Band: Mythemia 🇩🇪
Titel: Wolkenjäger
Label: NoCut
VÖ: 17.07.2026
Format: Limitierte Fanbox / CD-Digipak / Digital
Spieldauer: 40:59 Minuten
Genre: Fantasy Folk Rock / Folk Rock / Mittelalterrock

Tracklist

01. Land in Sicht
02. Wenn nicht jetzt?
03. Wolkenjäger
04. Nachtgeläute
05. Schlechte Heuer, guter Wind
06. Teufelskerl
07. Juwelenfieber
08. Der Horizont ist bunt!
09. Ahoi
10. Loreley
11. Darauf trinken wir
12. Heute hier, morgen dort
13. Der Barde (2026) – Bonustrack

Besetzung und Gäste

Rodrigo Mansilla – Gesang
Thomas Pukrop – Geige / Gesang
Felix Tenten – Gitarre
Marc Brode – Bass / Gesang
Cedric Sowade – Schlagzeug

Gastmusikerinnen:
Aello (Harpyie) – Gastgesang bei »Teufelskerl«
Pegleg Peggy (Mr. Hurley & Die Pulveraffen) – Gastgesang bei »Loreley«

Produktion:
Marius Bornfleth – Produktion

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Wer Wolken jagt, sollte sich nicht wundern, wenn er am Ende mit einer Geige, einem Seemannschor und drei geleerten Humpen im Biergarten landet. Mythemia machen auf ihrem vierten Studioalbum »Wolkenjäger« jedenfalls keinen Hehl daraus, wohin die Reise gehen soll. Die Folkrocker aus Nordrhein-Westfalen laden zu knapp 41 Minuten voller Fernweh, Gemeinschaft, Seefahrt, fantastischer Geschichten und großer Refrains ein. Dabei entsteht eine Platte, die ihren Platz zwischen Festivalwiese, Tavernenabend und modernen Fantasywelten sehr genau kennt.

Albumstream:

Veröffentlicht wurde »Wolkenjäger« am 17. Juli 2026 über NoCut. Dreizehn Stücke umfasst das Album, wobei der abschließende »Der Barde (2026)« als neu aufgenommener Bonustrack geführt wird. Zu den Gästen gehören Aello von Harpyie und Pegleg Peggy von Mr. Hurley & Die Pulveraffen. Produziert wurde das Werk erneut gemeinsam mit Marius Bornfleth, der unter anderem durch seine Arbeit mit Storm Seeker bekannt ist.

Die musikalische Route ist früh abgesteckt. Geige, akustische Farben, Rockgitarren, Bass, Schlagzeug und zahlreiche Chöre treffen auf deutschsprachige Texte über Freiheit, Heimkehr, Versuchung, Freundschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mythemia wollen nicht rätselhaft oder sperrig klingen. Ihre Musik soll bereits beim ersten Durchgang funktionieren und spätestens beim zweiten Refrain von einer vollständigen Festivalwiese mitgesungen werden können.

Darin liegt die große Stärke, aber auch die offenkundige Begrenzung von »Wolkenjäger«. Die Band beherrscht die Regeln des modernen deutschen Folkrocks ausgesprochen sicher. Refrains sitzen, Geigenmelodien setzen sich fest und die Rhythmusgruppe hält das Luftschiff zuverlässig in Bewegung. Überraschungen werden allerdings nur selten zugelassen. Die Flugroute führt durch ein Gebiet, das Versengold, Mr. Hurley & Die Pulveraffen, Kupfergold, dArtagnan und die zugänglicheren Seiten von Subway To Sally bereits ausführlich kartografiert haben.

VOM WELTENWANDERER ZUM WOLKENJÄGER

Die Geschichte von Mythemia reicht bis in das Jahr 2012 zurück. Mit ihrem Debütalbum »Weltenwanderer« machte sich die Band ab 2014 in der deutschen Folk- und Mittelalterszene einen Namen. Auftritte beim Mittelalterlich Phantasie Spectaculum, dem Hayner Burgfest, dem Hörnerfest und dem Sternenklang Festival brachten Mythemia früh vor ein größeres Publikum.

Eine entscheidende Veränderung erfolgte 2018 mit dem Einstieg von Sänger Rodrigo Mansilla. Gleichzeitig schärfte die Band ihren deutschsprachigen, akustisch geprägten Folkrocksound. Das zweite Album »Firmament« erschien 2020 ausgerechnet zu jener Zeit, in der die Pandemie eine reguläre Tour verhinderte. Mythemia reagierten unter anderem mit einem Onlinekonzert auf Burg Satzvey und blieben trotz der ungünstigen Umstände sichtbar.

Nach über 40 Auftritten auf dem Phantastischen Lichterweihnachtsmarkt in Dortmund und weiteren Festivalshows folgte 2023 das dritte Studioalbum »Nimmerland«. Die Band spielte unter anderem als Support von Versengold, Storm Seeker und Harpyie. Diese Erfahrungen sind »Wolkenjäger« deutlich anzuhören. Viele Stücke wirken bereits im Studio so konstruiert, dass sie ohne Umbau auf einer großen Bühne funktionieren.

Mythemia haben ihre eigene Arbeitsweise inzwischen gefunden. Thomas Pukrop übernimmt mit seiner Geige einen Großteil der melodischen Wiedererkennung, während Felix Tenten die akustischen und elektrischen Gitarrenfarben beisteuert. Marc Brode und Cedric Sowade errichten darunter ein stabiles Fundament aus beweglichem Bass und druckvollem Schlagzeug. Rodrigo Mansilla steht mit einer Stimme im Mittelpunkt, die unverwechselbar ist, aber auch einen beträchtlichen Anteil daran haben dürfte, ob man sich auf dieses Album vollständig einlassen kann.

»LAND IN SICHT« – DIE HEIMKEHR IM SCHNELLGANG

Mit »Land in Sicht« beginnen Mythemia ungewöhnlich rasant. Der Opener gehört zu den schnellsten Stücken der bisherigen Bandgeschichte und verzichtet auf eine lange atmosphärische Einleitung. Schlagzeug, Bass und Geige treiben unmittelbar nach vorn, während der Refrain bereits nach kurzer Zeit die Richtung vorgibt.

Inhaltlich geht es um das Ende einer langen Reise und den Augenblick, in dem vertrauter Boden wieder sichtbar wird. Die Heimkehr ist dabei nicht still oder wehmütig. Mythemia feiern sie mit einem Tempo, das eher nach dem letzten entschlossenen Sprint in den Hafen klingt. Besonders der Bass fällt positiv auf. Marc Brode begnügt sich nicht mit einfachen Grundtönen, sondern bringt kleine bewegliche Linien unter den Refrain.

Die Geige ergänzt den Gesang nicht bloß, sondern übernimmt die Funktion einer zweiten Leitstimme. Ihre Melodie bleibt leicht verständlich und zieht sich durch den Song, ohne die Gitarren vollständig aus dem Bild zu drängen. Cedric Sowade setzt kräftige Akzente und hält den vergleichsweise kurzen Titel permanent in Bewegung.

Rodrigo Mansilla singt mit jener nasalen, leicht quäkenden Färbung, die bereits auf den Vorgängern zum Erkennungsmerkmal wurde. Das verleiht der Band Profil, kann in den höheren Lagen aber anstrengend wirken. Beim Opener passt die Stimme gut zur aufgeregten Grundstimmung. Nach etwas mehr als zwei Minuten ist das Ziel erreicht. Der Song bleibt kompakt, unmittelbar und verschwendet keine Zeit.

»WENN NICHT JETZT?« – DER MUSIKALISCHE AUFBRUCHSHELFER

»Wenn nicht jetzt?« setzt die positive Bewegung des Openers fort. Inhaltlich ermutigt der Song dazu, aufgeschobene Pläne endlich in die Tat umzusetzen. Die Aussage ist nicht neu, wird aber klar und ohne unnötige Verzierungen vermittelt. Mythemia schreiben hier keinen philosophischen Vortrag über verpasste Möglichkeiten, sondern einen kurzen Schubs in Richtung Ausgang.

Musikalisch erhält das Stück durch die wechselnden Folkfarben zusätzlichen Reiz. Geige, Akkordeon und Flöte bekommen ihre eigenen Momente und lockern das Arrangement auf. Die Instrumente werden nacheinander vorgestellt, ohne dass der Song den Zusammenhang verliert. Gerade diese Passage zeigt, wie wirkungsvoll Mythemia arbeiten können, wenn sie den einzelnen Klangfarben etwas Raum lassen.

Der Refrain ist erneut ausgesprochen leicht zugänglich. Er erfüllt seinen Zweck, besitzt aber auch jene glatte Vorhersehbarkeit, die sich im späteren Verlauf häufiger bemerkbar macht. Schon beim ersten Hören lässt sich ziemlich genau erahnen, wann Chor, Geige und nächster Schlagzeugakzent einsetzen werden.

Die kompakte Spielzeit verhindert, dass dieser Aufbau ermüdet. »Wenn nicht jetzt?« ist ein sauber geschriebener Folkrocksong mit positiver Aussage und guten instrumentalen Details. Er gehört nicht zu den eigenständigsten Beiträgen des Albums, hält die anfängliche Energie aber zuverlässig aufrecht.

»WOLKENJÄGER« – TRÄUMER MIT FESTEM FLUGPLAN

Im Titelsong bündeln Mythemia das zentrale Anliegen des Albums. »Wolkenjäger« handelt davon, den eigenen Träumen zu folgen, vermeintliche Grenzen zu überwinden und sich nicht von der Angst vor dem Scheitern aufhalten zu lassen. Das Luftschiff des Covers wird damit zum Bild für einen selbstbestimmten Aufbruch.

Akustikgitarre und Bass eröffnen den Song mit einer wärmeren Bewegung als bei den ersten beiden Titeln. Die Geige legt eine melodische Linie darüber, bevor Gitarren und Schlagzeug den Refrain verbreitern. Die Strophen bleiben vergleichsweise leicht, wodurch die Steigerung nachvollziehbar wirkt.

Der Refrain gehört zu den stärksten des Albums. Er ist groß, aber nicht übermäßig aufgeblasen. Die Melodie passt zu Rodrigo Mansillas Stimme und zwingt ihn nicht in jene sehr hohen Bereiche, in denen sein Timbre schnell angestrengt erscheinen kann. Die Begleitstimmen verstärken den Gemeinschaftsgedanken, ohne den Hauptgesang zu verdecken.

Natürlich bewegen sich Botschaft und musikalischer Aufbau in vertrauten Bahnen. Ähnliche Hymnen auf Freiheit, Träume und den eigenen Weg gehören seit Jahren zur Grundausstattung des Genres. Mythemia gleichen den fehlenden Neuigkeitswert durch hörbare Überzeugung aus. Der Titelsong wirkt nicht wie eine kalkulierte Pflichtübung, sondern wie eine Aussage, hinter der die Musiker tatsächlich stehen.

»NACHTGELÄUTE« – ENDLICH ZIEHEN DUNKLE WOLKEN AUF

Nach drei sehr hellen Aufbruchsliedern bringt »Nachtgeläute« die dringend benötigte Dunkelheit. Eine unheimliche Geigenmelodie führt in eine Geschichte über Hexenverfolgung, Sündenbockdenken und eine Gemeinschaft, die ihre Angst auf vermeintlich Schuldige richtet.

Mythemia zeigen hier, dass ihre fantastischen Geschichten nicht zwangsläufig in harmlose Abenteuerromantik führen müssen. Der wütende Mob, die nächtliche Bedrohung und die Suche nach einem Opfer lassen sich mühelos auf gegenwärtige gesellschaftliche Mechanismen übertragen. Wer anders aussieht oder sich der vorgegebenen Ordnung entzieht, wird zur Projektionsfläche für den Hass der Masse.

Musikalisch arbeitet der Song mit deutlich mehr Spannung als seine Vorgänger. Die Geige klingt nicht fröhlich oder tänzerisch, sondern warnend. Das Schlagzeug hält sich zunächst zurück und steigert seine Intensität, während Gitarren und Bass die Atmosphäre verdichten. Besonders wirkungsvoll ist der Kinderchor, der die Verbindung aus kindlich wirkender Melodie und brutaler Ausgrenzung verstärkt.

Der Refrain besitzt die Form eines Abzählreims. Diese vermeintliche Harmlosigkeit macht die Geschichte unangenehmer, denn das nächste Opfer scheint beinahe spielerisch bestimmt zu werden. »Nachtgeläute« gehört deshalb zu den Höhepunkten des Albums. Hier verbinden Mythemia Erzählung, Arrangement und gesellschaftlichen Unterton zu einem Stück, das auch außerhalb der Festivalstimmung funktioniert.

»SCHLECHTE HEUER, GUTER WIND« – DER SHANTY GEHT AN BORD

Mit »Schlechte Heuer, guter Wind« kehrt das Album unmittelbar in maritime Gefilde zurück. Der Titel spielt mit dem Gegensatz aus bescheidener Bezahlung und günstigen Bedingungen auf See. Entscheidend ist nicht der materielle Lohn, sondern der Zusammenhalt einer Mannschaft, die trotz aller Schwierigkeiten gemeinsam auf Kurs bleibt.

Die Strophen werden durch einen Shanty-artigen Wechselgesang getragen. Rodrigo Mansilla gibt die Richtung vor, während der Chor antwortet. Das funktioniert live mit Sicherheit ausgezeichnet. Bereits die Studioversion wirkt so angelegt, dass der Gesang vom Publikum übernommen werden kann.

Instrumental bleibt das Stück bewusst einfach. Die Geige setzt kurze Verzierungen, während Bass und Schlagzeug einen schaukelnden Rhythmus erzeugen. Die Gitarre unterstützt vor allem die harmonische Grundlage und drängt sich nicht mit einem umfangreichen Soloteil nach vorn.

Genau hier macht sich allerdings die große Nähe zu anderen maritim arbeitenden Folkrockbands bemerkbar. Versengold, Mr. Hurley & Die Pulveraffen und zahlreiche weitere Gruppen haben ähnliche Mannschaftslieder bereits in beträchtlicher Zahl veröffentlicht. Mythemia spielen diese Variante kompetent und sympathisch, setzen ihr aber nur wenige unverwechselbare Merkmale hinzu.

»TEUFELSKERL« – DIE VERSUCHUNG BRAUCHT KEINE HÖRNER

Für »Teufelskerl« holen Mythemia mit Aello von Harpyie eine passende Gaststimme an Bord. Inhaltlich beschäftigt sich der Song mit Versuchung und der Erkenntnis, dass es keinen tatsächlichen Teufel benötigt, um Menschen zu schlechten Entscheidungen zu verführen. Verlangen, Leichtsinn und Selbstüberschätzung erledigen diese Aufgabe häufig ganz ohne übernatürliche Hilfe.

Aellos kräftiger Gesang bildet einen willkommenen Kontrast zu Rodrigo Mansilla. Die beiden Stimmen werden nicht lediglich übereinandergelegt, sondern erhalten eigene Abschnitte. Dadurch entsteht der Eindruck eines kleinen Dialogs beziehungsweise einer gegenseitigen Herausforderung.

Musikalisch gehört »Teufelskerl« zu den rockigeren und unmittelbarsten Stücken. Gitarren und Schlagzeug besitzen zusätzlichen Druck, während die Geige den Refrain mit einer kurzen, leicht erfassbaren Melodie begleitet. Auch hier ist der Aufbau vollständig auf gemeinschaftliches Mitsingen ausgerichtet.

Die Nummer macht Spaß, verlässt sich aber stark auf ihren Gastauftritt und den schnell greifenden Refrain. Ein überraschender Mittelteil oder eine weitere melodische Wendung hätten dem Song mehr Tiefe gegeben. In der vorhandenen Form ist »Teufelskerl« ein zuverlässiger Festivalbeitrag, der seine Wirkung innerhalb weniger Sekunden entfaltet und ebenso schnell vollständig verstanden ist.

»JUWELENFIEBER« – DER WAHRE SCHATZ LIEGT NICHT IN DER TRUHE

»Juwelenfieber« beginnt wie eine klassische Schatzsuchergeschichte. Glitzernde Steine, Reichtum und die Aussicht auf einen großen Fund treiben die Handlung an. Hinter der abenteuerlichen Oberfläche steckt jedoch eine einfache Erkenntnis: Materieller Besitz verliert seinen Wert, wenn ihm keine menschliche Nähe gegenübersteht.

Mythemia formulieren diese Botschaft ohne schwere Moralpredigt. Der Song bleibt leicht und tanzbar, während das Geigensolo zu den auffälligsten instrumentalen Momenten der Platte gehört. Thomas Pukrop spielt eine Melodie, die sofort ins Ohr geht und vermutlich schon beim ersten Konzert einen festen Platz in der Bühnenshow finden wird.

Bass und Schlagzeug sorgen für eine lebendige Bewegung. Besonders das Zusammenspiel der Rhythmusgruppe verhindert, dass der Titel vollständig in folkloristische Süße abgleitet. Felix Tentens Gitarre bleibt erneut eher im Hintergrund, setzt aber ausreichend Akzente, um die Rockgrundlage zu erhalten.

Der Refrain ist sehr eingängig, wird jedoch etwas zu häufig wiederholt. Mythemia vertrauen ihrer zentralen Melodie so stark, dass der Song kaum noch Entwicklung benötigt. Das funktioniert beim einzelnen Hören, verstärkt innerhalb des Albums aber die zunehmende Refrainsättigung.

»DER HORIZONT IST BUNT!« – KEIN PLATZ FÜR BRAUNE EINFALT

Mit »Der Horizont ist bunt!« beziehen Mythemia unmissverständlich Stellung für Vielfalt, Offenheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Song richtet sich gegen Fremdenfeindlichkeit, autoritäres Denken und den Wunsch, Menschen in eine erzwungene Gleichförmigkeit zu pressen.

Diese Haltung passt überzeugend zum Grundgedanken des Albums. Wer Freiheit, neue Wege und das Überschreiten von Grenzen besingt, muss auch beantworten, wem diese Freiheit zugestanden wird. Mythemia geben darauf eine klare Antwort: An Bord ist Platz für Menschen unterschiedlicher Herkunft, Lebensweisen und Identitäten. Ausgeschlossen bleibt lediglich die menschenfeindliche Ideologie.

Musikalisch setzt die Band auf Stampfen, Klatschen und einen großen Chor. Der Refrain ist bewusst einfach und benötigt keine verschlüsselte Auslegung. Das könnte leicht wie ein aufgesetzter Zeigefinger wirken, wird von Mythemia aber mit genügend Lebensfreude verbunden, um nicht zur trockenen Unterrichtsstunde zu geraten.

Gerade im Folk- und Mittelalterumfeld, in dem historische Bilder gelegentlich von der politischen Rechten vereinnahmt werden, besitzt diese Deutlichkeit Gewicht. Musikalisch bleibt auch dieser Titel im sicheren Bereich, inhaltlich zeigt sich die Band jedoch entschlossener. »Der Horizont ist bunt!« gehört deshalb nicht nur zu den eingängigsten, sondern auch zu den wichtigsten Beiträgen der Platte.

»AHOI« – DIE TOTENMANN­SCHAFT NIMMT FAHRT AUF

»Ahoi« erzählt von der Besatzung eines versunkenen Schiffes. Statt still am Meeresboden zu ruhen, kehrt die Mannschaft in einer düsteren Geistergeschichte zurück. Das Stück besitzt dadurch eine dunklere Grundfarbe, ohne die Abenteuerlust des Albums vollständig aufzugeben.

Besonders gelungen ist die ungewöhnlichere Dynamik. Der Song beginnt kontrolliert und erhöht sein Tempo schrittweise. Mit jeder Wiederholung scheint das Geisterschiff an Geschwindigkeit zu gewinnen. Schlagzeug und Bass treiben stärker, die Geige wird hektischer und die Chöre erweitern das Bild einer vollständigen Mannschaft.

Der große Hintergrundchor bewegt sich nah an theatralischem Pathos. Wer mit den überzeichneten Seiten des Genres wenig anfangen kann, dürfte hier die Augen verdrehen. Innerhalb der erzählten Geschichte ist diese Größe jedoch nachvollziehbar. Eine versunkene Mannschaft darf schließlich etwas eindrucksvoller zurückkehren als der örtliche Ruderverein.

»Ahoi« zählt zu den abwechslungsreicheren Kompositionen, weil es nicht sofort seine gesamte Struktur offenlegt. Die zunehmende Geschwindigkeit und die dunkle Atmosphäre bringen Bewegung in die zweite Albumhälfte. Mehr Stücke mit vergleichbarer Entwicklung hätten »Wolkenjäger« gutgetan.

»LORELEY« – PARTYLUST MIT EINDEUTIGER GRENZE

Bei »Loreley« treffen Mythemia auf Pegleg Peggy von Mr. Hurley & Die Pulveraffen. Erwartungsgemäß entsteht daraus einer der deutlichsten Partybeiträge des Albums. Der Refrain ist so einfach gebaut, dass er auch nach mehreren Getränken noch zuverlässig mitgesungen werden kann.

Hinter der ausgelassenen Oberfläche steckt allerdings eine klare Botschaft. Die besungene Frauenfigur ist kein Besitz und keine Trophäe für einen aufdringlichen Verehrer. Ihre Ablehnung muss respektiert werden. Damit verbindet die Band einen bewusst albernen Meerjungfrauen- und Seemannssong mit einer deutlichen Absage an sexuelle Grenzüberschreitungen.

Pegleg Peggy trägt wesentlich dazu bei, dass diese Perspektive glaubwürdig funktioniert. Ihr Gesang wirkt selbstbewusst und setzt Rodrigo Mansillas Rolle die notwendige Gegenposition entgegen. Die humorvolle Inszenierung verhindert nicht, dass die Grenze unmissverständlich bleibt.

Musikalisch ist »Loreley« stark auf unmittelbare Wirkung zugeschnitten. Wer nach komplexen Arrangements sucht, wird kaum fündig. Geige, Rhythmus und Refrain erledigen ihre Aufgabe mit beinahe mechanischer Zuverlässigkeit. Als anspruchsvolle Komposition bleibt die Nummer begrenzt. Als bewusst zugänglicher Partysong mit sinnvoller Aussage trifft sie ihr Ziel.

»DARAUF TRINKEN WIR« – FREUNDSCHAFT IM SECHSACHTELTAKT

Nach dem ausgelassenen »Loreley« schlägt »Darauf trinken wir« ein ruhigeres Tempo an. Ein gemütlicher Sechsachteltakt trägt eine Hymne auf Freundschaft, gemeinsame Erinnerungen und jene Menschen, mit denen selbst schwierige Zeiten erträglich werden.

Der Song schunkelt gleichmäßig voran und verzichtet auf starke dynamische Brüche. Die Geige liefert eine warme Begleitung, während Bass und Schlagzeug einen weichen Wellengang erzeugen. Der Chor ist weniger martialisch als zuvor und klingt stärker nach einer kleinen Runde am Ende eines langen Abends.

Inhaltlich funktioniert die Nummer, weil sie nicht ausschließlich den Alkohol feiert. Das Getränk dient als Anlass, auf gemeinsam Erlebtes zurückzublicken. Dadurch bleibt das Stück näher an ehrlicher Verbundenheit als an der inzwischen reichlich abgenutzten Aufforderung, möglichst viele Krüge zu leeren.

Trotzdem hätte das Arrangement etwas mehr Bewegung vertragen. Der Refrain erscheint häufig, während die Instrumente kaum neue Farben ergänzen. »Darauf trinken wir« ist sympathisch und live wahrscheinlich wirkungsvoll, bleibt musikalisch aber einer der vorhersehbareren Titel.

»HEUTE HIER, MORGEN DORT« – HANNES WADER ÜBER DEN WOLKEN

Mit »Heute hier, morgen dort« nehmen sich Mythemia eines bekannten Liedes von Hannes Wader an. Das Stück über das Unterwegssein, den ständigen Abschied und die nur vorübergehende Bindung an einzelne Orte passt inhaltlich beinahe zwangsläufig auf ein Album voller Reisen, Fernweh und Aufbruch.

Die Band behandelt die Vorlage erfreulich respektvoll. Statt sie mit schweren Gitarren, überdimensionierten Chören und einer vollständigen Tavernenbesatzung zu überladen, bleibt die Umsetzung vergleichsweise zurückhaltend. Akustische Instrumente, Geige und Gesang tragen die bekannte Melodie.

Gerade diese Einfachheit setzt einen wirkungsvollen Gegenpunkt zu den vielen stark konstruierten Festivalrefrains. Plötzlich benötigt Gemeinschaft keine ständigen Rufe, Tempowechsel oder klatschenden Hände. Die Melodie und der Text dürfen für sich stehen.

Gleichzeitig zeigt die Coverversion unfreiwillig, wo die Eigenkompositionen gelegentlich zu viel wollen. Einige vorherige Songs hätten von derselben Zurückhaltung profitiert. Nicht jede Botschaft muss mit mehreren Chören und einer maximal deutlich markierten Geigenmelodie abgesichert werden. »Heute hier, morgen dort« gehört gerade wegen seiner Schlichtheit zu den emotional überzeugendsten Momenten.

»DER BARDE (2026)« – EIN ALTER SPIELMANN KEHRT ZURÜCK

Der Bonustrack »Der Barde (2026)« ist eine Neuaufnahme eines älteren Stücks aus der Zeit von »Weltenwanderer«. Inhaltlich behandelt der Song mit reichlich schwarzem Humor einen offenbar wenig begabten Spielmann, dessen Darbietungen zunehmend drastische Reaktionen hervorrufen.

Die neue Fassung klingt kräftiger, geschlossener und besser auf die aktuelle Besetzung zugeschnitten. Rodrigo Mansillas Stimme verändert den Charakter gegenüber der ursprünglichen Interpretation, während die moderne Produktion Bass, Schlagzeug und Geige deutlicher voneinander trennt.

Der Refrain besitzt jene einfache Struktur, die live sofort funktioniert. Das Stück lebt weniger von musikalischer Überraschung als von seiner Geschichte und der augenzwinkernden Übertreibung mittelalterlicher Bestrafungsmethoden. Im Gegensatz zu den ernsthafteren gesellschaftlichen Aussagen des Albums darf Mythemia hier wieder vollständig ins komödiantische Lager wechseln.

Als Abschluss ergibt die Neuaufnahme Sinn. Sie verbindet die heutige Band mit ihren Anfängen und beendet die Reise mit einem vertrauten Motiv. Gleichzeitig ist klar erkennbar, weshalb der Titel als Bonus geführt wird. Inhaltlich gehört er nicht unmittelbar zum Wolkenjäger-Konzept und wirkt eher wie ein Nachschlag für langjährige Anhänger.

EINE BAND, DIE FÜR DAS PUBLIKUM SCHREIBT

Mythemia verstehen sehr genau, wie kollektive Reaktionen erzeugt werden. Die Songs besitzen verständliche Rhythmen, wiederholbare Titelzeilen, klar markierte Übergänge und melodische Geigenfiguren. Kaum ein Refrain benötigt einen zweiten Durchgang, um im Gedächtnis zu bleiben.

Das ist keine beiläufige Begabung. Einen Song so zu schreiben, dass eine Festivalwiese ohne Vorbereitung teilnehmen kann, verlangt handwerkliches Gespür. Die Band weiß, wann das Schlagzeug aussetzen muss, wann ein Chor einsetzt und an welcher Stelle die Geige eine zusätzliche melodische Bewegung benötigt.

Problematisch wird diese Arbeitsweise dort, wo die Funktion zu deutlich sichtbar bleibt. Mehrere Stücke wirken, als seien sie vom gewünschten Publikumsverhalten aus rückwärts komponiert worden: Hier soll geklatscht, dort geschunkelt und anschließend der Titel gerufen werden. Das funktioniert zuverlässig, lässt aber wenig Raum für Unberechenbarkeit.

Besonders »Nachtgeläute«, »Ahoi« und die zurückhaltende Coverversion von »Heute hier, morgen dort« zeigen, dass Mythemia auch andere Dynamiken beherrschen. Diese Abweichungen machen neugierig auf eine Platte, die sich noch häufiger trauen würde, den sorgfältig ausgearbeiteten Flugplan zu verlassen.

RODRIGO MANSILLA BLEIBT GESCHMACKSSACHE

Die Stimme von Rodrigo Mansilla ist einer der auffälligsten Bestandteile des Albums. Sein helles, nasales und gelegentlich quäkendes Timbre hebt Mythemia von vielen ähnlich arbeitenden Folkrockbands ab. Bereits nach wenigen Zeilen ist klar, wer hier singt.

Diese Wiedererkennbarkeit ist ein Vorteil. In einem Genre mit zahlreichen vergleichbaren Arrangements verhindert Mansilla, dass die Band vollständig austauschbar klingt. Er artikuliert verständlich, trägt die Geschichten mit Überzeugung vor und kann einen Refrain kraftvoll führen.

Über die gesamte Albumlänge wird die Stimme allerdings anstrengender. Besonders in höheren Passagen wirkt die Betonung gepresst, während die häufig ähnlich angelegten Refrains dieselbe Klangfarbe immer wieder hervortreten lassen. Die Gastauftritte von Aello und Pegleg Peggy sind deshalb auch stimmlich wichtige Unterbrechungen.

Am besten funktioniert Mansilla in den dunkleren und erzählerischeren Stücken. Bei »Nachtgeläute« kann er verschiedene Abstufungen einsetzen, während der Titelsong seine melodische Seite zeigt. Eine etwas größere stimmliche Zurückhaltung in einzelnen Partien hätte das Album insgesamt abwechslungsreicher wirken lassen.

KLARER, MODERNER UND VOLLSTÄNDIG FESTIVALTaugLICHER KLANG

Produzent Marius Bornfleth gibt »Wolkenjäger« einen modernen und ausgesprochen klaren Klang. Jedes Instrument erhält seinen erkennbaren Platz. Die Geige steht häufig direkt neben dem Gesang, ohne Gitarren oder Rhythmusgruppe vollständig zu verdrängen.

Der Bass besitzt erfreulich viel Bewegung und ist besonders bei »Land in Sicht« sowie dem Titelsong gut zu verfolgen. Das Schlagzeug klingt kräftig, aber nicht übermäßig metallisch. Cedric Sowade liefert den notwendigen Druck, ohne die Folk-Instrumente unter einer künstlich vergrößerten Bassdrum zu begraben.

Die Gitarren erfüllen vor allem eine stützende Funktion. Felix Tenten verbindet akustische Begleitungen mit kräftigeren Rockakkorden, wird jedoch nur selten zum dominierenden Solisten. Wer unter Mittelalterrock schwere Riffs erwartet, dürfte deshalb enttäuscht sein. Mythemia bleiben eindeutig im Folkrock und nutzen rockige Härte zur Verstärkung, nicht als eigentliches Zentrum.

Die Produktion ist sehr sauber und auf Streaming sowie Livewirkung abgestimmt. Ecken, Nebengeräusche oder größere Dynamiksprünge wurden weitgehend entfernt. Das Album klingt professionell, stellenweise aber auch etwas zu kontrolliert. Eine rauere Oberfläche hätte besonders den maritimen und düsteren Stücken zusätzlichen Charakter geben können.

KLARE HALTUNG, VERTRAUTE MUSIK

Inhaltlich zeigen Mythemia auf »Wolkenjäger« ein erfreulich klares Profil. Freiheit bedeutet hier nicht ausschließlich die romantische Abwesenheit von Verpflichtungen. Sie schließt Offenheit, Vielfalt, Respekt und das Recht anderer Menschen ein, ihre eigenen Grenzen zu bestimmen.

»Der Horizont ist bunt!« richtet sich gegen braune Ideologie und autoritäre Gleichmacherei. »Loreley« verbindet Partystimmung mit einer unmissverständlichen Botschaft gegen Übergriffigkeit. »Nachtgeläute« beschäftigt sich mit Ausgrenzung und der gefährlichen Suche nach Sündenböcken.

Damit besitzt das Album inhaltlich teilweise mehr Mut als musikalisch. Während die Texte klare Positionen beziehen, bleiben die Kompositionen überwiegend im sicheren Bereich des modernen Festival-Folkrocks. Dieser Widerspruch schmälert die Aussagen nicht, verhindert aber, dass »Wolkenjäger« zu einem wirklich eigenständigen Genrewerk wird.

Die Band muss ihren Stil nicht grundsätzlich verändern. Etwas mehr Mut zu längeren Instrumentalpassagen, dunkleren Arrangements, ungewöhnlichen Taktarten oder weniger offensichtlich vorbereiteten Refrains könnte zukünftig jedoch dafür sorgen, dass nicht nur die Botschaften, sondern auch die Musik häufiger den bekannten Horizont überschreitet.

FAZIT:

Mit »Wolkenjäger« veröffentlichen Mythemia ein ausgesprochen zugängliches, warmherziges und professionell produziertes Folkrockalbum. Die Band verbindet Geige, akustische Instrumente, kräftige Rockbegleitung und große Chöre mit Geschichten über Aufbruch, Heimkehr, Abenteuer, Freundschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die stärksten Stücke sind jene, in denen Mythemia den üblichen Festivalbetrieb verlassen. »Nachtgeläute« überzeugt mit düsterer Geige, Kinderchor und einer Geschichte über Hexenjagd und Sündenbockdenken. »Ahoi« steigert Tempo und Intensität, während »Heute hier, morgen dort« zeigt, wie wirkungsvoll eine zurückhaltende Darbietung sein kann.

Auch der Titelsong besitzt das Zeug zu einem zukünftigen Konzertstandard. »Land in Sicht« eröffnet die Platte mit erheblichem Tempo, »Juwelenfieber« punktet mit seinem Geigensolo und »Der Horizont ist bunt!« verbindet einen leicht erfassbaren Refrain mit einer wichtigen Haltung gegen Fremdenfeindlichkeit und autoritäre Einfalt. »Loreley« bleibt zwar ein bewusst einfacher Partysong, transportiert dabei aber eine klare Grenze gegen sexuelle Übergriffigkeit.

Weniger überzeugend ist die starke Berechenbarkeit einiger Arrangements. Chöre, Geigenmelodien und Mitklatschstellen erscheinen häufig genau dort, wo man sie erwartet. Die Nähe zu Versengold, Mr. Hurley & Die Pulveraffen, Kupfergold und anderen Vertretern des modernen deutschen Folkrocks lässt sich nicht überhören. Rodrigo Mansillas markante Stimme schafft Wiedererkennung, dürfte mit ihrer nasalen Färbung jedoch weiterhin die Hörerschaft teilen.

Mythemia erfinden mit »Wolkenjäger« keinen neuen Kurs für den deutschen Folkrock. Sie steuern ihr Luftschiff aber sicher, spielen als geschlossene Band und wissen genau, wie man Refrains für eine große Festivalwiese schreibt. Wer nach musikalischen Risiken und unvorhersehbaren Wendungen sucht, wird einige bekannte Flugrouten entdecken. Wer dagegen tanzen, träumen, mitsingen und dabei eine Band mit deutlicher Haltung unterstützen möchte, darf ohne Bedenken an Bord gehen.

Mythemia – Land In Sicht – Official Music Video

Internet

Mythemia - Wolkenjäger - CD Review

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