Band: ARGUL 🇵🇪
Titel: Soledad & Orgullo
Label: Personal Records
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Digital
Genre: Traditional Doom Metal / Stoner Doom / Heavy Psych

Tracklist

01. Ritual
02. Engendro
03. Hor Hodin
04. Animal Dog
05. Kamog (Bonus Track)

Besetzung

Mauricio Guerrero – Leadgitarre, Gesang
José María Venturi – Rhythmusgitarre, Gesang
Jian Holmes – Bass
Alonso Guerrero – Schlagzeug auf »Ritual« und »Kamog«
Emilio Carranza – Schlagzeug auf »Engendro«, »Hor Hodin« und »Animal Dog«

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Einsamkeit und Stolz sind gewöhnlich eine ziemlich schlechte Gesellschaft. Für ARGUL bilden sie dagegen das Fundament eines Albums, das zwölf Jahre Anlauf nahm und sich trotzdem keinen Augenblick wie ein verstaubtes Fundstück anhört. »Soledad & Orgullo« – zu Deutsch »Einsamkeit und Stolz« – ist das Debüt der Doom-Metal-Formation aus Lima. Fünf Stücke, 45 Minuten, spanische Gesangsharmonien und Gitarren, die gleichzeitig zentnerschwer und seltsam schwerelos wirken: Die Peruaner beherrschen jene seltene Kunst, einen Riff minutenlang stehen zu lassen, ohne dass er zum Möbelstück wird.

Albumstream:

ZWÖLF JAHRE FÜR FÜNF LIEDER

ARGUL gründeten sich 2014 in der peruanischen Hauptstadt Lima. Ein Debüt im Jahr 2026 klingt angesichts dieser Zeitspanne nach ausgesprochener Gemütlichkeit, selbst für eine Doom-Band. Ganz so einfach ist die Geschichte jedoch nicht. Der Kern von »Soledad & Orgullo« wurde bereits 2017 im Dragonverde Studio aufgenommen und tauchte später als Demo auf. Nur das abschließende »Kamog« entstand 2026.

Man hört auf diesem Album deshalb zwei Zustände derselben Band. Die ersten vier Stücke tragen noch deutliche Spuren von Stoner Rock und schwerem Siebzigerjahre-Rock. Der Bonus-Track blickt weiter in Richtung Progressive Rock, psychedelischer Weite und eines reiferen Verständnisses von Dynamik. Statt diese Unterschiede einzuebnen, stellen ARGUL sie nebeneinander. Das ist riskant, gibt der Platte aber eine eigene Dramaturgie: Vergangenheit und Gegenwart treffen sich nicht auf halbem Weg, sondern schauen einander direkt an.

Natürlich darf man fragen, ob vier ältere Demoaufnahmen plus ein neuer Bonustrack tatsächlich ein vollständig neues Album ergeben. Die nüchterne Antwort lautet: formal ja, konzeptionell nicht ganz. Musikalisch funktioniert die Veröffentlichung dennoch, weil dieselben Grundideen in beiden Phasen vorhanden sind – Gewicht, Geduld, Melancholie und die merkwürdig sanften Stimmen über den tiefen Gitarren.

RITUAL ÖFFNET DIE TÜR GANZ LANGSAM

Der zehnminütige Auftakt »Ritual« beginnt mit zwei Gitarren, die gemeinsam abwärtssteigen. Kein hastiges Vorspiel, keine sofortige Explosion. Mauricio Guerrero und José María Venturi legen den zentralen Gedanken vor den Hörer und geben ihm Zeit, sich im Raum auszubreiten. Der Riff besitzt jene bluesige Schwere, die unweigerlich zu Black Sabbath führt, wirkt durch die melodische Führung aber weniger finster als vielmehr entrückt.

Dann setzen die Stimmen ein. Guerrero und Venturi singen nicht gegen die Masse der Instrumente an. Ihre Harmonien schweben darüber, weich, fern und fast feierlich. Der Kontrast ist ausgezeichnet: Unten mahlen die Gitarren, darüber bewegt sich ein Chor wie Nebel über einem dunklen Tal. An Windhand darf man denken, gelegentlich auch an die melodische Größe von Pallbearer. Eine Kopie ist das nicht. Dafür sorgt schon die spanische Sprache, deren Rhythmus die Melodien anders formt als das im Doom übliche Englisch.

»Ritual« lebt von Ausdehnung. Erst im letzten Drittel zieht das Schlagzeug an, die Gitarren werden unruhiger, und aus der kontrollierten Schwere wächst ein lärmender Höhepunkt. Dieser Wandel fühlt sich verdient an. Zehn Minuten vergehen nicht wie drei, müssen sie auch nicht. Entscheidend ist, dass die Reise ein Ziel besitzt – und das tut sie hier.

ZWEI STIMMEN GEGEN DIE SCHWERKRAFT

Die Gesangsarbeit ist das Merkmal, an dem man ARGUL nach wenigen Minuten erkennt. Traditional Doom setzt oft auf große, beinahe priesterliche Stimmen; Stoner Doom bevorzugt gern benommene Melodien oder rauen Gesang. Guerrero und Venturi wählen einen anderen Weg. Sie singen zurückgenommen, häufig gemeinsam und niemals so, als müssten sie einen Wettbewerb gegen die Verstärker gewinnen.

Das kann beim ersten Durchlauf fast unscheinbar wirken. Große Refrains findet man kaum, einzelne Zeilen bleiben nicht sofort hängen. Dafür werden die Stimmen zu einem Instrument innerhalb des Arrangements. Sie geben den Riffs eine menschliche Temperatur, ohne deren Wucht zu verkleinern. Gerade in den langen Stücken liegt darin der Unterschied zwischen zehn Minuten massiver Gitarren und einer tatsächlichen Komposition.

Nicht jede Harmonie sitzt vollkommen sauber, und genau das passt zum Klangbild. Die kleinen Reibungen lassen die Stimmen lebendig wirken. Hochglanzpolierte Chöre würden diese Musik in eine Richtung ziehen, in die sie gar nicht gehört. ARGUL brauchen keine Opernbühne; ihr Gesang klingt wie ein gemeinsames Lied in einem Raum, dessen Wände älter sind als die Anwesenden.

ENGENDRO STEIGT AUS DER TIEFE

Mit knapp fünf Minuten ist »Engendro« beinahe der Popsong des Albums. Selbstverständlich nur nach den Maßstäben einer Band, deren abschließender Bonustrack länger dauert als manche komplette Grindcore-Veröffentlichung. Das Stück kommt schneller zur Sache, arbeitet mit einem besonders schweren Riff und rückt den Bass weit nach vorne.

Jian Holmes spielt nicht bloß die Grundtöne der Gitarren nach. Seine Linien winden sich um die Riffs, füllen deren Pausen und sorgen dafür, dass die Musik trotz des langsamen Tempos ständig in Bewegung bleibt. Das ist auf »Engendro« besonders gut zu hören. Während die Gitarren Druck aufbauen, sucht der Bass nach Seitenwegen.

Textlich wird das titelgebende Geschöpf aus dem Inneren geboren und in eine Existenz ohne Licht geschickt. Einsamkeit und Stolz erscheinen nicht als romantische Tugenden, sondern als Zustand, aus dem etwas Zerstörerisches entsteht. Die Worte bleiben knapp, fast beschwörend. Das passt besser zur Musik als eine ausführliche Erzählung. ARGUL liefern Bilder und überlassen dem Riff die eigentliche Handlung.

Im Vergleich zu »Ritual« fehlt dem Stück allerdings ein ähnlich starker Wendepunkt. Der kompakte Aufbau hält die Aufmerksamkeit, hinterlässt aber weniger Nachhall. »Engendro« ist ein guter, körperlich spürbarer Doom-Song. Die besondere Größe des Albums zeigt sich an anderer Stelle.

HOR HODIN ZIEHT DAS SCHWERT

»Hor Hodin« beginnt mit einem Sprachsample aus »Conan der Barbar« und stürzt sich danach in eine eigentümliche Mischung aus Schlachtengesang, Traditional Doom und schwerem Hard Rock. Inhaltlich begegnen sich dabei Crom, Ragnarök und ein nicht näher erklärtes göttliches Reich. Mythologisch ist das ungefähr so ordentlich sortiert wie eine Kiste alter Fantasy-Taschenbücher. Musikalisch ergibt es erstaunlich viel Sinn.

Das Stück erhöht das Tempo und beweist, dass ARGUL Schwere nicht ausschließlich über Langsamkeit definieren. Die Gitarren schieben einen federnden Rhythmus an, der tief in der Schule von Tony Iommi steht, ohne dessen Handschrift einfach abzupausen. Zwischendurch öffnen sich kurze Räume, in denen Bass und Schlagzeug den Song neu ausrichten. Der anschließende Riff trifft dadurch umso wirkungsvoller.

Hier singen Guerrero und Venturi überwiegend auf Englisch. Das nimmt dem Album für einen Moment einen Teil seiner besonderen Färbung, passt aber zum bewusst überlebensgroßen Thema. »Hor Hodin« ist direkt, beweglich und besitzt den stärksten natürlichen Groove der Platte. Wer beim Doom grundsätzlich nur an musikalische Schrittgeschwindigkeit denkt, bekommt hier die passende Korrektur.

ANIMAL DOG BLEIBT IM RIFF

Der merkwürdig betitelte »Animal Dog« kehrt zur Zehn-Minuten-Marke zurück. Lange Zeit bleibt der Gesang außen vor. Die Gitarren bauen eine massive, fließende Struktur, während Holmes darunter erneut seine eigenen Wege geht. Es wirkt, als würde die Band den Hörer zunächst in das Innere des Riffs setzen und erst später erklären, welche Geschichte dort eigentlich erzählt wird.

Wenn die Stimmen nach einigen Minuten auftauchen, verändern sie die Perspektive. Der spanische Text spricht von Verlust, Träumen, Einsamkeit und der Hoffnung auf Erlösung. Statt den Song zu dominieren, stehen die Vocals weiter hinten im Mix. Man hört sie wie eine Erinnerung, die sich nicht vollständig in die Gegenwart holen lässt. Diese Entscheidung gibt dem Stück Tiefe und verhindert eine gewöhnliche Strophe-Refrain-Ordnung.

Allerdings zeigt sich hier auch die Grenze der Methode. Nicht jeder Abschnitt rechtfertigt seine Dauer. Im mittleren Teil halten ARGUL an einem Gedanken fest, nachdem er seine stärkste Wirkung bereits entfaltet hat. Das mag als bewusste Versenkung in den Riff gemeint sein; bei weniger geduldigen Hörern wird daraus eine Prüfung. Zwei Minuten weniger hätten »Animal Dog« nicht kleiner, sondern konzentrierter gemacht.

Das Finale findet dennoch zurück in die Spur. Gitarren und Rhythmusgruppe verdichten sich, die Melancholie wird körperlicher, und der Song endet nicht mit einer künstlichen Pointe. Er sinkt zurück in jene graue Landschaft, aus der er gekommen ist.

KAMOG KOMMT AUS EINER ANDEREN ZEIT

Der als Bonus ausgewiesene Abschluss »Kamog« entstand neun Jahre nach den übrigen Aufnahmen. Schon deshalb ist er das interessanteste Stück der Veröffentlichung. Ein Ausschnitt aus einer Lesung von H. P. Lovecrafts »The Thing on the Doorstep« führt in eine 14-minütige Komposition, die den alten Stoner-Doom-Kern der Band mit progressiveren und psychedelischen Ideen verbindet.

Fast drei Minuten lassen ARGUL verstreichen, bevor der Song seine ganze Gestalt zeigt. Gitarren tauchen langsam aus dem Hintergrund auf, die Stimmen bilden erneut einen entrückten Schleier, und der Bass hält die einzelnen Schichten zusammen. Später bricht das Stück in einen härteren Riff auf, nur um sich anschließend wieder in leisere Melodien zurückzuziehen. Diese Bewegungen erinnern eher an einen Traum als an eine klassische Songstruktur.

In den offeneren Passagen wird deutlich, dass Guerrero und Venturi inzwischen anders komponieren. Die Übergänge sind fließender, Stimmungen werden nicht lediglich aneinandergereiht, sondern ineinander verwandelt. Ein melodisches Solo öffnet den Raum, bevor die Rhythmusgitarre ihn wieder schließt. Hier blitzen neben Doom und Heavy Psych sogar Camel und früher Genesis durch, ohne dass plötzlich Umhänge und Querflöten ausgepackt werden.

Vollkommen frei von Leerlauf ist auch »Kamog« nicht. Das Sprachsample dauert zu lang, und der Aufbau hätte an einigen Stellen entschlossener geschnitten werden dürfen. Doch im Gegensatz zu den schwächeren Minuten von »Animal Dog« bleibt stets das Gefühl, dass hinter der nächsten Biegung eine andere Farbe wartet. Als Blick auf die heutige Band ist dieser Bonus deshalb wichtiger als sein bescheidener Platz in der Tracklist vermuten lässt.

EIN ALBUM MIT ZWEI AUFNAHMERÄUMEN

Die ersten vier Stücke wurden von Eddie Plenge im Dragonverde Studio aufgenommen, gemischt und gemastert. Der Klang ist warm, offen und angenehm körperlich. Gitarren besitzen Gewicht, ohne zu einer undurchsichtigen Wand zu verschmelzen. Der Bass bleibt greifbar, Becken dürfen nachschwingen, und kleine Schwankungen im Zusammenspiel wurden nicht aus der Aufnahme operiert.

Das vermittelt beinahe den Eindruck, vor der Band im Proberaum zu stehen – allerdings in einem ungewöhnlich guten Proberaum. Nichts klingt schlampig, aber auch nichts wurde auf ein steriles Raster gezwungen. Für diese Art Doom ist das ideal. Die langen Riffs leben von winzigen Verschiebungen, vom gemeinsamen Atmen der Musiker und von der Frage, wann der nächste Schlag tatsächlich fällt.

»Kamog« wurde dagegen von Alonso und Mauricio Guerrero im Ogro Space aufgenommen und gemischt. Die jüngere Produktion besitzt mehr räumliche Tiefe und legt die einzelnen Ebenen deutlicher auseinander. Der Sprung ist hörbar, aber nicht störend. Eher wirkt es, als wechsle man nach vier Kapiteln in einen anderen Raum desselben Gebäudes.

Gerade diese unperfekte Einheit passt zur Geschichte der Platte. »Soledad & Orgullo« dokumentiert keine einzelne Studiosession, sondern einen Weg. Man hört, wo ARGUL herkamen, und bekommt am Ende eine Vorstellung davon, wohin sie gehen könnten.

EINSAMKEIT OHNE SELBSTMITLEID

Der Albumtitel fasst die emotionale Haltung erstaunlich präzise zusammen. Einsamkeit wird hier nicht als hübsche Pose verwendet. In den Texten begegnen einem innere Geschöpfe, verlorene Seelen, Hass, dunkle Rituale und der Versuch, durch Erinnerung oder Traum eine Form von Erlösung zu finden. Der Stolz wiederum wirkt nicht wie Überheblichkeit, sondern wie das, was übrig bleibt, wenn niemand anderes einen aufrichtet.

Dass ARGUL überwiegend auf Spanisch singen, ist dabei keine exotische Verzierung. Die Sprache verändert Betonung und Fluss der Gesangslinien. Vor allem die offenen Vokale tragen weit über den Gitarren, während härtere Silben den Rhythmus markieren. Selbst wer die Texte nicht versteht, hört ihre Stimmung. Übersetzungen helfen beim Inhalt, notwendig für die Wirkung sind sie nicht.

Die Band vermeidet außerdem das übertriebene Pathos, das Traditional Doom gelegentlich in ein schlecht beleuchtetes Theater verwandelt. Guerrero und Venturi predigen nicht. Sie klingen, als hätten sie diese Bilder im Schlaf gesehen und würden sie am nächsten Morgen gemeinsam rekonstruieren. Das macht die Musik geheimnisvoll, ohne sie künstlich aufzublasen.

DEBÜT, ARCHIV ODER VERSPÄTETE ANKUNFT?

Am Ende bleibt die Frage nach dem Status dieser Veröffentlichung. Vier bekannte Demo-Stücke aus einer Aufnahme von 2017 und ein neuer Bonustrack sind kein gewöhnliches Debüt. Wer ARGUL bereits seit dem Demo begleitet, erhält über weite Strecken vertrautes Material. Wer die Band jetzt entdeckt, bekommt dagegen ein vollständiges und sinnvoll geordnetes Album.

Entscheidend ist, dass »Soledad & Orgullo« nicht nach einer Resteverwertung klingt. Die alten Aufnahmen besitzen Substanz, und »Kamog« kommentiert sie gewissermaßen aus der Gegenwart. Gleichzeitig zeigt der neue Song, dass die Band inzwischen kompositorisch weiter ist. Er weckt damit einen Wunsch, den das Album selbst nicht erfüllen kann: eine komplette Platte aus der heutigen Phase von ARGUL.

Bis dahin bleibt dieses Debüt ein schweres, warmes und eigenwilliges Lebenszeichen. »Ritual« und »Hor Hodin« treffen unmittelbarer, »Kamog« öffnet die spannendsten Türen, während »Animal Dog« den Geduldsfaden stellenweise etwas zu weit ausrollt. Die fünf Stücke sind nicht makellos. Sie besitzen jedoch eine Identität, und die lässt sich im Doom nicht einfach durch einen tieferen Gitarrenton ersetzen.

FAZIT:

»Soledad & Orgullo« verbindet warmen Traditional Doom, Stoner-Schwere und progressive Weite mit ungewöhnlich sanften Gesangsharmonien zu einem bemerkenswert eigenständigen Debüt. Einige Abschnitte von »Animal Dog« und »Kamog« hätten eine straffere Hand vertragen, während die Herkunft aus zwei weit auseinanderliegenden Aufnahmephasen die Geschlossenheit leicht beeinträchtigt. Mit »Ritual«, »Hor Hodin« und dem zukunftsweisenden Bonusstück liefern ARGUL dennoch genügend Gründe, auf das nächste Album nicht wieder zwölf Jahre warten zu wollen.

ARGUL – Soledad & Orgullo – Full Album Stream

Internet

ARGUL - Soledad & Orgullo - Album Review

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