Band: AXTY 🇧🇷
Titel: The Pain Made Me Who I Am
Label: Napalm Records
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Metalcore / Deathcore / Nu-Metalcore / Alternative Metal

Tracklist

01. pain made me
02. who I am
03. dismay
04. selfish
05. everything is beautiful
06. all I love
07. closer
08. fragile
09. break
10. nothing but pain
11. with me
12. end this

Besetzung

Felipe Hervoso – Gesang
Gabriel Vacari – Schlagzeug
Jonathas Peschiera – Gitarre

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Was bedeutet es eigentlich, wenn Schmerz nicht bloß etwas ist, das man erträgt, sondern der Stoff, aus dem die eigene Identität entstanden ist? Schon der philosophische Titel »The Pain Made Me Who I Am« stimmt nachdenklich. In Kombination mit dem surreal anmutenden Cover entsteht der Eindruck eines Albums, das tief in persönliche Verletzungen, Selbstzweifel und die Frage nach dem eigenen Ich hinabsteigen möchte. Genau dort setzen AXTY an: Das brasilianische Trio versteht Leid nicht ausschließlich als Zerstörung, sondern als Ausgangspunkt für Wachstum, Widerstandskraft und Selbstfindung. Musikalisch geschieht das allerdings keineswegs in stiller Kontemplation. Zwölf Songs und gut 34 Minuten lang prallen Deathcore, moderner Metalcore, Nu Metal, Hip-Hop-Rhythmen, Popmelodien, elektronische Splitter und absichtlich alberne Meme-Samples aufeinander. Das vierte Album der Band und zugleich ihr Einstand bei Napalm Records möchte schwere Gedanken mit einer Musik verbinden, die jederzeit aus der eigenen Umlaufbahn springen kann.

Album-Single:

DER TITEL ENTSTEHT IN ZWEI SCHRITTEN

Der Albumname wird bereits durch die ersten beiden Stücke zusammengesetzt. »pain made me« ist ein 87 Sekunden langer Auftakt, der keine klassische Einleitung liefert. Tief gestimmte Gitarrenschläge, zerhackte Hip-Hop-Samples und ein unter den Instrumenten lauerndes Kreischen formen einen industriell anmutenden Druck. Die Musik klingt, als würden mehrere beschädigte Dateien gleichzeitig abgespielt und dennoch exakt im Takt bleiben.

Darauf antwortet »who I am« mit dem zweiten Teil des Titels. Polyrhythmische Deathcore-Passagen wechseln mit einem großen, melodischen Metalcore-Refrain, während Felipe Hervoso zwischen Rap-artiger Phrasierung, klarer Stimme, Growls und hohen Schreien umschaltet. Gabriel Vacari treibt das Stück mit Stop-and-go-Rhythmen und kurzen Schlagzeugeruptionen voran. Jonathas Peschieras Gitarre arbeitet weniger mit klassischen Riffketten als mit tiefen rhythmischen Blöcken, die sich gegeneinander verschieben.

Der Song erklärt damit nicht nur den Albumtitel, sondern auch die Arbeitsweise der Band. AXTY stellen Härte und Melodie nicht sauber nebeneinander. Beides unterbricht, kommentiert und überlagert sich. Kurz vor einem massiven Breakdown taucht ausgerechnet ein Steve-Carell-Sample aus The Office auf. Das ist unerwartet und beim ersten Hören tatsächlich komisch. Zugleich stellt sich früh die Frage, ob solche Gags die ernste Aussage erweitern oder lediglich eine Passage für kurze Internetclips markieren sollen.

ORDNUNG IST HIER NUR EIN GERÜCHT

»dismay« beginnt mit Groove, Pinch Harmonics und einer fast gerappten Strophe. Der Refrain öffnet sich anschließend in Richtung Alternative Metal und bietet eine melodische Verschnaufpause. Diese hält nicht lange: Ein plötzlich höher gestimmter Gitarrenlauf, Blastbeats, ein an Korn erinnerndes Klagen und weitere brutale Vocals zerlegen die zuvor aufgebaute Ordnung. Der Song benötigt mehrere Durchgänge, weil die Band innerhalb von drei Minuten genug Ideen für zwei vollständige Stücke unterbringt.

Das kann begeistern, aber auch ermüden. AXTY schreiben selten auf einen geraden Zielpunkt hin. Sie arbeiten mit Überraschungen, Brüchen und kurzen Fremdkörpern. Dadurch bleibt das Album unberechenbar, doch nicht jede Wendung besitzt dieselbe kompositorische Notwendigkeit. Manchmal folgt der nächste Effekt, weil die emotionale Entwicklung danach verlangt. Manchmal scheint er aufzutauchen, weil noch zehn Sekunden Aufmerksamkeit erkämpft werden sollen.

»selfish« ist in dieser Hinsicht der überzeugendere Song. Manische Gitarren, abrupte Pausen und Vacaris donnernde Rhythmusarbeit verleihen ihm eine instabile Bewegung, die zum Inhalt passt. Hervoso drückt die Stimme bis in schwarz gefärbte Deathcore-Bereiche und klingt dabei tatsächlich gefährlich. Statt verschiedener Einfälle in rascher Folge besitzt das Stück eine gemeinsame nervöse Temperatur. Das Chaos wirkt hier kontrolliert, nicht gesammelt.

ALLES IST SCHÖN – BIS DIE STILLE KOMMT

Nach der Überladung von »selfish« setzt »everything is beautiful« auf Kontrast. Der Titel klingt zunächst verdächtig optimistisch, doch die Musik lässt dieser Aussage wenig unbeschwerte Luft. Tiefe Gitarren und melodische Gesangslinien ringen miteinander, ehe am Ende nahezu alles verschwindet und Hervosos Stimme ohne schützende Instrumentenwand zurückbleibt.

Dieser A-cappella-Ausklang gehört zu den stärksten Momenten des Albums. Plötzlich gibt es keinen Breakdown, kein Sample und keinen elektronischen Effekt, hinter dem sich die Emotion verstecken könnte. Hervoso zeigt, dass seine Leistung nicht allein aus extremen Lauten besteht. Die klare Stimme besitzt genügend Charakter, um einen Song auch ohne akustische Gewalt zu tragen.

Gerade deshalb fällt auf, wie selten AXTY solchen Augenblicken vertrauen. Fast jede offene Stelle wird rasch wieder mit einem rhythmischen Einfall, einer zusätzlichen Stimme oder einem Effekt besetzt. »everything is beautiful« beweist, dass weniger Material gelegentlich tiefer schneiden kann als der nächste besonders tiefe Gitarrenschlag.

ALL I LOVE TANZT MIT DER VERSAGENSANGST

»all I love« behandelt die Angst, ausgerechnet an jener Sache zu scheitern, der man sein Leben gewidmet hat. Für eine aufstrebende Band ist das kein abstraktes Thema. Ständiger Erfolgsdruck, Sichtbarkeit und die Frage, ob sich aus Leidenschaft jemals ein tragfähiges Leben entwickelt, können das geliebte Ziel in eine Quelle dauernder Selbstzweifel verwandeln.

Musikalisch gehört der Song zu den abwechslungsreichsten Nummern. Vacari spielt einen beinahe funkigen, von Clave-Rhythmen geprägten Beat, der sofort eine andere Bewegung erzeugt. Der melodische Refrain sitzt schnell, während die Strophen mit erratischen Gitarren und heftiger Doublebass arbeiten. Hervoso wechselt mühelos von eingängiger Klarstimme zu tiefen Growls und schrillen Ausbrüchen.

Unmittelbar zu Beginn ertönt ein „Wait a minute“-Meme. Es signalisiert, dass die Band sich selbst nicht vollständig ernst nimmt. Das kann sympathisch sein, steht hier aber in einem merkwürdigen Verhältnis zum Text. Die Angst vor dem Scheitern erhält eigentlich genügend Gewicht durch Musik und Gesang; der Gag ist dafür nicht nötig. Beim ersten Hören sorgt er für einen kurzen Effekt, beim fünften Durchgang bleibt er derselbe Witz.

CLOSER KOMMT DEM NU METAL SEHR NAHE

Mit »closer« rückt der Hip-Hop-Einfluss weiter nach vorn. Rap-Phrasierung, federnder Rhythmus und ein Hauch Limp Bizkit treffen auf einen angespannten Refrain. Hervosos Stimme klingt dort nicht triumphierend, sondern bewusst überdehnt und verletzlich. Das rettet den Song davor, als bloße Jahrtausendwende-Übung zu enden.

Der abschließende Schrei wird zu einer kleinen Ausdauerprüfung. Hervoso hält ihn so lange, dass man unwillkürlich darauf wartet, wann ihm die Luft ausgeht. Solche vokalen Kunststücke können leicht zum Selbstzweck werden. Hier markieren sie jedoch den emotionalen Kontrollverlust und passen in den Aufbau. Der Sänger ist ohnehin das wandelbarste Instrument der Platte: Er rappt, singt, bellt, growlt, kreischt und erzeugt Laute, die eher nach einem beschädigten Effektgerät als nach menschlichem Kehlkopf klingen.

»fragile« schließt melodischer an und nimmt den Titel wörtlich, ohne eine Ballade daraus zu machen. Der Refrain öffnet sich, die Strophen bleiben rhythmisch gespannt. Im Albumfluss erfüllt das Stück eine wichtige Aufgabe, weil es die Härte nicht weiter steigern muss. Als einzelner Song bleibt es allerdings weniger deutlich im Gedächtnis als »who I am« oder »all I love«.

BREAK LÄSST DEN BODEN ZÄH WERDEN

»break« bringt Sludge und Dissonanz in die Mischung. Die Gitarren wirken plötzlich klebriger und langsamer, als müsste sich die Musik durch eine zähe Masse bewegen. Statt eines sauberen modernen Grooves entsteht ein unangenehm naher Klangkörper. Das Stück ist nur 2:24 Minuten lang, erweitert die Platte aber um eine wichtige Textur.

Hier funktioniert der ständige Stilwechsel besonders gut, weil er nicht als Überraschungsgag inszeniert wird. Die Instrumente verändern ihre körperliche Wirkung. Vacaris Schlagzeug drückt statt zu hetzen, Peschieras Akkorde reiben, und Hervoso nutzt die tieferen Lagen seiner Stimme. Das Ergebnis ist bedrückend, ohne sich in minutenlangem Doom zu verlieren.

Der Song zeigt zugleich, wo AXTY am stärksten sind: nicht beim bloßen Aneinanderreihen möglichst ferner Genres, sondern bei der Übersetzung eines emotionalen Zustands in Rhythmus und Klangfarbe. Wenn die Musik erschöpft, wütend oder verwirrt klingt, ohne dies durch ein Sample erklären zu müssen, besitzt das Album seine größte Wirkung.

NOTHING BUT PAIN BAUT DEN BREAKDOWN AUF

»nothing but pain« stürzt nicht sofort auf den erwarteten Höhepunkt zu. Herzschlagartige Drums, schwebender Gesang und ein sich langsam verdichtendes Arrangement erzeugen Vorfreude auf den Einschlag. Die Band verhält sich wie ein erfahrener Veranstalter, der den Kreis vor der Bühne erst ausreichend groß werden lässt, bevor die Rhythmusgitarre das Startsignal gibt.

Wenn der Breakdown schließlich einsetzt, wirkt er deshalb schwerer als viele der abrupt gesetzten Attacken zuvor. Die Geschwindigkeit sinkt, die Gitarre legt jeden Ton mit Nachdruck ab, und die Stimme fällt in eine extrem tiefe Lage. Technisch ist daran nichts grundsätzlich neu. Entscheidend ist die Vorbereitung. AXTY verstehen, dass ein Breakdown nicht allein durch Tiefe und Lautstärke lebt, sondern durch die Spannung unmittelbar davor.

»with me« nimmt anschließend eine schleppendere Haltung ein. Der Song wird im Verlauf immer schwerfälliger, als verliere er selbst die Kraft zur Bewegung. Dieser dramaturgische Gedanke passt zum Albumthema: Schmerz kann formen, aber er kann ebenso lähmen. Nicht jede negative Erfahrung führt automatisch zu Wachstum, und die Musik lässt diese unbequemere Wahrheit zumindest anklingen.

END THIS BEENDET NICHTS EINFACH

Der Abschluss »end this« ist einer der pessimistischsten Momente. Trauma, Depression und selbstzerstörerische Gedanken haben sich angesammelt, bis nur noch Erschöpfung übrig bleibt. Alternative- und Nu-Metal-Elemente geben dem Song eine zugänglichere Oberfläche, doch der dissonante Refrain verweigert echte Erlösung. Die wiederholte Bitte, es möge endlich enden, klingt nicht wie ein dramatischer Slogan, sondern wie ein Satz, der zu oft im eigenen Kopf gelaufen ist.

Hervoso wechselt erneut zwischen melodischen Hooks und extremen Vocals. Gegen Ende täuscht die Band eine Ruhephase an, bevor ein massiver Deathcore-Breakdown den Boden wegzieht. Anschließend driftet das Stück beinahe benommen aus. Dieser Schluss ist stärker als ein triumphales Finale, weil er das Konzept nicht künstlich auflöst. Schmerz hat die erzählende Person geformt; damit ist er nicht automatisch besiegt.

Genau hier erhält der Albumtitel seine ernsteste Bedeutung. Identität entsteht aus Erlebtem, aber die Aussage darf nicht romantisieren, was Menschen verletzt. »end this« bewahrt diese Ambivalenz. Es spricht von Fortbestehen und gleichzeitig von Müdigkeit. Das surreale Cover wirkt danach weniger wie dekorative Fremdartigkeit als wie ein Bild für ein Selbst, dessen Form nicht mehr eindeutig feststeht.

EINE PRODUKTION OHNE FREIE FLÄCHEN

Jonathas Peschiera hat das Album im Noiseforge produziert, gemischt und gemastert; aufgenommen wurde gemeinsam mit Felipe Hervoso und Gabriel Vacari. Die Produktion ist äußerst modern, dicht und auf unmittelbare Wirkung getrimmt. Die tiefen Gitarren besitzen enorme Masse, das Schlagzeug schneidet präzise durch die Arrangements und die zahlreichen Stimmspuren bleiben selbst in chaotischen Passagen unterscheidbar.

Die räumliche Darstellung ist weniger eine offene Bühne als eine kontrolliert gefüllte Druckkammer. Elektronische Effekte, Samples, Gitarren und Vocals sitzen dicht beieinander. Das passt zum hektischen Charakter, lässt dem Ohr aber kaum Ruhe. Einzelne Passagen wirken so stark komprimiert, dass Dynamik eher durch Arrangementwechsel als durch tatsächliche Lautstärkeabstufungen entsteht.

Handwerklich ist das beeindruckend. Gerade Vacaris Schlagzeug klingt trotz der vielen Stopps und Beschleunigungen präzise, ohne den Fluss zu verlieren. Peschieras Gitarrenarbeit verbindet polyrhythmische Schläge, dissonante Akkorde und kurze melodische Linien. Dennoch wäre etwas zusätzliche Luft hilfreich gewesen. Wenn am Ende von »everything is beautiful« plötzlich nur noch die Stimme steht, spürt man erst, wie dicht die vorherigen Minuten tatsächlich waren.

ORIGINALITÄT ODER ALGORITHMUSFUTTER?

AXTY sind zweifellos schwer vorhersehbar. Deathcore, Metalcore, Hip-Hop, Nu Metal, Sludge, Pop und elektronische Musik tauchen in rascher Folge auf, ohne dass das Trio die Kontrolle vollständig verliert. Diese Beweglichkeit unterscheidet die Band von zahlreichen Formationen, die lediglich zwischen sauberem Refrain und erwartbarem Breakdown pendeln.

Die Kehrseite ist ein gelegentlicher Verdacht auf Berechnung. Meme-Samples, plötzliche Vocal-Stunts und extrem kurze Richtungswechsel eignen sich hervorragend für Clips, Reaktionsvideos und wiederholbare Überraschungsmomente. Auf einem Album mit einem derart ernsten Titel können sie die emotionale Tiefe beschädigen. Humor und Schmerz schließen einander nicht aus; manche Einspieler wirken trotzdem eher wie ein zwinkernder Blick zum Algorithmus als wie ein Teil des Songs.

Hinzu kommt, dass zwölf Tracks in 34 Minuten trotz der kurzen Laufzeit eine gewisse Ermüdung erzeugen. Nicht weil das Material zu langsam wäre, sondern weil fast jede Minute um maximale Aufmerksamkeit kämpft. »fragile« und »with me« könnten stärker wirken, wenn sie von weniger akustischen Ausrufezeichen umgeben wären. Zwei zusätzliche Ruheflächen hätten das Album nicht harmloser, sondern die schweren Momente größer gemacht.

Trotzdem bleibt »The Pain Made Me Who I Am« ein mutiges und technisch starkes Werk. Hervosos Gesang ist außergewöhnlich, Vacari liefert eine hochbewegliche Rhythmusleistung und Peschiera hält als Gitarrist wie als Produzent erstaunlich viele Bestandteile zusammen. Das Album beantwortet seine Titelfrage nicht abschließend. Es zeigt vielmehr eine Identität, die sich noch mitten im Prozess befindet – beschädigt, widerstandsfähig, widersprüchlich und gelegentlich zu laut, um sich selbst zuzuhören.

FAZIT:

»The Pain Made Me Who I Am« ist ein technisch beeindruckendes, eigenwilliges Metalcore/Deathcore-Album, das Schmerz, Widerstandskraft und Selbstfindung in einen unberechenbaren Mix aus brutalen Breakdowns, Popmelodien, Hip-Hop und Nu Metal übersetzt. Die Meme-Samples, permanente Reizdichte und wenigen Ruheflächen schwächen gelegentlich die Ernsthaftigkeit des Konzepts, doch Felipe Hervosos enorme stimmliche Bandbreite und starke Stücke wie »selfish«, »all I love«, »nothing but pain« und »end this« rechtfertigen gute 3,5 von 5 Punkte.

AXTY – all I love

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