Tracklist
01. Ballata Avernale
02. Ver Sacrum
03. Pharsalia
04. Empireo
05. Marpiter
06. Defigere
07. Miasma
Besetzung
Erymanthon Seth – Gesang, Gitarren, Synthesizer und Mandoline
Raijinous – Gitarren, Synthesizer und Hintergrundgesang
Krhura – Bass
Summum Algor – Schlagzeug
Produktion:
Produktion – Erymanthon Seth
Aufnahmen, Mixing und Mastering – Darkwoods Studios
Artwork und Layout – Francesco Gemelli
Black Metal und sommerliche Leichtigkeit passen ungefähr so gut zusammen wie Totenbeschwörung und ein gemütlicher Sonntagsbrunch. Feralia laden auf ihrem dritten Album »Ultima Requies« ohnehin nicht zum entspannten Verweilen, sondern zum endgültigen Abstieg in eine von römischer Ritualistik, Tod, Erinnerung und verbotener Erkenntnis geprägte Unterwelt. Der Bandname verweist auf die Feralia, das altrömische Totenfest am Ende der Parentalia, während der lateinische Albumtitel sinngemäß die letzte Ruhe bezeichnet. Musikalisch verbindet die italienisch-schwedische Formation schroffen Black Metal mit feierlicher Melodik, beschwörenden Synthesizern, akustischen Instrumenten und einer tief verankerten mediterranen Identität. Nordische Kälte bildet das Fundament, doch statt norwegische Vorbilder lediglich nachzustellen, lassen Feralia ihre eigene historische und spirituelle Bildwelt in die sieben langen Kompositionen einfließen.
EINE BALLADE AUS DER UNTERWELT
»Ballata Avernale« eröffnet das Album nicht mit einem langen Ambient-Vorspiel, sondern mit scharfkantigen Gitarren und einer beinahe marschartigen Bewegung. Die Melodik besitzt etwas Feierliches, während Erymanthon Seth mit heiseren Schreien über dem Instrumental thront.
Anklänge an frühen Bathory und den norwegischen Black Metal der Neunzigerjahre sind deutlich hörbar. Trotzdem wirkt der Song nicht wie eine nostalgische Stilkopie. Der italienische Gesang, die rituelle Grundstimmung und die schrittweise Verdichtung verleihen ihm eine eigene Identität.
Summum Algor bringt als neuer Schlagzeuger erhebliche Wucht ein. Blastbeats werden nicht ununterbrochen abgefeuert, sondern wechseln mit schweren, beinahe zeremoniellen Rhythmen. Dadurch behält die Musik selbst während der aggressivsten Passagen einen feierlichen Charakter.
Mit »Ver Sacrum« wird die Geschwindigkeit zunächst erhöht. Flirrende Gitarren und harsche Vocals treiben den Song voran, ehe melodische, akustische und deklamatorische Abschnitte den Angriff aufbrechen.
Eine Mandoline setzt zusätzliche archaische Akzente, ohne das Stück in gewöhnlichen Folk Metal zu verwandeln. Das Instrument erscheint vielmehr wie ein kurzer Widerhall aus einer weit entfernten Vergangenheit. Die Verbindung aus Raserei und historisch gefärbter Atmosphäre gelingt ausgesprochen überzeugend.
PHARSALIA UND DIE RÜCKKEHR DER TOTEN
»Pharsalia« bildet das konzeptionelle Zentrum des Albums. Der Titel verweist auf Lucans Werk »De Bello Civili« und die darin beschriebene thessalische Hexe Erichtho. Auf dem Schlachtfeld von Pharsalos erweckt sie einen gefallenen Soldaten, damit dieser Sextus Pompeius die Zukunft offenbart.
Ein elegisches Gitarrenmotiv eröffnet die Komposition und vermittelt zunächst beinahe trügerische Ruhe. Die Atmosphäre kippt jedoch schnell. Schlagzeug und verzerrte Gitarren brechen herein, während die Stimme die Totenbeschwörung mit wachsender Intensität begleitet.
Die Band hetzt dabei nicht ausschließlich von einem Blastbeat zum nächsten. Schwere Basslinien, verlangsamte Abschnitte und neblige Synthesizer geben dem Ritual ausreichend Raum. Besonders im letzten Drittel entwickelt der Song einen starken Sog, der das Gefühl vermittelt, selbst Zeuge einer Handlung zu werden, die besser unvollendet geblieben wäre.
Auch das Artwork von Francesco Gemelli greift diese Szene auf. Die Darstellung der Nekromantie ist damit keine beliebige düstere Dekoration, sondern eng mit dem zentralen Stück und dem gesamten Albumkonzept verbunden.
»Pharsalia« gehört gemeinsam mit dem Opener und »Defigere« zu den stärksten Titeln. Die verschiedenen Seiten von Feralia – Aggression, Melodie, historische Symbolik und rituelle Atmosphäre – greifen hier besonders geschlossen ineinander.
ZWISCHEN EMPYREUM UND MARPITER
Das instrumentale »Empireo« verändert die Stimmung deutlich. Gitarren und Schlagzeug treten weitgehend zurück, während flächige Synthesizer einen kalten und beinahe kosmischen Raum öffnen.
Der Titel bezeichnet in religiösen und philosophischen Vorstellungen den höchsten, vom göttlichen Licht erfüllten Himmel. Bei Feralia klingt dieser Ort allerdings keineswegs tröstlich. Die kreisenden Klangflächen erinnern eher an einen Übergangszustand zwischen körperlicher Existenz und einer unbekannten jenseitigen Dimension.
Das Stück funktioniert als atmosphärische Mitte und gibt dem Hörer nach den drei umfangreichen Eröffnungsnummern einen Moment zum Durchatmen. Gleichzeitig verhindert seine düstere Spannung, dass die rituelle Stimmung unterbrochen wird.
»Marpiter« kehrt danach zum unmittelbareren Black Metal zurück. Schnelle Drums, frostige Gitarren und ein aggressiver Gesang bestimmen das Geschehen. Im Vergleich zu den komplexeren Nachbarstücken wirkt die Nummer klassischer und geradliniger.
Das ist innerhalb der Dramaturgie sinnvoll, lässt den Song aber etwas weniger eigenständig erscheinen. Handwerklich gibt es wenig zu beanstanden, doch die Verbindung aus nordischer Kälte und mediterraner Ritualistik tritt hier nicht ganz so deutlich hervor wie auf den stärksten Kompositionen.
Dafür besitzt »Marpiter« eine direkte körperliche Wirkung. Die Band verzichtet auf ausgedehnte Umwege und liefert einen konzentrierten Black-Metal-Angriff, bevor die Platte erneut in tiefere okkulte Regionen absteigt.
FLUCHTAFELN UND DUNKLE BESCHWÖRUNGEN
»Defigere« ist die abwechslungsreichste Komposition. Der Titel führt in die Welt antiker Flüche und jener Rituale, mit denen der Wille eines Gegners gebunden oder sein Schicksal verändert werden sollte.
Rasende Black-Metal-Passagen treffen auf schwere Doom-Riffs, akustische Elemente und dunkle Synthesizer. Die Übergänge wirken nicht wie eine lose Ansammlung verschiedener Ideen, sondern folgen einem nachvollziehbaren Spannungsbogen.
Besonders die langsamen Abschnitte entfalten eine erhebliche Wucht. Gitarren und Bass bewegen sich schwerfällig vorwärts, während die Stimme wie eine aus dem Untergrund kommende Beschwörung darüberliegt. Sobald das Schlagzeug erneut beschleunigt, wirkt die Raserei umso heftiger.
Die Synthesizer besitzen stellenweise eine deutliche Dungeon-Synth-Färbung, werden aber nicht zum nostalgischen Selbstzweck. Sie erweitern vielmehr den rituellen Raum und verleihen der Komposition eine beinahe filmische Tiefe.
Der Wechsel zwischen nordischer Schärfe und einer okkulten, stärker mediterran geprägten Atmosphäre funktioniert hier besonders gut. Feralia zeigen, dass ihre Identität nicht allein aus historischen Texten entsteht, sondern ebenso in der musikalischen Verbindung verschiedener kultureller Einflüsse steckt.
DAS MIASMA SCHLIESST SICH
»Miasma« beendet das Album direkter, aber keineswegs eindimensional. Der Bass von Krhura rückt deutlich nach vorn und gibt den Gitarren ein tiefes, beinahe erstickendes Fundament.
Die Synthesizer hängen wie dichter Nebel über der Komposition, während das Riffing zwischen schnellen Angriffen und schweren, höhlenartigen Bewegungen wechselt. Der Gesang fällt besonders bösartig aus und steigert die klaustrophobische Wirkung.
Der Titel hält, was er verspricht: Die Musik wirkt wie eine giftige Ausdünstung, die sich langsam im Raum verteilt. Selbst die schnelleren Passagen vermitteln keine Befreiung, sondern beschleunigen lediglich den endgültigen Kontrollverlust.
Zum Ende lösen sich die Instrumente nicht in einem großen heroischen Finale auf. Die Musik zieht sich vielmehr in die Dunkelheit zurück und hinterlässt eine Atmosphäre, die auch nach dem letzten Ton bestehen bleibt.
Als Abschluss funktioniert »Miasma« hervorragend. Das Stück fasst die rohe, atmosphärische und spirituelle Seite des Albums zusammen, ohne lediglich frühere Motive zu wiederholen.
ZWISCHEN SKANDINAVISCHER KÄLTE UND RÖMISCHER ERDE
Die musikalischen Wurzeln liegen deutlich im skandinavischen Black Metal. Bathory, frühe Enslaved, Burzum und die atmosphärischeren Seiten von Darkthrone bieten Orientierung. Hinzu kommen mediterrane Dunkelheit und der okkulte Geist italienischer Formationen wie Mortuary Drape.
Feralia verbinden diese Einflüsse zunehmend zu einer eigenen Sprache. Die Gitarren können frostig und weit klingen, tragen gleichzeitig aber eine feierliche, beinahe antike Melodik in sich. Italienische Texte und lateinische Begriffe verstärken diesen Charakter.
Die Produktion verweigert sowohl vollkommenen Old-School-Schmutz als auch moderne Hochglanzpolitur. Gitarren und Gesang besitzen eine raue Oberfläche, während Bass, Synthesizer und akustische Instrumente ausreichend deutlich bleiben.
Gerade die Synthesizer sind wichtig. Sie werden nicht permanent eingesetzt, öffnen aber immer wieder Räume hinter der eigentlichen Band. Besonders »Pharsalia«, »Empireo«, »Defigere« und »Miasma« profitieren davon.
Die Länge von beinahe 53 Minuten verlangt allerdings Aufmerksamkeit. Die meisten Stücke überschreiten deutlich die Marke von sechs Minuten, und die konsequent düstere Grundstimmung kann beim beiläufigen Hören monolithisch wirken.
Einzelne Abschnitte hätten etwas straffer ausfallen können. Besonders die konventionellere Ausrichtung von »Marpiter« erreicht nicht ganz die individuelle Wirkung der übrigen Songs. Einen tatsächlichen Ausfall gibt es jedoch nicht.
DIE LETZTE RUHE ALS SCHWELLE
Der Tod wird auf »Ultima Requies« nicht einfach als endgültiges Verstummen behandelt. Er ist eine Grenze, hinter der verbotene Erkenntnis, Erinnerung und Transformation warten.
Dieses Verständnis zieht sich durch Musik, Texte und Gestaltung. Die Songs wirken weniger wie voneinander getrennte Einzelstücke als wie Stationen eines zusammenhängenden Übergangsritus. Aggressive Ausbrüche stehen dabei für körperliche Gewalt, während ruhigere und synthetische Passagen den Blick auf etwas Ungreifbares richten.
Gegenüber »Helios Manifesto« sowie »Under Stige / Over Dianam« erscheint die musikalische Sprache reifer. Der Gegensatz aus traditionellem Black Metal und atmosphärischer beziehungsweise akustischer Erweiterung wird nicht mehr in getrennte Bereiche aufgeteilt.
Stattdessen existieren beide Seiten innerhalb derselben Kompositionen. Gerade dadurch wirkt das dritte Album geschlossener. Die Musik bleibt roh, besitzt aber genügend Details, um mit jedem Durchlauf weitere Ebenen freizulegen.
FAZIT:
»Ultima Requies« ist ein starkes drittes Album, auf dem Feralia skandinavisch geprägten Black Metal mit mediterraner Ritualistik, antiker Symbolik und einer tiefen spirituellen Atmosphäre verbinden. Besonders »Ballata Avernale«, das zentrale »Pharsalia«, das vielseitige »Defigere« und der erstickende Abschluss »Miasma« überzeugen. Synthesizer, Mandoline und akustische Gitarren erweitern das Klangbild, ohne die aggressive Grundlage zu verwässern. Die lange Spielzeit und einige ausgedehnte Wiederholungen verlangen Konzentration, während das vergleichsweise konventionelle »Marpiter« etwas hinter den stärksten Titeln zurückbleibt. Insgesamt ist »Ultima Requies« jedoch weit mehr als eine historische Kulisse über gewöhnlichem Black Metal. Das Album wirkt wie ein sorgfältig ausgearbeitetes Totenritual, dessen letzte Klänge besser nicht von einer Antwort aus dem Jenseits begleitet werden sollten.






