Tracklist
01. Carriers of the Curse
02. The Floating Catacombs
03. Dissolution of Eternity
04. Proto-Embryo (The Third Tribulation)
05. Arcane Demonomania
06. Mnemonic Phenomena
07. Resonance Cascade
Besetzung
Felipe Tencio – Gitarre und Gesang
José Pablo Phillips – Bass und Gesang
Esteban Sancho – Gitarre
José María Arrea – Schlagzeug
Produktion:
Aufnahmen – Andrés Corrales im 3/4 Estudios
Mixing – Andrew Oswald im Paradise Recorders
Mastering – Dan Lowndes im Resonance Sound Studio
Artwork – Necrodevourer
Ein weiteres Sahnestück in den Death Metal Los Wochos bei Metal Underground. Diesmal führt die Reise nach San José in Costa Rica, wo Astriferous bereits seit 2018 an einer besonders unangenehmen Form des Todesmetalls arbeiten. Drei Jahre nach dem Debüt »Pulsations from the Black Orb« kehrt das Quartett mit »Atavistic Unraveling« zurück und lässt urzeitliche Brutalität, kosmischen Horror sowie dissonante Schieflagen aufeinanderprallen. Die sieben Stücke stehen fest auf dem Fundament des Old School Death Metal, bewegen sich aber keineswegs ausschließlich durch vertraute Grabkammern. Finnische Morbidität trifft auf südamerikanische Raserei, technisch verdrehte Riffs, unheilvolle Synthesizer und schwere Death-Doom-Passagen. Das Ergebnis wirkt roh und verwesend, ist kompositorisch jedoch wesentlich kontrollierter, als der erste Eindruck vermuten lässt. Astriferous erfinden das Genre nicht neu, verstehen aber ausgezeichnet, wie man bekannte Bestandteile zu einem eigenständigen, fiebrigen Organismus zusammensetzt.
DER FLUCH ÖFFNET DIE ERSTEN KATAKOMBEN
»Carriers of the Curse« beginnt mit kreischender Rückkopplung, anschwellendem Schlagzeug und Gitarren, die sich nur langsam aus einem dunklen Klangnebel lösen. Nach wenigen Augenblicken kippt der Aufbau in ein schweres, taumelndes Riff. Das Stück stürmt nicht einfach geradlinig los, sondern bewegt sich zwischen schnellen Tremolo-Angriffen, kantigen Akkorden und schleppenden Abschnitten.
Bereits der Opener zeigt, dass Astriferous ihre Songs stärker strukturieren als noch auf dem Debüt. Die einzelnen Riffs wirken nicht wie zufällig aneinandergereihte Einfälle, sondern führen nachvollziehbar ineinander. Trotzdem bleibt die Musik unangenehm unberechenbar. Immer wenn sich ein Rhythmus festzusetzen beginnt, wird er verdreht oder durch einen langsameren Abschnitt ersetzt.
Die Gitarren von Felipe Tencio und Esteban Sancho erzeugen dabei keine gewöhnliche Wand aus tiefen Akkorden. Einzelne Linien bewegen sich schräg gegeneinander, während kurze Soli eher wie gequälte Geräusche als wie klassische Leadgitarren wirken. In der letzten Minute verändert sich das Stück erneut und lässt eine beinahe psychedelische Schieflage entstehen.
»The Floating Catacombs« übernimmt den Übergang ohne größere Pause und erhöht zunächst das Tempo. Blastbeats, dissonante Gitarren und tiefe Growls ziehen den Zuhörer in ein hektisches Geflecht, das dennoch überraschend klar produziert wurde.
Im Hintergrund tauchen unheilvolle Synthesizer auf. Sie übernehmen keine melodische Hauptrolle, sondern vergrößern den Raum hinter der Band. Dadurch entsteht der Eindruck, dass sich die eigentlichen Instrumente in einer gewaltigen unterirdischen Halle bewegen.
Der Song gehört zu den aggressivsten Momenten, bleibt aber durch seine Tempowechsel beweglich. Schnelle Abschnitte brechen in schwere Grooves ein, während die Gitarren weiterhin gegen jede stabile Harmonie arbeiten.
DIE EWIGKEIT LÖST SICH AUF
»Dissolution of Eternity« setzt noch stärker auf schleppende Schwere. Bass und Gitarren greifen tief in das Frequenzbild, während das Schlagzeug zwischen massiven Midtempo-Schlägen und plötzlichen Ausbrüchen wechselt.
Der Bass von José Pablo Phillips bleibt dabei erfreulich deutlich hörbar. Sein Instrument unterstützt nicht nur die Grundtöne der Gitarren, sondern erzeugt eine eigene raue Bewegung unter den Riffs. Besonders in den langsameren Passagen verleiht dieser schmutzige Klang dem Song zusätzliche Tiefe.
Die Growls werden nicht weit über das Instrumental gelegt. Sie sitzen innerhalb der Gesamtmasse und wirken dadurch wie ein weiterer Bestandteil des Verfalls. Einzelne Phrasen treten hervor, bevor sie wieder zwischen Gitarren und Schlagzeug verschwinden.
Kompositorisch gehört »Dissolution of Eternity« zu den geradlinigeren Stücken. Das bedeutet bei Astriferous allerdings noch lange nicht, dass einfach vier Minuten durchgeprügelt werden. Schwere Akkorde, rasende Passagen und kurze Thrash-Anklänge halten den Song in Bewegung.
Mit »Proto-Embryo (The Third Tribulation)« erreicht das Album anschließend seinen technisch verdrehtesten Abschnitt. Abgehackte Rhythmen, schräge Akkordfolgen und mehrfach veränderte Betonungen erinnern stellenweise an die seltsameren Momente von Demilich, Immolation und frühen Morbid Angel.
Die Band verwendet diese technischen Elemente jedoch nicht zur bloßen Demonstration ihrer Fähigkeiten. Jeder Richtungswechsel soll den Song instabiler wirken lassen. Die Musik zuckt, stolpert und richtet sich plötzlich wieder auf, bevor ein schweres Midtempo-Riff die Kontrolle übernimmt.
Einige Gitarrenfiguren besitzen beinahe einen progressiven Charakter, ohne dass Astriferous ihre alte, faulige Grundlage verlassen. Genau darin liegt eine der großen Stärken: Das Quartett erweitert seine Sprache, ohne aus Death Metal eine akademische Rechenaufgabe zu machen.
DÄMONOMANIE MIT PUNKIGEM ANTRIEB
»Arcane Demonomania« setzt mit einem überraschend direkten Schlagzeugrhythmus ein. Der beinahe punkige Auftakt bringt frische Bewegung in die bisher eher taumelnde und verschachtelte Dramaturgie.
Lange hält diese vermeintliche Geradlinigkeit natürlich nicht. Die Gitarren beginnen erneut, sich in krummen Linien umeinanderzuwinden, während das Schlagzeug zwischen Vorwärtsdrang und schweren Unterbrechungen wechselt.
Der Song besitzt dennoch eine besonders unmittelbare Energie. Wo die vorherigen Stücke den Hörer langsam in ihre Strukturen hineinziehen, packt »Arcane Demonomania« direkt zu. Die Riffs sind kompakter, die Übergänge härter und die rhythmische Wirkung körperlicher.
Gerade live dürfte die Nummer ausgezeichnet funktionieren. Sie enthält genügend technische Widerhaken für aufmerksames Hören, verliert aber nie den Kontakt zu jenem einfachen Impuls, bei einem guten Death-Metal-Riff den Kopf nach vorne zu werfen.
»Mnemonic Phenomena« kehrt danach zu einer düstereren und schwereren Ausrichtung zurück. Der Song besitzt weniger auffällige Experimente, überzeugt dafür mit sorgfältig gesetzten Riffs und einem konstanten Spannungsaufbau.
Tremolofiguren breiten sich über langsamere Akkorde aus, während Schlagzeuger José María Arrea die Dynamik kontrolliert. Seine Leistung gehört zu den wichtigsten Bestandteilen des Albums. Blastbeats werden nicht wahllos eingesetzt, sondern bilden gezielte Höhepunkte zwischen Midtempo, Doublebass und beinahe zeremoniellen Verlangsamungen.
Das Stück zeigt, dass Astriferous nicht in jedem Song eine neue Überraschung benötigen. Manchmal reicht es, Death Metal sehr gut zu schreiben und ihn mit der notwendigen Überzeugung vorzutragen.
DIE RESONANZKATASTROPHE
Das mehr als achtminütige »Resonance Cascade« ist der große Abschluss und zugleich der deutlichste Ausflug in Richtung Death-Doom. Langsame Gitarren, dunkle Synthesizer und ein schwer atmendes Schlagzeug führen in eine Komposition, die sich erheblich mehr Zeit nimmt als ihre Vorgänger.
Die Musik wirkt zunächst beinahe rituell. Einzelne Akkorde dürfen lange stehen, während Bass und Synthesizer den Raum darunter verdunkeln. Erst nach und nach beschleunigt die Band und fügt aggressivere Riffs hinzu.
Die zusätzlichen Minuten werden sinnvoll genutzt. Astriferous wechseln nicht bloß zwischen langsam und schnell, sondern verändern schrittweise die Atmosphäre. Aus bedrohlicher Ruhe entsteht wachsende Unordnung, die schließlich in einem gewaltigen, doomigen Klangkörper endet.
Gerade hier zeigt sich die verbesserte Geduld beim Songwriting. Auf dem Debüt hätte die Band vermutlich noch mehrere Ideen gleichzeitig in diesen Abschnitt gepresst. »Resonance Cascade« lässt seine Motive dagegen wirken und gewinnt dadurch erheblich an Gewicht.
Der Abschluss ist nicht der schnellste, aber wahrscheinlich der härteste Titel. Die Gitarren wirken wie massive Gesteinsschichten, die sich langsam gegeneinander verschieben. Der Bass verstärkt jede Bewegung, während die Growls tief in der Produktion verankert bleiben.
Das Stück verlangt mehr Aufmerksamkeit als die kompakteren Nummern, entwickelt dafür aber eine beeindruckende Sogwirkung. Nach den vorherigen sechs Angriffen endet die Platte nicht mit einer letzten Geschwindigkeitsexplosion, sondern mit einem langsamen Zusammenbruch.
ALTER MODER MIT EIGENER MUTATION
Die musikalischen Bezugspunkte sind klar erkennbar. Früher finnischer Death Metal von Demigod und Depravity trifft auf die Riffarchitektur von Morbid Angel, die dunkle Schwere von Incantation und die kantige Dissonanz von Immolation und Demilich.
Gelegentlich besitzen die Gitarren sogar eine verschrobene Beweglichkeit, die an Voivod erinnert. Diese Einflüsse werden jedoch nicht nacheinander präsentiert. Sie gehen in einem gemeinsamen Klang auf, der inzwischen deutlich als Astriferous erkennbar ist.
Das Album ist fest im Old School Death Metal verankert, beschränkt sich aber nicht auf die Nachahmung einer bestimmten Produktion aus dem Jahr 1991. Die Band verwendet die alte Schule als Ausgangspunkt für dissonante, doomige und beinahe psychedelische Erweiterungen.
Vollständig neu ist diese Verbindung nicht. Zahlreiche aktuelle Death-Metal-Bands arbeiten mit kosmischer Atmosphäre, ungewöhnlichen Riffs und klanglicher Verwesung. Astriferous überzeugen deshalb weniger durch eine revolutionäre Idee als durch die Qualität ihrer Umsetzung.
Die Riffs besitzen Substanz, die Tempowechsel erfüllen eine kompositorische Funktion und die einzelnen Songs unterscheiden sich trotz des geschlossenen Gesamtbildes. Besonders »Carriers of the Curse«, »Proto-Embryo (The Third Tribulation)«, »Arcane Demonomania« und »Resonance Cascade« entwickeln eine klare eigene Identität.
Die Synthesizer könnten stellenweise stärker in den Vordergrund treten. Häufig bleiben sie eine atmosphärische Ergänzung, obwohl ihre Verbindung mit den schrägen Gitarren noch weitere Möglichkeiten bieten würde. Als zurückhaltendes Element erfüllen sie ihren Zweck, werden aber nicht zum gleichberechtigten Bestandteil der Kompositionen.
DRUCKVOLLE KLARHEIT IM KOSMISCHEN SCHLAMM
Aufgenommen wurde das Album von Andrés Corrales im 3/4 Estudios. Andrew Oswald, bekannt durch Arbeiten mit Mortiferum, Caustic Wound und Triumvir Foul, übernahm das Mixing. Das Mastering stammt von Dan Lowndes.
Die Produktion schafft einen überzeugenden Ausgleich zwischen Dreck und Verständlichkeit. Gitarren und Bass besitzen erhebliches Gewicht, während das Schlagzeug massiv, aber nicht vollständig künstlich klingt.
Selbst die komplizierteren Riffs bleiben erkennbar. Das ist bei einer Musik, die bewusst mit tiefen Frequenzen und dissonanten Akkorden arbeitet, keine Selbstverständlichkeit. Der Mix verhindert, dass sämtliche Instrumente zu einem ununterscheidbaren Brei verschmelzen.
Diese größere Klarheit nimmt dem Album gelegentlich ein wenig von der völligen Verkommenheit früherer Veröffentlichungen. Einige Passagen wirken kontrollierter und präziser, wo ein noch chaotischerer Klang zusätzliche Gefahr erzeugen könnte.
Andererseits profitieren besonders »Proto-Embryo« und »Resonance Cascade« von der besseren Trennung. Die innere Konstruktion der Songs wird hörbar, ohne dass die Musik ihre dunkle Oberfläche verliert.
Das Artwork von Necrodevourer passt hervorragend zum Klang. Organische Formen, kosmischer Wahnsinn und kaum vollständig erfassbare Kreaturen spiegeln eine Platte wider, die ständig zwischen körperlicher Brutalität und außerweltlicher Bedrohung schwankt.
KONTROLLIERTER ALS DAS DEBÜT
Im Vergleich zu »Pulsations from the Black Orb« wirkt das zweite Album fokussierter. Die Band besitzt weiterhin eine große Anzahl an Riffs und Ideen, verteilt diese aber gezielter über die einzelnen Stücke.
Die Songs fließen besser ineinander und bilden einen nachvollziehbaren Spannungsbogen. Der schnelle Mittelteil wird vom schwereren Finale aufgefangen, während Synthesizer und wiederkehrende dissonante Klangfarben das Album zusammenhalten.
Auch der Einstieg von Esteban Sancho an der zweiten Gitarre erweitert den Klang. Die Riffs wirken dichter und können stärker mit Gegenbewegungen arbeiten, ohne dass jede zusätzliche Spur nur dieselben Akkorde verdoppelt.
Mit gut 36 Minuten ist die Spielzeit ideal gewählt. Die Platte besitzt genügend Raum für komplexere Entwicklungen, endet aber, bevor sich die klangliche Dichte abnutzt.
Einige Stücke sind unmittelbarer als andere, einen tatsächlichen Ausfall gibt es jedoch nicht. Selbst die vergleichsweise geradlinigen Titel liefern starke Riffs und erfüllen ihre Funktion innerhalb der Dramaturgie.
Atavistic Unraveling beweist damit, dass Weiterentwicklung im Old School Death Metal nicht zwangsläufig bedeutet, den alten Sound vollständig abzulegen. Astriferous schärfen ihre vorhandenen Eigenschaften und lassen sie kontrollierter, schwerer und eigenständiger auftreten.
FAZIT:
»Atavistic Unraveling« ist ein starkes zweites Album, auf dem Astriferous finnische Todesmetall-Morbidität, südamerikanische Aggression, technisch verdrehte Gitarren und schwere Death-Doom-Passagen zu einem geschlossenen Gesamtbild verbinden. Die Band schreibt riffbetonte Songs, die trotz aller Schieflagen nachvollziehbar bleiben und immer wieder in druckvolle Grooves zurückfinden. Besonders »Carriers of the Curse«, »Proto-Embryo (The Third Tribulation)«, »Arcane Demonomania« und der monumentale Abschluss »Resonance Cascade« überzeugen. Die Synthesizer bleiben stellenweise etwas zu sehr im Hintergrund, während die klarere Produktion einen kleinen Teil des ursprünglichen Modergeruchs entfernt. Dafür werden die Kompositionen wesentlich deutlicher hörbar und entfalten eine enorme Wucht. Revolutionär ist das nicht – verdammt gut ausgeführter, eigenwilliger und atmosphärischer Death Metal aber allemal. Ein weiteres Sahnestück eben, nur mit kosmischem Schleim statt Schokostreuseln.






