Tracklist
01. Squall-led
02. Sudden Zenith
03. No Candlelight
04. This Illusion
05. Left Apart
06. Lingering Under The Acid Rain
07. Midwinter In July
08. Ora Pro Nemine
09. Midnightingale
10. The Wind Chimes Garden
11. Stramonium
Besetzung
Dest – Vocals
Pave – Guitars
Giò – Guitars
Nick – Bass
Panta – Drums
Heavenfall sind keine Band, die sich erst noch beweisen muss. Seit 2003 arbeiten sich die Italiener an einer eigenen Heavy-Metal-Sprache ab, die im klassischen Fundament wurzelt, aber mit dunkleren, introspektiveren und progressiveren Elementen angereichert wird. Nach dem Debüt »Falling From Heaven« und der EP »The Besiders«erscheint mit »Thorn« nun das neue Album über Rockshots Records.
Schon der Titel trifft ziemlich genau den Kern. »Thorn« ist kein Album, das nur glänzen will. Es sticht, kratzt und arbeitet sich langsam unter die Haut. Die Platte beschäftigt sich mit inneren Verletzungen, verpassten Chancen, Selbsttäuschung, Einsamkeit, Glaubensverlust und der Frage, wie viel Schutz ein Mensch ertragen kann, bevor dieser Schutz selbst zum Käfig wird.
EIN STURM ALS AUFTAKT
Eröffnend mit »Squall-led« begrüßt Heavenfall den Zuhörer mit einem kurzen Regeneffekt, ehe wenige Augenblicke später klar wird, was die Band auf dem Kerbholz hat. Zuerst brachial einleitend und dann im Verse gezügelter in der Rhythmik, entwickelt sich der Song zu einem ordentlichen Brett. Komplexe Drums geben sich nicht einfach mit Schema F zufrieden, sondern lassen hier und da auch Doublebass-Einlagen zu.
Aufgebaut auf einem Fundament aus treibenden Drums und satten Bässen, treiben galoppierende Powerchords simultan mit dem Bass das Arrangement voran. Darüber setzt Sänger Dest seine Stimme, die einerseits die typische hohe Heavy-Metal-Lage bedient, andererseits aber auch druckvoll und durchaus aggressiv werden kann. Seine Stimme passt zur Musik wie der Deckel auf den Topf und liefert über weite Strecken den melodischen Leitfaden.
Inhaltlich handelt »Squall-led« davon, aus Fehlern, Stürmen und schmerzhaften Erfahrungen eine Bedeutung zu ziehen, ohne sich erneut von Trauer oder alten Mustern verschlucken zu lassen. Die Zeichen sind da, doch sie richtig zu lesen, bleibt der eigentliche Kampf.
HELLES LICHT, DUNKLE ANGST
Mit einem hochtonigen Lead, das inspirierend aus der Anlage kommt, empfängt »Sudden Zenith« den Hörer. Hier wird sofort klar, dass Heavenfall den melodischen Heavy Metal nicht nur verwalten, sondern mit ordentlich Drama aufladen wollen. Dest klingt stellenweise stark von Bruce Dickinson beeinflusst. Das ist zwar nicht unbedingt schlecht und steht dem Song durchaus gut, lässt aber manchmal den Schatten der eisernen Jungfrauen etwas deutlich über dem Stück hängen.
Treibende Drums, satte Bässe und Rhythmusgitarren im Unisono bilden die gewohnt metallische Grundlage. Die Melodie kommt vor allem aus dem Gesang und der Leadgitarre. Zwischen Midtempo und kurzen Geschwindigkeitsboosts wechselt der Song geschickt die Richtung. Dazu kommen Breaks, Leadparts und inspirierte Soli, die dem Stück das Sahnehäubchen aufsetzen.
Textlich beschreibt »Sudden Zenith« den Moment, in dem plötzlich etwas Helles, Positives und fast Erlösendes ins Leben tritt, zugleich aber die Angst entsteht, genau dieses Licht wieder zu verlieren. Der Song lebt von diesem Gegensatz aus Aufbruch und Verlustangst.
OHNE KERZENLICHT DURCH DIE NACHT
Mit einer düsteren Einleitung, die zunächst eine gewisse Ruhe ausstrahlt, führt »No Candlelight« in eine andere Stimmung. Schwere Gitarrenshots und Drumfills gesellen sich dazu, und wenn man das Sounddesign dieser Nummer in Bildern beschreiben müsste, dann wäre es ein Unheil, das sich langsam ankündigt.
Der Song ist im mittleren Tempo gehalten, schwenkt zwischendrin aber auch in Doublespeed um. Progressive Schnörkel in Gitarren, Bass und Arrangement sorgen dafür, dass »No Candlelight« nicht einfach geradeaus marschiert, sondern sich immer wieder neu öffnet.
Inhaltlich geht es um Entwurzelung, innere Unruhe und die Suche nach Zugehörigkeit. »No Candlelight« ist ein Song für Menschen, die keinen Ort finden, an dem sie wirklich ankommen. Nicht jugendliche Orientierungslosigkeit allein steht im Zentrum, sondern ein allgemeines Gefühl des Fehl-am-Platz-Seins. Musikalisch unterstreichen messerscharfe Riffs, fingerfertige Soli und melodische Präzision die Ambition der Band, auch wenn der Song kompositorisch stellenweise etwas angestrengt wirkt.
ILLUSIONEN IM GALOPP
In dem zügigen und stampfenden »This Illusion« geht es im Galopp-Powerchord-Modus weiter, ohne angezogene Handbremse. Jaulende Gitarrenakzente setzen hier und da Reizpunkte, während die Leadgitarren erneut einen amtlichen Job machen. Der Song besitzt eine mechanischere, martialischere Schlagseite und wirkt dadurch härter, kantiger und weniger romantisch als die vorherigen Stücke.
Inhaltlich kreist »This Illusion« um die Suche nach einem Gegenüber, das die eigenen Kämpfe, Ziele und Leidenschaften wirklich versteht. Gleichzeitig steht die bittere Erkenntnis im Raum, dass diese Verbindung vielleicht nur Wunschdenken bleibt. Der Mensch sucht Nähe, findet aber Leere. Genau daraus entsteht die eigentliche Härte des Songs.
WAS MAN LIEGEN LÄSST
Melancholisch, ja eigentlich schon gefühlvoll präsentieren Heavenfall mit »Left Apart« eine ruhigere Seite. Völlig ohne Verzerrung und mit viel Hall geht der Song zunächst den Weg einer stilleren Nummer. Diese Ruhe wird jedoch bald von einer druckvollen Soundwall aus Metalbass und Gitarre unterbrochen, bevor der Verse wieder Raum für den sanfteren Ton der Stimme lässt.
Hier zeigt sich, dass Heavenfall nicht nur laut können. Die Band versteht es, eine melodische Heavy-Metal-Maschine kurz zurückzufahren, ohne ihre Spannung zu verlieren. Wenn der kräftige Bandapparat wieder einsetzt, wirkt das nicht beliebig, sondern wie ein emotionaler Rückschlag.
Lyrisch geht es in »Left Apart« um all jene Dinge, die man im Leben beiseiteschiebt, weil man glaubt, später noch Zeit dafür zu haben. Doch manchmal ist später nur ein anderes Wort für zu spät. Der Song trägt genau dieses Bedauern in sich, ohne in reinen Kitsch abzurutschen.
UNTER SAUREM REGEN
»Lingering Under The Acid Rain« eröffnet mit einem mehrstimmigen Chor, den man so zunächst nicht erwartet hätte. Nach einem tom-betonten Drumfill scheint die Band erst einen weiteren Metalkracher im mittleren Tempo mit Doublebass-Druck abzufeuern. Denkste. Nach dem ersten Kopfschütteln setzen Heavenfall einen triolenbetonten Bass und akustische Gitarren ein, um den warmen Gesang von Dest strahlen zu lassen.
Gerade dieser Wechsel macht den Song spannend. Das Arrangement schwenkt zwischen ruhiger Innerlichkeit und griffigem, powerchordgeladenem Heavy Metal hin und her. Mit gänsehautverursachender Stimme wird hier ein melodisches Stück modernen Heavy Metals präsentiert, das stärker wirkt, weil es seine Dynamik nicht verschenkt.
Inhaltlich ist »Lingering Under The Acid Rain« ein Weckruf. Der Song behandelt das Feststecken in alten Erinnerungen und die Erkenntnis, dass Veränderung nicht von außen kommt. Wer unter seinem eigenen sauren Regen stehen bleibt, darf sich nicht wundern, wenn innerlich etwas abstirbt. Das epische Gitarrensolo im letzten Viertel krönt diese druckvolle Nummer würdig.
METALTANGO IM SOMMERFROST
Bei »Midwinter In July« bittet die Band im mittleren Tempo zum Metaltango. Der Song kommt druckvoll aus den Boxen und sprüht vor selbstbewusstem Können der hier amtierenden Musiker. Natürlich erfinden Heavenfall das Rad nicht neu, doch besonders durch den Gesang bleibt die Nummer direkt im Gedächtnis hängen.
Lyrisch erzählt »Midwinter In July« von innerer Kälte, die man hinter einem Lächeln versteckt. Nach außen wirkt alles kontrolliert, doch unter der Oberfläche friert etwas fest. Dieses Bild vom Winter mitten im Juli passt hervorragend zur musikalischen Grundstimmung: schwer, groovend und klaustrophobisch, aber nie völlig hoffnungslos.
GLAUBE, MACHT UND FALLENDE MASKEN
Nach einem kurzen Spoken-Word-Part von Alex Hruban führt »Ora Pro Nemine« in gemäßigterem Tempo und mit fast balladesker Melodieführung durch Gesang und Leadgitarre weiter. Vernünftig strukturiert im Zusammenspiel von Schlagzeug, Bass und Gitarren entsteht hier die Grundlage für eine melodisch starke Gesangsleistung.
Inhaltlich richtet sich »Ora Pro Nemine« gegen religiöse Heuchelei, Machtmissbrauch und Institutionen, die Schwäche ausnutzen, um ihre eigene Stellung zu festigen. Der Song greift nicht Glauben als persönliche Erfahrung an, sondern die Maschinerie, die daraus Kontrolle, Reichtum und Unterwerfung formt. Im letzten Drittel wird natürlich das obligatorische Gitarrensolo zum Besten gegeben, das dem Stück eine weitere emotionale Komponente verleiht.
NACHTIGALLEN UND VERLORENE REINHEIT
Mit »Midnightingale« zeigt Heavenfall eine der introspektivsten Seiten des Albums. Der Song ist als Powerballade angelegt und wird durch den Violin-Beitrag von Filippo Pedretti zusätzlich veredelt. Hier geht es weniger um metallische Muskelkraft als um bittersüße Melodien, Sehnsucht und das Festhalten an einem inneren Kern, der von der Welt nicht vollständig beschädigt werden soll.
Textlich handelt die Nummer von verlorenen Hoffnungen, von Menschen, die nachts durch eigene Erinnerungen wandern, und vom Wunsch, sich trotz aller Enttäuschungen ein Stück kindlicher Reinheit zu bewahren. Gerade in einem langen Album wie »Thorn« ist dieser Moment wichtig, weil er nicht nur Tempo herausnimmt, sondern emotionale Tiefe schafft.
DER GARTEN ALS KÄFIG
Mit leidenschaftlicher Melodieführung leiten Heavenfall dann zu »The Wind Chimes Garden« über. Der Song ist ein kraftvoller, melodischer Heavy-Metal-Stampfer und zeichnet sich durch die gewohnte Klasse aus: druckvolle Metalgitarrenpracht, kompositorische Fingerfertigkeit und eine Produktion, die ordentlich schiebt.
Der Iron-Maiden-nahe Gesang steht dem Werk gut, wobei die Band fließend zwischen mittlerem und gedoppeltem Tempo wechselt. Arpeggio-artiges Spiel der Leadgitarre ziert hier und da den melodischen Teil. Klavierklänge sorgen für unvorhergesehene Wendungen im Arrangement, die kurz aufblitzen und melancholisch düster klingen.
Inhaltlich beschreibt »The Wind Chimes Garden« einen Schutzraum, der zur Gefangenschaft wird. Sicherheit wird hier als goldener Käfig gedacht. Der Song stellt die entscheidende Frage: Ist es das wert, nicht verletzt zu werden, wenn man dafür die eigene Freiheit verliert?
GIFTPFLANZE ALS FINALE
Zum krönenden Abschluss gibt es mit »Stramonium« noch einmal ordentlich Druck auf die Ohren. Wucht im mittleren Tempo, thrashige Riffs, solide Midtempo-Passagen und melancholische Momente sorgen dafür, dass das Finale seiner Rolle gerecht wird. Die Nummer ist komplex, wirkt aber nicht so sperrig, wie sie auf dem Papier sein könnte.
Lyrisch behandelt »Stramonium« Selbsttäuschung, das Festhalten an Träumen und die bittere Notwendigkeit, sich manchmal selbst eine Lüge zu erzählen, um weitergehen zu können. Der Song wirkt wie eine innere Überlebensstrategie: Man weiß, dass manches Gift ist, nimmt es aber trotzdem, weil es kurzfristig die Kraft gibt, nicht unterzugehen.
Gerade als Abschluss funktioniert »Stramonium« gut, weil es viele Facetten des Albums bündelt: schwere Riffs, große Melodien, dunkle Gedanken und diesen dauerhaften Zwiespalt zwischen Aufbruch und Absturz.
PRODUKTION UND GESAMTWIRKUNG
Der druckvolle Mix und das Mastering runden »Thorn« amtlich ab. Die Produktion bleibt klar, ohne die Härte zu glätten. Das Ergebnis besitzt Balance, Druck und genug Transparenz, um die komplexeren Arrangements nicht im Klangnebel verschwinden zu lassen.
Gerade die eingespielte Grundlage hört man vielen Momenten an. Heavenfall wirken nicht wie eine Band, die zufällig Riffs aneinanderklebt, sondern wie Musiker, die ihren Heavy Metal bewusst mit introspektiver Schwere aufladen.
Ganz frei von Schwächen ist »Thorn« dennoch nicht. Mit elf Songs ist das Album lang geraten, und nicht jede Komposition hält ihre Spannung durchgehend. Manche Stücke verlieren sich etwas in ihrem eigenen Anspruch, andere hätten mit etwas Straffung noch stärker getroffen. Doch selbst dort, wo die Platte leicht ausfranst, bleibt das handwerkliche Niveau hoch.
FAZIT
»Thorn« von Heavenfall ist ein starkes, ambitioniertes und emotional aufgeladenes Heavy-Metal-Album, das klassische Genretradition mit moderner Schwere und progressiver Detailarbeit verbindet. Die Band liefert keine bloße Nostalgie, sondern einen Sound, der seine Wurzeln kennt und trotzdem nach vorne denkt.
Besonders stark sind die druckvolle Rhythmusarbeit, die satten Bässe, die melodisch wie technisch überzeugenden Gitarren und die markante Stimme von Dest, die zwischen hoher Heavy-Metal-Linie, Gefühl und aggressiver Kante pendelt. Inhaltlich greift »Thorn« tief in die emotionale Wundtasche: Schuld, Suche, Kälte, Illusion, Glaubensbruch und Selbstschutz ziehen sich wie ein Dorn durch das Album.
Nicht jeder Song überzeugt durchgehend, und stellenweise wäre weniger mehr gewesen. Trotzdem ist »Thorn« kein schlechtes Werk, ganz im Gegenteil. Heavenfall zeigen, dass Heavy Metal auch 2026 noch traditionell, melodisch, druckvoll und zugleich persönlich klingen kann.






