Tracklist
01. Starvation
02. Steps Into Shadow
03. Liberation at Dawn
04. The Mire
05. Crown of Disfigurement
06. A Clarion Call
07. Drag Us Under
08. Truth is an Empty Fortress
Besetzung
Arvid Sjödin – Gesang
Erik Sundström – Schlagzeug, Keyboards und Hintergrundgesang
Påhl Sundström – Gitarren
Magnus Kjellstrand – Saxofon und Flöte
Petter Broman – Bass
Manche Alben wecken schon durch ihr Artwork Interesse und so verhält es sich bei dem minimalistisch aber effektvoll und dennoch starken Cover zu »Steps Into Shadow« von Gold Spire. Doch wie auch schon in der Literatur: Nicht nach dem Artwork beurteilen. Hinter der zurückgenommenen Gestaltung wartet nämlich ein musikalisch ausgesprochen vielschichtiges Werk, das Death-Doom, Progressive Death Metal, Post-Metal und Dark Jazz zu einer eigenwilligen Einheit verbindet. Saxofon und Flöte werden dabei nicht als kurzzeitiger Überraschungseffekt eingesetzt, sondern bilden gemeinsam mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboards das klangliche Fundament. Das zweite Album der Schweden fällt dunkler, direkter und geschlossener als das selbstbetitelte Debüt aus, ohne seine experimentelle Seite zu verlieren. Inhaltlich ist die Platte der schwedischen Arbeiterklasse und ihrem Kampf um gesellschaftliche Emanzipation gewidmet. Persönliche Erinnerungen an die nordschwedische Heimat treffen auf Gedanken über soziale Spaltung, politische Verrohung und den schleichenden Verlust demokratischer Solidarität.
DUNKLER JAZZ VOR DEM ERSTEN RIFF
Gold Spire wurden 2019 in Uppsala von den Brüdern Erik und Påhl Sundström nach dem Ende von Usurpress gegründet. Bereits das Debüt von 2021 verband progressive Todesmetall-Klänge mit Jazz, Doom und atmosphärischem Rock. Auf »Steps Into Shadow« wirkt diese Verbindung wesentlich zielgerichteter.
Das zeigt bereits »Starvation«. Flöte, Saxofon, zurückhaltende Gitarren und der deutlich hörbare Bass von Petter Broman eröffnen das Album beinahe vollkommen außerhalb metallischer Konventionen. Die Musik erinnert an eine verregnete Großstadt bei Nacht, in der jeder Schritt durch leere Straßen widerhallt.
Erst der Titeltrack lässt die verzerrten Gitarren mit voller Kraft auftreten. Schwere Akkorde und die tiefen Growls des neuen Sängers Arvid Sjödin treffen auf melancholische Saxofonlinien. Die Bläser mildern den Death-Doom allerdings nicht ab. Vielmehr verstärken sie seine bedrückende Stimmung.
Sjödin verleiht dem Material eine dunklere und rauere Stimme als sein Vorgänger. Tiefe Growls werden gelegentlich durch höhere Rasps und gemeinschaftliche Rufe erweitert. Über die gesamte Spielzeit könnte sein Vortrag etwas abwechslungsreicher ausfallen, fügt sich aber hervorragend in die düsteren Arrangements ein.
ZWISCHEN BEFREIUNG UND MORAST
»Liberation at Dawn« beginnt mit schweren, schleppenden Riffs und dissonanten Gitarrentönen. Im weiteren Verlauf bricht die metallische Struktur auf und führt in eine längere Passage, in der Saxofon und Flöte die Führung übernehmen.
Dieser Wechsel beschreibt die Arbeitsweise von Gold Spire ziemlich genau. Die Band setzt Death Metal und Jazz nicht einfach nacheinander, sondern lässt beide Seiten gegeneinander arbeiten. Rhythmische Härte steht neben frei wirkenden Bläserlinien, während sich unter der Oberfläche stetig neue Spannungen bilden.
Noch deutlicher tritt die jazzige Seite in »The Mire« hervor. Der Song beginnt ruhig, beinahe entspannt, trägt aber vom ersten Ton an eine unterschwellige Bedrohung in sich. Nach und nach verdichten sich Gitarren und Schlagzeug, bis die anfangs lockere Atmosphäre von dunkleren Klangfarben verschluckt wird.
Mit mehr als sechs Minuten nimmt sich die Band hier viel Zeit. Nicht jede Wiederholung wäre zwingend erforderlich gewesen, doch die kontrollierte Entwicklung zieht den Zuhörer dennoch in ihren Bann. Wer nur nebenbei lauscht, könnte den Song als ziellos empfinden. Bei konzentriertem Hören werden die kleinen Veränderungen im Zusammenspiel dagegen deutlich.
DIE KRONE DER ENSTELLUNG
»Crown of Disfigurement« rückt die metallische Seite stärker in den Vordergrund. Treibende Doublebass, schwere Riffs und ein kompakter Aufbau verleihen dem Stück eine körperlichere Wirkung. Nach den schwebenden Passagen von »The Mire« kommt dieser Angriff genau zur richtigen Zeit.
Die Saxofonlinien verschwinden trotzdem nicht. Magnus Kjellstrand setzt sie zwischen die Gitarren und erzeugt eine zusätzliche melodische Ebene. Dadurch klingt der Song weder wie gewöhnlicher Death-Doom noch wie ein Metalstück mit nachträglich hinzugefügtem Jazzsolo.
»A Clarion Call« führt die verschiedenen Welten erneut zusammen. Dunkle Gitarren, Bass und Schlagzeug bauen ein schweres Fundament auf, während das Baritonsaxofon tief in das Frequenzbild greift. Der Titel gehört zu den interessantesten, verliert im Mittelteil aber etwas an Zielstrebigkeit.
Genau darin liegt die Schwäche des Albums: Wenn Gold Spire ihre Ideen konzentrieren, entsteht eine bemerkenswert eigenständige Klangsprache. Werden einzelne atmosphärische Abschnitte zu lange ausgedehnt, beginnt die Spannung dagegen leicht abzunehmen.
IN DIE TIEFE GEZOGEN
»Drag Us Under« gehört zu den gelungensten Stücken. Doomige Schwere, dissonante Gitarren, helle Bläsermelodien und ein beinahe post-metallischer Aufbau greifen hier besonders selbstverständlich ineinander.
Der Song kann innerhalb weniger Minuten düster, aggressiv, verträumt und überraschend melodisch wirken, ohne vollständig auseinanderzufallen. Erik Sundström hält die verschiedenen Bestandteile mit seinem kontrollierten Schlagzeugspiel zusammen. Keyboards erweitern den Hintergrund, ohne das Saxofon oder die Gitarren zu überdecken.
Das abschließende »Truth is an Empty Fortress« verzichtet auf ein übertrieben großes Finale. Stattdessen klingt das Album angespannt, melancholisch und beinahe resigniert aus. Das Saxofon übernimmt erneut eine zentrale Rolle und führt durch ein Arrangement, das sich langsam auflöst.
Diese Zurückhaltung passt zur gesellschaftlichen Ausrichtung. Der Kampf gegen Unterdrückung und sozialen Zerfall endet nicht mit einem strahlenden Sieg. Zurück bleibt eine leere Festung, deren vermeintliche Sicherheit längst verschwunden ist.
KEIN METAL NACH BAUKASTENPRINZIP
Steps Into Shadow klingt weder wie klassischer Death-Doom noch wie ein gewöhnliches Progressive-Metal-Album. Vergleiche mit Sweven, White Ward, Five the Hierophant, Kayo Dot, späteren In The Woods… und den dunklen Jazzlandschaften von Bohren & der Club of Gore bieten zwar Orientierung, erfassen aber immer nur einzelne Bestandteile.
Die Produktion von Erik Sundström sowie Mixing und Mastering durch Lawrence Mackrory geben jedem Instrument ausreichend Raum. Besonders Bass, Saxofon und Flöte bleiben auch unter den verzerrten Gitarren deutlich hörbar.
Der Klang ist sauber und atmosphärisch, verliert aber nicht vollständig seine Rauheit. Die schweren Passagen besitzen Druck, während leisere Abschnitte offen und räumlich wirken. Das Album sollte dennoch nicht als beiläufige Hintergrundmusik behandelt werden. Dafür sind seine Bewegungen zu fein und die Übergänge zu wichtig.
Gegenüber dem Debüt wirkt das Songwriting geschlossener und selbstbewusster. Die einzelnen Titel führen erkennbar aufeinander zu, obwohl sie auch unabhängig funktionieren. Vereinzelte Längen und der gelegentliche Abstand zwischen Jazz und Metal bleiben bestehen, fallen aber deutlich weniger ins Gewicht als zuvor.
FAZIT:
»Steps Into Shadow« ist ein ungewöhnliches und atmosphärisch starkes Album. Gold Spire verbinden Progressive Death Metal, Doom, Post-Metal und Dark Jazz zu einer musikalischen Sprache, die sich kaum eindeutig einordnen lässt. Saxofon und Flöte sind keine Spielerei, sondern zentrale Bestandteile der Kompositionen. Besonders »Steps Into Shadow«, »Crown of Disfigurement«, »A Clarion Call« und »Drag Us Under« zeigen, wie überzeugend diese Verbindung funktionieren kann. Einige Passagen in »The Mire« und »A Clarion Call« könnten straffer ausfallen, während der Gesang über längere Strecken etwas gleichförmig bleibt. Dennoch präsentieren sich die Schweden reifer, fokussierter und eigenständiger als auf ihrem Debüt. Das minimalistische Artwork mag den ersten Blick anziehen – die Musik dahinter sorgt dafür, dass man wesentlich länger verweilt.






