Tracklist
01. Ghosts Of Europa
02. Return To The Old Fields
03. The Faith That Fades Away
04. Violent Silence
05. Transcending Morpheus
06. Tundra, Heart Of Hell
07. Tribes Of Dystopia
08. Farewell Romero
Besetzung
Mortiis – Gesang, Keyboards und Programmierung
Gastmusiker:
Christopher Rakkestad – Gesang
Sarah Jezebel Deva – Gesang
Iliana Basileios Tsakiraki – Gesang
Laurie Ann Haus – Gesang
Computorgirl – Gesang
Matthew Setzer – Kehlkopfgesang
Christopher Amott – Leadgitarre
Emil Nikolaisen – Gitarren und Effekte
Thomas Bolverk – Gitarre
Thorsten Quaeschning – zusätzliche Synthesizer und Sequenzer
Neithan – Röhrenglocken, Vibrafon und Keyboards
Produktion:
Co-Produktion und frühe Gesangsaufnahmen – Stephan Groth
Mixing – Sean Beavan
Mastering – Jules Seifert
Artwork – Nihil
Layout – Laurent Clément
Kaum ein Künstler hat seine musikalische Identität im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte so häufig auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und anschließend erneut über den Haufen geworfen wie Mortiis. Vom frühen Dungeon Synth über Darkwave und elektronischen Pop bis hin zum aggressiven Industrial Rock führte der Norweger seine Hörerschaft durch mehrere deutlich voneinander getrennte Schaffensphasen. »Ghosts Of Europa« versucht nun gar nicht erst, eine dieser sogenannten Eras vollständig wiederzubeleben. Stattdessen verbindet das Album elektronische Klanglandschaften, Industrial, Gothic Rock, Ambient, Darkwave und eine Prise poppiger Eingängigkeit zu einem düster-futuristischen Gesamtwerk. Die acht Stücke entstanden über mehrere Jahre und waren ursprünglich teilweise als Zusammenarbeit mit Stephan Groth von Apoptygma Berzerk vorgesehen. Von dieser frühen Ausrichtung sind Einflüsse der Berliner Schule, von Tangerine Dream und Klaus Schulze geblieben. Der Rest wurde so lange verändert, erweitert und neu zusammengesetzt, bis ein Album entstand, das vertraut nach Mortiis klingt und dennoch einige bisher unbekannte Räume öffnet.
DIE GEISTER ERWACHEN
Der Titeltrack beginnt mit flächigen Synthesizern, einer sanften elektronischen Pulsbewegung und Stimmen, die wie Erinnerungen aus einer längst untergegangenen Zivilisation durch das Klangbild ziehen. Statt mit einem kräftigen Industrial-Beat unmittelbar die Tore einzutreten, lässt Mortiis die Komposition langsam Gestalt annehmen.
Der wiederholte Refrain wirkt beinahe beschwörend. Mortiis’ tiefer Gesang wird von Sarah Jezebel Deva, Laurie Ann Haus und weiteren Stimmen umgeben, wodurch eine geheimnisvolle Chorwirkung entsteht. Zusätzliche Synthesizer und Sequenzer von Thorsten Quaeschning erweitern das Stück um deutlich erkennbare Einflüsse der Berliner Elektronikschule.
Trotz der langen Laufzeit bleibt der Song nachvollziehbar. Kleine rhythmische Veränderungen, neue Gesangsschichten und zusätzliche Flächen sorgen dafür, dass sich das zunächst einfache Motiv stetig weiterentwickelt. Die Stärke liegt nicht in einem großen Höhepunkt, sondern in der hypnotischen Wiederholung.
»Return To The Old Fields« setzt diesen Ansatz fort, fällt aber noch weiter und atmosphärischer aus. Weite Synthesizerflächen, entfernte Stimmen und ein bewusst zurückhaltender Rhythmus erzeugen das Bild einer leeren Landschaft, in der nur noch Erinnerungen an vergangene Zeiten zurückbleiben.
Mortiis selbst tritt erst relativ spät deutlicher hervor. Sein Gesang wirkt wie ein menschlicher Fremdkörper innerhalb der kühlen elektronischen Umgebung. Gerade dieser Gegensatz gibt dem Song emotionale Tiefe.
Wer hier eine Rückkehr zu den rein instrumentalen Dungeon-Synth-Werken der frühen Neunzigerjahre erwartet, dürfte überrascht sein. Die Atmosphäre erinnert zwar gelegentlich an diese Phase, doch die Produktion und der Songaufbau stehen fest in der Gegenwart.
GLAUBE, DER LANGSAM VERBLASST
»The Faith That Fades Away« rückt stärker in Richtung Darkwave und Gothic Rock. Ein schwerer elektronischer Rhythmus bewegt sich unter melancholischen Synthesizern, während die Gesangsspuren zwischen menschlicher Wärme und künstlicher Verfremdung wechseln.
Der Refrain gehört zu den eingängigsten Momenten des Albums. Trotz der düsteren Stimmung besitzt er eine melodische Klarheit, die an die zugänglichere Phase rund um »The Smell Of Rain« erinnert. Die Produktion fällt allerdings breiter, cineastischer und weniger eindeutig auf eine einzelne Stilrichtung festgelegt aus.
Inhaltlich zieht sich durch das Album eine Mischung aus Verlust, Selbstkritik und beschädigten Beziehungen. Die Geister Europas sind daher nicht nur Wesen aus vergangenen Zeiten. Sie können ebenso als Erinnerungen an Menschen, Entscheidungen und Teile der eigenen Persönlichkeit verstanden werden, die nicht vollständig verschwinden.
»Violent Silence« arbeitet anschließend wesentlich deutlicher mit Industrial und elektronischem Pop. Ein steriler, maschineller Beginn trifft auf stark bearbeitete Stimmen und einen Rhythmus, der zunehmend an Härte gewinnt.
Der intensive Einsatz von Vocoder und künstlicher Tonhöhenbearbeitung dürfte polarisieren. Einerseits passt die verfremdete Stimme ausgezeichnet zur kalten und dystopischen Umgebung. Andererseits entsteht eine emotionale Distanz, die den persönlichen Charakter des Textes stellenweise abschwächt.
Im weiteren Verlauf wird der Song rauer. Verzerrungen und dunklere Klangschichten brechen die anfängliche Glätte auf, sodass der Gegensatz aus Maschine und Mensch zum eigentlichen Thema der Komposition wird. Nicht jede Produktionsentscheidung überzeugt sofort, langweilig wird es jedoch zu keinem Zeitpunkt.
JENSEITS VON MORPHEUS
»Transcending Morpheus« gehört zu den seltsamsten und zugleich stärksten Stücken. Weibliche Stimmen, elektronische Chöre und dunkle Synthesizer erzeugen eine beinahe rituelle Atmosphäre. Ein künstlich klingender Sprecher tritt hinzu und verstärkt den Eindruck einer Zeremonie, die von einer Maschine rekonstruiert wird.
Nach der ersten Hälfte verändert sich die Komposition. Die Musik wird rhythmischer und erinnert zeitweise an einen dystopischen Filmsoundtrack. Industrial-Texturen, digitale Effekte und atmosphärische Flächen greifen eng ineinander.
Der Song zeigt besonders deutlich, dass »Ghosts Of Europa« nicht als Sammlung einzelner Clubtitel gedacht ist. Die Stücke funktionieren am besten innerhalb des vollständigen Albumflusses und führen den Zuhörer schrittweise durch unterschiedliche Bereiche derselben fremdartigen Welt.
Mit »Tundra, Heart Of Hell« folgt eine vergleichsweise direkte Nummer. Kalte Synthesizer, ein klarer elektronischer Beat und eine griffige Gesangsmelodie bilden das Fundament. Die Tundra erscheint dabei nicht als friedliche Winterlandschaft, sondern als lebensfeindlicher Ort, unter dessen Oberfläche etwas Bedrohliches wartet.
Der Song verbindet die Zugänglichkeit der Darkwave-Phase mit jener düsteren Größe, die bereits die frühen Werke von Mortiis ausgezeichnet hat. Gerade weil die Komposition weniger verschachtelt ist, setzt sie in der zweiten Albumhälfte einen wichtigen Akzent.
Die Mischung aus elektronischem Pop und bedrohlicher Atmosphäre funktioniert ausgesprochen gut. Selbst der vergleichsweise eingängige Refrain verliert nie das Gefühl, dass hinter der nächsten Schneeverwehung irgendetwas ganz und gar nicht Menschliches lauert.
STÄMME DER DYSTOPIE
»Tribes Of Dystopia« bringt stärkere Gitarrenanteile in das Album. Christopher Amott setzt an der Leadgitarre deutliche Akzente, während Matthew Setzer mit seinem Kehlkopfgesang eine zusätzliche archaische Ebene einzieht.
Elektronische Rhythmen und Industrial-Texturen bleiben das Fundament, werden aber von härteren Klängen durchbrochen. Dadurch entsteht einer der körperlichsten Songs der Platte. Nach mehreren weitläufigen und melancholischen Stücken wirkt die kompaktere Albumfassung wie ein konzentrierter Energieschub.
Die unterschiedlichen Gastbeiträge sind grundsätzlich eine Stärke. Stimmen, Gitarren und ungewöhnliche Instrumente erweitern Mortiis’ Klangwelt, ohne den zentralen Charakter vollständig zu überdecken.
Gelegentlich entsteht jedoch der Eindruck, dass sehr viele Klangfarben gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpfen. Besonders die stark bearbeiteten Stimmen lassen sich nicht immer eindeutig voneinander unterscheiden. Das passt zwar zum Konzept einer entmenschlichten Zukunft, nimmt einzelnen Gastauftritten aber etwas Persönlichkeit.
»Farewell Romero« beendet das Album melancholischer. Elektronische Flächen, ein zurückhaltender Beat und eine vergleichsweise offene Gesangslinie tragen eine Komposition über Schmerz, Abschied und den Versuch, zumindest einen Teil der inneren Belastung zurückzulassen.
Nach der fremdartigen Wucht von »Tribes Of Dystopia« wirkt der Abschluss beinahe intim. Mortiis versteckt sich weniger hinter einer großen Klangarchitektur und lässt die emotionale Aussage stärker hervortreten.
Das Ende fällt allerdings recht abrupt aus. Dieser Eindruck entsteht auch bei einigen anderen Stücken, deren sorgfältig aufgebaute Atmosphäre plötzlich beendet wird. Ein etwas längeres Ausklingen hätte dem Albumabschluss zusätzliche Wirkung verliehen.
ALLE ERAS UND DOCH KEINE DAVON
Wer Mortiis nur mit Dungeon Synth verbindet, wird von »Ghosts Of Europa« vermutlich überrascht. Die frühen atmosphärischen Grundlagen sind weiterhin hörbar, werden aber mit Darkwave, elektronischem Pop, Industrial Rock und cineastischem Ambient verbunden.
Das Album blickt dabei nicht nostalgisch zurück. Bekannte Elemente früherer Schaffensphasen werden nicht einfach kopiert, sondern in eine neue Umgebung versetzt. Die Melodik von »The Smell Of Rain«, die Härte späterer Industrial-Veröffentlichungen und die weitläufigen Klangräume der Anfangsjahre tauchen in veränderter Form auf.
Besonders gelungen ist die Dramaturgie. Trotz einer Laufzeit von rund 50 Minuten wirkt das Album selten langatmig. Ruhige Passagen und klarere Songstrukturen wechseln einander ab, während wiederkehrende Synthesizerfarben für Zusammenhalt sorgen.
Natürlich verlangt diese Musik Geduld. Wer kurze, unmittelbar zündende Industrial-Songs erwartet, dürfte einige der siebenminütigen Entwicklungen als zu ausgedehnt empfinden. Die Stücke wollen jedoch weniger zuschlagen als eine vollständige Umgebung errichten.
SEAN BEAVAN ÖFFNET DEN KLANGRAUM
Für das Mixing konnte Sean Beavan gewonnen werden, dessen Arbeit mit Nine Inch Nails, Depeche Mode, Marilyn Manson und zahlreichen weiteren Künstlern deutliche Spuren hinterlassen hat. Der Mix wirkt groß, detailliert und angenehm räumlich.
Synthesizer, Stimmen, Gitarren und elektronische Rhythmen besitzen jeweils genügend Platz. Selbst in den dichtesten Momenten bleibt das Klangbild weitgehend nachvollziehbar. Die tiefen Frequenzen erzeugen Druck, ohne die atmosphärischen Ebenen zu verschlucken.
Das Mastering von Jules Seifert bewahrt die Unterschiede zwischen leisen und intensiveren Passagen. Die Platte klingt modern und kraftvoll, wird aber nicht zu einer dauerhaft lauten Fläche zusammengedrückt.
Einige künstlich verfremdete Gesangspassagen werden bewusst sehr präsent eingesetzt. Das ist eine ästhetische Entscheidung, die nicht jedem gefallen wird. Gerade in »Violent Silence« und Teilen von »Transcending Morpheus« wäre eine natürlichere Stimme emotional möglicherweise wirkungsvoller gewesen.
Trotzdem gehört die Produktion zu den großen Stärken. Sie verbindet kalte Präzision mit überraschend warmen Flächen und lässt das Album gleichzeitig futuristisch, alt und zeitlos erscheinen.
KREATIVE BEFREIUNG MIT KLEINEN STOLPERSTEINEN
Mortiis bezeichnet das Album selbst als kreative Befreiung. Dieser Gedanke ist hörbar. Die Stücke halten sich weder konsequent an klassische Songstrukturen noch an eine bestimmte elektronische Stilrichtung.
Genau daraus entsteht die Eigenständigkeit. »Ghosts Of Europa« kann im selben Stück melancholischer Darkwave, Berliner Elektronik, Industrial und einen beinahe sakralen Chor miteinander verbinden, ohne vollständig auseinanderzufallen.
Nicht jede Idee besitzt dieselbe Wirkung. Manche Gesangseffekte wirken etwas zu dominant, einzelne Übergänge und Enden fallen abrupt aus und die Vielzahl der beteiligten Stimmen verwischt gelegentlich die individuelle Identität der Gäste.
Diese Schwächen sind jedoch eng mit dem experimentellen Charakter verbunden. Ein stärker geglättetes und vorsichtigeres Album wäre vermutlich geschlossener, aber auch wesentlich weniger interessant geworden.
Mortiis zeigt damit erneut, dass seine musikalische Vergangenheit kein Gefängnis ist. Er kennt die Erwartungen seiner langjährigen Hörerschaft, nimmt sie zur Kenntnis und geht anschließend trotzdem in eine andere Richtung.
FAZIT:
»Ghosts Of Europa« ist ein vielschichtiges, düsteres und überraschend emotionales elektronisches Album. Mortiis verbindet Elemente seiner unterschiedlichen Schaffensphasen mit Darkwave, Industrial Rock, Ambient, elektronischem Pop und Einflüssen der Berliner Schule. Besonders der geheimnisvolle Titeltrack, »Return To The Old Fields«, das eingängige »The Faith That Fades Away«, das rituelle »Transcending Morpheus« und »Tundra, Heart Of Hell« überzeugen. Sean Beavans räumlicher Mix gibt den zahlreichen Synthesizern, Stimmen und Gastbeiträgen genügend Platz. Die starke Bearbeitung einiger Gesangsspuren, gelegentlich abrupte Enden und einzelne sehr ausgedehnte Entwicklungen verhindern die Höchstwertung. Dennoch ist »Ghosts Of Europa« keine nostalgische Zusammenfassung einer langen Karriere, sondern ein mutiger weiterer Schritt. Wer Mortiis unbedingt in einer bestimmten Era festhalten möchte, dürfte daran verzweifeln. Alle anderen können sich in diesen fremdartigen Klanglandschaften hervorragend verlieren.






