Tracklist
01. Endless Buildings
02. Solitude
03. The Dark Machine
04. Desolate Place
05. Fragments
06. In Sorrow’s Requiem
07. Pulvere Sacro
08. Love Damned Of Dead
09. Shelter Me
10. End Begun
Besetzung
Luis McFadden – Gesang & Samples
Andreas Das Cox – Bass & Programming
Daniel Ciranna – Gitarre & Synth
Zehn Jahre Funkstille sind im Metal ungefähr eine halbe geologische Epoche. Während andere Bands in dieser Zeit drei Alben, zwei Besetzungswechsel und mindestens eine fragwürdige Akustik-EP veröffentlichen, haben Motus Tenebrae offenbar lieber den Staub in den Katakomben gezählt. Mit »In Sorrow’s Requiem« melden sich die Gothic-Doom-Veteranen aus Pisa nun zurück – und zwar nicht mit jugendlichem Feuerwerk, sondern mit schwerem Samtvorhang, brennenden Kerzen und jener Art von Melancholie, bei der selbst der Weinkeller kurz die Stimmung verliert.
Das Album ist ein Requiem im besten Sinne: nicht bloß Trauerarbeit, sondern ein Gang durch Schmerz, Verlust, Sehnsucht und das langsame Verblassen von Hoffnung. Motus Tenebrae erfinden den Gothic Doom dabei nicht neu. Das wollen sie auch gar nicht. Stattdessen veredeln sie bekannte Zutaten: tiefe Riffs, getragene Melodien, dunkle Synth-Flächen, Pathos und eine Stimme, die irgendwo zwischen Paradise Lost-Schatten und eigener italienischer Grabeskälte steht. Wer hier fröhliche Tanzmusik erwartet, hat vermutlich auch bei My Dying Bride nach Partyhüten gesucht.
Schon »Endless Buildings« öffnet das Album mit Piano- und Streicherfarben, bevor sich bleischwerer Gothic Metal breitmacht. Der Song wirkt wie ein Gang durch eine endlose Stadt aus Beton, Erinnerung und innerer Gefangenschaft. Die Atmosphäre ist sofort da: grau, schwer, leicht entrückt und doch druckvoll genug, um nicht in bloßer Trauerdekoration zu versinken. Luis McFadden setzt mit seinem Gesang direkt den Ton. Er klingt nicht nach übertriebener Theatergeste, sondern nach jemandem, der die Dunkelheit nicht nur beschreibt, sondern darin schon länger wohnt.
»Solitude« bleibt konsequent in dieser Welt aus Rückzug und seelischem Gewicht. Der Song trägt seinen Titel nicht wie ein Schild, sondern wie eine nasse Jacke im Winter. Streicher, langsame Spannung und diese kontrollierte Schwermut machen das Stück zu einem der typischsten Momente der Platte. Motus Tenebrae spielen hier nicht auf sofortigen Effekt, sondern lassen die Stimmung wachsen. Das kann man altmodisch nennen. Oder man nennt es einfach: jemand hat verstanden, dass Doom nicht hetzt, nur weil die Welt ohnehin schon in Eile untergeht.
ZWISCHEN MASCHINE, LEERE UND DUNKLER ROMANTIK
Mit »The Dark Machine« zieht das Album die Schrauben etwas fester an. Der Song wirkt mechanischer, kantiger und bringt mehr Vorwärtsdrang in den düsteren Fluss. Thematisch lässt sich hier eine Welt spüren, in der der Mensch zwischen innerer Kälte und äußeren Systemen zerrieben wird. Die Gitarren arbeiten kompakter, der Rhythmus drückt mehr, und trotzdem bleibt dieser melancholische Schleier über allem liegen. Gerade diese Verbindung aus Gothic-Schwere und griffigem Metal-Fundament hält »In Sorrow’s Requiem« immer wieder zusammen.
»Desolate Place« macht aus der Einsamkeit anschließend eine Landschaft. Hier klingt nichts nach gemütlicher Trauer am Kamin, sondern nach einem Ort, an dem alles Leben schon einmal vorbeikam und dann beschlossen hat, lieber nicht zu bleiben. Die Band baut den Song geduldig auf, setzt auf Atmosphäre und lässt die Melodien dunkel nachhallen. Das ist keine Nummer, die sofort mit dem Vorschlaghammer kommt, aber sie arbeitet sich zuverlässig in die Knochen.
»Fragments« ist einer dieser Songs, in denen der Titel bereits gut beschreibt, worum es geht: Bruchstücke, Erinnerungen, Reste einer inneren Ordnung. Musikalisch halten Motus Tenebrae die Balance zwischen schweren Riffs, melodischer Trauerarbeit und dunkler Eleganz. Man merkt dem Album an, dass hier keine Band verzweifelt versucht, modern zu wirken. Das ist Gothic Doom für Hörer, die wissen, dass Pathos kein Problem ist, solange man es nicht wie billigen Glitzer auf alles kippt.
DAS REQUIEM UND SEINE SCHATTEN
Der Titeltrack »In Sorrow’s Requiem« ist erwartungsgemäß eines der zentralen Stücke. Inhaltlich geht es um Schmerz, Vergangenheit, Unsicherheit und eine Art seelische Wanderschaft, die nicht nur nach Ende, sondern auch nach Verwandlung klingt. Das Requiem steht hier nicht allein für Verlust, sondern auch für den Versuch, aus diesem Verlust eine neue Form zu gewinnen. Musikalisch gelingt das mit starker Melodieführung, düsterem Druck und einer sehr klassischen Gothic-Doom-Handschrift. Kein Experiment, aber ein verdammt stimmungsvolles Herzstück.
»Pulvere Sacro« bringt eine sakralere, fast rituelle Farbe ins Album. Der Song wirkt wie ein Blick in eine Kapelle, in der längst niemand mehr betet, die Kerzen aber trotzdem noch brennen. Gerade hier zeigt sich die Stärke der Platte: Motus Tenebrae können Atmosphäre erzeugen, ohne sich komplett in Nebel zu verlieren. Die Nummer trägt Würde, Schwere und Melancholie, ohne in Kitsch zu kippen. Das ist schmaler Grat – und ja, der Grat ist hier ungefähr so schmal wie ein Kerzenständer in einer zugigen Gruft.
Mit »Love Damned Of Dead« wird es emotional noch dichter. Liebe, Tod und Verdammnis sind natürlich keine neuen Themen im Gothic Metal, aber sie gehören zu diesem Genre wie schwarzer Samt zum schlechten Wetter. Der Song funktioniert, weil Motus Tenebrae die dunkle Romantik nicht ironisieren, sondern ernst nehmen. Das mag nicht jedem liegen. Wer bei Gothic Metal sofort allergisch auf große Gefühle reagiert, sollte vielleicht lieber Grindcore hören und seine Emotionen in 47 Sekunden erledigen.
SCHUTZRAUM UND LETZTER VORHANG
»Shelter Me« gehört zu den stärksten Momenten des Albums. Die Nummer hat mehr Druck, stärkere Riffs und eine besonders gelungene Verbindung aus Clean-Vocals, raueren Akzenten und melodischer Schwere. Inhaltlich steht das Bedürfnis nach Schutz im Zentrum, allerdings nicht als weiches Trostpflaster, sondern als verzweifelter Ruf aus einer Welt, die längst zu kalt geworden ist. Hier greift die Band besonders gut zu: Der Song ist eingängig, schwer und emotional direkt. Kein Wunder, dass er in mehreren Kritiken als Höhepunkt genannt wird.
Der Abschluss »End Begun« macht dann genau das, was ein guter letzter Song tun sollte: Er zieht den Vorhang zu, ohne einfach nur das Licht auszuknipsen. Die Nummer wirkt wie ein Ende, das bereits den nächsten Untergang in sich trägt. Melancholie, Schwere und ein gewisser hymnischer Zug verdichten sich noch einmal zu einem Finale, das nicht spektakulär explodiert, sondern langsam in sich zusammenfällt. Passend, denn dieses Album ist keine Feuerwerksshow. Es ist eher eine schwarze Messe mit Stromgitarren, bei der am Ende niemand applaudiert, weil alle noch in ihre eigenen Abgründe starren.
KLANG, STÄRKEN UND GRENZEN
Produktionstechnisch ist »In Sorrow’s Requiem« solide, dunkel und wirkungsvoll, aber nicht völlig makellos. Die Gitarren haben Gewicht, die Synths und Streicherfarben sitzen stimmig im Hintergrund, und der Gesang trägt das Album sehr stark. Gleichzeitig könnte der Mix an manchen Stellen noch etwas mehr Tiefe und Transparenz vertragen. Gerade bei so viel Melancholie, Riff-Schwere und atmosphärischem Material wäre ein noch wuchtigerer Raumklang das letzte Quäntchen Grabkammer-Luxus gewesen. Kein Beinbruch, aber hörbar.
Die große Stärke des Albums liegt in seiner Geschlossenheit. Motus Tenebrae liefern ein Comeback, das nicht wie ein hastiges Lebenszeichen klingt, sondern wie eine bewusst geformte Rückkehr. Die Songs hängen atmosphärisch zusammen, die Stimmung bleibt konsequent, und die Band wirkt nach der langen Pause nicht orientierungslos. Besonders Freunde von Paradise Lost, My Dying Bride, Sentenced und älteren Gothic-Doom-Schulen dürften hier schnell zu Hause sein. Oder zumindest in einer sehr schön eingerichteten Ruine.
Ganz ohne Einschränkung geht es trotzdem nicht. »In Sorrow’s Requiem« ist kein Album, das dem Genre neue Fenster einbaut. Es bewegt sich klar in vertrauten Gothic-Doom-Korridoren. Wer Innovation, wilde Brüche oder avantgardistische Seitenwege erwartet, wird hier nicht plötzlich von einem Saxophon spielenden Roboter im Kirchengewand überrascht. Aber genau das ist auch nicht der Anspruch. Motus Tenebrae liefern klassischen Gothic Doom mit Pathos, Schwere und Überzeugung – und das können sie verdammt gut.
FAZIT:
»In Sorrow’s Requiem« ist ein starkes Comeback einer Band, die ihre eigene Dunkelheit nicht neu erfinden muss, um sie glaubwürdig wirken zu lassen. Motus Tenebrae verbinden Gothic Metal, Doom-Schwere und melancholische Melodik zu einem Album, das langsam atmet, schwer trägt und seine Emotionen nicht hinter technischer Angeberei versteckt. Hier geht es um Schmerz, Sehnsucht, Einsamkeit, Verfall und den Versuch, aus all dem noch eine Form von Würde zu ziehen.
Die besten Momente sind »Endless Buildings«, »Solitude«, »In Sorrow’s Requiem«, »Pulvere Sacro«, »Shelter Me« und »End Begun«. Diese Songs zeigen, dass Motus Tenebrae auch nach langer Pause noch wissen, wie man Pathos, Traurigkeit und metallische Wucht zusammenbringt, ohne in Kitsch oder bloßer Nostalgie zu versinken.
Unterm Strich ist »In Sorrow’s Requiem« kein revolutionärer Neustart, sondern eine sehr überzeugende Rückkehr in schwarze, schwer duftende Räume. Das Album richtet sich an alle, die Gothic Doom nicht als modischen Schatten, sondern als emotionale Grundtemperatur verstehen. Wer schwere Melancholie, dunkle Riffs und große Gefühle ohne Zuckerwatte sucht, darf hier guten Gewissens die Kerzen anzünden.






