Band: Non Serviam 🇫🇷
Titel: La Lune Dont Mon Âme Est Pleine
Label: Lay Bare Recordings / Non Serviam Circle / Atypeek Music
VÖ: 12.06.2026
Format: Vinyl / CD / Kassette / Digital
Genre: Avantgarde Metal / Industrial Black Metal / Cybergrind / Darkwave / Sludge

Tracklist

01. La Lune dont mon âme est pleine – Part II
02. Déesse morte
03. Émile Henry
04. Victory To Kali – feat. M. Kawashima
05. La Valse des enfants morts
06. Everything About You
07. Actéon
08. Abject Sacrifice
09. La Lune dont mon âme est pleine – Part III

Besetzung

Void – Gesang, Texte, Instrumente, Programmierung, Produktion
Moon – Gesang, Instrumente, Text zu »Actéon«

Gastmusiker:
Mirai Kawashima – Gastgesang bei »Victory To Kali«

Verwendete Instrumente:
Elektrische und klassische Gitarren, Bass, Keyboards, Piano, Cembalo, Spinett, Mundharmonika, Akkordeon, Drone- und Noise-Synthesizer, Programmierung und Percussion

Produktion:
Aufnahme, Mixing und Mastering – Void
Aufgenommen in Paris, Montreuil und Montpellier
Artwork – Camille Murgue
Handschrift des Albumtitels – Lila Minni
Layout – Void

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Fünf Jahre nach »Le Cœur Bat« kehren die anonym auftretenden französischen Klangradikalen Non Serviam mit ihrem dritten vollständigen Album zurück. »La Lune Dont Mon Âme Est Pleine« verbindet Industrial Black Metal, Cybergrind, Sludge, Darkwave, Noise und barocke Instrumentierung zu einem symbolistischen Konzeptwerk über den Mythos von Diana und Actaeon. Dabei geht es um das Streben nach dem Absoluten, verbotene Blicke, Gewalt, Verwandlung und die Melancholie nach der Zerstörung. Das Duo Void und Moon erzeugt daraus keine bloße Aneinanderreihung möglichst gegensätzlicher Stilmittel, sondern ein forderndes Album, das zwischen elektronischer Überlastung, kalten Melodien, schweren Riffs und verstörend ruhigen Abschnitten eine eigene Sprache entwickelt.

Official Video Playlist: La Lune Dont Mon Âme Est Pleine

BAROCKE FORMEN UND INDUSTRIELLE GEWALT

Die dreiminütige Eröffnung »La Lune dont mon âme est pleine – Part II« legt keine klassische Einleitung vor. Stimmen, elektronische Störungen und verfremdete Klangflächen stellen sofort klar, dass sich dieses Album einer gewöhnlichen Metal-Dramaturgie entzieht.

Mit »Déesse morte« folgt eine der zugänglichsten Kompositionen. Kalte Synthesizer und melodischer Klargesang stehen zunächst im Vordergrund, bevor verzerrte Gitarren, Schreie und mechanische Rhythmen die ruhige Oberfläche aufbrechen. Trotz der drastischen Wechsel besitzt der Song einen erkennbaren Spannungsbogen.

Die Stärke von Non Serviam liegt dabei nicht allein im Kontrast. Barocke Tasteninstrumente, elektronische Beats und Black-Metal-Gitarren werden nicht nacheinander präsentiert, sondern greifen gleichzeitig ineinander. Das Ergebnis klingt chaotisch, ist aber hörbar genau konstruiert.

ÉMILE HENRY UND DIE POLITISCHE ZERSTÖRUNG

»Émile Henry« bezieht sich auf den französischen Anarchisten des späten 19. Jahrhunderts. Entsprechend aggressiv arbeitet die Komposition mit hämmernder Percussion, verzerrten Stimmen und elektronischen Ausbrüchen. Die Musik vermittelt keine historische Erzählung, sondern konzentriert sich auf Radikalität, Gewalt und deren Folgen.

Die rhythmische Gestaltung bewegt sich zwischen Industrial, Breakcore und Cybergrind. Gitarren erscheinen in kurzen, massiven Blöcken, während die Elektronik keine Hintergrundfunktion übernimmt. Sie ist ein gleichberechtigter Bestandteil der Aggression.

Trotz der Überladung verliert das Stück seine Richtung nicht. Wiederkehrende Stimmen und rhythmische Muster halten die einzelnen Abschnitte zusammen. Gerade diese Kontrolle unterscheidet das Album von beliebigem Noise, bei dem Intensität allein durch Lautstärke erzeugt wird.

KALI ERHÄLT EINE STIMME

Das kompakte »Victory To Kali« gehört zu den härtesten und unmittelbarsten Stücken der Platte. Mirai Kawashima von den japanischen Avantgarde-Metallern Sigh übernimmt den Gastgesang und fügt sich mühelos in die unruhige Verbindung aus metallischen Riffs, elektronischer Percussion und rituellen Wiederholungen ein.

Die hinduistische Göttin Kali steht für Zerstörung, Zeit und Transformation. Non Serviam reduzieren diese Figur nicht auf exotische Dekoration, sondern verbinden sie mit dem zentralen Thema des Albums: Veränderung entsteht nicht ohne Verlust und Gewalt.

»La Valse des enfants morts« verändert anschließend die Klangfarbe. Walzerartige Bewegungen, barocke Instrumente und eine bewusst befremdliche Atmosphäre ersetzen den direkten Angriff. Der Titel klingt weder verspielt noch nostalgisch, sondern kontrolliert unheimlich.

DARKWAVE, NOISE UND FALSCHE SICHERHEIT

»Everything About You« zeigt die stärker melodische Seite des Duos. Darkwave, elektronische Flächen und zurückhaltende Stimmen erzeugen vorübergehend mehr Raum. Doch auch hier bleibt die Ruhe instabil. Verzerrungen und harsche Einsätze verhindern, dass der Song zu einem klassischen Gothic-Stück wird.

Dieser Wechsel zwischen Anspannung und kurzen Ruhephasen prägt das gesamte Album. Non Serviam setzen den Hörer nicht 41 Minuten lang derselben Lautstärke aus. Die ruhigen Passagen sind jedoch keine Erholung, sondern Teil der Unsicherheit.

Das macht »La Lune Dont Mon Âme Est Pleine« anstrengend, aber nicht gleichförmig. Jeder Song erhält eine eigene Gewichtung, während Produktion, Stimmen und wiederkehrende elektronische Texturen den Gesamtzusammenhang bewahren.

ACTAEON UND DER PREIS DES BLICKS

Im Zentrum des Konzeptes steht »Actéon«. Der Jäger erblickt die Göttin Diana beim Baden, wird in einen Hirsch verwandelt und schließlich von seinen eigenen Hunden zerrissen. Der Mythos wird als Geschichte über Begehren, Grenzüberschreitung und die zerstörerische Suche nach absoluter Schönheit interpretiert.

Musikalisch verbindet das Stück schwere Gitarren, elektronische Unruhe und mehrere Stimmebenen. Die Komposition bleibt dichter als die melodischeren Titel, enthält aber genügend rhythmische Veränderungen, um nicht in einer einzigen Lärmfläche zu verschwinden.

Der von Moon verfasste Text gehört zu den konkretesten Momenten der Platte. Körperliche Verwandlung und psychischer Kontrollverlust werden ohne romantische Verklärung beschrieben. Dadurch erhält die mythologische Vorlage eine moderne und deutlich unangenehmere Wirkung.

DAS OPFER UND DER ABSCHLUSS

»Abject Sacrifice« beginnt mit kalten, getragenen Tönen und vergleichsweise ruhigem Gesang. Nach und nach treten Schreie, Verzerrungen und schwerere elektronische Strukturen hinzu. Der Song arbeitet weniger mit plötzlichen Schnitten als mit einer langsamen Verschärfung.

Besonders hier zeigt sich, dass die vielen Instrumente nicht bloß zur Erweiterung der Creditliste dienen. Piano, Synthesizer, Gitarren und programmierte Rhythmen sind so angeordnet, dass sich die emotionale Temperatur des Stücks stetig verändert.

Das siebenminütige »La Lune dont mon âme est pleine – Part III« greift Motive der Eröffnung wieder auf und führt das Konzept mit einer Mischung aus gesprochenen Stimmen, kalter Melodik und aggressiven Störungen zu Ende. Die Komposition bietet keine versöhnliche Auflösung. Begehren und Verwandlung hinterlassen keine Erkenntnis, sondern Leere.

MAXIMALISMUS MIT STRUKTUR

Die Instrumentenliste reicht von elektrischen und klassischen Gitarren über Bass, Piano und Keyboards bis zu Cembalo, Spinett, Mundharmonika, Akkordeon und verschiedenen Noise-Synthesizern. Trotzdem wirkt das Album nicht wie eine Ausstellung ungewöhnlicher Klangquellen.

Void und Moon setzen diese Mittel gezielt ein. Barocke Elemente schaffen keine historische Atmosphäre, sondern stehen im direkten Gegensatz zur digitalen Härte. Darkwave-Melodien dienen nicht der Eingängigkeit, sondern verstärken die Kälte der Kompositionen.

Der Gastbeitrag von Mirai Kawashima passt daher ausgezeichnet. Wie Sigh betrachten auch Non Serviam Genregrenzen nicht als Regeln, sondern als Material. Der entscheidende Unterschied liegt in der stärkeren Verbindung zu Industrial, Noise und politisch aufgeladener Gegenkultur.

KEIN LEICHTER ZUGANG

Das Album verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit. Die schnellen Stilwechsel, zahlreichen Stimmen und dicht übereinanderliegenden Geräusche lassen sich kaum beiläufig erfassen. Wer klare Riffs, wiederkehrende Refrains und eine berechenbare Produktion erwartet, wird nur wenige Orientierungspunkte finden.

Diese Unzugänglichkeit ist einerseits konsequent, führt aber auch zu Grenzen. Einzelne elektronische Spitzen und extrem verdichtete Abschnitte wirken auf Dauer ermüdend. Manche Ideen verschwinden bereits wieder, bevor sie ihr volles Potenzial entwickelt haben.

Gegenüber dem deutlich längeren »Le Cœur Bat« ist das neue Album jedoch konzentrierter. Die Spielzeit von rund 41 Minuten verhindert, dass der avantgardistische Ansatz vollständig in Selbstzweck umschlägt. Trotz aller Überforderung bleibt eine erkennbare Dramaturgie erhalten.

FAZIT:

»La Lune Dont Mon Âme Est Pleine« ist ein kompromissloses Avantgarde-Album, das Industrial Black Metal, Cybergrind, Sludge, Darkwave und barocke Klangfarben zu einem erstaunlich geschlossenen Konzept verbindet. Der hohe Geräuschpegel und die ständigen Stilwechsel fordern Ausdauer, doch hinter der Oberfläche stehen präzises Songwriting und eine eigenständige künstlerische Vision.

Official Music Video: Déesse Morte

Internet

Non Serviam - La Lune Dont Mon Âme Est Pleine - CD Review

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