Tracklist
01. Quest Divine
02. Emaly’s Hymn
03. Tale Of Brothers
04. Light Of The World
05. Over And Beyond
06. Come Home
07. Spirit Alive
08. Prayer
09. Holy Light
10. We Rise Again
Besetzung
Nicolas Peter – Gesang, Gitarre
Pancho Ireland – Gitarre
Zoltán Papi – Bass
Edmond Kulcsár – Schlagzeug
Manchmal braucht es zum Überleben keine komplizierte Philosophie, sondern zwei Gitarren, eine zuverlässige Doublebass und einen Refrain, den eine ganze Halle mit erhobener Faust zurückbrüllen kann. Genau darauf setzen BURNING SUN aus dem ungarischen Debrecen auf ihrem dritten Album »Power To Survive«. Die Band um Bassist Zoltán Papi verspricht zehn aufbauende Stücke für schwierige Zeiten und verpackt sie in europäischen Power Metal, wie er Mitte der Neunziger zwischen Helloween, Gamma Ray, Edguy, Iron Savior und HammerFall aus den Lautsprechern schoss. Mit Nicolas Peter am Mikrofon und Edmond Kulcsár am Schlagzeug beginnt zugleich ein neues Kapitel: Der bisherige Sänger Pancho Ireland konzentriert sich nun vollständig auf die Leadgitarre, wodurch BURNING SUN erstmals als festes Quartett auftreten. 38 Minuten lang regieren Doppelgitarren, schnelle Bassdrums, helle Melodien und Chöre, die keinerlei Angst vor Pathos haben. Wer darauf hofft, dass Power Metal endlich wieder so klingt, als müssten vor Sonnenuntergang mindestens drei Königreiche gerettet werden, darf die Rüstung also aus dem Schrank holen.
DAS DRITTE ALBUM MUSS SICH NICHT VERSTECKEN
Gegründet wurden BURNING SUN 2022 von Zoltán Papi. Auf das Debüt »Wake Of Ashes« von 2023 folgte zwei Jahre später das in Eigenregie veröffentlichte Konzeptalbum »Retribution«. Mit dem Wechsel zu Pride & Joy Music und der Erweiterung der Besetzung soll nun der nächste Schritt gelingen. Der Albumtitel passt deshalb nicht allein zu den aufbauenden Texten, sondern auch zur bisherigen Geschichte einer Band, die nach kleinen Auflagen und unabhängiger Arbeit beharrlich weitergemacht hat.
Nicolas Peter schrieb die Musik, Zoltán Papi sämtliche Texte. Das sorgt für eine klare Aufgabenverteilung und einen geschlossenen Grundton. Die Songs erzählen diesmal keine durchgehende Geschichte, teilen aber ein gemeinsames Ziel: Sie sollen Mut machen, Zusammenhalt beschwören und den Blick aus schwierigen Situationen heraus nach oben lenken. Religiöse und spirituelle Bilder tauchen dabei ebenso auf wie klassische Fantasy-Symbolik.
Emaly, die Kriegerin auf dem Cover, bleibt die zentrale Identifikationsfigur der Band. Sie erschien bereits auf früheren Veröffentlichungen und erhält nun sogar eine eigene Hymne. Das Artwork wurde von Christopher Castillo nach einem Konzept von Papi umgesetzt; Márta „Mira“ Füredi entwarf Emalys Rüstung. BURNING SUN bauen damit sichtbar an einer eigenen Welt, auch wenn ihre musikalischen Mauern aus sehr vertrauten Power-Metal-Steinen bestehen.
QUEST DIVINE SUCHT DEN RICHTIGEN STARTPUNKT
»Quest Divine« eröffnet das Album mit galoppierendem Rhythmus, melodischen Gitarren und Nicolas Peters hellem, kraftvollem Gesang. Der neue Frontmann klingt sicher in den hohen Lagen, ohne jeden Satz in einen Wettbewerb um die nächste Oktave zu verwandeln. Das Schlagzeug liefert den nötigen Schub, während sich die beiden Gitarren immer wieder zu harmonischen Linien zusammenschließen.
Als Auftakt erfüllt das Stück seine Aufgabe ordentlich, besitzt aber nicht den stärksten Refrain der Platte. Die Band stellt zunächst ihren Klang vor, statt sofort alle Schwerter aus der Waffenkammer zu werfen. Das ist handwerklich sauber und energetisch gespielt, wirkt im Vergleich zu den folgenden Nummern jedoch etwas vorhersehbar. Ein späterer Platz in der Reihenfolge hätte »Quest Divine« möglicherweise bessergetan.
Die Produktion zeigt bereits hier ihre Stärken. Peters Gitarren stehen klar nebeneinander, Papis Bass ist nicht im Untergrund verschwunden und Kulcsárs Doublebass besitzt Druck, ohne den gesamten Mix zu verschlucken. Das Klangbild bleibt sauber, bewahrt aber genügend Rauheit, damit die Platte nicht nach einer vollständig am Bildschirm zusammengesetzten Power-Metal-Schablone klingt.
EMALY BEKOMMT IHRE HYMNE
Mit »Emaly’s Hymn« trifft das Album früh ins Schwarze. Der Song ist schneller, melodisch zwingender und wird durch Herbie Langhans zusätzlich aufgewertet. Der Sänger, den man unter anderem von Firewind, Avantasia und Radiant kennt, teilt sich die Stimmen mit Nicolas Peter. Beide besitzen unterschiedliche Klangfarben, ergänzen sich aber hervorragend.
Sechzehntel rasen unter dem Gesang entlang, die Gitarren greifen mit kurzen harmonischen Antworten ein und der Refrain klingt, als sei er bereits für das Publikum eines Festivals geschrieben worden. Dabei ist der Song trotz aller Geschwindigkeit nicht bloß ein sportlicher Dauerlauf. Kleine Tempoverschiebungen und die wechselnden Stimmen verhindern, dass die Band vier Minuten lang nur geradeaus stürmt.
Inhaltlich wird Emaly weniger als unverwundbare Statue dargestellt denn als Figur, an der sich Stärke und Durchhaltevermögen bündeln. Das passt zum Albumtitel und schützt die Hymne vor leerem Heldenpathos. Natürlich bleibt die Sprache groß und feierlich. Wer bei Power Metal allerdings Nüchternheit verlangt, bestellt vermutlich auch beim Italiener eine Pizza ohne Teig.
BRÜDER, LICHT UND ZWEI GITARREN
»Tale Of Brothers« lässt den Einfluss von Iron Maiden stärker hervortreten. Peters und Irelands Gitarren laufen parallel, trennen sich wieder und finden anschließend in einer neuen Melodie zusammen. Darunter galoppiert die Rhythmusgruppe mit jener Mischung aus Schwung und Disziplin, die klassischer Heavy Metal seit Jahrzehnten erfolgreich verwendet.
Pancho Ireland steuert hier zusätzliche Leadstimmen bei. Seine Entscheidung, sich nicht länger auf den Hauptgesang zu konzentrieren, erweist sich musikalisch als sinnvoll. Er kann die Gitarrenarbeit deutlicher ausbauen, während Peter eine einheitliche Stimme für das Album liefert. Das Duo funktioniert besonders gut, wenn die Melodien nicht bloß gedoppelt, sondern in kleine Frage-und-Antwort-Passagen aufgeteilt werden.
Noch stärker fällt »Light Of The World« aus. Das Stück verdichtet die Stärken der Band auf dreieinhalb Minuten. Schnelle Rhythmen, ein unmittelbar greifbarer Refrain und Doppelgitarren im Geiste der klassischen Hansen-Weikath-Phase von Helloween greifen sauber ineinander. Hier klingt die Verehrung der Vorbilder offen, aber nicht wie eine müde Kopie. Die Energie und die melodische Präzision tragen den Song aus eigener Kraft.
OVER AND BEYOND HOLT VERSTÄRKUNG
Für »Over And Beyond« kommt Alexandra Lioness hinzu, bekannt durch Jenner, Frozen Crown und Chaos Rising. Ihre rauere, kräftige Stimme bildet einen wirkungsvollen Gegensatz zu Peters hellerem Gesang. Die Nummer ist schnell, kompakt und besitzt deutlich mehr Angriffslust als die betont erhebenden Texte zunächst vermuten lassen.
Die Gaststimme wurde nicht als dekorativer Aufkleber auf einen fertigen Song geklebt. Alexandra erhält genügend Raum, um die Dynamik zu verändern. Sobald beide Stimmen zusammenkommen, gewinnt der Refrain an Gewicht. Gitarren und Schlagzeug reagieren darauf mit zusätzlichem Druck, ohne den melodischen Kern zu verlieren.
Solche Kontraste stehen BURNING SUN gut. Das Grundrezept der Band ist sehr klar: hohe Melodien, schnelle Bassdrums, harmonische Gitarren und Chöre. Eine markante zweite Stimme oder ein härterer Rhythmus verhindert, dass diese Zutaten immer gleich schmecken. »Over And Beyond« gehört deshalb neben »Emaly’s Hymn« und »Light Of The World« zu den stärksten Nummern des Albums.
COME HOME FINDET DEN BEKANNTEN WEG
»Come Home« nimmt etwas Geschwindigkeit heraus und setzt stärker auf einen klassischen, emotionalen Refrain. Die Melodie ist angenehm, die Gitarrenarbeit sicher und Pancho Ireland übernimmt das erste Solo. Trotzdem bleibt der Song der unscheinbarste Moment der Platte. Zu viele Wendungen kennt man bereits aus anderen Power-Metal- und Melodic-Metal-Produktionen.
Das Problem ist nicht mangelnde Qualität. »Come Home« ist ordentlich geschrieben und sauber gespielt. Ihm fehlt lediglich jenes einzelne Merkmal, das ihn zwischen den deutlich prägnanteren Nachbarn unverwechselbar machen würde. Der Refrain kommt zuverlässig, das Solo steht an der erwarteten Stelle und auch die Auflösung überrascht nicht. Man hört gerne zu, erinnert sich später aber zuerst an andere Titel.
Genau hier wird die enge Bindung an die Neunziger zum kleinen Hindernis. BURNING SUN beherrschen deren Sprache, setzen jedoch nicht in jedem Song einen eigenen Dialekt dagegen. Zwei oder drei ungewöhnlichere harmonische Entscheidungen hätten dem Mittelteil zusätzliche Persönlichkeit gegeben.
SPIRIT ALIVE TRÄGT DAS FUNDAMENT
»Spirit Alive« dreht das Verhältnis um und macht gerade durch sein mittleres Tempo Eindruck. Zoltán Papis Bass eröffnet die Nummer mit körperlicher Präsenz, Edmond Kulcsár setzt einen schweren Grundschlag und kirchenartig anmutende Keyboards ziehen im Hintergrund auf. Der Song klingt dadurch weniger nach rasantem Flug und stärker nach einer Prozession, die unbeirrt auf ihr Ziel zumarschiert.
Der Wechselgesang im Refrain funktioniert hervorragend. Peter gibt die Linie vor, die Chöre antworten und verwandeln das Stück in eine Hymne, die live schnell zünden dürfte. Inhaltlich richtet sich der Blick auf frühe Menschheitszeiten, den Himmel und den Willen zum Überleben. Die Botschaft ist schlicht, wird aber mit genügend Überzeugung vorgetragen.
Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus Bass und Gitarre zeigt »Spirit Alive«, dass Power Metal nicht permanent Höchstgeschwindigkeit benötigt. Der Druck entsteht aus Gewicht, Wiederholung und der zunehmenden Größe des Refrains. Gerade weil die Band vorher häufig beschleunigt hat, wirkt dieser kontrollierte Schritt erfrischend.
EIN GEBET VON 42 SEKUNDEN
»Prayer« dauert lediglich 42 Sekunden. Wer jetzt ein ruhiges Zwischenspiel erwartet, wird von einem kurzen Gamma-Ray-artigen Geschwindigkeitsausbruch überfallen. Die Idee ist amüsant, wirkt aber eher wie ein abgebrochener Song als wie ein vollständig ausgearbeitetes Stück. Kaum hat das Riff Fahrt aufgenommen, ist bereits Schluss.
Als Übergang zur Ballade »Holy Light« erzeugt diese Miniatur einen harten Kontrast. Als eigenständiger Track bleibt sie zu fragmentarisch. Man hätte das Motiv entweder in einen längeren Speed-Metal-Song ausbauen oder direkt an das folgende Stück hängen können. In der vorhandenen Form prüft man beim ersten Hören beinahe, ob die Wiedergabedatei beschädigt wurde.
»Holy Light« beruhigt die Situation anschließend mit akustischen Gitarren und einem emotionalen Gesang. Peter zeigt, dass seine Stimme auch ohne Doublebass und große Chöre trägt. Seine Phrasierung erinnert gelegentlich an Timo Kotipelto und Michael Kiske, bleibt aber genügend geerdet, um nicht zur bloßen Stilübung zu werden. Das Solo führt die Gesangsmelodie behutsam weiter und bewahrt die Ballade vor unnötigem Kitsch.
WE RISE AGAIN MACHT DEN SACK ZU
Zum Abschluss zieht »We Rise Again« das Tempo wieder an. Edmond Kulcsár treibt die Band mit Doublebass und schnellen Fills voran, die Gitarren steigen in harmonischen Linien auf und der Refrain fasst die Aussage des gesamten Albums zusammen: Fallen ist möglich, Liegenbleiben offenbar nicht vorgesehen.
Mit gut fünf Minuten ist der Song einer der längeren Titel, nutzt seine Zeit aber sinnvoll. Strophe, Refrain und Solopassagen steigern sich, ohne dass die Band das Ende künstlich hinauszögert. Die Chöre erhalten noch einmal ihren großen Auftritt, während Peter eine seiner kräftigsten Gesangsleistungen liefert. Als Finale funktioniert das wesentlich besser als »Quest Divine« als Auftakt.
Die letzten Minuten zeigen außerdem, warum die kompakte Gesamtlänge der Platte eine gute Entscheidung ist. Nach 38 Minuten ist alles gesagt, bevor die euphorische Wirkung ermüdet. BURNING SUN widerstehen der Versuchung, jeden Song auf sieben Minuten auszudehnen oder noch ein orchestrales Zwischenspiel einzubauen. Abgesehen vom unfertigen Eindruck von »Prayer« bleibt die Veröffentlichung konzentriert.
DIE KLANGBÜHNE UNTER DER BRENNENDEN SONNE
Die Klangbühne im Hörraum ist klar, ausgewogen und auf unmittelbare Wirkung ausgerichtet. Nicolas Peter hat das Album selbst gemischt und gemastert. Seine Stimme sitzt deutlich im Zentrum, ohne die Gitarren an die Seiten zu verdrängen. Beide Instrumente lassen sich in den harmonischen Passagen gut verfolgen, während der Bass ausreichend Substanz besitzt, um das schnelle Material von unten zu stabilisieren.
Kulcsárs Schlagzeug klingt direkt und kraftvoll. Besonders die Doublebass bleibt auch in dicht arrangierten Abschnitten verständlich, wird aber nicht zu einem mechanischen Dauerklopfen. Die Beckenarbeit bringt Bewegung in die Refrains, und die Fills führen nachvollziehbar zwischen den einzelnen Teilen hindurch. Für einen neuen Schlagzeuger ist er erstaunlich eng in die Sprache der Band eingebunden.
Perfekt ist die Produktion nicht. Die Chöre könnten gelegentlich etwas räumlicher klingen, und manche Rhythmusgitarren verlieren unter den Leadlinien an Gewicht. Gleichzeitig passt die leicht begrenzte Studiogröße zum Underground-Charakter des Albums. »Power To Survive« klingt professionell, aber nicht so teuer poliert, dass sämtliche menschliche Energie verschwunden wäre.
TRADITION MIT EIGENEM SONNENLICHT
Der Bandname stammt von einem Helloween-Song, und musikalisch machen BURNING SUN aus ihrer Verehrung keinerlei Geheimnis. Gamma Ray, Edguy, HammerFall und die klassischen europäischen Power-Metal-Schulen sind ebenfalls ständig in Reichweite. Wer völlige Neuerfindung erwartet, sucht hier am falschen Ort.
Entscheidend ist daher, wie viel Persönlichkeit innerhalb dieser Tradition entsteht. Die wiederkehrende Figur Emaly, die positiven Texte und Papis klarer Blick auf Zusammenhalt und Widerstandskraft geben der Band einen eigenen Rahmen. Die neue Besetzung erweitert außerdem die Möglichkeiten: Peter ist ein überzeugender Frontmann, Ireland kann seine Gitarrenarbeit ausbauen und Kulcsár bringt zusätzlichen Druck.
Die nächste Entwicklungsstufe sollte nun darin bestehen, diese Identität musikalisch noch deutlicher zu machen. »Spirit Alive« gelingt das mit seinem schweren Tempo und den sakralen Keyboards, »Over And Beyond« mit dem stimmlichen Kontrast. Wenn zukünftige Songs häufiger solche besonderen Merkmale besitzen, kann aus einer sehr guten Traditionsband eine sofort erkennbare Größe werden. Für den Moment liefert »Power To Survive« jedoch genau jene aufrechte, melodische Energie, die der Titel verspricht.
FAZIT:
»Power To Survive« ist ein kompakter, hervorragend gespielter Power-Metal-Energieschub mit starken Doppelgitarren, überzeugendem neuen Gesang und Höhepunkten wie »Emaly’s Hymn«, »Light Of The World«, »Over And Beyond« und »Spirit Alive«. Einige vertraute Songmuster, das blassere »Come Home« und die unfertig wirkende 42-Sekunden-Nummer »Prayer« verhindern den ganz großen Triumph, doch vier von fünf Punkten hat sich diese ungarische Sonne redlich verdient.






