Angellore - Nocturnes - cover Artwork

Band: Angellore 🇫🇷
Titel: Nocturnes
Label: Ardua Music
VÖ: 15.05.2026
Format: Digital / CD 
Genre: Gothic Doom Metal / Atmospheric Doom Metal / Death Doom / Dark Metal

Tracklist

01. Falling Birds
02. Black Sun River
03. Forsaken Fairytale
04. Martyrium
05. A Dormant Stream

Besetzung

Lucia – Vocals
Rosarius – Clean & harsh vocals, electric & acoustic guitars, synths, grand piano
Walran – Harsh & clean vocals, synths, grand piano
Celin – Bass, additional guitars, EBow, backing extreme vocals
Ronnie – Drums & percussions

Gäste:
Gunnar Ben – Oboe
Ségolène Perraud – Flute
Dirk Goossens – Bass Clarinet
Raphaël Verguin – Cello
Déhà – Additional Arrangements

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Es gibt Alben, die spielt man an, nickt kurz und weiß nach zwei Minuten, wo die Reise hingeht. Und dann gibt es Platten wie »Nocturnes« von Angellore, bei denen man erst einmal die Uhr ablegt, das Licht dimmt und akzeptiert, dass diese Musik nicht im Vorbeigehen funktioniert. Die Franzosen aus Avignon liefern hier kein kleines Häppchen Gothic Doom für zwischendurch, sondern fünf ausladende Nachtstücke, die sich langsam öffnen wie ein alter Waldweg im Mondlicht. Klingt pathetisch? Ja. Aber genau dort wohnt diese Musik.

»Nocturnes« ist ein Album voller Schwermut, Romantik, Kammermusik, Death-Doom-Schwere und dunkler Erzählkunst. Wer bei Gothic Doom sofort an Samtvorhang, Kerzenständer und übertriebenes Drama denkt, liegt nicht völlig falsch, sollte hier aber nicht die Nase rümpfen. Angellore nutzen diese Ästhetik nicht als billige Dekoration, sondern als tragende Architektur. Flöte, Oboe, Bassklarinette, Cello, Klavier, klare Stimmen und harsche Vocals werden nicht einfach auf schwere Gitarren gestreut, sondern wachsen organisch in die Songs hinein. Das Ergebnis klingt groß, traurig, schön und manchmal so todverliebt, dass selbst eine Grabstatue kurz schlucken müsste.

(Hört hier »Nocturnes« von Angellore)

FÜNF NACHTSTÜCKE UND KEIN WEG ZURÜCK

»Falling Birds« eröffnet das Album mit elf Minuten, die sofort klarstellen: Hier wird nicht gehetzt. Der Song baut sich langsam auf, lässt Raum für Melancholie, Atem und Zwischentöne. Die Oboe und die Bassklarinette geben dem Stück eine fast geisterhafte Tiefe, während die Gitarren wie schwere Wolken über der Szenerie hängen. Inhaltlich bewegt sich der Song zwischen Erinnerung, Verlust, Naturbildern und der Frage, ob Schönheit noch retten kann, wenn das Vergangene bereits unerreichbar geworden ist. Das ist Gothic Doom in Reinform: groß, traurig, aber nie leer.

Besonders stark ist dabei die Art, wie Angellore mit Stimmen arbeiten. Klargesang, dunklere Farben und harsche Ausbrüche wirken nicht wie willkürliche Stilmittel, sondern wie verschiedene Figuren in einem düsteren Kammerspiel. Lucia, Rosarius und Walran geben dem Album eine theatralische, aber nicht überzuckerte Präsenz. Genau dadurch wird »Nocturnes« nicht nur schwer, sondern erzählerisch.

»Black Sun River« ist der zugänglichste Moment der Platte und gleichzeitig einer der stärksten. Der Song besitzt eine dunkle, fast tanzende Bewegung, ohne wirklich leicht zu werden. Textlich geht es um Suche, Entfremdung, Nähe, die vielleicht nur noch Erinnerung ist, und einen schwarzen Fluss, der als Grenze zwischen Liebe, Traum und Verlust gelesen werden kann. Musikalisch treffen hier starke Melodien auf doomige Schwere und eine Atmospähre, die tatsächlich zieht, statt nur hübsch herumzunebeln.

MÄRCHENWALD, MARTYRIUM UND SEHR VIEL MONDLICHT

Mit »Forsaken Fairytale« wird der märchenhafte Charakter von »Nocturnes« besonders deutlich. Der Titel klingt schon nach verwunschenem Schloss, gebrochenem Versprechen und einer Prinzessin, die vermutlich besser nie eingeschlafen wäre. Doch Angellore vermeiden den Kitsch, indem sie die Schönheit immer wieder mit Schwere erden. Das Cello und die Flöte wirken hier nicht wie Schmuck am Kleid, sondern wie tragende Stimmen im Arrangement. Die Musik wandert, schwebt und kniet gewissermaßen vor der eigenen Traurigkeit nieder, bleibt aber musikalisch spannend genug, um nicht in bloßer Selbstbetrachtung zu versinken.

»Martyrium« ist dann der große Kathedralenmoment der Platte. Über zwölf Minuten Schmerz, Sehnsucht, Selbstaufgabe und düstere Größe. Hier zeigen Angellore, dass sie Pathos nicht fürchten. Das Stück ist feierlich, schwer und stellenweise beinahe überwältigend. Die harschen Vocals reißen die romantische Oberfläche auf, während die klaren Passagen für genau jene zerbrechliche Schönheit sorgen, die Gothic Doom braucht, wenn er nicht nur drücken, sondern auch berühren will. Inhaltlich liest sich das Stück wie eine Liebesqual, die längst über normale Trauer hinausgewachsen ist. Hier liebt niemand gesund. Hier leidet man mit Stil, aber eben richtig.

DER LETZTE STROM IN DIE DUNKELHEIT

»A Dormant Stream« beschließt das Album mit fast dreizehn Minuten und wirkt wie ein letzter Gang durch diese Nachtwelt. Der Song verbindet pastorale Ruhe, kammermusikalische Farben und massive Doom-Schwere zu einem Finale, das nicht explodiert, sondern langsam versinkt. Das passt hervorragend. »Nocturnes« ist keine Platte, die am Ende die Tür aufreißt und ins Tageslicht rennt. Sie legt sich in den Schatten, sieht noch einmal zu den Sternen und verabschiedet sich mit einer Mischung aus Erlösung und endgültigem Verlust.

Klanglich ist das Album stark produziert. Der Mix von Déhà lässt die vielen Elemente atmen: Die Gitarren sind schwer, aber nicht matschig; die Stimmen stehen präsent, ohne alles zu dominieren; die akustischen Instrumente bekommen Platz, ohne den Metal-Kern zu verwässern. Das Mastering von Markus Skroch sorgt zusätzlich dafür, dass die Platte groß klingt, aber nicht künstlich aufgeblasen. Gerade bei dieser Art Musik ist das wichtig, denn Gothic Doom kann schnell in Zuckerwatte oder Nebelsuppe kippen. Angellore bleiben hier auf der richtigen Seite des Mondes.

KLEINE EINWÄNDE AUS DEM NEBEL

Ganz ohne Kritik geht es dennoch nicht. »Nocturnes« verlangt Geduld, und zwar nicht zu knapp. Fünf Songs, rund fünfundfünfzig Minuten, viel Langsamkeit, viele Wiederholungen, viel emotionale Schwere: Das ist nichts für Hörer, die nach drei Minuten einen klaren Refrain und nach vier Minuten den nächsten Song erwarten. Manchmal könnte man sich wünschen, dass Angellore einzelne Passagen etwas stärker verdichten oder noch konsequenter kürzen. Nicht weil das Material schwach wäre, sondern weil manche Bögen sehr weit gespannt sind.

Auch der große romantische Gestus ist Geschmackssache. Wer Gothic Doom liebt, wird genau darin baden. Wer mit Pathos, Mondlicht, verlorener Liebe und dramatischer Todessehnsucht wenig anfangen kann, wird vermutlich schon nach dem ersten langen Blick in den Wald nervös. Aber das ist kein echter Makel, sondern eine Frage der Zielgruppe. »Nocturnes« will nicht jedem gefallen. Es will die Richtigen vollständig verschlucken.

FAZIT:

»Nocturnes« ist ein starkes, elegantes und tief melancholisches Gothic-Doom-Album, das sich Zeit nimmt und genau darin seine Kraft findet. Angellore erschaffen aus schweren Gitarren, mehrstimmigem Gesang, harschen Ausbrüchen, Klavier, Flöte, Oboe, Bassklarinette und Cello eine eigene Nachtwelt, die zwischen Märchen, Trauer, Naturmystik und dunkler Romantik pendelt. Das ist keine Musik für nebenbei. Das ist Musik für Kopfhörer, Kerzenlicht und den Moment, in dem draußen idealerweise Regen gegen das Fenster schlägt.

Die stärksten Stücke sind »Falling Birds«, »Black Sun River« und »Martyrium«, wobei auch »A Dormant Stream« als Abschluss viel Wirkung entfaltet. Kleine Abzüge gibt es für die enorme Länge und einzelne Passagen, die noch etwas straffer hätten ausfallen dürfen. Trotzdem bleibt »Nocturnes« ein beeindruckendes Werk mit Seele, Tiefe und Atmosphäre.

Wer Tristania, Theatre Of Tragedy, Draconian, Saturnus, Empyrium, My Dying Bride oder romantischen Death Doom mit kammermusikalischer Note liebt, sollte hier dringend eintauchen. Angellore liefern kein schnelles Album, sondern eine Reise. Und wie bei jeder guten Reise in den dunklen Wald ist man am Ende nicht ganz sicher, ob man wirklich wieder vollständig zurückgekommen ist.

Full Album Stream

Internet

Angellore - Nocturnes - CD Review

Vorheriger ArtikelDÅZR – Do Or Die
Nächster ArtikelUnzucht – Neon Dom