Tracklist
01. Neath Skies Of Iron
02. Massacre Eternal
03. Covenant Of Carnage
04. Liberty’s Pyre
05. Feeding The Greed Machine
06. Crowned Devourer
07. Condemned To Existence
08. Claws Of Pestilence
09. Incarnate Doom
10. Thy Spineless
11. Drones Of Deceit
12. Desolation Reigns
Besetzung
Jonas Kjellgren – Gesang, Gitarre
Mika Lagrén – Gitarre
Johan Jansson – Bass, Hintergrundgesang
Henrik Axelsson – Schlagzeug
Etzadla mal widder uldra brudaler Death Meddl hät ich g’sacht ghabt und des aus Schweden – So ABBA zurück in die Kiste ihr habt jetzt Sendepause! Denn NEKRODAWN haben keine Verwendung für Glitzerkostüme, Discokugeln und vierstimmige Sehnsuchtsmelodien. Auf ihrem zweiten Album »Covenant Of Carnage« zählt vielmehr die alte schwedische Dreifaltigkeit aus tief gestimmten Gitarren, wuchtigem Schlagzeug und einem Sänger, der klingt, als hätte man ihn unter einer einstürzenden Kathedrale eingeschlossen. Ganz so rückwärtsgewandt ist das Quartett aus Dalarna allerdings nicht: Der vertraute Todesblei-Unterbau wird mit schwarzer Atmosphäre, doomigen Bremsmanövern, melodischen Widerhaken und einer modernen, erstaunlich klaren Produktion verbunden. Zwölf Stücke und knapp 46 Minuten lang wird hier nicht um Aufmerksamkeit gebeten, sondern das Mobiliar neu angeordnet.
KEIN INTRO, KEINE VORWARNUNG
Andere Bands lassen erst Kirchenglocken läuten, einen Wind über den Friedhof ziehen oder irgendeinen armen Mönch auf Latein murmeln. NEKRODAWN sparen sich den Weg zum Altar. »Neath Skies Of Iron« setzt unmittelbar mit Blastbeats, tiefem Gitarrendruck und Jonas Kjellgrens mächtigem Organ ein. Die ersten Sekunden erklären das gesamte Vorhaben zuverlässiger als jeder Promotext: Diese Platte will nicht verführen, sondern überwältigen.
Dabei arbeiten hier keine Neulinge, die zufällig ein Boss-HM-2-Pedal entdeckt haben. In den Lebensläufen der Beteiligten finden sich unter anderem Centinex, Grave, The Crown, Interment und Hypocrisy. Das hört man weniger an eitler Virtuosität als an der Kontrolle. Selbst wenn Henrik Axelsson das Schlagzeug in einen Sturm verwandelt, bleiben Riff, Bass und Stimme klar voneinander getrennt. Die Band weiß genau, wie lange sie eine schnelle Passage laufen lassen kann, bevor ein Tempowechsel den nächsten Schlag vorbereitet.
Der Auftakt besitzt zudem kleine melodische Bewegungen, die unter der Gewalt nicht sofort auffallen. Jonas Kjellgren und Mika Lagrén spielen keineswegs permanent dieselbe Gitarrenlinie doppelt. Während eine Gitarre das massive Grundriff liefert, setzt die andere kurze Harmonien, widerborstige Leads und schräge Akzente dagegen. So klingt »Neath Skies Of Iron« vertraut schwedisch, aber nicht wie eine aus dem Museum entwendete Aufnahme.
DAS MASSAKER LERNT GROOVEN
Nach dem Hochgeschwindigkeitsstart schaltet »Massacre Eternal« herunter. Herunterschalten bedeutet bei NEKRODAWN freilich nicht, dass nun jemand die Akustikgitarre auspackt. Der Song stampft, lässt den Gitarren mehr Raum und entwickelt im Refrain tatsächlich etwas, das man im Death Metal als Mitsingstelle bezeichnen könnte. Spätestens live dürfte der Titel von einer Menge zurückgebrüllt werden, sofern nach dem ersten Stück noch genügend Luft vorhanden ist.
Die langsamere Gangart offenbart eine zentrale Stärke des Albums. Das Quartett muss nicht pausenlos rasen, um brutal zu wirken. Gerade die schweren mittleren Tempi lassen den Bass körperlich werden und geben den Riffs eine unangenehme Beharrlichkeit. Pinch Harmonics und kleine Stopps schneiden in das Fundament, während Kjellgrens Growls breit darüberliegen. Die Stimme ist tief und voluminös, bleibt aber deutlich genug, um Rhythmus und Betonung der Texte nachvollziehen zu können.
Auch der Titelsong lebt von diesem Wechsel. »Covenant Of Carnage« beginnt schnell, zieht sich anschließend in einen finsteren Midtempo-Bereich zurück und baut eine aufsteigende Gitarrenfigur ein, die beim ersten Durchgang hängen bleibt. Hier zeigt sich, dass die Band durchaus Hooks schreiben kann, ohne dafür den Härtegrad herunterzuregeln. Die Melodie wird nicht als freundlicher Refrain ausgestellt; sie sitzt wie ein Widerhaken im Riff.
ZWISCHEN FREIHEITSFEUER UND GIERMASCHINE
»Liberty’s Pyre« hält das Tempo hoch und trägt einen beinahe kämpferischen Charakter. Das Stück handelt vom Aufbegehren gegen Unterdrückung, bleibt musikalisch aber erfreulich weit von pathetischem Schlachtengetöse entfernt. Statt Fanfaren liefern die Gitarren eine dichte Folge kurzer Riffs, während Axelsson die Übergänge mit Tomläufen und präzisen Doublebass-Figuren markiert. Ein paar Obertöne schaffen Luft, bevor die nächste Wand hereinbricht.
Mit »Feeding The Greed Machine« wird die Stoßrichtung politischer. Falsche Versprechen, Profit auf Kosten Unschuldiger und eine Ordnung, die sich selbst ernährt, bilden den Inhalt. Der Song antwortet darauf nicht mit einem Referat, sondern mit einem Refrain, dessen Silben perfekt auf den schweren Rhythmus fallen. Fäuste nach oben, Nacken nach unten – die Theorie der Protestmusik lässt sich manchmal erstaunlich knapp zusammenfassen.
Musikalisch gehört das Stück zu den griffigsten Nummern der Platte. Das Hauptriff verbindet Geschwindigkeit und Gewicht, ohne in bloßes Tremolieren zu verfallen. Dazu kommt Johan Janssons Bass, der nicht nur die Gitarren verdickt, sondern mit eigenem Anschlag hörbar bleibt. Gerade in den Übergängen spürt man, dass unter dem Gitarrengewitter ein Musiker arbeitet und kein anonymer Tieffrequenzgenerator.
EIN KÖNIG MIT SCHWARZEM SCHATTEN
In der Mitte des Albums zieht »Crowned Devourer« die Stimmung weiter nach unten. Der Song besitzt eine deutlich schwarze Färbung, ohne in Black Metal überzulaufen. Kalte Akkorde, eine bedrückende Grundstimmung und kurze Beschleunigungen lassen das Stück wie eine Prozession wirken, die gelegentlich die Kontrolle verliert. Der Refrain ist simpel, aber effektiv und gibt dem ansonsten dichten Aufbau einen klaren Mittelpunkt.
Textlich regieren erwartungsgemäß Verwesung, Guillotine, Dämonen und ein zum Verschlinger gekröntes Wesen. Literarische Zurückhaltung sieht anders aus, doch von einem Album namens »Covenant Of Carnage« erwartet vermutlich niemand eine sensible Betrachtung skandinavischer Innenarchitektur. Entscheidend ist, dass die drastischen Bilder zur Musik passen und nicht bloß über einem austauschbaren Riff liegen.
»Condemned To Existence« kehrt anschließend zur direkten Körperarbeit zurück. Palm-Mutes schlagen in den Rhythmus, die Doublebass schiebt von unten, und ein nervöses Lead bricht für kurze Zeit aus dem massiven Klangkörper aus. Der Song gehört zu jenen Stücken, die ihre Wirkung weniger aus einem einzelnen herausragenden Motiv als aus der präzisen Abfolge mehrerer Attacken beziehen. Im Albumfluss funktioniert das hervorragend; isoliert bleibt der Titelsong leichter im Gedächtnis.
DIE KLAUEN KOMMEN AUS DEM HALBDUNKEL
»Claws Of Pestilence« gönnt sich eines der wenigen ruhigeren Vorspiele. Eine dunkle Gitarrenfigur spannt den Raum auf, ehe Schlagzeug und Rhythmusgitarren wieder sämtliche Türen zuschlagen. Dieser kurze Kontrast tut dem Album gut, denn nach sieben Stücken arbeitet die durchgehend aggressive Grundfarbe allmählich gegen ihre eigene Wirkung. Wer ununterbrochen brüllt, wird irgendwann zur Hintergrundbeschallung – selbst wenn das Gebrüll technisch beeindruckend ist.
Der Song verhindert das mit einem nachvollziehbaren Spannungsbogen. Langsame, doomige Abschnitte wechseln mit schnelleren Vorstößen, und die Gitarren lassen zwischen den massiven Akkorden kleine melodische Narben zurück. Der Refrain um die „wolves of the plague“ ist plakativ genug für die Bühne, klingt aber keineswegs nach aufgesetzter Publikumsanimation. NEKRODAWN können Eingängigkeit herstellen, ohne ihre Musik freundlicher zu machen.
Auch »Incarnate Doom« nutzt diese Fähigkeit. Auf einem schweren Fundament liegen melodische Linien, die fast zugänglich wirken, bis Kjellgrens Gesang jedes Missverständnis beseitigt. Das Stück zeigt die Nähe zu einer härteren Ausprägung von Hypocrisy, während andere Passagen an Vomitory, Bloodbath oder Torture Division denken lassen. Eine Kopie dieser Bands entsteht dennoch nicht. Dafür ist das Zusammenspiel aus schwarzer Atmosphäre, hörbarem Bass und den eigenwilligen Leads zu konsequent.
VIER MINUTEN ZU VIEL ZORN?
Mit »Thy Spineless« erreicht das Album seinen längsten Song. Ein gequältes Solo und ein langsamer Beginn bauen Spannung auf, bevor das Stück zunehmend Fahrt gewinnt. Inhaltlich richtet es sich gegen politische Eliten, Manipulation und Kriegstreiber. Die Wut ist glaubwürdig, und das Arrangement steigert sich schlüssig. Trotzdem macht sich hier erstmals bemerkbar, dass »Covenant Of Carnage« seine wichtigsten Argumente längst vorgetragen hat.
Zwölf Songs sind für diese sehr konzentrierte Stilistik eine Menge. Die Band variiert Tempi, setzt Melodien und lässt doomige sowie schwarze Einflüsse einfließen, doch die Klangfarbe bleibt über weite Strecken ähnlich. Vor allem im letzten Drittel verschwimmen einzelne Riffs stärker miteinander, als es ihre handwerkliche Qualität verdient. Ein um ein oder zwei Stücke gekürztes Album hätte noch entschlossener zugeschlagen.
Ausgerechnet das nur 65 Sekunden lange »Drones Of Deceit« bringt deshalb zur richtigen Zeit einen Stilbruch. Das Stück ist ein Death-Grind-Ausbruch ohne Umweg: Schlagzeugfeuer, kurze Riffs, Text ausgespuckt, Ende. Es funktioniert wie ein Eimer Eiswasser kurz vor dem Finale und beweist, dass NEKRODAWN ihre Formel durchaus radikal zusammenstauchen können.
DESOLATION REIGNS SCHLIESST DAS TOR
Der Abschluss »Desolation Reigns« kehrt zu einer melodischeren, düsteren Ausrichtung zurück. Nach der einminütigen Raserei wirkt der Beginn beinahe geräumig. Die Gitarren bauen eine unheilvolle Szenerie, das Schlagzeug setzt schwere Akzente, und die Stimme beschwört ein Wesen aus finsteren Dimensionen. Natürlich wird auch hier nichts friedlich beendet. Die Melodien dienen vielmehr dazu, dem letzten Angriff Kontur zu geben.
Das Finale fasst den Charakter des Albums gut zusammen. Klassischer schwedischer Death Metal bildet das Gerippe, doch moderne Produktion, schwarzharmonische Akkorde und klar gesetzte Leads sorgen dafür, dass daran nicht bloß altes Fleisch hängt. Der Song schließt mit Gewicht statt mit einem billigen Geräusch oder einem unnötigen Outro. Nach knapp 46 Minuten bleibt tatsächlich der Eindruck einer vollständigen Platte – nur eben auch das Gefühl, dass der Mittelteil etwas straffer hätte ausfallen dürfen.
Besonders stark ist die Rhythmusarbeit. Axelsson betrachtet Blastbeats nicht als Dauerzustand, sondern als eine von mehreren Möglichkeiten. Seine Übergänge geben den Stücken Richtung, während Jansson darunter genügend Masse bereitstellt. Die Gitarren profitieren davon: Sie können sägen, stampfen oder in kurze melodische Läufe ausbrechen, ohne dass das Fundament nachgibt.
DIE KLANGBÜHNE IM SCHLACHTHAUS
Jonas Kjellgren hat »Covenant Of Carnage« produziert, gemischt und gemastert. Gitarre, Bass und Gesang entstanden im Blacklounge Studio; Henrik Axelsson nahm seine Schlagzeugspuren selbst auf. Trotz der über mehrere Orte und die Jahre 2023 bis 2025 verteilten Aufnahmen klingt das Ergebnis geschlossen. Es gibt keine hörbaren Brüche zwischen einzelnen Sessions und keine Instrumente, die wie nachträglich auf eine fremde Produktion geklebt wirken.
Die Klangbühne im Hörraum ist breit, tief und druckvoll, ohne zur undurchsichtigen Betonfläche zu werden. Die Gitarren besitzen genügend Schärfe, der Bass füllt die unteren Frequenzen hörbar aus, und das Schlagzeug bleibt selbst in schnellen Passagen erstaunlich deutlich. Besonders die Toms und Becken lassen sich verfolgen, anstatt im Triggergewitter zu verschwinden. Kjellgrens Stimme steht groß im Zentrum, überdeckt die Instrumente aber nicht.
Wer ausschließlich den modrigen Proberaumklang früher schwedischer Death-Metal-Produktionen sucht, könnte den Sound beinahe zu sauber finden. Die Präzision nimmt manchen Riffs ein wenig Unberechenbarkeit. Dafür gewinnt das Album eine enorme körperliche Präsenz und verliert auch bei hoher Lautstärke nicht seine Konturen. Modern bedeutet hier nicht steril, sondern kontrolliert brutal.
DAS ZWEITE ALBUM ZIEHT DIE SCHRAUBEN AN
Im Vergleich zum 2024 veröffentlichten Debüt »Sculpted By Torture« wirkt »Covenant Of Carnage« zielgerichteter und zugleich dunkler. Die Band hat ihren Stil nicht umgebaut, sondern die einzelnen Bestandteile besser gewichtet. Melodische Gitarren sind deutlicher in die Songs integriert, langsamere Passagen erhalten mehr Bedeutung, und der Bass trägt einen hörbaren Anteil am Gesamtbild. Die Brutalität entsteht dadurch nicht länger allein aus Tempo und Lautstärke.
Revolutionär ist das Album trotzdem nicht. Wer Entombed, Dismember, Grave, Hypocrisy und die späteren Vertreter des schwedischen Death Metal kennt, wird viele Bauteile sofort erkennen. NEKRODAWN wollen diese Sprache aber auch gar nicht neu erfinden. Ihr Verdienst liegt darin, sie mit Erfahrung, guten Riffs und ausreichend eigener Dunkelheit zu sprechen.
Der entscheidende Punkt ist simpel: Diese Platte macht über weite Strecken genau das, was sie verspricht, und erledigt es verdammt gut. Der Titelsong, »Feeding The Greed Machine«, »Claws Of Pestilence« und »Drones Of Deceit« setzen unterschiedliche Akzente, ohne den Zusammenhang aufzubrechen. Nur gegen Ende verlangt die nahezu permanente Gewalt etwas Geduld. ABBA dürfen danach also wieder aus der Kiste – aber bitte erst, wenn der Nacken aufgehört hat zu knacken.
FAZIT:
»Covenant Of Carnage« ist ein wuchtiges, hervorragend gespieltes Death-Metal-Album, das schwedische Tradition mit schwarzer Atmosphäre, doomigen Tempowechseln und einer modernen, druckvollen Produktion verbindet. Zwölf Stücke sind für die recht einheitliche Grundfarbe etwas üppig, doch starke Riffs, der hörbare Bass und das präzise Schlagzeug sichern NEKRODAWN verdiente vier von fünf Punkte.






