Tracklist
01. Isle of the Dead
02. Skeleton Key
03. Last Nail in the Coffin
04. Cosmic Dawn
05. Give Up the Ghost
06. Red Horizon
07. Blood Moon
08. Nightmare Mass
Besetzung
Sean Rivera – Gesang und Keyboards
Eric „Swede“ Harriman – Gitarre
Brian Crites – Bass
Brennan Kunkel – Schlagzeug
Coffin Hunters brauchen auf »Cosmic Dawn« keine stilistische Tarnung. Hammond-Orgel, galoppierender Bass, hohe Gesangslinien, breite Gitarrenharmonien und klassischer Heavy Metal stehen vom ersten Stück an offen im Klangbild. Das Quartett aus Santa Rosa in Kalifornien baut daraus ein Album, das seine Vorlieben für die Siebziger und Achtziger deutlich zeigt, sich jedoch nicht auf das Nachspielen alter Vorbilder beschränkt. Progressive Übergänge, psychedelische Farben, kurze Speed-Metal-Schübe und vereinzelte Blastbeats erweitern die traditionelle Grundlage genau an den richtigen Stellen.
»Cosmic Dawn« ist das dritte vollständige Album der 2017 gegründeten Band. Nach der EP »Coffin Lord«, dem Debüt »The Fire Knight« und »Wake the Dead« klingt die Gruppe heute selbstbewusster, geschlossener und kompositorisch deutlich beweglicher. Coffin Hunters schreiben keine komplizierten Lieder, um technische Fähigkeiten auszustellen. Die vielen Wechsel dienen der Dramaturgie, während Refrains, markante Riffs und nachvollziehbare Melodien den Kern bilden.
Wer Judas Priest, frühe Iron Maiden, Uriah Heep, Blue Öyster Cult, Manilla Road, Angel Witch, Dio oder Crypt Sermon schätzt, findet schnell bekannte Koordinaten. Trotzdem besitzt die Band eine eigene Handschrift. Dafür sorgen Sean Riveras theatralischer Gesang, die ständig mit der Gitarre kommunizierenden Keyboards und eine Rhythmusarbeit, die selbst in den verspielteren Abschnitten nie den direkten Zugriff verliert. Science-Fiction, Fantasy, Tod, Mythologie und existenzielle Fragen ergeben den thematischen Rahmen für acht Stücke, die bewusst nach einem klassischen Album mit zwei Seiten angeordnet sind.
ZWISCHEN HARD ROCK, NWOBHM UND PROGRESSIVE ROCK
Der wichtigste Unterschied zu vielen Retro-Bands liegt in der Gewichtung der Einflüsse. Coffin Hunters verwenden die Orgel nicht als nostalgisches Zubehör und die zweistimmigen Gitarren nicht als Pflichtübung. Beide Elemente bestimmen, wie sich die Songs bewegen. Rivera kann mit einer warmen Orgelfläche einen harmonischen Raum öffnen, Harriman legt darüber eine klare Melodielinie, und wenige Takte später beschleunigt das Quartett in einen traditionellen Heavy-Metal-Galopp. Diese Übergänge geschehen flüssig, weil Bass und Schlagzeug jede Richtungsänderung präzise vorbereiten.
Das Album lebt von diesem gemeinsamen Verständnis. Brian Crites spielt einen deutlich wahrnehmbaren Bass, der nicht bei der Verdopplung der Gitarre stehen bleibt. Seine Läufe geben den Stücken Schwung und verbinden den Hard Rock der Siebziger mit der Beweglichkeit der NWOBHM. Brennan Kunkel setzt dazu trockene, natürliche Schläge, verändert seine Akzente häufig und lässt die härteren Ausbrüche wirkungsvoll erscheinen, weil er nicht permanent maximale Geschwindigkeit verlangt.
Eric „Swede“ Harriman übernimmt mit seinen Riffs und Soli den melodischen Hauptanteil. Er spielt präzise, aber nie steril. Seine Leads dürfen singen, kurze harmonische Figuren bleiben im Gedächtnis, und selbst schnelle Passagen behalten eine erkennbare Linie. Rivera ergänzt diese Arbeit mit Orgel, Synthesizern und einer Stimme, die hohe Register ohne Scheu benutzt. Zusammen entsteht ein Klang, der gleichzeitig erdig, räumlich und erstaunlich frisch wirkt.
Das fantastische Zusammenspiel der Band ist folglich der eigentliche Star der Platte. Besonders überzeugend ist, wie aufmerksam die vier Musiker aufeinander reagieren. Die Gitarre macht Platz, wenn das Keyboard eine melodische Führung übernimmt. Der Bass betont Übergänge, bevor das Schlagzeug das Tempo anzieht. Rivera kann lange Töne über das Geschehen legen, ohne dass die Instrumente unter ihm zu einer gleichförmigen Begleitung werden. Diese Disziplin verleiht auch den längeren Stücken eine nachvollziehbare Form.
ISLE OF THE DEAD: EIN VIELSCHICHTIGER AUFTAKT
»Isle of the Dead« beginnt ruhig und leicht entrückt. Orgelklänge, zurückgenommene Gitarren und ein weiter Raum führen in das Album, bevor die gesamte Band in ein federndes Midtempo wechselt. Bereits in den ersten Minuten wird deutlich, dass Coffin Hunters nicht zwischen Hard Rock und Heavy Metal wählen wollen. Die Siebziger liefern die Klangfarben, die Achtziger den rhythmischen Vorwärtsdrang.
Rivera setzt früh ein markantes Zeichen. Seine Stimme ist voll, hoch und deutlich dramatischer als bei einem typischen Blues- oder Hard-Rock-Sänger. Einige Spitzen erinnern an Geoff Tate, während die tieferen Passagen eine wärmere und bodenständigere Färbung besitzen. Das ist kein gefälliger Gesang für jede Hörgewohnheit. Wer mit ausdrucksstarken hohen Stimmen wenig anfangen kann, wird anfangs eine gewisse Distanz verspüren. Im Kontext der Musik entwickelt diese Stimme jedoch schnell Autorität.
Harrimans Gitarre führt den Song nicht über ein einziges dominantes Riff. Mehrere kleine Motive greifen ineinander, und die Orgel verändert ihre Funktion zwischen Fläche, Gegenmelodie und rhythmischer Verstärkung. Crites und Kunkel halten den Ablauf zusammen, ohne ihn zu vereinfachen. Besonders der Bass gibt dem Mittelteil eine Bewegung, die unter den großen Gesangslinien leicht überhört werden könnte.
Als Auftakt ist »Isle of the Dead« anspruchsvoller, als es zunächst scheint. Der Song besitzt einen eingängigen Grundcharakter, nimmt sich aber Zeit für Stimmungswechsel und progressive Übergänge. Genau das kann beim ersten Durchlauf etwas reserviert wirken. Die Platte präsentiert ihren stärksten unmittelbaren Zugriff erst später. Nach mehreren Durchläufen erweist sich der Opener dennoch als sorgfältig aufgebautes Stück, das nahezu alle wichtigen Bestandteile des Albums früh vorstellt.
SKELETON KEY: VIER MUSIKER IN STÄNDIGER BEWEGUNG
»Skeleton Key« wirkt kompakter und setzt schneller auf einen hüpfenden Rhythmus. Die Gitarren arbeiten mit kurzen, klar voneinander abgesetzten Figuren, während Bass und Schlagzeug einen federnden Puls erzeugen. Darüber wechseln Rivera und Harriman zwischen Gesang, Orgel und Leadgitarre, ohne den Refrain mit zusätzlichen Ebenen zu überladen.
Der Song zeigt besonders gut, weshalb die Kombination der vier Musiker funktioniert. Jeder beteiligt sich aktiv an der melodischen Entwicklung. Kunkel setzt nicht nur den Takt, sondern beantwortet einzelne Riffs mit kleinen Fills. Crites verschiebt seine Basslinie, sobald die Gitarre in höhere Lagen geht. Rivera begleitet die Gesangspausen mit Tastenklängen, die den Raum erweitern, und Harriman findet ein Solo, das den Charakter des Songs fortführt, statt einen losgelösten Technikblock einzubauen.
Der Refrain bleibt unmittelbar hängen, obwohl der Aufbau mehrere Wendungen besitzt. Traditioneller Heavy Metal und Progressive Rock stehen hier nicht gegeneinander. Coffin Hunters lassen beides in einem Song funktionieren, der beim ersten Kontakt zugänglich ist und später zusätzliche Details preisgibt. Auch die Produktion hilft: Keine Spur wird künstlich nach vorne gezwungen, weshalb die Interaktion der Band jederzeit hörbar bleibt.
»Skeleton Key« gehört zu den Stücken, die den eigenen Stil am kompaktesten zusammenfassen. Der Track ist lebhaft, melodisch und kontrolliert verspielt. Er vermittelt den Eindruck einer Band, die das Material gemeinsam erarbeitet hat und jede Änderung als Gruppe ausführt. Diese Geschlossenheit bleibt bis zum Ende des Albums erhalten.
LAST NAIL IN THE COFFIN: RUHE, SPANNUNG UND GEFÜHL
Mit 6:32 Minuten ist »Last Nail in the Coffin« der längste Song der ersten Hälfte. Das Tempo sinkt, die Gitarren werden offener, und Riveras Stimme bekommt deutlich mehr Raum. Der Beginn wirkt beinahe balladesk, verzichtet jedoch auf süßliche Gesten. Die Band hält die Spannung über kleine harmonische Veränderungen und eine zunehmend kräftigere Rhythmusarbeit.
Harriman spielt hier eines seiner emotionalsten Soli. Der Ton ist warm, jede Phrase bleibt verständlich, und die Melodie entwickelt sich aus dem vorherigen Gesang. Das Keyboard legt eine zurückhaltende Tiefe darunter. Crites und Kunkel erhöhen den Druck schrittweise, bis aus dem ruhigen Beginn ein ausgewachsener Heavy-Metal-Song wird. Solche Steigerungen sind eine Kernkompetenz der Platte.
Rivera überzeugt besonders in den mittleren Lagen. Seine hohen Töne fallen sofort auf, doch die erzählerische Wirkung entsteht häufig dort, wo er seine Stimme kontrolliert zurücknimmt. »Last Nail in the Coffin« besitzt dadurch eine andere emotionale Temperatur als die beiden ersten Stücke. Weniger Bewegung, dafür größere melodische Bögen und ein spürbares Gewicht.
Ganz ohne Längen bleibt der Song nicht. Der erste Teil könnte etwas straffer ausfallen, und nicht jede Wiederholung vertieft die Wirkung. Gleichzeitig wäre eine deutlich kürzere Fassung wahrscheinlich zu geradlinig. Coffin Hunters nehmen sich bewusst die Zeit, den Wechsel von zurückhaltender Melancholie zu kraftvollem Metal nachvollziehbar zu gestalten. Das Ergebnis ist kein früher Höhepunkt, aber ein wichtiges Gegengewicht innerhalb der ersten Albumseite.
COSMIC DAWN: DER TITELTRACK BÜNDELT DIE STÄRKEN
Der Titeltrack bringt die Energie sofort zurück. »Cosmic Dawn« besitzt einen helleren Grundton, einen treibenden Puls und eine Gitarrenarbeit, die klassische NWOBHM-Harmonien mit progressiven Einzelheiten verbindet. Die Stimmung bleibt positiv, ohne harmlos zu werden. Das Hauptriff verfügt über genügend Druck, während Orgel und Stimme die kosmische Weite des Themas ausarbeiten.
Hier sitzt jeder Wechsel. Die Band beschleunigt, nimmt einzelne Instrumente kurz zurück und erreicht den Refrain ohne hörbare Nahtstellen. Rivera singt hoch, aber kontrolliert; Harriman antwortet mit melodischen Leads. Crites schiebt den Song mit einem präsenten Bass voran, und Kunkel sorgt mit wechselnden Beckenakzenten dafür, dass wiederkehrende Abschnitte nicht identisch klingen.
Das Stück kann als Verbindung zwischen den beiden Albumseiten verstanden werden. Die verschachtelte Anlage der ersten drei Songs bleibt erhalten, doch der direkte Zugriff der zweiten Hälfte ist bereits vorhanden. »Cosmic Dawn« klingt gleichzeitig abenteuerlich und konzentriert. Coffin Hunters verwenden ihre Science-Fiction-Bilder nicht für eine überladene Studiokulisse, sondern übersetzen sie in offene Harmonien, leuchtende Keyboards und eine Melodik mit klarer Aufwärtsbewegung.
Besonders stark ist das Solo. Harriman verbindet flüssige Läufe mit gesungenen Tönen und bleibt jederzeit im harmonischen Zusammenhang. Das Keyboard hält dagegen, ohne einen Wettbewerb zu beginnen. Dieser Austausch zeigt erneut, dass die Instrumentierung genau durchdacht wurde. Keine Ebene dient als bloße Verzierung; jeder Beitrag verändert die Bewegung des Songs.
GIVE UP THE GHOST: GALOPP UND TASTENARBEIT
Die zweite Hälfte beginnt mit »Give Up the Ghost« deutlich entschlossener. Ein galoppierender Rhythmus erinnert unmittelbar an Iron Maiden, doch die Keyboards verschieben das Stück in eine progressivere Richtung. Rivera nutzt Orgel und Synthesizer nicht nur für Hintergrundfarben. Kurze Läufe begleiten die Gitarren, übernehmen Übergänge und verleihen dem Refrain zusätzliche Größe.
Das Tempo passt perfekt zur Band. Kunkel kann die Akzente variieren, Crites findet zwischen den Gitarrenanschlägen Platz für bewegliche Bassfiguren, und Harriman wechselt zwischen Rhythmusarbeit und Melodieführung. Die Ryhthmusgruppe spielt kraftvoll und elastisch zugleich. Sie erzeugt den notwendigen Druck, lässt den beiden melodischen Instrumenten aber genügend Luft für ihre Antworten.
Riveras Gesang ist hier besonders gut in die Instrumentierung eingebettet. Seine hohen Linien sitzen über den Gitarren, ohne losgelöst zu wirken. Im Refrain zieht die gesamte Band gemeinsam an, während die Strophen mehr Platz für Orgel und Bass bieten. Die dynamischen Unterschiede sind nicht riesig, aber deutlich genug, um dem Song eine klare innere Gliederung zu geben.
»Give Up the Ghost« eröffnet den stärksten Abschnitt des Albums. Ab diesem Punkt folgen die unmittelbaren Treffer dichter aufeinander, die Tempi werden lebhafter, und die härteren Einflüsse treten deutlicher hervor. Dass die Band trotzdem ihren warmen Grundklang behält, spricht für die Produktion und das sorgfältige Sounddesign.
RED HORIZON: DER STÄRKSTE ANGRIFF DER PLATTE
»Red Horizon« ist der Höhepunkt von »Cosmic Dawn«. Der Song verbindet schnellen traditionellen Heavy Metal, NWOBHM-Galopp, große Gesangsbögen und unerwartete Blastbeats. Diese härteren Ausbrüche wirken nicht wie ein aufgesetzter Effekt. Kunkel führt sie aus dem bestehenden Rhythmus heraus ein, während Gitarre und Bass die melodische Richtung beibehalten.
Das Hauptriff ist unmittelbar verständlich, aber nicht banal. Harriman verändert kleine Betonungen, Crites setzt eigene Akzente darunter, und Rivera steigert seine Stimme vom kräftigen Erzählton bis in hohe, beinahe überschlagende Spitzen. Die Soli gehören zu den besten Momenten des Albums. Sie sind schnell, technisch sicher und melodisch genug, um auch nach dem Ende des Songs im Gedächtnis zu bleiben.
Die gesamte Band klingt hier besonders entschlossen. Keine Passage dauert länger als nötig, jeder Tempowechsel erhöht die Spannung, und selbst die progressiven Details bremsen den Fluss nicht. »Red Horizon« zeigt, wie Coffin Hunters klingen, wenn ihr klassischer Metal-Anteil mit voller Geschwindigkeit auf die verspielte Seite der Gruppe trifft.
Ein kleiner Einwand betrifft die Reihenfolge. Ein Song mit diesem unmittelbaren Zugriff hätte auch früher auf dem Album funktioniert. An sechster Stelle bildet er allerdings den Beginn eines starken Endspurts und belohnt jene Hörer, die sich auf die gemächlicher aufgebaute erste Hälfte eingelassen haben. Für die Dramaturgie einer Vinylplatte ist diese Position nachvollziehbar: Die zweite Seite erhält dadurch einen klaren Schwerpunkt.
BLOOD MOON: SPEED METAL IN KOMPAKTER FORM
Mit 3:51 Minuten ist »Blood Moon« das kürzeste Stück und zugleich einer der direktesten Treffer. Coffin Hunters erhöhen das Tempo, reduzieren die progressiven Umwege und konzentrieren sich auf schnelle Riffs, ein energisches Schlagzeug und einen Refrain mit sofortiger Wirkung. Die Nähe zum Speed Metal ist unverkennbar, ohne den melodischen Charakter des Albums aufzugeben.
Kunkel spielt explosiv und exakt. Seine Schläge besitzen Gewicht, bleiben aber beweglich genug für die vielen Akzentverschiebungen. Crites hält mit einer schnellen Basslinie dagegen, die im Mix klar erkennbar ist. Harriman setzt scharfe Rhythmusgitarren und ein kurzes, treffendes Solo darüber. Rivera muss sich gegen diese Geschwindigkeit behaupten und löst die Aufgabe mit einer seiner kraftvollsten Gesangsleistungen.
Der Song verdeutlicht, dass Coffin Hunters auch ohne längere Einleitungen und ausgedehnte Mittelteile funktionieren. Die Meldoien werden schnell gesetzt, der Refrain kommt rechtzeitig zurück, und nach knapp vier Minuten ist alles gesagt. Gerade im Zusammenhang mit den längeren Nachbarstücken liefert »Blood Moon« eine notwendige Verdichtung.
Hier zeigt sich außerdem, wie gut Greg Wilkinsons Mix mit höherem Tempo umgeht. Die Gitarren verlieren keine Kontur, die Becken überdecken die Stimme nicht, und der Bass bleibt trotz der dichten Rhythmusarbeit hörbar. Die Produktion bewahrt die Energie einer spielenden Band und liefert gleichzeitig die Klarheit, die für diese vielen Einzelbewegungen notwendig ist.
NIGHTMARE MASS: THEATRALISCHES FINALE MIT DOOM-GEWICHT
»Nightmare Mass« beendet das Album mit 6:20 Minuten und verbindet mehrere zuvor getrennte Seiten der Band. Langsamere, schwere Abschnitte treffen auf schnellere Heavy-Metal-Passagen, die Stimme wird besonders theatralisch, und Orgel sowie Gitarre übernehmen abwechselnd die Führung. Der Song besitzt eine dunklere Grundstimmung als »Blood Moon« und »Red Horizon«, verliert deren Energie jedoch nicht vollständig.
Rivera nutzt den Raum für eine große vokale Darbietung. Seine langen Töne, dramatischen Steigerungen und Wechsel zwischen kräftiger Mitte und hohen Spitzen passen zum Titel, ohne in unkontrolliertes Pathos zu kippen. Die Instrumente unterstützen ihn mit schweren Akkorden und gezielten Pausen. Wenn das Tempo wieder anzieht, bleibt der Übergang verständlich und erhält den Spannungsbogen.
Harrimans Gitarrenarbeit ist im Finale besonders vielseitig. Er spielt schwere Riffs, harmonisierte Linien und ein Solo, das nicht bloß die Geschwindigkeit der vorherigen Songs wiederholt. Crites und Kunkel verbinden die Abschnitte mit kleinen rhythmischen Verschiebungen. Das Keyboard gibt dem langsameren Material eine feierliche, leicht unheimliche Farbe und verhindert, dass die Doom-Anteile zu massiv werden.
Als Schlussstück funktioniert »Nightmare Mass« ausgezeichnet. Es fasst den melodischen Traditionalismus, die progressive Beweglichkeit und das Faible für dramatische Inszenierung zusammen. Der Song endet nicht mit dem schnellsten oder lautesten Moment, sondern mit einem bewusst gesetzten Abschluss. Nach dem letzten Ton bleibt kein unfertiger Gedanke zurück.
PRODUKTION UND SOUNDDESIGN: WARM, KLAR UND DYNAMISCH
Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde »Cosmic Dawn« von Greg Wilkinson in den Earhammer Studios in Oakland. Seine Produktion ist ein wesentlicher Grund für die Qualität des Albums. Der Klang zitiert nicht künstlich eine alte Aufnahme, sondern verbindet organische Instrumente mit moderner Trennschärfe. Die Gitarren besitzen Wärme und Druck, der Bass hat eine eigene Kontur, das Schlagzeug klingt natürlich und Riveras Stimme steht klar im Zentrum, ohne die Band an den Rand zu drücken.
Besonders gelungen ist die Behandlung der Keyboards. Hammond-Orgel und Synthesizer können leicht zu dominant, zu glatt oder wie nachträglich aufgesetzte Dekoration wirken. Hier erhalten sie einen festen Platz im Frequenzbild. Sie liegen neben der Gitarre, nicht pauschal dahinter, und verändern ihre räumliche Wirkung je nach Song. In »Isle of the Dead« schaffen sie Atmosphäre, in »Give Up the Ghost« erhöhen sie die Bewegung, und in »Nightmare Mass« tragen sie die dramatische Schwere.
Auch das Schlagzeug profitiert von dieser Entscheidung. Kunkels Snare besitzt einen trockenen Anschlag, die Toms behalten Körper, und die Becken werden bei hohem Tempo nicht zu einem dauerhaften Rauschen. Die wenigen Blastbeats in »Red Horizon« treffen deshalb deutlich härter. Wilkinson komprimiert die Platte nicht bis zur Bewegungslosigkeit. Zwischen ruhigen Einleitungen, Midtempo und Speed-Metal-Schüben bleiben hörbare Unterschiede bestehen.
Das Sounddesign folgt der Dramaturgie der Songs. Psychologische und kosmische Themen werden nicht durch endlose Effektschichten illustriert. Stattdessen ändern sich Raum, Keyboardfarbe und Gitarrenton. Ruhige Stellen wirken breiter, schnelle Passagen rücken näher zusammen, und Soli treten nach vorne, ohne den Zusammenhang mit der Band zu verlieren. Diese Sorgfalt macht »Cosmic Dawn« auch über Kopfhörer zu einem lohnenden Album.
DIE STIMME ALS CHARAKTERFRAGE
Sean Rivera wird die Meinungen am stärksten teilen. Sein Gesang ist hoch, stolz und oft deutlich theatralisch. Hinweise auf Geoff Tate, Bruce Dickinson, Mark Shelton oder David Coverdale sind nachvollziehbar, beschreiben aber jeweils nur einen Teil seines Ausdrucks. Rivera verbindet eine warme mittlere Lage mit spitzen Höhen und einem erzählerischen Vortrag, der gut zu Mythologie, Tod und Science-Fiction passt.
Seine Stimme verlangt Eingewöhnung, weil sie nicht beiläufig im Mix verschwindet. Manche hohen Endungen werden sehr lange gehalten, und an wenigen Stellen wäre weniger dramatischer Nachdruck wirkungsvoller gewesen. Das ist eine Frage der Dosierung, kein technisches Problem. Rivera singt sicher, besitzt Wiedererkennungswert und trägt entscheidend dazu bei, dass Coffin Hunters nicht wie eine Sammlung gut bekannter Einflüsse klingen.
Die beste Gesangsleistung findet sich nicht in einem einzelnen Track, sondern in der Bandbreite. »Last Nail in the Coffin« zeigt die kontrollierte, emotionale Seite, »Cosmic Dawn« die helle und melodische, »Blood Moon« die energische und »Nightmare Mass« die theatralische. Rivera passt seinen Vortrag an die Komposition an, während die Instrumente genügend Platz für seine langen Linien schaffen.
KLEINE SCHWÄCHEN IN EINEM STARKEN ALBUM
»Cosmic Dawn« erreicht nicht in jeder Minute das Niveau seiner besten Stücke. Die erste Albumhälfte braucht länger, bis sie ihren direkten Zugriff findet. »Isle of the Dead« und »Last Nail in the Coffin« sind sorgfältig geschrieben, wirken neben »Red Horizon« oder »Blood Moon« anfangs aber etwas zurückhaltend. Eine andere Reihenfolge hätte den ersten Eindruck unmittelbarer gestaltet.
Außerdem arbeitet die Band wiederholt mit einer ähnlichen Grundform: atmosphärischer oder riffbetonter Einstieg, Ausbau über Orgel und Gesang, progressive Überleitung, melodisches Solo und kraftvoller Schluss. Die individuellen Ideen der Songs verhindern Gleichförmigkeit, doch im Mittelteil können einzelne Strukturen beim ersten Durchlauf ineinanderlaufen. Mehr extreme dynamische Unterschiede hätten die Eigenständigkeit mancher Stücke zusätzlich betont.
Diese Einwände wiegen nicht schwer, weil das Album mit jedem Durchgang gewinnt. Bassdetails, Keyboardantworten, kleine Schlagzeugakzente und Gitarrenharmonien werden nach und nach deutlicher. Der starke zweite Teil verändert außerdem den Blick auf die erste Hälfte. Was zuerst reserviert erscheint, erfüllt später eine sinnvolle Funktion als langsamerer Aufbau vor dem energischen Finale.
Entscheidend bleibt die Qualität des Songwritings. Coffin Hunters können eingängige Refrains schreiben, ohne jeden Track auf dieselbe Hook zu reduzieren. Sie beherrschen längere Spannungsbögen und liefern ebenso einen kompakten Speed-Metal-Song. Vor allem spielen sie als Einheit. Kein Musiker versucht, die übrigen dauerhaft zu übertreffen, obwohl jeder genügend Fähigkeiten für auffällige Einzelmomente besitzt.
FAZIT:
»Cosmic Dawn« ist ein hervorragend produziertes Heavy-Metal-Album mit starkem Progressive-Rock-Anteil, warmem Siebziger-Klang und der Energie der frühen NWOBHM. Coffin Hunters respektieren ihre Vorbilder, entwickeln aus Orgel, Gitarrenharmonien, galoppierendem Bass, lebendigem Schlagzeug und Sean Riveras markanter Stimme jedoch eine nachvollziehbare eigene Identität.
Greg Wilkinsons Produktion und das differenzierte Sounddesign verdienen besonderes Lob. Jedes Instrument besitzt einen klaren Platz, die Dynamik bleibt erhalten, und selbst in den schnellen Passagen sind die vielen Reaktionen innerhalb der Band hörbar. Das fantastische Zusammenspiel von Rivera, Harriman, Crites und Kunkel trägt die gesamte Platte. Gitarren und Keyboards führen echte Gespräche, während Bass und Schlagzeug jede kompositorische Bewegung zuverlässig absichern.
Die etwas weniger unmittelbare erste Hälfte und wiederkehrende Grundmuster verhindern die Höchstwertung. Dem stehen mit »Skeleton Key«, »Cosmic Dawn«, »Give Up the Ghost«, »Red Horizon«, »Blood Moon« und »Nightmare Mass« zahlreiche starke Stücke gegenüber. Besonders »Red Horizon« gehört zu den überzeugendsten traditionellen Heavy-Metal-Songs des Jahres. Coffin Hunters liefern 42:44 Minuten voller Melodie, Spielfreude und präziser Bandarbeit. Dafür gibt es verdiente 4,5 von 5 Punkten.






