Grievance - Devaneios De Abismos E Sombras - cover artwork

Band: Grievance 🇵🇹
Titel: Lúgubres Devaneios De Abismos E Sombras
Label: Haloran Records / Larvae Records
VÖ: 05.05.2026
Format: Digital / 12″ Vinyl
Genre: Black Metal / Atmospheric Black Metal / Old School Black Metal

Tracklist

01. Floresta Crepuscular
02. Castelo de Árvores
03. Promontório dos Espíritos
04. Em Besta me Transformo
05. Torturas
06. Clausura
07. No Fundo do Desfiladeiro

Besetzung

Koraxid – alle Instrumente und Gesang

Gastbeiträge:
Lord Drahkhul – Synthesizer auf »Floresta Crepuscular«
Nocturnus Horrendus – Gesang auf »Torturas«
J. Goat – Gesang auf »Torturas«

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Black Metal aus Caldas da Rainha, Portugal, der Themen wie Naturmystik, Einsamkeit, Volksglauben, Geistererscheinungen, innere Verwandlung, Folter, Isolation und menschliche Abgründe behandelt: Mit »Lúgubres Devaneios De Abismos E Sombras« liefern Grievance kein Album für die schnelle Nebenbei-Beschallung, sondern ein finsteres Werk, das lieber im Nebel steht, statt auf dem Marktplatz die große Pose zu machen. Seit 2011 als Solo-Projekt von Koraxid geführt, klingt Grievance hier wie eine Band, die ihre Wurzeln kennt und sie nicht mit Hochglanzpolitur beleidigen möchte.

Schon »Floresta Crepuscular« führt tief in eine dämmrige Waldlandschaft, in der Natur nicht romantisch, sondern fast körperlich bedrohlich wirkt. Der Text kreist um Rückzug, Stille und das Ablegen leerer Illusionen. Musikalisch wird das mit rohem, atmosphärischem Black Metal umgesetzt, der an der alten Schule kratzt, aber durch Synthesizer-Texturen und melodische Linien nicht völlig im Frost verschwindet. Das ist kein Waldspaziergang mit Thermoskanne, sondern eher der Moment, in dem man merkt, dass die Bäume einen schon etwas zu lange anschauen.

»Castelo de Árvores« bleibt in dieser Welt aus Natur, Nacht und innerer Aufladung. Das Bild einer imaginären Baumfestung funktioniert stark, weil es äußere Landschaft und inneren Widerstand miteinander verbindet. Grievance arbeiten hier mit langen Spannungsbögen, viel Tremolo, rauem Gesang und einem Sound, der bewusst nicht klinisch sauber sein will. Die Gitarren schneiden, die Melodien tragen eine melancholische Schwere, und das Schlagwerk hält den Marsch durch diese schwarze Landschaft zusammen. Wer hier moderne Studiohygiene erwartet, ist falsch abgebogen. Das Album riecht eher nach feuchtem Stein, Erde und sehr schlechten Entscheidungen bei Vollmond.

Mit »Promontório dos Espíritos« öffnet sich der Blick Richtung Meer, Abgrund und Totenwelt. Die Lyrics beschwören einen Ort am Rand des alten Kontinents, an dem Wind, Fels, Geister und Schiffbruchserinnerungen ineinanderfließen. Dieser Song gehört zu den atmosphärisch stärkeren Momenten, weil er die portugiesische Herkunft nicht wie ein Etikett nutzt, sondern in Bilder von Küste, Verlust und salziger Verdammnis übersetzt. »Em Besta me Transformo« schlägt anschließend deutlich körperlicher zu. Die Verwandlung in eine Bestie wird hier weniger als klassische Horrorgeschichte erzählt, sondern als Ausbruch von angestautem Hass. Das Biest ist keine fremde Macht, sondern etwas, das längst im Menschen wohnt. Sehr subtil ist das nicht, aber Black Metal ist ja auch selten der Ort, an dem man erst einmal höflich nach einer PowerPoint-Präsentation fragt.

ABGRÜNDE, KETTEN UND ALTE SCHMERZEN

»Torturas« ist der direkteste und unangenehmste Song des Albums. Körperliche Grausamkeit und seelische Zerstörung werden hier nicht als bloßer Schockeffekt benutzt, sondern als doppelte Form der Auslöschung: erst wird der Körper gebrochen, dann der Geist entleert. Die Gaststimmen von Nocturnus Horrendus und J. Goat geben dem Stück zusätzliche Tiefe und lassen es noch stärker nach Kerker, Eisen und moralischem Verfall klingen. Gerade hier zeigt sich, dass Grievance zwar traditionell im Black Metal verwurzelt sind, aber genug Atmosphäre aufbauen, um nicht wie eine bloße Riff-Sammlung zu wirken.

»Clausura« verlagert den Schrecken nach innen. Eingeschlossenheit, Erinnerung und geistige Flucht stehen im Zentrum. Der Song ist weniger brutal als »Torturas«, dafür beklemmender. Die Vorstellung, körperlich gefangen zu sein, während der Geist weiter durch Räume zieht, gibt dem Stück eine melancholische, fast philosophische Schwere. Das passt sehr gut zu einem Album, das sich nicht nur mit okkultem Schwarzlicht begnügt, sondern immer wieder auf existenzielle Fragen zielt: Was bleibt vom Menschen, wenn Körper, Ort und Gemeinschaft zerfallen?

Der Abschluss »No Fundo do Desfiladeiro« führt schließlich an einen verfluchten Ort, an dem Verzweiflung, Tod und unheimliche Wesen die Landschaft beherrschen. Der Text wirkt wie eine letzte Kamerafahrt in ein Tal, in das niemand freiwillig zurückkehrt. Musikalisch bündeln Grievance hier noch einmal die Stärken der Platte: rohe Energie, düstere Melodik, atmende Midtempo-Passagen und genug Kälte, um den Heizkörper beleidigt aussehen zu lassen. Kein spektakulärer Finalknall, aber ein stimmiger Abschluss, der das Album konsequent in seiner eigenen Dunkelheit versinken lässt.

KLANG UND WIRKUNG

Produktionstechnisch bleibt »Lúgubres Devaneios De Abismos E Sombras« bewusst rau. Der Sound ist nicht matschig, aber auch nicht glattgezogen. Die Gitarren tragen viel Atmosphäre, die Vocals schneiden sich grim durch das Material, und die gelegentlichen Synthesizer-Texturen setzen Schatten, ohne das Ganze in Keyboard-Nebel zu ertränken. Die Songs sind mit rund 43 Minuten und meist längeren Laufzeiten eher auf Entwicklung als auf schnelle Wirkung angelegt. Das gibt dem Album Tiefe, verlangt aber auch Geduld. Wer Black Metal nur als zweieinhalbminütigen Frostangriff konsumiert, könnte hier zwischendurch auf die Uhr schauen.

Die Stärke der Platte liegt in ihrer Geschlossenheit. Natur, Folklore, Traumvisionen, Tod, Folter, Isolation und innere Bestie greifen thematisch gut ineinander. Gleichzeitig fehlt an manchen Stellen der letzte zwingende Moment, der einzelne Songs sofort aus dem Gesamtnebel herausreißt. Grievance bauen Atmosphäre sehr überzeugend auf, verlassen sich aber manchmal etwas zu sehr darauf, dass Stimmung allein den Hörer durch jedes Tal trägt. Das funktioniert meistens, aber nicht immer gleich packend.

FAZIT:

»Lúgubres Devaneios De Abismos E Sombras« ist ein episches, finsteres  Black-Metal-Album, das seine Wirkung weniger aus bloßer Brachialität als aus Atmosphäre, alten Schatten und bedrückenden Bildern zieht. Grievance verbinden rohe Old-School-Wurzeln mit melancholischer Melodik, längeren Songstrukturen und einer Lyrik, die zwischen Naturmystik, Geisterwelt, innerem Zerfall und menschlicher Grausamkeit pendelt.

Ganz große Überraschungen liefert das Album nicht, aber es besitzt Charakter, Haltung und einen klaren eigenen Geruch nach nassem Holz, kaltem Stein und Abgrund. Besonders »Floresta Crepuscular«, »Promontório dos Espíritos«, »Torturas« und »No Fundo do Desfiladeiro« zeigen, wie wirkungsvoll diese Mischung aus rohem Black Metal und düsterer portugiesischer Bilderwelt sein kann. Kein Album, das freundlich um Aufmerksamkeit bittet – eher eines, das im Dunkeln wartet, bis man nah genug dran ist.

Lúgubres Devaneios De Abismos E Sombras Album Stream:

Internet

Grievance - Lúgubres Devaneios De Abismos E Sombras - CD Review

Vorheriger ArtikelABANDON AGONY – Endbringer