Tracklist
01. Licht aus
02. Kerkersonne
03. Als das Dunkel Feuer fing
04. Polarlichter
05. Die Blüten Satans
06. Heilung
07. Trümmerlandpoesie
08. Glut
09. Der Idiot
10. Mondmann
11. Geisteskind
12. Schwarzes Gold
13. Albtraum
Bonus der limitierten CD-Ausgabe:
14. Einhornglut
15. Wundenozean
Besetzung
Markus B. – Gesang, Gitarren, Bass und Songwriting
Arisjel – Schlagzeug und Percussion
Produktion:
Aufnahmen – Markus B. und Arisjel im Moonspark Studio
Mixing und Mastering des Hauptalbums – Markus Stock in der Klangschmiede Studio E
Alternative Mischung und alternatives Mastering – Charles Greywolf im Studio Greywolf
Artwork – Friederieke Myschik
Eine Glut muss nicht lichterloh brennen, um Wärme zu erzeugen. Manchmal reicht ein kleiner, beständiger Rest unter einer scheinbar längst erkalteten Oberfläche. Genau in diesem Zustand bewegen sich Autumnblaze auf ihrem neunten Studioalbum »Glut«. Zwei Jahre nach »Auf Zerfetzten Schwingen« führt das Duo seinen deutschsprachigen Weg fort, reduziert die Komplexität der Kompositionen und rückt Melodie, Atmosphäre sowie persönliche Texte stärker in den Mittelpunkt. Zwischen melancholischem Dark Rock, Gothic Metal, melodischem Black Metal und kurzen Doom-Ausflügen entstehen dreizehn kompakte Songs, die selten umständlich auf einen Höhepunkt hinarbeiten. Autumnblaze suchen die Wirkung vielmehr in klaren Strukturen, eingängigen Refrains und jener tiefen Schwermut, die seit den Neunzigerjahren sämtliche Wandlungen der Band überstanden hat. Nicht jeder Titel entfacht ein großes Feuer, doch selbst in den ruhigsten Momenten bleibt ausreichend Glut zurück.
LICHT AUS, GEFÜHLE AN
»Licht aus« eröffnet das Album mit einer klaren Ansage. Das Stück war die erste für »Glut« geschriebene Komposition und gibt die Richtung des gesamten Albums vor: geradlinig, melodisch und auf unmittelbare emotionale Wirkung ausgerichtet.
Ein schweres Midtempo-Fundament trägt offene Gitarrenakkorde, während Markus B. seine deutschsprachigen Zeilen mit kontrollierter Eindringlichkeit vorträgt. Der Gesang steht deutlich im Mittelpunkt, ohne dass die instrumentale Umgebung zur bloßen Begleitung verkümmert.
Die Musik arbeitet weniger mit großen Explosionen als mit unterschwelliger Spannung. Gitarren und Schlagzeug halten den Song in einem Zustand zwischen Aufbruch und innerem Rückzug. Der Refrain setzt sich schnell fest, bleibt aber von einer spürbaren Schwere umgeben.
Bereits hier wird deutlich, dass Autumnblaze keinen Rückfall in ihre frühen Black-Metal-Jahre anstreben. Deren melancholischer Geist ist weiterhin vorhanden, wird aber durch Dark Rock, Gothic Metal und zugänglichere Songstrukturen transportiert.
»Kerkersonne« verlangsamt das Tempo anschließend und verbindet flirrende Gitarren mit einem deutlich helleren Refrain. In den Strophen schimmern melodische Black-Metal-Einflüsse durch, bevor sich die Komposition emotional öffnet.
Dieser Kontrast funktioniert ausgesprochen gut. Die vermeintliche Sonne spendet kein dauerhaftes Licht, sondern fällt nur für kurze Augenblicke durch die Gitterstäbe. Gerade dadurch gehört »Kerkersonne« zu den atmosphärisch stärksten Titeln.
ALS DAS DUNKEL FEUER FING
»Als das Dunkel Feuer fing« setzt stärker auf Melodie und einen beinahe hymnischen Refrain. Die Gitarren greifen zunächst energischer zu, während der Gesang eine bildhafte Sprache zwischen innerem Kampf und fantastischer Symbolik verwendet.
Metaphern aus großen Fantasywelten werden nicht zum Selbstzweck eingesetzt, sondern verstärken die persönliche Aussage. Dunkelheit und Feuer erscheinen als gegensätzliche Kräfte, die dennoch aus demselben emotionalen Ursprung hervorgehen.
Die Nummer gehört zu den eingängigsten Stücken. Der Refrain ist groß genug, um unmittelbar hängen zu bleiben, wirkt aber nicht unangemessen triumphal. Selbst die helleren Melodien tragen weiterhin die typische Schwermut der Band.
Mit »Polarlichter« folgt ein weiterer zugänglicher Titel. Wenige Akkorde, eine starke Gesangslinie und ein fließender Rhythmus reichen aus, um eine der unmittelbarsten Kompositionen des Albums zu formen.
Inhaltlich richtet sich der Blick auf Menschen, die unter Krieg und Vertreibung leiden. Die Polarlichter werden dabei zum Bild einer Schönheit, die über einer zerstörten Welt erscheint, ohne deren Wunden heilen zu können.
Die Band verzichtet auf übertriebene Dramatik. Statt das Thema durch eine möglichst massive Produktion aufzublasen, bleibt der Song kontrolliert und menschlich. Gerade diese Zurückhaltung verleiht ihm Glaubwürdigkeit.
SATANS BLÜTEN UND PERSÖNLICHE HEILUNG
»Die Blüten Satans« trägt den auffälligsten Titel und gehört musikalisch zu den schnellsten Nummern. Das Schlagzeug zieht das Tempo an, die Gitarren werden aggressiver und kurze schwarzmetallische Schärfen durchbrechen die bisher überwiegend melancholische Ruhe.
Trotzdem bleibt der Song melodisch. Autumnblaze nutzen den härteren Ansatz nicht, um ihre Herkunft nostalgisch nachzustellen, sondern bringen zusätzliche Bewegung in die Albumdramaturgie.
Besonders live dürfte die kompakte Nummer hervorragend funktionieren. Sie besitzt einen klaren Rhythmus, einen griffigen Refrain und ausreichend Energie, um nach den kontrollierten Anfangsstücken einen deutlichen Akzent zu setzen.
Mit »Heilung« folgt eines der emotionalen Zentren. Gesprochene Strophen treffen auf einen ungewöhnlich eingängigen Refrain, während eine zusätzliche Stimme aus dem familiären Umfeld von Markus B. den persönlichen Charakter verstärkt.
Der Titel klingt zunächst positiv, beschreibt Heilung aber nicht als geradlinigen Vorgang. Verletzungen verschwinden nicht einfach, sondern bleiben Teil der eigenen Geschichte. Der Song bewegt sich deshalb zwischen Hoffnung, Erschöpfung und vorsichtiger Selbstannahme.
Die gesprochenen Passagen werden nicht pathetisch überinszeniert. Markus B. trägt die Worte ruhig und direkt vor, bevor der Refrain die zuvor zurückgehaltene Emotion freisetzt.
Gerade weil die Komposition strukturell einfach bleibt, erreicht sie eine große Wirkung. Technische Raffinesse oder überraschende Wendungen wären hier eher hinderlich gewesen.
BLACK METAL TRIFFT DEUTSCHEN SONGWRITER
»Trümmerlandpoesie« verbindet zwei Welten, die zunächst nur bedingt zusammenzupassen scheinen. Auf der einen Seite stehen raue Gitarren und eine schwarzmetallische Grundstimmung, auf der anderen ein geradliniges, beinahe poppiges Songwriter-Gefühl.
Man könnte es als Begegnung von Darkthrone und Thees Uhlmann bezeichnen. Was auf dem Papier nach einem musikalischen Betriebsunfall klingt, funktioniert erstaunlich selbstverständlich.
Die raueren Gitarren geben dem Stück eine beschädigte Oberfläche, während Refrain und Gesang eine klare, nachvollziehbare Linie bilden. Der Gegensatz zwischen Trümmern und Poesie findet damit nicht nur im Titel, sondern ebenso in der musikalischen Gestaltung statt.
Der Titeltrack »Glut« wurde als letzter Song des Albums geschrieben und greift ältere Klangfarben der Band auf. Besonders in den Strophen sind Erinnerungen an die dunklere Atmosphäre von »Bleak« erlaubt.
Langsame, schwere Akkorde und ein zurückgenommener Rhythmus legen den Schwerpunkt erneut auf den Gesang. Die Glut steht dabei für etwas, das trotz Verlust, Erschöpfung und emotionaler Verwüstung nicht vollständig erloschen ist.
Der Refrain entfaltet keine sofortige große Hymne, gewinnt aber mit jedem Durchlauf. Genau darin liegt die Stärke des Albums: Viele Melodien wirken zunächst schlicht und zeigen ihre eigentliche Tiefe erst später.
DOSTOJEWSKI, MONDMANN UND GEISTESKIND
»Der Idiot« basiert textlich auf dem gleichnamigen Roman von Fjodor Dostojewski. Die Komposition ist kurz, intensiv und verzichtet auf ausgedehnte Entwicklungen.
Zwischen persönlicher Verletzlichkeit, gesellschaftlicher Kälte und dem Konflikt eines grundsätzlich gutherzigen Menschen mit einer beschädigten Umgebung findet die Band ein passendes musikalisches Verhältnis aus Melodie und Härte.
»Mondmann« überrascht anschließend mit einer ausgesprochen poppigen Ausrichtung. Die Gitarren bleiben zurückhaltender, der Rhythmus fließt leicht und die Gesangslinie gehört zu den eingängigsten des gesamten Albums.
Das wirkt innerhalb der Bandgeschichte ungewöhnlich, verliert aber nicht deren Identität. Die Melodie ist hell, der emotionale Untergrund bleibt dunkel. Gerade diese Spannung verhindert, dass der Song in beliebigen Deutschrock abrutscht.
»Geisteskind« schlägt danach in die Gegenrichtung aus. Das Tempo wird stark reduziert und die Gitarren erhalten eine schwere, doomige Wirkung. Es handelt sich nicht um klassischen Doom Metal, sondern um eine langsame Verdichtung des bekannten Autumnblaze-Sounds.
Arisjel setzt wenige, dafür gezielt gewichtete Schläge. Die Musik zieht sich nicht über eine gewaltige Laufzeit, sondern erreicht ihre Wirkung durch Konzentration.
»Schwarzes Gold« bringt wiederum stärkere Einflüsse des melodischen Black Metal zurück. Flirrende Gitarren und eine energischere Rhythmik stehen neben einem klar strukturierten Refrain.
Die Nummer zeigt, wie selbstverständlich Autumnblaze inzwischen zwischen ihren verschiedenen Schaffensphasen wechseln können. Die Vergangenheit wird nicht kopiert, sondern in die direkte Sprache des neuen Albums übertragen.
DER ALBTRAUM AM ENDE
»Albtraum« schließt das reguläre Album mit einer besonders düsteren und persönlichen Atmosphäre. Die Komposition beginnt kontrolliert, wird im Verlauf aber zunehmend schwerer und unruhiger.
Gitarrenflächen und Schlagzeug verdichten den Hintergrund, während der Gesang stärker aus seiner bisherigen Zurückhaltung ausbricht. Besonders der letzte Abschnitt gehört zu den dunkelsten Momenten der Platte.
Das Album endet damit nicht in einem Zustand vollständiger Heilung. Die zuvor beschriebene Glut bleibt bestehen, doch sie vertreibt nicht automatisch sämtliche Schatten. Diese offene Auflösung passt wesentlich besser zum Charakter von Autumnblaze als ein übertrieben hoffnungsvolles Finale.
Die beiden CD-Bonustitel »Einhornglut« und »Wundenozean« erweitern die limitierte Ausgabe. Zusätzlich enthält die zweite CD zwölf Songs in alternativen Mischungen und teilweise abweichenden Fassungen.
Dabei handelt es sich nicht bloß um geringfügig veränderte Lautstärken. Einige Arrangements, Gesangsspuren, Texte und klangliche Details unterscheiden sich deutlich von der endgültigen Hauptversion.
ZWEI MISCHUNGEN, ZWEI BLICKWINKEL
Die Hauptfassung wurde von Markus Stock gemischt und gemastert. Sein Klang ist warm, klar und vielschichtig. Die Gitarren besitzen ausreichend Raum, während der Gesang deutlich im Zentrum steht.
Das Schlagzeug wird nicht übermäßig komprimiert oder künstlich aufgehellt. Statt moderner Trigger-Härte entsteht eine organische Tiefe, die besonders den Midtempo-Kompositionen zugutekommt.
Diese Produktion macht die emotionalen Feinheiten hörbar, lässt das Album aber bewusst kontrolliert erscheinen. Große klangliche Explosionen bleiben selten. Wer auf dramatische Steigerungen oder massive Post-Metal-Klangwände wartet, könnte diese Zurückhaltung als fehlende Dynamik empfinden.
Die alternative Mischung von Charles Greywolf setzt andere Schwerpunkte. Sie wirkt roher, spontaner und teilweise aggressiver. Dadurch treten die ursprünglichen Strukturen und der unmittelbare Charakter des Songwritings stärker hervor.
Keine der beiden Fassungen ist grundsätzlich überlegen. Der Hauptmix betont Wärme, Klarheit und emotionale Tiefe, während die alternative Version näher an der ursprünglichen Energie der Aufnahmen liegt.
Die Doppel-CD wird dadurch nicht nur für Sammler interessant. Sie zeigt, wie stark Produktion und Mischung die Wahrnehmung derselben Komposition verändern können.
EINE BAND IM ZUSTAND DER SELBSTERKENNTNIS
Seit ihrer Gründung im Jahr 1996 haben Autumnblaze zahlreiche stilistische Veränderungen durchlaufen. Melodischer Black Metal, Doom, Trip-Hop, Dark Rock, Gothic Metal und Post-Rock hinterließen in unterschiedlichen Phasen ihre Spuren.
»Glut« versucht nicht, diese Entwicklung vollständig zusammenzufassen. Das Album konzentriert sich stattdessen auf jene Bestandteile, die über sämtliche Veränderungen hinweg erhalten geblieben sind: Melancholie, Verletzlichkeit und eine starke melodische Handschrift.
Die deutschen Texte verstärken diese Direktheit. Harte Konsonanten und eine weniger fließende Sprachmelodie geben den Gesangslinien ein anderes Gewicht als in der früheren englischsprachigen Phase.
Markus B. formuliert persönlicher, ohne in Tagebuchkitsch zu verfallen. Selbst dort, wo literarische oder fantastische Bilder verwendet werden, bleibt der emotionale Kern nachvollziehbar.
Nicht jede Komposition besitzt denselben Wiedererkennungswert. Einige Midtempo-Stücke ähneln sich in Aufbau und Dynamik, während die konsequente Zurückhaltung gelegentlich etwas mehr Mut zum Ausbruch vertragen könnte.
Dennoch wirkt das Album geschlossen und durchdacht. Die Band weiß inzwischen genau, welche musikalischen Mittel sie benötigt und auf welche überflüssigen Verzierungen sie verzichten kann.
HANDGEMACHTE ERINNERUNG
Auch das Artwork folgt diesem Gedanken. Friederieke Myschik schuf ein Ölgemälde auf Grundlage eines alten Familienfotos. Die bewusst handgefertigte Gestaltung bildet einen deutlichen Gegenpol zu den zahllosen künstlich erzeugten Albumcovern der Gegenwart.
Das Bild wirkt persönlich, unvollkommen und erinnerungsbeladen. Genau damit spiegelt es die Musik: Auch »Glut« setzt nicht auf makellose Oberflächen, sondern auf menschliche Spuren, kleine Brüche und emotionale Nähe.
Cover, Texte und Produktion greifen daher ungewöhnlich geschlossen ineinander. Nichts wirkt zufällig oder wie ein nachträglich entwickeltes Marketingkonzept.
Diese Konsequenz ist eine der größten Stärken des Albums. Autumnblaze versuchen nicht, sich jünger, härter oder moderner darzustellen, sondern präsentieren ihre Musik in einer Form, die der eigenen Geschichte entspricht.
FAZIT:
»Glut« ist ein reifes, persönliches und erstaunlich zugängliches neuntes Album. Autumnblaze verbinden melancholischen Dark Rock, Gothic Metal, melodischen Black Metal und doomige Schwere mit kompakten Songstrukturen und vollständig deutschsprachigen Texten. Besonders »Kerkersonne«, »Als das Dunkel Feuer fing«, »Polarlichter«, »Heilung«, »Trümmerlandpoesie« und der Titeltrack überzeugen. Markus Stocks warmer Hauptmix stellt Gesang und Atmosphäre in den Mittelpunkt, während Charles Greywolfs alternative Fassungen einen raueren Blick auf das Material ermöglichen. Einige ähnliche Midtempo-Strukturen und die bewusst kontrollierte Dynamik verhindern, dass jeder Song dieselbe Intensität erreicht. Dennoch wirkt das Album ehrlich, geschlossen und frei von unnötigem Bombast. »Glut« muss kein loderndes Inferno entfachen. Es genügt vollkommen, dass diese dreizehn Songs noch lange nach dem letzten Ton weiterglimmen.






