

»Night Chasm« gehört anschließend zu den stärksten Stücken des Albums. Schon das eröffnende Zusammenspiel aus Keyboard und Gitarren besitzt eine finstere Größe, die sofort Aufmerksamkeit verlangt. Das Stück wirkt gleichzeitig wild und kontrolliert. Die Gitarren treiben nach vorne, das Schlagzeug schlägt mit voller Kraft zu und die Keyboards verleihen dem Ganzen eine beinahe kosmische Weite.

Besonders gelungen ist das Verhältnis zwischen Melodie und Härte. Die symphonischen Bestandteile werden nicht einfach über den fertigen Song gelegt. Sie antworten auf die Gitarren, führen einzelne Motive weiter und füllen jene Räume, die zwischen den rasenden Anschlägen entstehen. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen sinnvoll eingesetzten Keyboards und bloßer Hintergrunddekoration.

Der Song zeigt außerdem, dass Chamber Of Unlight ihre Stücke kompakt halten können. Trotz der zahlreichen Ebenen wird kein Thema endlos ausgewalzt. Jeder Übergang führt weiter und jede melodische Idee erhält genau den Raum, den sie benötigt. Kein Wunder, dass »Night Chasm« bereits vor der Albumveröffentlichung auf eine beachtliche Resonanz gestoßen ist.

DER EIGENE PFAD

Der finnische Titel »Polkuni« bedeutet übersetzt „mein Pfad“. Musikalisch setzt die Band ihren eingeschlagenen Weg konsequent fort, rückt diesmal aber die melodische Seite etwas weiter in den Vordergrund. Die Gitarrenlinien bleiben schneller im Gedächtnis und Spellgoths Keyboards wirken weniger bedrohlich als vielmehr majestätisch.

Das Stück besitzt einen fast hymnischen Charakter, ohne seine schwarze Grundierung zu verlieren. Necrosis klingt weiterhin boshaft und angespannt, während die Instrumente hinter ihm eine ungewöhnlich weitläufige Kulisse errichten. Dieser Gegensatz funktioniert hervorragend: Die Musik öffnet den Blick in eine endlose Nacht, während der Gesang daran erinnert, dass dort draußen nichts Freundliches wartet.

»Polkuni« gehört zu den eingängigsten Songs des Albums. Dabei verfällt die Band nicht in eine einfache Strophe-Refrain-Routine. Stattdessen entwickelt sich das Stück entlang seiner Melodien und lässt diese mehrfach in veränderter Gestalt zurückkehren. Das ist handwerklich stark geschrieben und zeigt, wie sicher die Musiker ihre unterschiedlichen Einflüsse zusammenführen.

DIE SCHNEIDE IM DUNKELN

Mit »The Dagger« erreicht »Avernus« einen weiteren Höhepunkt. Zu Beginn überraschen klare Gesangspassagen, die jedoch keineswegs freundlich oder beruhigend wirken. Sie klingen eher wie die Worte eines Predigers, dem man besser nicht in einen dunklen Wald folgen sollte.

Danach setzt die Band wieder mit voller Härte ein. Das Tremolospiel wird schneller, das Schlagzeug zieht das Tempo an und die Keyboards bauen eine gespenstische Umgebung auf. Besonders die unterschiedlichen Gesangsebenen verleihen dem Song einen rituellen Charakter. Necrosis klingt, als würde er gleichzeitig den Zeremonienmeister und das Opfer dieser Veranstaltung verkörpern.

Die Melodien sind eingängig, ohne ihren bedrohlichen Unterton zu verlieren. Leper und Infection lassen ihre Gitarren erneut gegeneinander arbeiten, anstatt dieselben Akkorde lediglich zu verdoppeln. Eine Seite hält den rhythmischen Druck aufrecht, während die andere einzelne Motive herausarbeitet und in die symphonischen Flächen überführt.

Gerade dieser Song zeigt die Entwicklung gegenüber »Realm Of The Night«. Die Band klingt größer, abwechslungsreicher und in ihren Entscheidungen sicherer. Wo das Debüt seine Einflüsse noch deutlicher zur Schau stellte, wirkt »The Dagger« wie die Arbeit einer Formation, die ihren gemeinsamen Klang inzwischen gefunden hat.

ERHEBT EUCH

»Rise Above« beginnt mit einer symphonischen Passage, die kurzzeitig beinahe feierlich erscheint. Dieser Eindruck hält allerdings nicht lange. Die Gitarren fahren dazwischen, das Schlagzeug eröffnet das nächste Trommelfeuer und Necrosis reißt die Stimmung wieder in die Finsternis.

Die Keyboards übernehmen hier eine besonders wichtige Aufgabe. Sie erzeugen einen melodischen Gegenpol zur aggressiven Rhythmusgruppe. Während LRH und die Gitarren ohne erkennbare Rücksicht nach vorne stürmen, hält Spellgoth einzelne Töne und Flächen über längere Zeit. Aus diesem Gegensatz entsteht jene Spannung, die das Album durchgehend trägt.

Der Song besitzt einen Refrain, der sich erstaunlich schnell festsetzt. Das macht ihn zu einer Nummer, die auch auf einer Bühne funktionieren dürfte. Trotz aller symphonischen Ausgestaltung bleibt genügend direkter Black-Metal-Druck vorhanden, um die Musik nicht in einer allzu vornehmen Atmosphäre erstarren zu lassen.

WO DAS LICHT NICHT EINZUTRETEN WAGT

»Where Light Does Not Dare to Enter« verbindet die wesentlichen Stärken des Albums auf besonders überzeugende Weise. Bedrohliche Keyboardflächen legen sich über rasende Tremologitarren, während LRH mit seinen Blastbeats einen gnadenlosen Rhythmus vorgibt. Der Bass besitzt hier mehr Raum und verleiht den schnellen Passagen zusätzliches Gewicht.

Der Refrain ist so angelegt, dass er bei einem Konzert von der gesamten Halle mitgebrüllt werden kann. Das Stück wirkt ohnehin wie für die Bühne geschrieben. Seine Wechsel sind deutlich, die Melodien bleiben hängen und die besonders harten Passagen besitzen ausreichend Platz, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Trotz seiner Eingängigkeit gehört der Song zu den finstersten Momenten des Albums. Die symphonischen Elemente vermitteln keine märchenhafte Schönheit, sondern wirken wie schwarze Wolken, die sich immer tiefer über dem Geschehen zusammenschieben. Gerade hier beherrschen Chamber Of Unlight jene schwierige Balance zwischen großem Klang und glaubwürdiger Bosheit.

Wenn es überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann die gelegentlich sehr dominante Stellung der Keyboards. In wenigen Abschnitten werden die hervorragenden Gitarrenlinien etwas zu weit in den Hintergrund gedrängt. Das ist angesichts der Qualität von Spellgoths Arbeit verständlich, doch ein Hauch weniger Klangfläche hätte einzelnen Riffs zusätzliche Schärfe verliehen.

HERR DER FINSTERNIS

Mit »Dominus Tenebrarum« endet das Album anders, als es begonnen hat. Statt eines weiteren unmittelbaren Angriffs errichtet die Band ein hypnotisches und zunehmend filmisches Finale. Kalte Synthesizer, klare Stimmen und ein beinahe industriell wirkender Rhythmus führen aus dem klassischen Aufbau der vorherigen Songs heraus.

Die gesprochenen und klar gesungenen Passagen klingen wie eine letzte finstere Predigt. Sie steigern sich gemeinsam mit den Instrumenten, bis aus dem zunächst kontrollierten Verlauf eine große, bedrohliche Schlusszeremonie entsteht. Der Song wirkt dadurch wie ein Abspann zu einem Film, dessen Ende für keinen der Beteiligten besonders erfreulich ausgefallen ist.

Dass Chamber Of Unlight zum Abschluss von ihrer bisherigen Formel abweichen, ist eine gute Entscheidung. Nach sieben dicht arrangierten Black-Metal-Nummern benötigt das Album keinen weiteren Blastbeat-Angriff. »Dominus Tenebrarum« schließt das Werk stattdessen mit einer eigenständigen Atmosphäre ab und hinterlässt den Eindruck, dass die beschworene Dunkelheit auch nach dem letzten Ton noch im Raum steht.

GROSSER KLANG OHNE PLASTIKGLANZ

Die Produktion gehört zu den großen Stärken von »Avernus«. Sie ist klar genug, um die zahlreichen Ebenen voneinander zu trennen, bleibt aber organisch und körperlich. Die Gitarren schneiden, das Schlagzeug drückt und die Keyboards besitzen eine enorme räumliche Wirkung.

Dabei klingt das Album nicht künstlich auf alt getrimmt. Chamber Of Unlight verwenden eine zeitgemäße Produktion, ohne den Black Metal in klinischer Sauberkeit zu ersticken. Besonders über Kopfhörer wird deutlich, wie viele kleine Melodien, Gegenbewegungen und atmosphärische Details innerhalb der Arrangements verborgen sind.

Die transparentere Mischung kommt vor allem dem erweiterten Line-up zugute. Sechs Musiker benötigen Platz, wenn ihre Beiträge nicht zu einem einzigen Tonklumpen verschmelzen sollen. Dieser Raum ist vorhanden. Lediglich der Bass könnte stellenweise noch selbstbewusster auftreten, während die Keyboards in einzelnen Momenten einen Schritt zurücktreten dürften.

»Avernus« möchte keine Revolution des symphonischen Black Metal sein. Das Album verfeinert eine bekannte Sprache und wird gerade dadurch überzeugend. Die Finnen wissen, aus welcher Zeit und aus welchen Szenen ihr Klang stammt. Sie behandeln diese Vergangenheit jedoch nicht wie ein Museumsexponat, sondern setzen sie mit hörbarer Spielfreude fort.

FAZIT:

»Avernus« ist ein mächtiges zweites Album, auf dem Chamber Of Unlight die Atmosphäre des melodischen und symphonischen Black Metal der Neunziger mit einer druckvollen modernen Produktion verbinden. Besonders Necrosis, LRH und Spellgoth stechen hervor, doch letztlich ist es das präzise Zusammenspiel der gesamten sechsköpfigen Besetzung, das Songs wie »Night Chasm«, »The Dagger« und »Where Light Does Not Dare to Enter« so stark macht. Gelegentlich stehen die Keyboards etwas zu weit im Vordergrund und verdecken Gitarrenlinien, die durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Unterm Strich ist »Avernus« jedoch ein finsteres, melodisches und hervorragend produziertes Album, das Anhänger des klassischen finnischen Black Metal unbedingt hören sollten.

Chamber Of Unlight – Night Chasm – Preview Song

Internet

Chamber Of Unlight – Avernus – Album Review

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