Tracklist
01. Ave
02. The Box
03. Raven At Midnight
04. Faces On The Wall
05. Inheritance
06. Marked
07. Flames Will Speak
08. Heir Of Shadows
Besetzung
Alessandro Nunziati (L.V.) – Gesang, Gitarre, Keyboards
Stefano „SK“ Nuccetelli – Gitarre, Bass, Programmierung
Zur Abwechslung mal richtig amtlicher Heavy Metal der klassischen Art aus Italien – und das volle Kanne, Hoschi! Wer bei MALAMORTE dennoch nach wenigen Takten das Gefühl bekommt, versehentlich in einer alten Gruft statt in der heimischen Plattensammlung gelandet zu sein, liegt ebenfalls nicht falsch. »Omen II« setzt das 2022 begonnene Konzept rund um Damien Thorn fort und nimmt sich den Horrorfilm »Damien – Omen II« von 1978 vor. Alessandro Nunziati und Stefano „SK“ Nuccetelli erzählen also vom heranwachsenden Antichristen, von schwarzen Raben, unheilvollen Erbschaften und einer Prophezeiung, die sich nicht durch gutes Zureden erledigen lässt. Dazu gibt es 35 Minuten lang schwere Riffs, finstere Keyboards, stampfende Rhythmen und Refrains, die deutlich lieber in einer alten Lederjacke als in einem modernen Hochglanzanzug auftreten. Das klingt erfreulich geradlinig, hat eine wirkungsvolle Horroratmosphäre und macht aus der neunten Veröffentlichung des Projekts eine unterhaltsame Mischung aus King Diamond, Black Sabbath, Judas Priest und Death SS. Die entscheidende Frage lautet lediglich, ob MALAMORTE zwischen all diesen großen Schatten noch genügend eigenes Licht entzünden.
DAMIEN IST KEIN KLEINER JUNGE MEHR
Der erste Teil der Omen-Reihe beschäftigte sich mit der Geburt und den frühen Jahren des Antichristen. Vier Jahre später knüpfen MALAMORTE dort an, wo der Vorgänger seine schwarzen Fußspuren hinterlassen hat. Damien ist inzwischen älter, lebt bei seinem Onkel und entdeckt Stück für Stück, welche Bestimmung in ihm schlummert. Das Album folgt diesem Erwachen, ohne daraus ein Hörspiel mit endlosen Dialogen zu machen. Die Geschichte steckt vor allem in Titeln, Stimmungen und wiederkehrenden Motiven.
»Ave« öffnet die Tür mit sakralem Ernst. Die kurze Einleitung wirkt wie eine verdrehte Messe, nach der niemand mehr behaupten kann, er sei aus Versehen in dieser Zeremonie gelandet. Keyboards und chorale Farben bereiten eine Atmosphäre vor, die weniger nach Schockeffekt als nach langsam wachsendem Unheil klingt. Nach 96 Sekunden steht die Kulisse: Kerzen brennen, die Prophezeiung liegt auf dem Tisch und irgendwo draußen wartet bereits der Rabe.
Dass die Platte anschließend nicht in symphonischem Bombast versinkt, ist eine ihrer wichtigsten Stärken. Nunziati und Nuccetelli wissen, dass Horror nicht durch möglichst viele Orchesterflächen entsteht. Die Keyboards setzen Akzente, während Gitarre und Bass die eigentliche Arbeit übernehmen. Das Fundament bleibt klassischer Heavy Metal: kompakte Riffs, nachvollziehbare Rhythmen und Melodien, die auch ohne Filmkonzept bestehen können.
DIE SCHACHTEL BLEIBT BESSER GESCHLOSSEN
Mit »The Box« beginnt die Handlung im engeren Sinne. Der Titel verweist auf jene Schachtel, in der die sieben Dolche von Megiddo und der Beweis für Damiens wahre Natur verborgen sind. Musikalisch marschiert das Stück im kräftigen mittleren Tempo los. Die Gitarren besitzen genügend Gewicht, ohne sich in tiefergestimmtem Modern-Metal-Grollen zu verlieren, und der programmierte Rhythmus hält den Song straff auf Kurs.
Alessandro Nunziati singt mit jener Mischung aus erzählerischer Klarheit und theatralischer Zuspitzung, die im Horror Metal praktisch zur Stellenbeschreibung gehört. Er versucht nicht, King Diamonds Falsett eins zu eins nachzubauen. Stattdessen arbeitet er vor allem mit rauer Mittellage, dunkleren Passagen und einzelnen hohen Akzenten. Dadurch bleibt die Geschichte verständlich, während der Gesang trotzdem etwas Unberechenbares behält.
Der Refrain ist eingängig, allerdings auch ein frühes Beispiel für die Grenzen des Albums. MALAMORTE bauen ihre Songs oft nach einem vertrauten Muster aus Riff, Strophe, Übergang und großem Refrain. Das funktioniert zuverlässig und lässt die Platte sofort zugänglich wirken. Überraschungen muss man sich jedoch eher aus den atmosphärischen Details holen. Wer nach fortlaufenden kompositorischen Wendungen sucht, wird in dieser Schachtel nicht besonders viele davon finden.
DER RABE KOMMT NICHT ZUM FRÜHSTÜCK
»Raven At Midnight« gehört zu den stärksten Stücken der Platte. Der schwarze Vogel ist im Film kein dekoratives Haustier, sondern ein Werkzeug des Bösen, das den Tod ankündigt und gelegentlich tatkräftig nachhilft. Entsprechend arbeitet der Song mit einer angespannten, lauernden Grundstimmung. Das Riff nimmt sich Zeit, die Keyboards ziehen einen kalten Schleier über die Gitarren und der Refrain besitzt genau jene leicht unheimliche Melodie, die nach dem Hören im Gedächtnis bleibt.
Hier gelingt die Verbindung aus klassischem Metal und Horrorerzählung besonders überzeugend. Das Stück muss keine Filmausschnitte zitieren, um Bilder hervorzurufen. Man sieht den dunklen Korridor, hört beinahe die Flügel am Fenster und weiß natürlich trotzdem, dass die betreffende Person gleich eine ausgesprochen schlechte Nacht erleben wird. Nunziatis Stimme steht dabei im Mittelpunkt, ohne die Gitarren an die Wand zu drücken.
Im direkten Vergleich wirkt »Faces On The Wall« kompakter. Der Song greift das Wandbild auf, das Damien als Antichristen offenbart, und setzt stärker auf unmittelbaren Vorwärtsdrang. Kurze Thrash-Spuren ziehen das Tempo an, ehe der Refrain wieder in die düstere Schwere zurückführt. Gerade diese kontrollierten Beschleunigungen tun der Platte gut. Sie verhindern, dass sich alle acht Stücke im gleichen gemächlichen Schritt durch das Anwesen der Familie Thorn bewegen.
DAS BÖSE WIRD VERERBT
Das über sechs Minuten lange »Inheritance« bildet das Zentrum von »Omen II«. Hier darf die Band ihre Ideen breiter ausführen. Das Stück beginnt zurückhaltender, lässt den Raum zwischen den Gitarrenschlägen wirken und baut seine Spannung schrittweise auf. Wenn der Rhythmus schwerer wird, erinnert das an jene Seite von Black Sabbath, die nicht Geschwindigkeit, sondern das Gewicht jedes einzelnen Akkords in den Vordergrund stellt.
Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus Bass und Gitarre entwickelt sich der Song zu einer kleinen Heavy-Metal-Erzählung. Die Keyboards tauchen wie dunkle Vorzeichen auf, der Gesang wechselt zwischen Bericht und Beschwörung, und die melodischen Gitarrenlinien bringen etwas traditionellen Epic Metal in die Szenerie. »Inheritance« wirkt dadurch nicht künstlich verlängert. Die Laufzeit wird genutzt, um Damiens Erkenntnis und den Übergang vom verunsicherten Jungen zum bewussten Erben des Bösen auszumalen.
Vollständig frei von Leerlauf bleibt die Nummer allerdings nicht. Ein Abschnitt weniger und ein etwas entschlossenerer Weg zum Finale hätten die Wirkung noch erhöht. MALAMORTE besitzen hier genügend Atmosphäre, um sechs Minuten zu tragen, aber nicht jede Wiederholung fügt dem Geschehen eine neue Farbe hinzu. Trotzdem gehört »Inheritance« zu jenen Titeln, die das Albumkonzept tatsächlich vertiefen und nicht bloß die nächste Filmszene abhaken.
DREI SECHSEN UND KEIN RÜCKGABERECHT
In »Marked« ist die Sache endgültig amtlich: Damien entdeckt die Zahl 666 auf seiner Kopfhaut. Umtausch ausgeschlossen. Der kürzere Song reagiert darauf mit einem direkteren Aufbau und einem Refrain, der schnell sitzt. Die Gitarren drücken kräftig, die Rhythmusprogrammierung marschiert ohne Umwege und Nunziati verleiht dem Titel eine angemessen dramatische Note.
Gerade hier zeigt sich, wie gut MALAMORTE traditionelle Mittel beherrschen. Es braucht weder verschachtelte Taktarten noch zehn Gitarrenspuren, um Druck zu erzeugen. Ein brauchbares Hauptriff, eine klare Gesangslinie und ein Refrain mit Wiedererkennungswert reichen aus. Das mag konservativ sein, wirkt aber keineswegs kraftlos. Die beiden Musiker spielen ihre Vorliebe für klassischen Heavy Metal offen aus und versuchen gar nicht erst, sie durch zeitgemäße Produktionsmoden zu tarnen.
»Flames Will Speak« setzt anschließend noch stärker auf Bewegung. Der Song ist mit gut drei Minuten der kompakteste reguläre Titel und trägt eine Spur Thrash Metal im Gepäck. Er wirkt wie der Moment, in dem die Handlung nicht länger droht, sondern tatsächlich in Flammen aufgeht. Das Tempo steigt, die Gitarren werden bissiger und der Refrain kommt ohne lange Vorbereitung auf den Punkt. Ein solches Stück hätte dem Mittelteil der Platte zusätzlich gutgetan.
DIE KLANGBÜHNE IM VERFLUCHTEN ANWESEN
Die Klangbühne im Hörraum ist dicht und dunkel, bleibt aber ausreichend klar, um die einzelnen Ebenen auseinanderhalten zu können. Gitarren und Bass sitzen weit vorne und erzeugen den körperlichen Druck, während die Keyboards eher aus dem Hintergrund arbeiten. Sie markieren keine eigene symphonische Hauptrolle, sondern erweitern den Raum. Dadurch entsteht gelegentlich der Eindruck, hinter der eigentlichen Band spiele noch ein alter italienischer Horrorfilmprojektor mit.
Stefano „SK“ Nuccetelli kümmert sich neben Gitarre und Bass um die Programmierung. Dass kein akustisches Schlagzeug beteiligt ist, hört man an der kontrollierten Gleichmäßigkeit und an einzelnen etwas starren Übergängen. Die Drums erfüllen ihren Zweck, liefern Wucht und halten die Stücke zusammen. Eine lebendigere Beckenarbeit und etwas mehr Schwankung in der Anschlagstärke hätten dem Material dennoch zusätzliche Körperlichkeit gegeben.
Die Produktion vermeidet den klinischen Glanz vieler aktueller Metal-Veröffentlichungen. Die Gitarren dürfen rau und kompakt klingen, ohne in einem undurchsichtigen Brei zu verschwinden. Nunziatis Stimme besitzt genügend Platz, um die Handlung zu tragen. Lediglich bei den größeren Keyboardmomenten wird es eng, weil Gesang, Gitarren und synthetische Flächen um denselben Raum kämpfen. Insgesamt passt der Klang jedoch zur Platte: traditionell, finster und eher Kellerkino als Multiplex.
HEIR OF SHADOWS SCHLIESST DEN ZWEITEN AKT
Das abschließende »Heir Of Shadows« nimmt sich erneut über sechs Minuten Zeit. Hier laufen die zentralen Eigenschaften des Albums zusammen: schwere Midtempo-Riffs, melodische Gitarren, drohende Keyboards und ein Gesang, der zwischen Erzähler und Figur wechselt. Der Titel besitzt eine epische Anlage und lässt keinen Zweifel daran, dass Damien seine Rolle inzwischen angenommen hat.
Besonders gelungen ist die Art, wie der Song nicht sofort auf maximale Größe schaltet. Die Spannung wächst in Etappen, wobei ruhigere Passagen den nachfolgenden Gitarren mehr Gewicht geben. Der Refrain fasst das Konzept in einer griffigen Melodie zusammen und eignet sich hervorragend als Schlussbild. Der Antichrist ist erwachsen geworden, der zweite Teil der Geschichte endet – und natürlich bleibt genügend Unheil für eine weitere Fortsetzung übrig.
Auch hier hält sich die Band eng an bewährte Formen. Das Finale ist wirkungsvoll, aber nicht überraschend. Man kann einige Entwicklungen früh erahnen, und der Geist von King Diamond steht zeitweise so deutlich im Raum, dass man ihm beinahe einen eigenen Platz in der Besetzungsliste anbieten möchte. MALAMORTE kopieren ihre Vorbilder nicht plump, doch sie verlassen deren Schatten nur selten vollständig.
ZWISCHEN HOMMAGE UND EIGENER PROPHEZEIUNG
Genau dort liegt der zentrale Kritikpunkt von »Omen II«. Die Platte ist handwerklich sicher, angenehm kompakt und atmosphärisch geschlossen. Sie weiß genau, welches Publikum sie ansprechen möchte. Fans von Mercyful Fate, Death SS, frühem Ghost, Black Sabbath und klassischem Horror Metal erhalten acht ordentlich gebaute Stücke ohne stilistische Fremdkörper.
Diese Sicherheit führt allerdings zu einer gewissen Vorhersehbarkeit. Mehrere Songs folgen ähnlichen Spannungsbögen, die Midtempo-Ausrichtung dominiert und die Refrains setzen häufig an vergleichbaren Stellen ein. Nach dem starken »Raven At Midnight« und dem ausladenden »Inheritance« wünscht man sich gelegentlich eine Nummer, die das Drehbuch zerreißt. Ein rasender Ausbruch, ein wirklich stiller Abschnitt oder ein überraschend doomiges Stück hätten dem Album größere Kontraste verliehen.
Trotzdem besitzt »Omen II« Charakter. Dieser entsteht nicht durch technische Neuerfindungen, sondern durch Nunziatis unverkennbare Begeisterung für Horror, Okkultismus und klassischen Metal. Die Platte klingt, als hätten zwei Musiker ihre Lieblingsfilme und Lieblingsalben in einem abgedunkelten Raum ausgebreitet und daraus ein eigenes Ritual gebaut. Das ist vielleicht nicht revolutionär, aber verdammt sympathisch und über weite Strecken sehr unterhaltsam.
FAZIT:
»Omen II« verbindet klassischen Heavy Metal, Occult Rock und Horroratmosphäre zu einer eingängigen Fortsetzung der Damien-Thorn-Geschichte, wobei besonders »Raven At Midnight«, »Inheritance« und »Heir Of Shadows« überzeugen. Die bekannten Vorbilder und wiederkehrenden Songmuster sind bisweilen etwas zu deutlich, doch die kräftigen Riffs, Nunziatis theatralischer Gesang und das geschlossene Filmkonzept verdienen gute 3,5 von 5 Punkte.






