Tracklist
01. Intro
02. 24 Karat
03. Leben voller Leben
04. Auf und davon
05. Kopfüber in die Nacht
06. X
07. Judas
08. Lass nicht los
09. Mit Dir
10. Was ist mit Liebe
11. Sommer
12. Wer zuletzt lacht
13. Wir wollten fliegen
Besetzung
André Donay – Gesang, Gitarre
Sven Goldschmidt – Gitarre
Kevin Ricken – Bass
Nikita Gollan – Schlagzeug
Gold entsteht nicht, bloß weil jemand 24 Karat auf das Etikett schreibt. ARTEFUCKT wissen das vermutlich selbst und schicken ihr fünftes Album deshalb gleich unter dem Titel »Alchemie« ins Rennen. Nach elf Jahren Bandgeschichte soll aus Erlebtem, Verletzungen, Aufbruch und einer ordentlichen Portion Selbstbehauptung etwas Wertvolles werden. 13 Titel und knapp 46 Minuten später steht fest: Die Rheinberger verwandeln vertraute Zutaten tatsächlich in einen druckvolleren, musikalisch erstaunlich beweglichen Deutschrock-Sound. Beim Textlabor geht allerdings nicht jeder Versuch ohne Rückstände über die Bühne.
DAS LABOR ÖFFNET NACH ELF JAHREN
Alchemisten wollten einst aus gewöhnlichen Metallen Gold gewinnen. Bei ARTEFUCKT fällt das Ausgangsmaterial weniger exotisch aus: vier Studioalben, zwei Top-Fünf-Platzierungen, unzählige Kilometer im Tourbus und die Gewissheit, dass der eigene Name in der Deutschrock-Szene längst Gewicht besitzt. Das römische »X« in der Tracklist dürfte kaum zufällig an das zehnjährige Bestehen erinnern. »Alchemie« blickt zurück, will aber nicht wie eine Jubiläumsrede mit Gitarrenbegleitung klingen.
Zunächst tut die Platte genau das allerdings doch. Nach einem knapp zweiminütigen »Intro«, das seine Funktion erfüllt, aber auch problemlos auf dreißig Sekunden hätte eingedampft werden können, folgt »24 Karat«. Die Band feiert ihre Beharrlichkeit, erklärt sich weiterhin für anwesend und gießt das Ganze in einen Refrain, der für eine große Festivalwiese berechnet scheint. Selbstbewusstsein gehört zum Geschäft; hier wird es mit einer solchen Schulterbreite vorgetragen, dass kleinere Gedanken im Gedränge kaum noch durchkommen.
Was den Song rettet, ist die Band. Die Gitarren beschränken sich nicht auf dekorative Akkorde, sondern schieben kurze Leads, kleine Gegenmelodien und wirkungsvolle Übergänge zwischen die Gesangszeilen. Sven Goldschmidt und André Donay sorgen dafür, dass sich hinter der Parole tatsächlich Musik abspielt. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist im Deutschrock aber keineswegs immer eine.
WENN DIE GITARRE KLÜGER SPRICHT ALS DER TEXT
Überhaupt liegt die größte Qualität von »Alchemie« in der instrumentalen Arbeit. Die zwölf eigentlichen Songs laufen nicht im selben Tempo durch dieselbe Tür. Punkiger Vorwärtsdrang, schwerere Hard-Rock-Riffs, melodische Leads und gelegentliche Industrial-Anklänge wechseln einander ab, ohne dass die Platte ihren Zusammenhang verliert. Man hört eine Band, die einfache Refrains schreiben will, aber deshalb noch lange nicht einfach spielt.
Kevin Ricken bekommt im Mix ordentlich Masse. Sein Bass ist kein Schatten der Rhythmusgitarre, sondern drückt hörbar von unten gegen die Songs. Darüber arbeitet Nikita Gollan präzise und energisch. Gerade die Bassdrum besitzt eine moderne Härte; die Snare schlägt trocken und unmittelbar ein. In einzelnen Momenten gerät das Schlagzeug dabei fast zu kontrolliert. Ein wenig mehr Luft zwischen den Schlägen hätte manchen Passagen gutgetan.
Produzent Jörg »Warthy« Wartmann hat im Illuminated Studio einen Sound gebaut, der groß wirkt, ohne sämtliche Unebenheiten zu verspachteln. Die Gitarren stehen breit, Donays Stimme bleibt jederzeit verständlich, und im unteren Frequenzbereich herrscht deutlich mehr Betrieb als auf manchem glattgezogenen Genrekollegen. Wer das Album im Auto hört, dürfte am Equalizer kurz den Bass zurücknehmen. Wer eine Anlage besitzt, die gern arbeiten darf, lässt ihn genau dort.
EIN KALENDER VOLLER TAGE
Ein »Leben voller Leben« klingt zunächst ungefähr so überraschend wie ein Kalender voller Tage. Trotzdem funktioniert der Song. Er besitzt Tempo, einen hellen Gitarrenlauf und genau die unbekümmerte Energie, die der Titel verspricht. Donay singt nicht über eine komplizierte Theorie des Glücks, sondern über den Wunsch, die vorhandene Zeit nicht zwischen Sorgen und Aufschub zu verlieren. Das ist simpel. Simpel ist aber nicht automatisch dumm.
Problematischer wird es dort, wo die Lebensfreude wieder in Selbstbestätigung übergeht. ARTEFUCKT müssen niemandem auf jedem zweiten Meter erklären, wie laut, unangepasst oder unverwüstlich sie sind. Das hört man schließlich. Einige Zeilen wirken, als hätten sie zuerst als Aufdruck für ein Tourshirt existiert und seien erst später in einen Song geraten.
Musikalisch bleibt »Leben voller Leben« dennoch einer der stärkeren Kandidaten für die Bühne. Der Refrain sitzt sofort, das Tempo verleitet zu Bewegung, und die Gitarren legen genügend Details in die Zwischenräume, damit der Titel auch nach mehreren Durchläufen nicht völlig ausgehört ist. Hier zeigt sich eine wiederkehrende Eigenart der Platte: Die Musik hat oft eine zweite Ebene, während der Text bereits nach der ersten alles gesagt hat.
RAUS AUS DEM STAND, REIN IN DIE NACHT
Mit »Auf und davon« nehmen sich ARTEFUCKT etwas zurück. Der Song erzählt vom Aufbruch und von der Entscheidung, Bekanntes hinter sich zu lassen. Das Thema ist nicht neu, doch die Band trägt es mit einer glaubwürdigen Mischung aus Sehnsucht und Entschlossenheit. Donays Stimme klingt hier weniger wie ein Ansager vor großer Kulisse und stärker wie jemand, der sich selbst noch von diesem Schritt überzeugen muss. Genau das steht ihm gut.
»Kopfüber in die Nacht« tritt anschließend wieder kräftiger aufs Pedal. Der Titel lebt vom Wechsel zwischen breitbeinigem Beginn und schnellerem Punkrock-Schub. Das macht Spaß und dürfte live sehr zuverlässig zünden. Dann kommt allerdings jener Moment, in dem die bekannte »Zicke Zacke«-Formel bemüht wird. Man kann das gemeinsam brüllen, keine Frage. Man darf sich zugleich fragen, ob eine Band im elften Jahr wirklich jeden alten Festzeltreflex noch einmal prüfen muss.
Solche Stellen sind ärgerlich, weil das Stück sie gar nicht benötigt. Gitarren, Rhythmus und Donays rauer Gesang erzeugen bereits genügend Feierlaune. Der eingeschobene Publikumsbefehl wirkt wie ein Animateur, der auf einer ohnehin vollen Tanzfläche plötzlich erklärt, dass jetzt bitte getanzt werden soll.
DAS X MARKIERT DEN WENDEPUNKT
In der Mitte verändert »Alchemie« seine Farbe. »X« schaut auf den bisherigen Weg zurück, und natürlich wird auch hier der Fortbestand der Band gefeiert. Im Unterschied zu »24 Karat« besitzt der Rückblick jedoch ein paar Schatten. Zehn Jahre hinterlassen nicht ausschließlich Trophäen, sondern auch Lücken, Müdigkeit und Erinnerungen an Menschen, die nicht mehr mit am Tisch sitzen.
Die Komposition trägt diese Ambivalenz besser als die ersten Songs. Das Tempo wirkt bedachter, die Melodien weniger auf sofortiges Einhaken ausgerichtet, und Donay findet einen Ton zwischen Stolz und Erschöpfung. Gerade dort, wo er nicht jedes Wort maximal betont, gewinnt seine Stimme Ausdruck. Der Mann kann melodisch singen; er sollte sich nur häufiger erlauben, nicht ständig beweisen zu müssen, wie rau er klingt.
Mit »Judas« folgt der stärkste harte Titel des Albums. Verrat und gebrochenes Vertrauen gehören zwar ebenfalls zum Grundwortschatz des Genres, doch diesmal bleibt die Wut persönlich. Es wird nicht gegen eine diffuse Weltverschwörung gewettert, sondern eine konkrete Enttäuschung verarbeitet. Das wiederholte Namensmotiv funktioniert wie ein Vorwurf, der mit jedem Durchgang schwerer wird. Dazu liefern die Gitarren ein Riff, das nicht bloß unterlegt, sondern regelrecht mitknirscht.
LIEBE OHNE ZUCKERGUSS
Nach der Abrechnung drehen »Lass nicht los«, »Mit Dir« und »Was ist mit Liebe« die Blickrichtung. Das ist dramaturgisch klug. Die Platte bleibt nicht in gekränkter Wut stecken, sondern fragt, was nach einem Vertrauensbruch überhaupt noch trägt. »Lass nicht los« besitzt einen Refrain, der schon beim ersten Hören vertraut wirkt. Das grenzt an Berechnung, hat aber Wärme und wird seinem Titel gerecht.
»Mit Dir« nimmt sich vier Minuten Zeit und schwankt reizvoll zwischen Liebeserklärung und körperlichem Begehren. Nicht jede Formulierung ist elegant; stellenweise marschiert das lyrische Ich mit der Feinfühligkeit eines Türstehers in die Romantik. Donays Vortrag verhindert jedoch, dass der Song zur bloßen Pose wird. Man glaubt ihm die Mischung aus Zuneigung, Hunger und Angst vor Verlust.
Am interessantesten fällt »Was ist mit Liebe« aus. Schon die Frage wirkt weniger sicher als die Parolen der ersten Albumhälfte. Der Song stellt Mitgefühl und Verbundenheit gegen Trotz, Verletzung und die Versuchung, sich vollständig zu verhärten. Musikalisch verbinden ARTEFUCKT ein schweres Fundament mit einer überraschend offenen Melodie. Hier passen Albumtitel und Inhalt tatsächlich zusammen: Nicht alles Unangenehme verschwindet, doch aus widersprüchlichen Gefühlen entsteht etwas Neues.
SOMMER, SONNE UND EIN ALTER REFLEX
»Sommer« kommt danach wie das geöffnete Fenster in einem aufgeheizten Proberaum. Das Tempo steigt, die Gitarren galoppieren, und der Refrain setzt auf gemeinschaftliche Euphorie. Die Toten Hosen lassen aus der Ferne grüßen, ohne dass ARTEFUCKT ihre eigene Stimme verlieren. Der Song ist leicht, aber nicht belanglos. Nach den schwereren Stücken der Mitte erfüllt er seine Aufgabe ziemlich genau.
Natürlich werden bekannte Bilder abgerufen: warme Nächte, Freunde, Freiheit, gemeinsam unterwegs sein. Wer hier literarische Überraschungen erwartet, hat vermutlich die falsche Platte aufgelegt. Trotzdem kann man einem Sommersong zugestehen, dass er sich wie Sommer anfühlen soll. Entscheidend ist, ob der Refrain später ungefragt im Kopf auftaucht. Dieser tut es.
»Wer zuletzt lacht« fällt im Anschluss deutlich schwächer aus. Die Nummer greift wieder zum alten Reflex aus Gegnern, Rückschlägen und der Gewissheit, am Ende doch oben zu stehen. Handwerklich stimmt das, doch nach den offeneren Fragen der vorherigen Songs wirkt die Haltung wie ein Rückfall in vertraute Schutzkleidung. Der Titel marschiert, wo er hätte überraschen können.
AM ENDE FLIEGT NIEMAND EINFACH DAVON
Dann geschieht etwas, das »Alchemie« dringend braucht: ARTEFUCKT senken die Fäuste. »Wir wollten fliegen« beendet das Album als melancholische Ballade über große Pläne, verlorene Leichtigkeit und die Ernüchterung, die zwischen Wunsch und Wirklichkeit wächst. Kein abschließender Siegesruf, keine Ansage an irgendwelche Neider. Nur der Blick auf einen Himmel, der einmal näher schien.
Donay liefert hier seine beste Gesangsleistung der Platte. Seine Stimme darf brüchig werden, ohne die markante Rauheit zu verlieren. Plötzlich ist die vermeintliche Begrenztheit seines Organs keine Schwäche, sondern das Zentrum des Songs. Ein klinisch perfekter Sänger würde diese Zeilen womöglich schöner vortragen und dabei weniger erzählen.
Auch die Band hält sich zurück. Die Gitarren bauen Atmosphäre, statt jede Lücke zu füllen, Bass und Schlagzeug tragen, ohne zu drängen. Der Titel beweist, dass ARTEFUCKT nicht auf Lautstärke und Durchhalteparolen angewiesen sind. Schade ist eigentlich nur, dass diese Verletzlichkeit erst ganz am Ende vollständig zugelassen wird. Zwei weitere Songs mit diesem Mut hätten dem Album eine andere Gewichtsklasse gegeben.
WAS BLEIBT NACH DER REAKTION?
»Alchemie« ist kein missglücktes Experiment. Dafür spielen ARTEFUCKT zu gut, schreiben zu viele wirksame Refrains und verfügen über einen zu eigenständigen Sänger. Die Produktion ist kraftvoll, das Album besitzt eine erkennbare Dramaturgie, und mit »Judas«, »Was ist mit Liebe«, »Sommer« sowie »Wir wollten fliegen« stehen mehrere Stücke bereit, die über die Veröffentlichung hinaus Bestand haben dürften.
Der entscheidende Einwand betrifft die Sprache. Wenn die Band erzählt, zweifelt oder eine konkrete Verletzung beschreibt, wirkt sie glaubwürdig. Sobald sie sich selbst zur unzerstörbaren Gemeinschaft erklärt, rutscht sie zu oft in vorgefertigte Sätze. Gerade weil musikalisch deutlich mehr passiert als bei zahlreichen Mitbewerbern, fällt diese Begrenzung umso stärker auf. Die Gitarren biegen bereits um die nächste Ecke, während manche Zeile noch am bekannten Stammtisch sitzt.
Fans erhalten dennoch kein bloßes Wiederholungsalbum. Der bassbetonte Klang, die stilistische Bewegung und Donays zunehmend melodischer Gesang markieren eine Entwicklung. Sie ist nicht revolutionär, aber hörbar. Aus Blei wird auf »Alchemie« noch kein Gold. Aus einem vertrauten Metall entsteht jedoch eine robuste Legierung, die auf der Bühne sehr wahrscheinlich besser funkelt als im Textheft.
FAZIT:
»Alchemie« überzeugt mit kräftiger Produktion, auffallend guter Gitarrenarbeit und einer zweiten Albumhälfte, in der ARTEFUCKT Gefühle tatsächlich zulassen, statt sie hinter großen Gesten zu verstecken. Einige Selbstfeiern, ausgelaugte Deutschrock-Bilder und sprachlich bequeme Lösungen verhindern allerdings eine höhere Wertung. »Judas«, »Was ist mit Liebe« und besonders »Wir wollten fliegen« zeigen dafür sehr deutlich, wie stark diese Band klingt, wenn sie niemandem etwas beweisen will.






