Thrownness - Marrow Part II A Fire Thorugh The Ether - cover artwork

Band: Thrownness 🇵🇹
Titel: Marrow Part II: A Fire Through The Ether
Label: Raging Planet Records
VÖ: 04.05.2026
Genre: Atmospheric Sludge / Post-Metal / Doom Metal / Experimental Metal

Tracklist

01. Atone Into Rage
02. Coil Wielder
03. White Wind

Besetzung

Kévin Guimet – Gitarre / Gesang
Micas – Bass / Gesang
Tiago Rodrigues – Gitarre
João Fernandes – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Doom Meddl Loide! und das besser und auf nur drei Titeln komprimiert, dabei aber besser und gehaltvoller als so manch‘ andere Bands es auf einem kompletten Doppelalbum liefern. Thrownness aus Lissabon machen auf »Marrow Part II: A Fire Through The Ether« jedenfalls keine halben Sachen. Diese EP kommt nicht herein, sie verdunkelt erst den Raum, verschiebt dann die Möbel und stellt anschließend einen Verstärker auf die Brust. Freundlich ist das nicht. Wirkungsvoll schon.

Der Titel klingt nach metaphysischem Großbrand, und genau so fühlt sich diese gute halbe Stunde auch an. Thrownness arbeiten mit monumentalen Riffs, zähen Doom-Strukturen, dissonanten Spannungsfeldern und ausladenden Post-Metal-Bögen, die weniger auf den schnellen Effekt setzen als auf kontrollierte Überwältigung. Das ist Musik, die langsam atmet, schwer geht und trotzdem jederzeit bereit ist, einem mit dem Riffbagger über die Zehen zu fahren. Wer hier kompakte Dreiminüter mit Refrain-Häkchen erwartet, hat ungefähr so falsch abgebogen wie ein Schlagerfan auf dem Weg zum Yoga-Retreat.

(Hört hier »Marrow Part II: A Fire Through The Ether« von Thrownness)

Dabei wirkt »Marrow Part II: A Fire Through The Ether« nicht bloß schwer, sondern erstaunlich fokussiert. Im Vergleich zum ersten »Marrow«-Kapitel klingt diese Fortsetzung größer, geschlossener und deutlich selbstsicherer. Die Band nutzt die Länge der Songs nicht als Ausrede zum Herumstehen im Nebel, sondern als Raum für Entwicklung. Riffs wachsen, Spannungen ziehen sich zusammen, Stimmen reißen auf, Schlagzeug und Bass schieben wie tektonische Platten. Wenn das Ganze explodiert, dann nicht wie ein Feuerwerkskörper, sondern wie ein Berg, der beschlossen hat, schlechte Laune zu haben.

DREI SONGS, EIN SCHWERGEWICHTIGES WERK

»Atone Into Rage« eröffnet die EP mit fast zwölf Minuten Spielzeit und lässt sich dabei nicht hetzen. Der Anfang baut Atmosphäre auf, ohne sofort alles niederzuwalzen. Die Gitarren legen sich wie dunkle Wolken über den Song, der Bass arbeitet schwer im Untergrund, und die Vocals klingen, als kämen sie aus einem Raum, in dem schon länger niemand mehr gelüftet hat. Genau das passt. Hier wird keine Wellness-Düsternis serviert, sondern echte Last.

Besonders stark ist, wie kontrolliert Thrownness die Dynamik führen. Die Band versteht, dass Härte im Post-Metal nicht nur aus Lautstärke entsteht, sondern aus Spannung, Geduld und dem richtigen Moment des Zusammenbruchs. Wenn die großen Riffs einsetzen, wirken sie nicht wie bloßes Muskelspiel, sondern wie eine Konsequenz. Das Stück braucht seine Zeit, aber es nutzt sie. Kein überflüssiges Solo-Gepose, kein zielloses Ausfransen, sondern ein stetiger Marsch durch Asche, Schuld und Wut.

Der Sound ist dabei erfreulich massivv. Die Produktion gibt den Gitarren genug Raum, ohne die rhythmische Basis zu verschlucken. Das Schlagzeug klingt organisch und druckvoll, der Bass sitzt tief im Bauchbereich, und die Stimmen schneiden sich rau durch die Wand aus Verzerrung. Gerade im ersten Track zeigt sich, dass Thrownness nicht einfach nur schwer klingen wollen, sondern wissen, wie man Schwere formt. Das ist der Unterschied zwischen einem Bauklotz und einer Kathedrale aus Beton.

SCHWERE MIT PLAN UND PULS

»Coil Wielder« wirkt direkter, zumindest für die Verhältnisse einer Band, die elf Minuten noch als normale Gesprächslänge betrachtet. Der Song startet mit unmittelbarerer Aggression, die gutturalen Vocals drücken stärker nach vorne, und die Instrumente ziehen schneller in eine dissonante, klaustrophobische Landschaft. Hier wird nicht lange an der Tür geklopft. Hier wird die Tür aus ihrer moralischen Komfortzone geprügelt.

In Sachen Leistung ist das einer der eindrucksvollsten Momente der EP. Die Gitarrenarbeit wirkt breiter und zwingender als auf dem Vorgänger, die Riffs haben mehr Gewicht, und das Zusammenspiel der Band ist deutlich gereift. Man hört, dass hier nicht nur ein einzelner Kopf eine Vision skizziert, sondern eine Formation gemeinsam an einem massiven Klangkörper zieht. Kévin Guimet, Micas, Tiago Rodrigues und João Fernandes wirken wie ein Kollektiv, das denselben Abgrund anstarrt und sich darauf geeinigt hat, ihn nicht zu umgehen, sondern musikalisch auszubauen.

Die Stärke von »Coil Wielder« liegt vor allem in der Balance aus roher Gewalt und struktureller Kontrolle. Der Song ist nicht chaotisch, aber er klingt gefährlich. Die Riffs walzen, die Drums treiben, die Vocals reißen, und zwischendurch öffnen sich diese atmosphärischen Passagen, in denen man kurz glaubt, Luft holen zu dürfen. Natürlich nur, damit der nächste Einschlag besser sitzt. Post-Metal kann manchmal klingen wie ein langer Spaziergang durch grauen Nebel. Hier klingt er eher wie ein Marsch durch grauen Nebel, während irgendwo hinter einem etwas Großes atmet.

WEISSER WIND, SCHWARZE WOLKEN

Mit »White Wind« folgt der kürzeste Track der EP, wobei „kurz“ bei achteinhalb Minuten natürlich relativ ist. Für Grindcore-Verhältnisse wäre das eine Karriere-Retrospektive. Für Thrownness ist es der konzentrierteste Abschluss. Der Song beginnt zurückhaltender, fast lauernd, mit dissonanten Riffschatten und einem Aufbau, der Geduld verlangt, aber belohnt. Hier zeigt die Band ihre vielleicht beste atmosphärische Seite.

Gerade »White Wind« macht deutlich, dass die Portugiesen nicht nur auf tonnenschwere Gitarren setzen. Die Zwischenräume zählen genauso. Das Nachhallen, das Zögern, das langsame Aufziehen der Spannung: All das verleiht dem Track Tiefe. Wenn der Song später aufbricht, wirkt es nicht wie ein beliebiger Laut-leise-Trick, sondern wie ein notwendiger emotionaler Ausbruch. Die Musik hat etwas Ritualhaftes, ohne in bedeutungsschwangeren Weihrauch zu kippen. Anders gesagt: Die Kerzen brennen, aber niemand trägt dabei einen albernen Umhang. Zumindest hofft man das.

Dass die EP nur drei Songs enthält, ist dabei kein Nachteil. Im Gegenteil: »Marrow Part II: A Fire Through The Ether« profitiert von dieser Konzentration. Jeder Track hat genug Raum, um sich zu entfalten, und trotzdem entsteht kein Gefühl von Füllmaterial. Natürlich verlangt diese Musik Aufmerksamkeit. Nebenbei funktioniert sie kaum. Dafür sind die Spannungsbögen zu lang, die Stimmungswechsel zu fein und die Ausbrüche zu bewusst gesetzt. Wer aber bereit ist, sich darauf einzulassen, bekommt ein dichtes, dichhtes und emotional schweres Stück Post-Metal.

KLANG, PRODUKTION UND HANDWERK

Klanglich ist die EP ein klarer Schritt nach vorne. Die Produktion von André Isídro lässt Raum für Schmutz, aber sie verliert nie die Übersicht. Das ist bei dieser Musik entscheidend, denn Sludge und Post-Metal können schnell in einem braunen Riffbrei versinken, in dem am Ende nur noch der Verstärker weint. Hier bleibt genug Kontur erhalten. Die Gitarren drücken breit, aber nicht undifferenziert. Der Bass gibt dem Ganzen Fundament, ohne bloß im Hintergrund zu brummen. Das Schlagzeug hat Wucht, klingt aber nicht steril. Und die Vocals sitzen genau dort, wo sie hingehören: nicht hübsch dekoriert, sondern wie eine offene Wunde im Zentrum des Sounds.

Die Leistung der Band ist vor allem deshalb stark, weil sie nicht auf technische Angeberei setzt. Thrownness beeindrucken nicht durch Fingerakrobatik, sondern durch Gefühl für Gewicht, Dramaturgie und Atmosphäre. Das ist Musik, bei der ein einzelner Akkord mehr Aussage haben kann als zehn Minuten Griffbrett-Turnen. Die Riffs sind groß, die Strukturen langsam, die Ausbrüche kathartisch. Wer Neurosis, Cult Of Luna oder Amenra im Regal stehen hat, wird hier nicht fragen, wo die Reise hingeht. Höchstens, ob man unterwegs noch kurz Schmerztabletten kaufen sollte.

Trotzdem ist »Marrow Part II: A Fire Through The Ether« nicht perfekt. Manche Passagen könnten noch etwas schärfer zugespitzt sein, einzelne Übergänge wirken eher organisch als wirklich zwingend, und wer mit langen, repetitiven Spannungsbögen grundsätzlich wenig anfangen kann, wird hier stellenweise auf die Uhr schauen. Allerdings ist das kein strukturelles Problem, sondern eher eine Frage der persönlichen Belastbarkeit. Diese EP will nicht jedem gefallen. Sie will lieber den richtigen Leuten tief in die Rippen greifen.

FAZIT:

»Marrow Part II: A Fire Through The Ether« ist ein gewaltiger Schritt für Thrownness. Die EP klingt reifer, größer und fokussierter als ihr Vorgänger, ohne den rohen Kern der Band zu glätten. Drei Songs, gut 32 Minuten, keine Schonhaltung: Das ist atmosphärischer Sludge/Post-Metal mit Doom-Schwere, dissonanter Spannung und einem sehr klaren Sinn für emotionale Katharsis.

Besonders stark sind der monumentale Aufbau von »Atone Into Rage«, die unmittelbare Wucht von »Coil Wielder« und die düstere Dramaturgie von »White Wind«. Die Bandleistung überzeugt durch Geschlossenheit, Druck und Atmosphäre, während die Produktion den Spagat zwischen Dreck und Klarheit sauber meistert. Ein paar Längen liegen in der Natur dieser Stilistik, verhindern aber nicht, dass diese EP mächtig Eindruck hinterlässt.

Für Fans von Neurosis, Cult Of Luna, Amenra und allem, was langsam, schwer und emotional rußverschmiert durch die Landschaft stapft, ist »Marrow Part II: A Fire Through The Ether« ein klarer Pflichtdurchgang. Kein leichtes Futter, kein schneller Snack, kein Album für Menschen, die bei Doom fragen, wann denn endlich der Refrain kommt. Aber wer Schwere als Kunstform versteht, bekommt hier einen Brocken, der lange nachhallt.

Marrow Part II: A Fire Through The Ether Album Stream:

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Thrownness - Marrow Part II: A Fire Through The Ether - EP Review

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