Tracklist
01. Garden of Celestials – 06:19
02. To Be Led by the Lost – 07:09
03. A Thought – 05:46
04. The Word – 05:11
05. Oldest Father – 04:49
06. The First Casualty – 04:25
07. Crystal Waters of Spring – 08:32
Besetzung
Heikki Hallanoro – Percussion
Tuuli Jartti – Violine
Merja Järvelin – Hintergrundgesang, Artwork
Esa Juujärvi – Bass, Gesang
Samuli Lindberg – Schlagzeug
Joni Mäkelä – Gitarre
Vilma Pesola – Gesang
Mikko Vuorela – Flöte, Mundharmonika, Soundscapes
Jarmo Väärä – Trompete
Produktion:
Niko Lehdontie – Produktion
Esa Juujärvi – Aufnahme, Co-Produktion
Merja Järvelin – Artwork
Draußen sind es fast vierzig Grad im Schatten und was könnte besser dazu passen, als eine geballte Mischung aus Post Rock und Stoner Rock ? Nun, vermutlich ein finnisches Kollektiv, das die Temperatur innerhalb weniger Minuten gefühlt um dreißig Grad senkt und seine Musik lieber durch verschneite Wälder, menschenleere Ebenen und psychedelische Zwischenwelten schickt, als den nächsten staubigen Wüstenriff-Marathon zu veranstalten. Genau dort kommt Onségen Ensemble ins Spiel.
»A Tale« ist das fünfte Album des nordfinnischen Kollektivs und erscheint über Karisma Records. Wer bei der Bezeichnung Ensemble bereits eine Ansammlung ehrgeiziger Musikhochschulabsolventen befürchtet, die siebzehn Minuten lang über eine Taktart diskutieren, darf vorsichtig aufatmen. Onségen Ensemble besitzen zwar genügend Instrumente, um einen mittelgroßen Orchestergraben auszustatten, stellen diese aber konsequent in den Dienst der Atmosphäre.
Gitarre, Bass und Schlagzeug bilden das Fundament. Violine, Trompete, Flöte, Mundharmonika, Percussion, Mellotron-artige Flächen und mehrstimmiger Gesang erweitern den Raum. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Post-Rock, psychedelischem Progressive Rock, nordischer Folklore, Stoner-Schwere und imaginärer Filmmusik. Mal scheint Ennio Morricone durch einen finnischen Winterwald zu reiten, mal treffen Pink Floyd auf eine besonders nachdenkliche Jam-Session, und gelegentlich erinnert die dunkle Schwere an jene Art von Psychedelic Rock, bei der hinter jedem schönen Akkord bereits der nächste Abgrund wartet.
Das zentrale Thema lautet Frieden. Keine schlechte Idee in einer Gegenwart, in der dieser Begriff häufig nur noch dann auftaucht, wenn erklärt wird, warum gerade neue Waffen benötigt werden. Onségen Ensemble behandeln Frieden allerdings nicht als weichgezeichneten Endzustand. Auf »A Tale« erscheint er als Wunsch, Erinnerung, Widerspruch und fragile Konstruktion, die jederzeit wieder unter den Füßen zerbrechen kann.
FRIEDEN IST KEIN WELLNESSPROGRAMM
Der Albumtitel »A Tale« klingt zunächst denkbar unspezifisch. Eine Geschichte also. Danke für die Information. Entscheidend ist jedoch weniger, welche konkrete Handlung erzählt wird, sondern wie Onségen Ensemble ihre Musik als zusammenhängende Erzählung organisieren. Die sieben Stücke wirken nicht wie isolierte Kapitel, sondern wie unterschiedliche Landschaften innerhalb derselben Welt.
Dabei verlässt sich das Kollektiv nicht auf die klassische Post-Rock-Bauanleitung. Es beginnt also nicht jeder Song mit drei leisen Gitarrentönen, um nach acht Minuten im unvermeidlichen Crescendo zu explodieren. Onségen Ensemble arbeiten kleinteiliger. Instrumente tauchen auf, verändern den Blickwinkel und verschwinden wieder. Eine Violine kommentiert, anstatt dauerhaft zu führen. Die Trompete öffnet einen Westernhorizont. Flöte und Mundharmonika setzen Farbtupfer, ohne das Album in ein folkloristisches Kostümfest zu verwandeln.
Auch der Stoner Rock bleibt eher Bestandteil der Klangfarbe als dominantes Genre. Joni Mäkeläs Gitarre besitzt durchaus Wärme, Fuzz und körperliche Schwere. Sie walzt jedoch nicht permanent über den Rest der Besetzung hinweg. Wer sich eine endlose Folge tiefer Riffs erhofft, könnte deshalb zunächst enttäuscht sein. Wer dagegen akzeptiert, dass Schwere auch durch Spannung, Harmonie und Raum entstehen kann, erhält wesentlich mehr als eine gewöhnliche Riffplatte.
Produzent Niko Lehdontie, bekannt durch Arbeiten im Umfeld von Oranssi Pazuzu, Kairon; IRSE!, Grave Pleasures und Kaleidobolt, hält die neun beteiligten Musiker zusammen, ohne sämtliche Unebenheiten glattzubügeln. Das Album klingt organisch, warm und räumlich. Kein Instrument muss beweisen, dass es bei der Aufnahme das teuerste Mikrofon erwischt hat.
DER HIMMLISCHE GARTEN HAT EINEN HINTERAUSGANG
»Garden of Celestials« eröffnet das Album mit jener Mischung aus Schönheit und unterschwelliger Bedrohung, die Onségen Ensemble besonders gut beherrschen. Der Song betritt den Raum nicht mit einem Riff, sondern mit einer melancholischen Bewegung. Klavierartige Töne, zurückhaltende Gitarre und Vilma Pesolas Stimme zeichnen zunächst ein beinahe friedliches Bild.
Pesola ist eine der entscheidenden Neuerungen des Albums. Ihr Gesang steht nicht als gewöhnliche Frontstimme vor der Musik, sondern scheint aus ihr hervorzuwachsen. Die Stimme bleibt weich und kontrolliert, besitzt aber eine kühle Distanz, die verhindert, dass das Stück in gefälligen Art Pop abrutscht. Gemeinsam mit den Hintergrundstimmen entsteht ein choraler Charakter, der die Vorstellung eines jenseitigen Gartens durchaus trägt.
Hinter dieser Oberfläche wartet allerdings Gewicht. Die Gitarre deutet immer wieder an, dass sie den Song auch in eine deutlich härtere Richtung drücken könnte. Der erwartete Zusammenbruch bleibt jedoch aus. Stattdessen öffnet sich das Arrangement weiter, nimmt zusätzliche Klangflächen auf und arbeitet mit einer kontrollierten Steigerung.
Das ist klug, weil die Band damit bereits im ersten Stück ihre Regeln erklärt: Auf »A Tale« geht es nicht um die schnelle Auszahlung. Onségen Ensemble bauen Spannung auf, ohne jeden Spannungsbogen mit einem gewaltigen Schlussakkord zu quittieren. Manchmal bleibt die Tür zum Abgrund einfach geöffnet. Hineinspringen muss der Hörer selbst.
Die Lyrics handeln von einem Übergang, von einer offenen Pforte und der Hoffnung auf Vereinigung. Diese Bilder könnten bei weniger geschickter Umsetzung rasch nach esoterischem Kalenderblatt klingen. Die nordische Kälte des Arrangements verhindert jedoch jede unangenehme Duftkerzenromantik.
DIE VERLORENEN KENNEN DEN WEG
Mit über sieben Minuten ist »To Be Led by the Lost« die zweitlängste Komposition. Der Titel dreht die übliche Rollenverteilung um: Nicht die vermeintlich Wissenden führen, sondern jene, die selbst vom Weg abgekommen sind. Das Stück wirkt entsprechend weniger wie eine lineare Reise als wie ein langsames Kreisen um einen unsichtbaren Mittelpunkt.
Der Gesang erhält einen mantraartigen Charakter. Begriffe wie Wille, Hoffnung, Liebe, Zorn, Glaube und Begehren werden nicht in eine konkrete Geschichte gezwängt, sondern als Kräfte nebeneinandergestellt. Frieden entsteht hier nicht durch das Ausblenden von Gegensätzen, sondern durch deren Anerkennung. Das ist philosophisch ambitioniert, ohne dass sich die Band eine professorale Lesebrille aufsetzt.
Musikalisch wächst das Stück aus seinem Rhythmus heraus. Samuli Lindberg und Heikki Hallanoro sorgen gemeinsam dafür, dass die Nummer trotz ihrer schwebenden Atmosphäre einen greifbaren Puls besitzt. Die Percussion wirkt nicht wie nachträglich aufgesetzte Weltmusikdekoration, sondern verschiebt fortlaufend die innere Bewegung.
Mäkeläs Gitarre setzt Akzente, anstatt das Geschehen dauerhaft zu beherrschen. Einzelne Linien steigen aus der Fläche auf und ziehen sich wieder zurück. Der Bass von Esa Juujärvi hält das Stück zusammen, ohne durch übertriebene Lautstärke auf seine Bedeutung aufmerksam machen zu müssen.
Gerade hier zeigt sich allerdings auch die Kehrseite der Arbeitsweise. Onségen Ensemble geben sich viel Zeit und verweigern den sofortigen Refrain. Wer bereits nach zwei Minuten nervös prüft, ob die Streamingplattform versehentlich auf Wiederholung gestellt wurde, dürfte mit dieser Geduld wenig anfangen können. Die Band verlangt Aufmerksamkeit, liefert dafür aber bei jedem Durchgang neue Details.
EIN GEDANKE, EIN WORT UND EINE DUNKLE VIOLINE
»A Thought« rückt das zentrale Friedensthema am deutlichsten in den Vordergrund. Frieden wird als Gedanke, Flamme, Blut und ersehnte Möglichkeit beschrieben. Das klingt nicht nach passiver Ruhe, sondern nach einem Zustand, der ständig bedroht, neu ausgehandelt und verteidigt werden muss.
Tuuli Jarttis Violine übernimmt dabei eine wichtige Rolle. Sie verbreitet keine behagliche Folk-Stimmung, sondern zieht dunkle Linien durch das Arrangement. Teilweise klingt das Instrument lyrisch, im nächsten Moment fast dämonisch. Gerade dieser Wechsel verhindert, dass der Song zu einer vertonten Friedensbotschaft für den nächsten Kirchentag wird.
Die Soundscapes von Mikko Vuorela verdichten den Hintergrund. Sie sind nicht als eigenständige Synthesizer-Schicht zu verstehen, sondern als Umgebung, in der sich die übrigen Instrumente bewegen. Man hört keinen klaren Rand. Gitarren, Streicher und Stimmen fließen ineinander, ohne vollständig ihre Identität zu verlieren.
In der Mitte gewinnt das Stück an Schwere. Die Gitarre drückt kräftiger, Bass und Schlagzeug verdichten den Rhythmus, während die Violine weiterhin über der Konstruktion schwebt. Hier kommt der Stoner-Anteil des Albums am deutlichsten zum Vorschein. Nicht als breitbeiniger Wüstenrock, sondern als dunkler Druck unter einer progressiven Oberfläche.
»A Thought« gehört zu den stärksten Stücken, weil Thema und Arrangement vollständig ineinandergreifen. Der Song spricht nicht nur über Frieden und seinen Verlust. Er klingt, als würde ein kurzer Moment der Ruhe bereits wieder von neuen Spannungen umstellt.
MORRICONE REITET DURCH NORDÖSTERBOTTEN
Bei »The Word« tritt der Gesang zurück und die Trompete von Jarmo Väärä übernimmt. Spätestens hier wird deutlich, warum die Bezeichnung Filmmusik im Zusammenhang mit Onségen Ensemble regelmäßig fällt. Das Stück könnte eine Landschaft begleiten, in der nichts geschieht und trotzdem jederzeit jemand erschossen werden könnte.
Die Trompete erinnert an die großen Western-Soundtracks von Ennio Morricone, ohne diese schlicht nachzustellen. Darunter arbeitet die Rhythmusgruppe mit einer zunehmend treibenden Bewegung. Die Musik galoppiert, bleibt aber stets kontrolliert. Niemand wirft aus Begeisterung den Cowboyhut in den finnischen Schnee.
Mäkeläs Gitarre verzichtet auf ein klassisches Solo. Stattdessen setzt sie flächige Akkorde und leicht angeraute Linien, die dem Blasinstrument ausreichend Raum geben. Diese Zurückhaltung ist eine der großen Stärken des Albums. Obwohl neun Musiker beteiligt sind, klingt »A Tale« nur selten überladen.
»The Word« erfüllt zudem eine wichtige dramaturgische Funktion. Nach den vokal geprägten ersten drei Stücken verändert die instrumentale Erzählung die Perspektive. Das Album bleibt dadurch beweglich und verhindert, dass Pesolas Gesang trotz seiner Qualität zur einzigen tragenden Säule wird.
Ganz ohne Kritik kommt die Nummer dennoch nicht davon. Der Morricone-Verweis ist derart deutlich, dass das Stück kurzfristig näher an einer stilistischen Hommage als an einer vollständig eigenständigen Sprache liegt. Onségen Ensemble retten sich jedoch durch die ungewöhnliche Verbindung aus nordischer Melancholie, Post-Rock und psychedelischer Schwere.
DER ÄLTESTE VATER SPRICHT LEISE
»Oldest Father« ist eines der kompakteren Stücke und wirkt zunächst weniger spektakulär als seine unmittelbaren Nachbarn. Keine Trompete übernimmt die Leinwand, keine Violine legt sich quer über das Arrangement, und auch das große Finale wird noch aufgespart.
Gerade deshalb besitzt der Song eine wichtige Funktion. Nach der bildgewaltigen ersten Albumhälfte zieht sich die Musik etwas zurück. Der Rhythmus bleibt ruhig, die Gitarre arbeitet mit offenen Tönen und der Gesang erhält mehr Platz. Das Stück wirkt erdiger und unmittelbarer, ohne seine psychedelische Grundstimmung zu verlieren.
Die Bezeichnung „ältester Vater“ lässt verschiedene Deutungen zu: Natur, Zeit, eine göttliche Figur oder eine Erinnerung, die älter ist als die Person, die sie trägt. Onségen Ensemble liefern keine eindeutige Erklärung. Das ist vernünftig. Bands, die ihr gesamtes Konzept in einem dreiseitigen Begleittext erläutern müssen, haben beim eigentlichen Erzählen häufig bereits verloren.
Kompositorisch bleibt »Oldest Father« allerdings der unauffälligste Titel des Albums. Die Atmosphäre stimmt, die Instrumente greifen sauber ineinander, doch ein prägnantes Motiv fehlt. Innerhalb des Gesamtwerks funktioniert die Nummer ausgezeichnet. Losgelöst betrachtet dürfte sie seltener als erster Anspieltipp genannt werden.
DAS ERSTE OPFER IST DIE WAHRHEIT
»The First Casualty« trägt den bekannten Gedanken bereits im Titel: Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit. Onségen Ensemble verzichten jedoch auf eine platte politische Ansage. Stattdessen lassen sie erneut die Instrumente sprechen.
Die Trompete kehrt zurück, diesmal noch bestimmender. Chorartige Stimmen legen sich hinter die Melodie und verleihen der Nummer etwas Feierliches, ohne sie in sakrale Schwere zu ziehen. Schlagzeug und Percussion treiben den Song mit einer überraschend direkten Bewegung an.
Während »The Word« noch durch weite Landschaften reitet, wirkt »The First Casualty« konzentrierter und dringlicher. Die Band benötigt keine lange Entwicklung. Das Hauptmotiv wird gesetzt, variiert und nach gut vier Minuten wieder losgelassen.
Die Verbindung aus Trompete, Chor und galoppierendem Rhythmus könnte auf dem Papier schnell nach überladenem Soundtrack-Kitsch klingen. In der Praxis hält die Produktion sämtliche Bestandteile auf Abstand. Lehdontie lässt genügend Luft zwischen den Instrumenten, sodass die Spannung nicht durch bloße Lautstärke erzeugt werden muss.
Gerade diese Nummer zeigt, wie souverän Onségen Ensemble mittlerweile mit einer großen Besetzung umgehen. Das Ensemble spielt nicht permanent gemeinsam. Die Musiker betreten die Szene, erfüllen ihre Funktion und treten wieder zurück. Diese Disziplin ist im Progressive Rock keineswegs selbstverständlich.
KARIBIKURLAUB IM FINNISCHEN FRÜHLING
Mit »Crystal Waters of Spring« endet das Album in seiner längsten und eigenwilligsten Komposition. Über achteinhalb Minuten verbinden Onségen Ensemble mehrere zuvor eingeführte Elemente und ergänzen sie um eine Überraschung, mit der in dieser Umgebung kaum zu rechnen war: Steel-Drum-artige Percussion.
Für einen kurzen Moment scheint das nordfinnische Kollektiv einen Umweg über die Karibik genommen zu haben. Das klingt weniger albern, als es sich liest. Die hellen Percussionklänge werden nicht als Urlaubsreklame eingesetzt, sondern bilden einen Kontrast zur melancholischen Flöte und den schwebenden Stimmen.
Vuorelas Flötenspiel gehört zu den schönsten Details des Albums. Die Melodie ist schlicht, aber wirkungsvoll. Sie führt durch das Stück, während sich im Hintergrund verschiedene Klangschichten aufbauen. Chorpassagen, Gitarre, Percussion und Soundscapes schieben sich langsam ineinander.
Das Stück besitzt eine deutliche Folk-Komponente, bleibt aber zu offen und psychedelisch, um als gewöhnlicher Progressive Folk durchzugehen. Die Band wechselt zwischen pastoraler Ruhe, kosmischer Weite und rhythmischer Bewegung. Kein Abschnitt wirkt wie ein bloßes Anhängsel, auch wenn der Song seine vollständige Wirkung erst nach mehreren Durchgängen entfaltet.
Als Abschluss funktioniert »Crystal Waters of Spring« hervorragend. Das Album endet nicht mit dem größtmöglichen Knall, sondern mit einer allmählichen Öffnung. Nach 42 Minuten bleibt weniger das Gefühl eines abgeschlossenen Endes als die Vorstellung, dass diese Geschichte außerhalb des hörbaren Bereichs weiterläuft.
NEUN MUSIKER UND KEIN GEDRÄNGE
Die personelle Größe von Onségen Ensemble könnte leicht zum Problem werden. Neun Beteiligte, dazu Streicher, Bläser, Percussion, Soundscapes und mehrere Stimmen: Andere Bands würden daraus einen permanenten Beweis ihrer eigenen Vielseitigkeit bauen. Auf »A Tale« herrscht dagegen erstaunliche Ordnung.
Samuli Lindberg spielt kein übermäßig technisches Schlagzeug. Seine Stärke liegt im Aufbau von Spannung und in der Fähigkeit, auch langsamen Passagen Bewegung zu geben. Gemeinsam mit Heikki Hallanoros Percussion entsteht ein rhythmisches Fundament, das organisch wirkt und sich nicht starr an der Gitarre orientiert.
Esa Juujärvis Bass bleibt häufig im Hintergrund, ist für die Wirkung der Musik aber unverzichtbar. Gerade wenn Gitarren und Soundscapes breiter werden, hält er die harmonische Bewegung zusammen. Sein Gesang ergänzt Vilma Pesola, ohne einen klassischen Duettcharakter zu erzeugen.
Pesola wiederum prägt den neuen Klang entscheidend. Ihre Stimme besitzt weder die theatralische Überzeichnung vieler Progressive-Rock-Sängerinnen noch die ätherische Beliebigkeit, die in diesem Bereich ebenfalls häufig anzutreffen ist. Sie singt klar, kontrolliert und mit einem leicht entrückten Charakter.
Joni Mäkelä versteht sich nicht als Dauer-Solist. Seine Gitarre kann schwer, psychedelisch und melodisch klingen, stellt sich aber regelmäßig hinter Violine, Trompete oder Gesang zurück. Gerade deshalb wirken die kräftigeren Gitarrenmomente stärker.
Tuuli Jartti, Mikko Vuorela und Jarmo Väärä erhalten keine dekorativen Gastauftritte. Violine, Flöte, Mundharmonika, Soundscapes und Trompete verändern tatsächlich die Kompositionen. Sie erweitern nicht nur den Klang, sondern übernehmen erzählerische Aufgaben.
SCHÖNHEIT MIT ANGEZOGENER HANDBREMSE
Niko Lehdonties Produktion ist entscheidend dafür, dass »A Tale« nicht unter seinem eigenen Ideenreichtum zusammenbricht. Das Album klingt warm und detailreich, aber nicht überproduziert. Die Instrumente besitzen natürliche Oberflächen. Schlagzeug und Percussion dürfen nach Holz, Metall und Raum klingen, anstatt vollständig in digitale Perfektion gezwungen zu werden.
Die psychedelische Wirkung entsteht weniger durch offensichtliche Effekte als durch Tiefe. Einzelne Instrumente scheinen weit hinten im Raum zu stehen, andere treten nur kurz in den Vordergrund. Besonders über Kopfhörer entfaltet das Album seine zahlreichen kleinen Bewegungen.
Diese Zurückhaltung hat jedoch ihren Preis. Nicht jeder Song besitzt einen sofort erkennbaren Höhepunkt. Onségen Ensemble verweigern den großen Refrain ebenso konsequent wie das obligatorische Post-Rock-Finale. Dadurch kann »A Tale« beim ersten Durchgang distanziert wirken.
Auch die rockige Schwere fällt geringer aus, als die Verbindung aus Post- und Stoner Rock zunächst vermuten lässt. Die Musik ist eher psychedelisch und progressiv als riffgetrieben. Wer eine nordische Variante von Kyuss oder Monster Magnet erwartet, steht nach wenigen Minuten im falschen Garten.
Als zusammenhängendes Album funktioniert diese Haltung allerdings hervorragend. »A Tale« lebt nicht von einzelnen Hits, sondern von Übergängen, Klangfarben und wiederkehrenden Stimmungen. Die Platte will nicht nebenbei konsumiert werden. Sie fordert Aufmerksamkeit, ohne diese mit technischer Angeberei zu erzwingen.
DAS KOLLEKTIV BLEIBT IN BEWEGUNG
Onségen Ensemble entstanden ursprünglich aus einer kleinen Gruppe nordfinnischer Musiker und entwickelten sich über wechselnde Besetzungen zu einem offenen Kollektiv. Seit dem Debüt »Awalaï« aus dem Jahr 2016 folgten »Duel«, »Fear« und »Realms«. Jedes Album veränderte die personelle und musikalische Zusammensetzung.
Diese Offenheit ist auf »A Tale« deutlich hörbar. Die Band arbeitet nicht mit einer unveränderlichen Formel, sondern lässt neue Musiker den Charakter der Musik tatsächlich beeinflussen. Vilma Pesolas Gesang ist dafür das offensichtlichste Beispiel. Ihre Präsenz führt zu einem weicheren und ätherischeren Ausdruck, ohne die dunkle Grundierung vollständig aufzulösen.
Gleichzeitig verliert das Kollektiv seine frühere Schwere nicht. Sie wird lediglich anders eingesetzt. Statt eines dominanten Riffs entstehen Druck und Unruhe durch Kontraste: schöne Melodien gegen dunkle Harmonien, luftige Stimmen gegen schwere Gitarren, folkloristische Instrumente gegen psychedelische Klangflächen.
Dadurch besitzt Onségen Ensemble eine eigene Identität. Vergleichsnamen wie Pink Floyd, Anekdoten, Ulver, Grails oder Ennio Morricone können einzelne Aspekte erklären, erfassen die gesamte Musik aber nicht. Das ist gewöhnlich ein gutes Zeichen.
FAZIT:
»A Tale« ist keine geballte Post-Rock- und Stoner-Rock-Attacke im herkömmlichen Sinn. Dafür ist das fünfte Album von Onségen Ensemble zu geduldig, zu folkloristisch und zu sehr an Atmosphäre interessiert. Die Schwere steckt zwischen den Tönen, nicht ausschließlich in den Gitarren.
Das nordfinnische Kollektiv verbindet psychedelischen Progressive Rock, Post-Rock, Folk, Filmmusik und vereinzelte Stoner-Riffs zu einem ungewöhnlich geschlossenen Werk. Besonders »Garden of Celestials«, »A Thought«, »The Word«, »The First Casualty« und »Crystal Waters of Spring« überzeugen durch ihre detailreichen Arrangements.
Vilma Pesolas Stimme erweitert den Klang entscheidend, während Violine, Trompete, Flöte, Mundharmonika und Percussion echte kompositorische Funktionen übernehmen. Die Produktion von Niko Lehdontie hält das umfangreiche Instrumentarium zusammen und bewahrt dennoch dessen organischen Charakter.
Lediglich die konsequente Zurückhaltung kann stellenweise zur Schwäche werden. Nicht jeder Song setzt einen klaren Höhepunkt, und »Oldest Father« bleibt im Vergleich zum übrigen Material etwas blass. Wer jedoch bereit ist, sich auf 42 Minuten langsamer Entfaltung einzulassen, erhält ein Album, das mit jedem Durchgang wächst.
Draußen mögen knapp vierzig Grad herrschen. »A Tale« öffnet trotzdem das Fenster zu einem nordischen Frühling, in dem Morricone-Trompeten durch verschneite Wälder hallen, dunkle Violinen über psychedelischen Gitarren kreisen und selbst das karibisch gefärbte Quellwasser noch verdächtig kühl schmeckt.






