Band: KAREN DIÓ 🇧🇷 / 🇬🇧
Titel: Fugaz
Label: Hopeless Records
VÖ: 21.08.2026
Format: Digital / Vinyl / CD
Genre: Punk Rock / Garage Punk / Riot Grrrl / Pop-Punk

Tracklist

01. Euphoria
02. Free Yourself
03. Choke
04. Crawling
05. Rat Race
06. Fugaz

Besetzung

Karen Dió – Gesang, Gitarre
Chris Hyson – Produktion, Arrangements

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Punk frisch aus England. Ganz stimmt das geografisch allerdings nur mit einer wichtigen Ergänzung: KAREN DIÓ wurde in Brasilien geboren und hat ihren Lebensmittelpunkt vor einigen Jahren nach Großbritannien verlegt. Genau zwischen diesen beiden Welten steht ihre zweite EP »Fugaz«: sechs kurze Songs, knapp 15 Minuten Spielzeit und genug Temperament, um einen verregneten Nachmittag in London wenigstens akustisch in einen überhitzten Kellerclub zu verwandeln. Nach »My World« aus dem Jahr 2024 klingt die Sängerin und Gitarristin spürbar entschlossener, ohne ihre Vorliebe für eingängige Refrains aufzugeben. Riot-Grrrl-Biss, Garage-Punk, Pop-Punk und ein paar dunklere Grunge-Schatten treffen auf Texte über Freiheit, Migration, Ehrgeiz und die Einsicht, dass sich Zeit nicht festhalten lässt.

EP-Stream:

FÜNFZEHN MINUTEN OHNE WARTEZIMMER

Der portugiesische Titel »Fugaz« bedeutet so viel wie flüchtig, kurzlebig oder vergänglich. Karen Dió nimmt das ziemlich wörtlich. Kein Song überschreitet dreieinhalb Minuten, keiner gönnt sich ein langes Vorspiel, und selbst die Wiederholungen sind so knapp bemessen, dass ein Refrain lieber einmal zu wenig als einmal zu oft auftaucht. Punk als Konzentrationsübung: hinein, Ansage machen, wieder raus.

Das allein wäre freilich noch kein Qualitätsmerkmal. Auch eine schlechte Idee kann nach zwei Minuten zu lang sein. Der Unterschied zu »My World« liegt deshalb weniger in der Spieldauer als in der Substanz. Auf der ersten EP genügte bisweilen eine freche Zeile, um einen ansonsten recht dünnen Song zu tragen. Diesmal sitzen Bassläufe, Gitarrenhaken und Gesangsmelodien enger zusammen. Die Stücke besitzen jeweils eine eigene Temperatur, obwohl sie unverkennbar aus derselben Werkstatt kommen.

Produzent Chris Hyson hilft dabei, das Material kompakt zu halten. Die Aufnahme hat Druck, bleibt aber beweglich. Gitarren dürfen scharren, der Bass darf kurz die Führung übernehmen, und Diós Stimme wird nicht auf gefällige Gleichmäßigkeit getrimmt. Gerade ihre Wechsel zwischen tiefem Sprechen, melodischem Gesang, Bellen und heiserem Schrei machen den Unterschied.

EUPHORIA DRÜCKT AUF START

»Euphoria« eröffnet mit einer unverzerrt angeschlagenen Gitarre, doch die vermeintliche Ruhe hält ungefähr so lange wie ein Vorsatz am ersten Festivaltag. Schlagzeug und Verstärker springen an, Dió zieht das Tempo hoch und landet in einem Refrain, der ohne Umwege hängen bleibt. Das Stück besitzt tatsächlich etwas von jener jugendlichen Aufbruchsstimmung, mit der Teenagerfilme früher ihre ersten Bilder unterlegten – nur kommt die Hauptfigur hier nicht zu spät zum Unterricht, sondern geht lieber gar nicht erst hin.

Unter der guten Laune steckt eine ernsthafte Entscheidung. Dió singt über den Moment, in dem Angst nicht länger das eigene Handeln bestimmen soll. Dass daraus keine Motivationsposter-Prosa wird, verdankt der Song ihrer ungeduldigen Darbietung. Sie klingt nicht wie jemand, der Ratschläge verteilt, sondern wie jemand, der sich selbst noch einmal laut daran erinnern muss. Die wiederkehrenden „Ah“-Chöre sind simpel, erfüllen aber ihren Zweck: Spätestens beim zweiten Durchlauf ist man beteiligt.

Trotzdem zeigt sich hier bereits eine kleine Schwäche der EP. Die melodische Formel aus kurzen Strophen, lautem Refrain und gemeinschaftstauglichen Lautsilben ist sofort durchschaubar. »Euphoria« gewinnt durch Energie, nicht durch Überraschung. Das ist im Punk erlaubt, darf sich über sechs Stücke allerdings nicht zu oft wiederholen.

FREIHEIT BRAUCHT KEINEN LANGEN ANLAUF

»Free Yourself« setzt noch kräftiger an. Das Riff ist breiter, der Rhythmus stampft entschlossener, und ein zurückhaltender Phaser-Effekt gibt der Gitarre gerade genug Bewegung, ohne den Song in Effektpedalen zu ertränken. Dió fordert Freiheit nicht mit erhobenem Zeigefinger ein. Sie wirft die Tür auf und geht davon aus, dass der Rest schon hinterherkommen wird.

Der Refrain ist für volle Clubs gebaut. Er funktioniert auf Platte, lässt seine eigentliche Bestimmung aber unschwer erkennen: Arme nach oben, Stimmen heiser, zweieinhalb Minuten kollektiver Kontrollverlust. Dabei bleibt die Produktion erstaunlich organisch. Das Schlagzeug klingt nicht wie am Raster festgeschraubt, und die Gitarren besitzen genügend raues Korn, um den Pop-Anteil vor allzu sauberer Oberfläche zu bewahren.

Im direkten Vergleich zum Auftakt ist »Free Yourself« der stärkere Song, weil er den eingängigen Kern mit mehr Gewicht versieht. Wo »Euphoria« hüpft, schiebt dieses Stück. Beide bedienen dieselbe Grundidee, doch die zweite Variante bleibt nachhaltiger im Gedächtnis.

CHOKE FINDET DIE RICHTIGEN WORTE

Mit »Choke« wechselt die EP von persönlicher Selbstermunterung zu gesellschaftlichem Widerstand. Dió richtet sich gegen sexistische und fremdenfeindliche Herabsetzung, gegen Stimmen also, die ihre bloße Existenz als Frau und Migrantin zum Problem erklären wollen. Ihre Antwort fällt weder diplomatisch noch missverständlich aus. Der Titel ist bereits die vollständige Gesprächsbereitschaft.

Musikalisch trägt ein beharrlich kreisendes Gitarrenriff den Song. Es bewegt sich kaum vom Fleck und erzeugt gerade dadurch Spannung, während Dió darüber knurrt, spuckt und einzelne Wörter regelrecht abbeißt. Ihre Schreie wirken nicht wie nachträglich eingesetzte Härtesignale, sondern wie der Punkt, an dem normaler Gesang für den Inhalt nicht mehr genügt. Hier nähert sich die EP am deutlichsten dem Riot-Grrrl-Erbe, ohne eine historische Vorlage nachzustellen.

Interessant ist auch, wie viel Raum der Bass bekommt. Er stabilisiert das Stück, während die Stimme immer weiter nach vorn drängt. Im Mix ist diese allerdings fast zu präsent. Gelegentlich wird die Band zur Begleitung einer sehr lauten Frontfrau zusammengeschoben, obwohl gerade das Zusammenspiel den Song stark macht. Ein wenig mehr Luft zwischen Gesang und Instrumenten hätte »Choke« gutgetan. Seine Wirkung verliert das Stück dadurch nicht; es ist der erste Höhepunkt der EP.

CRAWLING KRIECHT KEINEN METER

Der Name führt in die Irre: »Crawling« schleppt sich nicht, sondern wird von einem prägnanten Bass und einem nervösen Post-Punk-Puls vorangetrieben. Die Gitarre setzt eine kleine, beinahe spröde Melodie dagegen. Plötzlich wirkt »Fugaz« weniger sonnig, und genau zum richtigen Zeitpunkt öffnet sich eine zweite Klangfarbe.

Inhaltlich geht es um Sehnsucht und den schmerzhaften Zustand, emotional an etwas festzuhängen, das sich längst entfernt hat. Dió singt zunächst kontrollierter, beinahe erschöpft, bis ihre Stimme in Verzerrung und Schreie kippt. Dieser Übergang gehört zu den überzeugendsten Momenten der EP. Er findet nicht statt, weil ein Arrangement nach einem dramatischen Höhepunkt verlangt, sondern weil die Fassung der Erzählerin hörbar reißt.

Der Kontrast aus tanzbarem Rhythmus und betrübtem Text bewahrt den Song vor Selbstmitleid. Allerdings hätte man gerade hier gern erlebt, wie Karen Dió eine Idee länger entwickelt. Nach drei Minuten ist Schluss, obwohl Bassmotiv und Gesangsdynamik problemlos noch eine weitere Wendung vertragen hätten. Die Kürze ist Konzept, wird an dieser Stelle aber erstmals zur Begrenzung.

RAT RACE TANZT DURCHS GEDRÄNGE

»Rat Race« beginnt mit verzerrtem Bass und einem Takt, der zwischen Garage Punk und Dance Punk vermittelt. Das Stück ist mit 2:05 Minuten der kürzeste Sprint der EP und zugleich ihr körperlichstes Angebot. Die Hi-Hat treibt, die Stimme feuert an, der Refrain hat fast etwas von einem Sprechchor. Wer bei diesem Rhythmus stillstehen kann, sollte sicherheitshalber den eigenen Puls überprüfen.

Textlich geht es um Ehrgeiz in einer Umgebung, in der alle gleichzeitig nach oben wollen. Dió feiert den eigenen Antrieb, ohne den Konkurrenzbetrieb vollständig gutzuheißen. Das Rattenrennen bleibt ein Rattenrennen, auch wenn man gerade vorne liegt. Diese Ambivalenz wird nur angerissen, nicht ausformuliert – zwei Minuten erlauben eben eher einen grellen Kommentar als eine ausführliche Bestandsaufnahme.

Gerade weil »Rat Race« so unmittelbar funktioniert, fällt sein Ende fast zu beiläufig aus. Ein zusätzlicher Durchgang hätte den Song nicht verwässert. Andererseits gehört das abrupte Verschwinden zum Witz: Kaum ist der Groove da, wird er einem wieder weggenommen. Auf Wiederholung drücken ist vermutlich Teil des Arrangements.

FUGAZ LÄSST DIE UHR WEITERLAUFEN

Der abschließende Titelsong nimmt das Tempo zurück und senkt die Stimmung in einen grungigen Halbschatten. Ein tiefer Gitarrenlauf schiebt sich vorwärts, während Dió darüber nachdenkt, wie sinnlos es ist, Vergangenes festhalten zu wollen. Zeit lässt sich weder umtauschen noch zurückfordern. Ausgerechnet die laut auftretende Sängerin liefert damit den nachdenklichsten Moment der Platte.

»Fugaz« ist keine Ballade. Dafür bleibt das Fundament zu angespannt, und gegen Ende rauht Diós Stimme zu einem Schrei auf, der sich wie Sandpapier über die Instrumente zieht. Dennoch zeigt das Stück, dass ihr deutlich mehr zur Verfügung steht als Angriff und Mitgrölen. Sie kann eine Zeile stehen lassen, Spannung über Zurückhaltung erzeugen und einen Song auf seinen emotionalen Bruchpunkt zusteuern.

Diese Seite hätte auf der EP gern noch häufiger auftauchen dürfen. Die ersten beiden Stücke verlassen sich stark auf sofortige Zugänglichkeit; der Titelsong arbeitet nachhaltiger. Er beendet die knappe Viertelstunde nicht mit einer großen Siegerpose, sondern mit dem Bewusstsein, dass jeder Rausch begrenzt ist. Das passt zum Titel und verhindert einen allzu glatten Abschluss.

ZWISCHEN KELLERCLUB UND GROSSEM REFRAIN

Klanglich findet »Fugaz« eine brauchbare Mitte. Die Gitarren sind kompakt und bissig, der Bass bleibt nicht im Hintergrund, und das Schlagzeug hält die sechs Songs in permanenter Bewegung. Gleichzeitig erkennt Hopeless Records natürlich das Potenzial großer Refrains. Die Aufnahme ist roh genug, um Punk zu heißen, aber sauber genug, um auch in einer modernen Alternative-Playlist nicht wie eine schlecht überspielte Proberaumkassette zu wirken.

Puristen könnten daran Anstoß nehmen. Manches „Ah“ sitzt auffällig passgenau, manche Dopplung der Stimme wurde sehr bewusst für maximale Wirkung platziert. Doch Karen Dió behauptet nirgends, eine historische Punkaufnahme von 1978 nachbauen zu wollen. Ihre Musik kennt Pop-Punk, Garage Rock, Grunge und Social-Media-Zeitalter gleichermaßen. Entscheidend ist, ob die Produktion den Songs die Zähne zieht – und das geschieht hier nicht.

Problematischer ist die gelegentliche Dominanz des Gesangs. Diós Stimme ist das wichtigste Erkennungsmerkmal, steht aber stellenweise so weit vorn, dass Gitarren und Rhythmusgruppe an Tiefe verlieren. Vor allem »Choke« hätte von einem etwas offeneren Mix profitiert. Auf der anderen Seite bleiben kleine Rückkopplungen, Bassverzerrungen und unpolierte Ränder erhalten. Klinisch klingt diese EP zu keinem Zeitpunkt.

DER ZWEITE ANLAUF SITZT BESSER

Gegenüber »My World« ist »Fugaz« ein deutlicher Fortschritt. Karen Dió hat ihre direkte Art nicht abgelegt, sondern besser unterfüttert. Die Haltung steht nun nicht mehr stellvertretend für den Song; sie wird von prägnanten Bassfiguren, unterschiedlichen Tempi und einer deutlich variableren Stimme getragen. Besonders »Choke«, »Crawling« und der Titelsong zeigen, dass hinter dem einprägsamen Auftreten eine Songwriterin steckt, die ihre Möglichkeiten gerade erst ausmisst.

Vollständig ausgereizt sind sie noch nicht. Einige Refrains folgen sehr ähnlichen Instinkten, und zwei oder drei Stücke enden genau dann, wenn eine unerwartete Abzweigung interessant geworden wäre. Die Viertelstunde bleibt ohne Leerlauf, wirkt jedoch eher wie ein sehr überzeugendes neues Kapitel als wie eine endgültige Aussage. Das ist bei einer zweiten EP kein Makel, den man künstlich aufblasen müsste – aber ein Grund, mit der Höchstwertung zu warten.

Was hängen bleibt, ist eine Musikerin, die nicht länger allein von Energie und Persönlichkeit lebt. Beides besitzt sie weiterhin im Überfluss, doch diesmal stehen die Songs auf eigenen Beinen. »Fugaz« heißt vergänglich; diese sechs Nummern dürften trotzdem eine Weile bleiben.

FAZIT:

»Fugaz« bündelt Riot-Grrrl-Biss, Garage-Punk und große Pop-Punk-Haken zu einer knappen, abwechslungsreichen EP, auf der Karen Dió hörbar an Profil gewinnt. Nicht jeder Refrain überrascht und manche Idee endet zu früh, doch »Choke«, »Crawling« und der starke Titelsong machen diese 15 Minuten zu ihrem bislang überzeugendsten Solomaterial.

KAREN DIÓ – Free Yourself

Internet

KAREN DIÓ - Fugaz - EP Review

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