Tracklist
01. Crimson Skies
02. Wanderer
03. Portal
04. God Of Sleep
05. Lucifer’s Mule
06. I Wanna Be Your Dog
Besetzung
Marcos Coifman – Gesang und Bass
Mauricio Guerrero – Leadgitarre
Andres Rhor – Gitarre
Hokama – Schlagzeug und Gitarre
Das Ende des Lichts ist im Doom Metal selten ein konkreter Augenblick. Es ist vielmehr jener Zustand, in dem Gewissheiten verschwinden, vertraute Wege unkenntlich werden und die Dunkelheit nicht länger bloß Kulisse, sondern ein eigener Lebensraum ist. Der Titel »The Unfolding At The End Of Light« lässt sich entsprechend als langsame Entfaltung dieser Finsternis verstehen. Das Debütalbum der aus Lima stammenden Illwind bewegt sich lyrisch durch rote Himmel, zielloses Wandern, Schlaf, Schwellenräume und luziferische Bildwelten. Statt eine klar umrissene Geschichte zu erzählen, erschaffen die Texte eine Abfolge poetischer Szenen über Isolation, Vergänglichkeit, innere Abgründe und die Anziehungskraft des Unbekannten.
Musikalisch überführen Illwind den traditionellen Doom Metal der Siebziger- und Achtzigerjahre in eine breiter aufgestellte Klangwelt. Langsame, schwere Riffs und klarer, emotional aufgeladener Gesang bilden das Fundament. Hinzu kommen Stoner Rock, Sludge, Post-Punk-Melancholie, vereinzelte Black-Metal-Ausbrüche und die analoge Wärme des klassischen Heavy Rock. Veröffentlicht wird das im Dragonverde Studio aufgenommene Werk über das von Jacobo Córdova aus Majestic Downfall geführte Label Personal Records.
Dass hier keine unerfahrenen Musiker am Werk sind, lässt sich bereits an der Besetzung erkennen. Mitglieder von Reino Ermitaño, Cobra, Arcada und Argul bündeln ihre unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen zu einem gemeinsamen Verständnis von Schwere. Das Ergebnis klingt tief in der Geschichte des Doom Metal verwurzelt, beschränkt sich aber nicht auf die bloße Wiederholung alter Vorbilder.
TRADITION ALS AUSGANGSPUNKT
Der mehr als zehnminütige Auftakt »Crimson Skies« nimmt sich ausreichend Zeit, um den Charakter des Albums offenzulegen. Das Schlagzeug bewegt sich schwer und beinahe zeremoniell, während Bass und Gitarren eine massive Wand aus gedehnten Akkorden errichten. Über diesem Fundament steht der klare Gesang von Marcos Coifman, der nicht auf theatralische Überhöhung angewiesen ist. Seine Stimme trägt eine natürliche Schwermut in sich und passt damit hervorragend zu den langsamen Bewegungen der Musik.
Im weiteren Verlauf lässt die Band immer wieder rauere Sludge-Metal-Elemente und melodische Leadgitarren in das Stück einfließen. Dadurch entsteht kein vollständig statischer Monolith. Unter der Oberfläche bleibt die Musik in Bewegung, auch wenn sich das Tempo kaum verändert. Die analoge Produktion verstärkt diesen Eindruck. Gitarren, Bass und Schlagzeug klingen nicht klinisch getrennt, sondern scheinen gemeinsam in einem abgedunkelten Raum zu atmen.
»Wanderer« fällt kompakter aus und öffnet die Musik stärker in Richtung Siebzigerjahre. Klassischer Heavy Rock, psychedelische Färbungen und ein einprägsamerer Gesangsverlauf sorgen dafür, dass der Song schneller im Gedächtnis bleibt. Besonders die Leadgitarre von Mauricio Guerrero setzt melodische Akzente, ohne die gedrückte Grundstimmung aufzulösen. Die Nummer zeigt, dass Illwind trotz aller Langsamkeit ein gutes Gespür für wirkungsvolle Spannungsbögen besitzen.
Das folgende »Portal« zählt zu den unmittelbarsten Stücken des Albums. Der Titel beschreibt treffend seine Funktion: Der Song wirkt wie ein Übergang zwischen klassischem Doom und einer kälteren, stärker von Post-Punk und Gothic Rock beeinflussten Atmosphäre. Die Gitarren bleiben schwer, erhalten aber durch melancholische Melodien und offenere Klangflächen eine beinahe traumartige Qualität. Coifmans Gesang wird dabei zum ruhenden Mittelpunkt eines Arrangements, das Dunkelheit nicht ausschließlich durch Lautstärke erzeugt.
SCHLAF, SCHWERE UND LUZIFERISCHE WEITEN
Mit »God Of Sleep« kehrt die Band zu einem massiveren Riffing zurück. Das Stück verbindet die behäbige Gewalt des traditionellen Doom Metal mit einer deutlich schlammigeren Sludge-Schwere. Die Rhythmusgruppe arbeitet druckvoll, während sich die Gitarren wiederholt aus dem zähen Grundtempo lösen und kurze melodische Bewegungen entwickeln. Der Song besitzt genügend Wucht für den Nacken, bleibt aber stets in jener schläfrigen Zwischenwelt verankert, die bereits der Titel andeutet.
Den eigentlichen Mittelpunkt des Albums bildet jedoch »Lucifer’s Mule«. Mehr als 13 Minuten lang führen Illwind ihre Einflüsse zusammen. Traditioneller Doom, Stoner Rock, psychedelischer Heavy Rock und dunkle atmosphärische Passagen gehen ineinander über, ohne dass die Komposition ihre Richtung verliert. Das Schlagzeug von Hokama sorgt mit schweren, aber nicht vollständig berechenbaren Rhythmen für Bewegung. Darüber legen Mauricio Guerrero und Andres Rhor Gitarrenlinien, die zwischen massivem Riff, klagender Melodie und entrückter Improvisation wechseln.
Die lange Spielzeit wird größtenteils sinnvoll genutzt. Dennoch zeigt sich hier auch die größte mögliche Hürde des Albums. Illwind verlangen Geduld und die Bereitschaft, sich auf langsame Entwicklungen einzulassen. Nicht jede Wiederholung führt unmittelbar zu einer neuen Wendung. Wer geradlinige Songs und schnelle Höhepunkte erwartet, wird sich an einzelnen Stellen verloren fühlen. Für Freunde ausgedehnter Doom-Kompositionen liegt jedoch genau darin der Reiz.
Als Abschluss folgt eine Coverversion von The Stooges. »I Wanna Be Your Dog« ist längst zu einem vielfach interpretierten Klassiker geworden, doch Illwind übertragen die primitive Direktheit des Originals überzeugend in ihren eigenen Klang. Das berühmte Grundmotiv bleibt erkennbar, wird aber tiefer, schwerer und bedrohlicher gespielt. Nach den ausgedehnten Originalkompositionen funktioniert die Nummer zugleich als kompakter Ausstieg aus der zuvor aufgebauten Dunkelheit.
Die großen Namen des Genres sind auf »The Unfolding At The End Of Light« jederzeit präsent. Black Sabbath, Saint Vitus, Pentagram, Trouble, Candlemass und Warning gehören ebenso zum Koordinatensystem wie Yob, Windhand, Monolord oder Bell Witch. Illwind übernehmen deren Schwere, lassen aber genügend Post-Punk-Kälte, psychedelische Unruhe und südamerikanische Eigenwilligkeit einfließen, um nicht vollständig im Schatten ihrer Vorbilder zu verschwinden.
Die Produktion unterstützt diesen Ansatz. Sie klingt warm, körperlich und erfreulich wenig überarbeitet. Der Bass bleibt präsent, die Gitarren besitzen genügend Raum und das Schlagzeug wirkt wie ein Instrument aus einem echten Proberaum statt wie eine mathematisch angeordnete Sammlung einzelner Schläge. Diese Natürlichkeit passt zu einer Band, deren Musik von Atmosphäre, Wiederholung und dem gemeinsamen Gewicht aller Instrumente lebt.
FAZIT:
»The Unfolding At The End Of Light« ist ein bemerkenswert geschlossenes Doom-Debüt. Illwind bedienen sich deutlich bei den klassischen Grundlagen des Genres, erweitern diese aber um Stoner Rock, Sludge, Post-Punk-Melancholie, psychedelischen Heavy Rock und vereinzelte schwarze Ausbrüche. Dadurch klingt das Album traditionell, ohne vollständig in nostalgischer Rückschau zu verharren.
Besonders »Crimson Skies«, »Portal«, »God Of Sleep« und das ausgedehnte »Lucifer’s Mule« zeigen das Potenzial der Peruaner. Die Musiker verstehen es, langsame Kompositionen mit Atmosphäre zu füllen und auch innerhalb langer Wiederholungen kleine Veränderungen wirksam einzusetzen. Marcos Coifmans emotionaler Gesang, die melodische Gitarrenarbeit und die organische Produktion verleihen dem Material eine klare Identität.
Vollkommen frei von den üblichen Schwierigkeiten des Genres ist das Album nicht. Einige Passagen könnten konzentrierter ausfallen, und wer nach sofortigen Refrains oder kompakten Songstrukturen sucht, wird mit der Geduld der Band kaum glücklich werden. Für eingefleischte Doom-Metal-Anhänger ist diese bewusste Langsamkeit jedoch kein Mangel, sondern wesentlicher Bestandteil der Wirkung. Illwind haben ihren Weg noch nicht vollständig zu Ende beschritten, setzen mit diesem Debüt aber ein starkes erstes Zeichen.






