Tracklist
01. I Won’t Be Your Hero
02. Heat Of The Night
03. Lift Me Up
04. My Hollywood Ending
05. Saving Grace
06. Eternal Pretender
07. Like I Remember You
08. Forever And A Day
09. Returning The Flame
10. Are You Leaving Now
11. Into The Fire (Bonus Track)
12. Some Of Us (Bonus Track)
13. Saving Grace (Demo Version)
Besetzung
Ulrick Lönnqvist – Lead- und Begleitgesang / Akustikgitarren
Morgan Jensen – Elektrische Gitarren
Oscar Bromvall – Leadgitarren
Michael Palace – Bass / Begleitgesang
Kaspar Dahlqvist – Keyboards
Daniel Flores – Schlagzeug
Eine ordentliche Portion AOR und Melodic Rock, großzügig abgeschmeckt mit Keyboards, mehrstimmigen Refrains und jener schwedischen Sicherheit im Umgang mit großen Melodien: Mit »Incendiary« lieferten Code Red bereits 2017 ein Album ab, das sich keinen Augenblick für aktuelle Strömungen interessierte. Neun Jahre später erscheint das bislang einzige Werk des Projekts remastert, um drei Bonusstücke erweitert und auf lediglich 300 CD-Exemplare begrenzt erneut. Eine überfällige Rückkehr, denn die ursprüngliche Pressung war längst schwer erhältlich und wurde teilweise zu Preisen angeboten, bei denen selbst hartgesottene Sammler kurz nach Luft schnappen mussten.
Hinter Code Red steht der schwedische Sänger und Songwriter Ulrick Lönnqvist, der zuvor bei Sahara aktiv war und über viele Jahre Stücke für andere Künstler schrieb. Produzent und Schlagzeuger Daniel Flores, bekannt durch Find Me, The Murder Of My Sweet und zahlreiche weitere Melodic-Rock-Projekte, soll ihn schließlich dazu ermutigt haben, eigenes Material unter einem neuen Namen zu veröffentlichen. Dafür versammelte Lönnqvist mit Morgan Jensen von Swedish Erotica, Oscar Bromvall, Michael Palace und Kaspar Dahlqvist eine Mannschaft, deren Lebensläufe beinahe wie ein Querschnitt durch die skandinavische AOR-Szene wirken.
Entsprechend eindeutig fällt das musikalische Ergebnis aus. »Incendiary« kennt weder moderne Metal-Rhythmik noch Alternative-Rock-Sprödigkeit oder künstlich eingebaute Stilbrüche. Die zehn ursprünglichen Songs setzen auf das bewährte Zusammenspiel aus Gitarren, Keyboards, sauberem Satzgesang, kräftiger Rhythmusgruppe und Refrains, die spätestens beim zweiten Durchgang vollständig im Gedächtnis angekommen sind. Überraschungen bleiben selten. Handwerkliche Schwächen allerdings ebenfalls.
VOM SONGWRITER ZUM EIGENEN PROJEKT
Als »Incendiary« im Oktober 2017 über AOR Heaven erschien, war Code Red zwar ein neuer Name, personell jedoch alles andere als ein Anfängerprojekt. Ulrick Lönnqvist hatte bereits mit Musikern und Songwritern aus dem Umfeld von Bad Habit, Creye, Amaranthe und Find Me gearbeitet. Man hört dem Album an, dass sein Verfasser die Regeln des Genres nicht erst während der Aufnahmen erlernen musste.
Gemeinsam mit Daniel Flores produzierte Lönnqvist die ursprünglichen zehn Stücke in den Sound vs. Science Studios in Stockholm. Das Album war von Anfang an auf eine große, saubere und radiotaugliche Wirkung ausgerichtet. Keyboards und Gitarren stehen dabei nicht in Konkurrenz zueinander. Kaspar Dahlqvist legt breite Flächen und markante Themen unter die Songs, während Morgan Jensen und Oscar Bromvall für Riffs, Harmonien und Soli zuständig sind. Michael Palace hält das Fundament zusammen und steuert außerdem Begleitgesang sowie das Gitarrensolo in »Heat Of The Night« bei.
Die Musik orientiert sich deutlich an den Achtzigern, ohne nach einer ausgegrabenen Demoaufnahme zu klingen. Journey, Strangeways, Giant, Treat, Alien und später entstandene Gruppen wie Brother Firetribe bilden den ungefähren Koordinatenrahmen. Dazu kommt die unverkennbare Handschrift von Daniel Flores. Besonders die Verbindung aus wuchtigen Drums, dichten Keyboardflächen und sorgfältig aufgeschichteten Chören erinnert mehrfach an Find Me.
»I WON’T BE YOUR HERO« – EIN REFRAIN ALS VISITENKARTE
»I Won’t Be Your Hero« verschwendet keine Zeit mit langen Vorbereitungen. Die Keyboards setzen das erste Signal, Gitarren und Schlagzeug folgen mit ordentlich Schub, und bereits die Strophen lassen erkennen, wohin der Weg führt. Code Red wollen keine Erwartungen unterlaufen, sondern sie möglichst überzeugend erfüllen.
Ulrick Lönnqvist besitzt eine klare, kontrollierte Stimme, die ausreichend Kraft für die rockigen Passagen mitbringt und in den melodischen Höhen nicht angestrengt wirkt. Der Refrain ist breit angelegt, wird von mehreren Stimmen getragen und erfüllt exakt jene Aufgabe, für die ein AOR-Refrain geschrieben wird: Er soll nach einmaligem Hören bekannt wirken, ohne tatsächlich beliebig zu sein.
Der Text folgt der klassischen Selbstbehauptung nach dem Ende oder während des Scheiterns einer Beziehung. Der Erzähler verweigert die Rolle des Retters und zieht eine Grenze. Revolutionär ist daran wenig, doch die Verbindung aus Melodie, Haltung und sauberem Arrangement funktioniert. Gerade als Eröffnung ist der Song nahezu ideal, weil er sämtliche Stärken des Albums innerhalb weniger Minuten vorstellt.
»HEAT OF THE NIGHT« – DUNKLERE FARBEN, GRÖSSERE GESTEN
Der Titel »Heat Of The Night« wurde im Melodic Rock oft genug verwendet, um damit inzwischen ein kleines Festivalprogramm zu füllen. Code Red retten ihren Beitrag durch ein etwas dunkleres Grundgefühl und einen Refrain, der deutlich größer ausfällt als sein wenig origineller Name.
Die Strophen arbeiten mit einer unterschwelligen Spannung. Keyboards und Gitarren erzeugen eine fast filmische Nachtstimmung, während Daniel Flores den Song mit kräftigen, aber nicht hektischen Schlägen vorantreibt. Im Refrain öffnet sich das Arrangement. Die Begleitstimmen werden breiter, Lönnqvist steigt höher und die zuvor kontrollierte Spannung entlädt sich in einer Melodie, die klar auf Mitsingen ausgerichtet ist.
Michael Palace übernimmt das Gitarrensolo und liefert keine technische Leistungsschau, sondern eine melodisch aufgebaute Passage, die den Song weiterführt. Diese Disziplin zeichnet das gesamte Album aus. Soli werden nicht eingefügt, um Spielzeit zu füllen. Sie gehören zur Dramaturgie der Stücke.
»LIFT ME UP« – AOR MIT OFFENEM POP-FENSTER
Mit »Lift Me Up« wird die Stimmung heller. Das Tempo bleibt im mittleren Bereich, der Rhythmus wirkt federnder und die Melodieführung nähert sich stärker dem Poprock. Code Red verzichten trotzdem nicht auf Gitarren. Sie treten lediglich einen Schritt zurück und lassen Gesang sowie Keyboards den größeren Raum.
Der Song lebt von seinem positiven Grundgefühl. Selbst die nachdenklicheren Töne werden von einer Melodie aufgefangen, die nach Aufbruch und gegenseitigem Halt klingt. Lönnqvist singt weniger konfrontativ als im Opener und zeigt eine weichere Seite seiner Stimme. Gerade diese kontrollierte Wärme macht den Titel wirkungsvoll.
Im Albumkontext ist »Lift Me Up« wichtig, weil die Schweden früh beweisen, dass sie nicht jeden Refrain mit maximaler Lautstärke erzwingen müssen. Das Stück besitzt genug Substanz, um auch ohne harte Riffs zu tragen. Wer AOR allerdings grundsätzlich für zu glatt hält, wird hier reichlich Bestätigung für seine Vorurteile finden.
»MY HOLLYWOOD ENDING« – KOPFKINO AUS SKANDINAVIEN
Schon der Titel »My Hollywood Ending« kündigt großes Gefühl und einen gewissen Hang zur Inszenierung an. Code Red verbinden beides mit einem typisch skandinavischen Keyboardthema, einem geradlinigen Rhythmus und einer Strophe, die ihre Melodie nicht sofort vollständig preisgibt.
Der Refrain setzt auf den Gegensatz zwischen romantischer Wunschvorstellung und einem Ende, das offenbar weniger glänzend ausgefallen ist. Dabei halten sich die Schweden nicht lange mit feinen Andeutungen auf. Die Chöre wachsen, die Keyboards leuchten und die Gitarren erhalten ein sauber aufgebautes Solo. Das Ergebnis könnte problemlos über den Abspann einer romantischen Achtziger-Komödie laufen, in der zwei Menschen nach neunzig Minuten voller Missverständnisse endlich die richtige Entscheidung treffen.
Das klingt kitschig, ist aber innerhalb dieses Genres kein Vorwurf. »My Hollywood Ending« besitzt genügend melodische Klasse, um seine großen Gesten zu rechtfertigen. Lediglich die sehr dichte Produktion nimmt dem Song etwas Luft. Ein wenig weniger Klangmasse hätte den Übergang von den Strophen zum Refrain noch stärker hervorgehoben.
»SAVING GRACE« – DER KERN DES ALBUMS
Mit »Saving Grace« erreicht das Album einen seiner stärksten Momente. Die Keyboards tragen deutlich die Klangfarben der Achtziger, während die Gitarren genügend Gewicht liefern, um den Song nicht in harmlosen Radiopop kippen zu lassen. Der Aufbau ist klassisch, aber besonders sorgfältig ausgearbeitet.
Lönnqvist singt hier mit einer Mischung aus Hoffnung, Erinnerung und leiser Erschöpfung. Der Refrain steigt kontrolliert an und erreicht seine Wirkung nicht allein durch Lautstärke. Harmonien, Begleitgesang und Rhythmus greifen so sauber ineinander, dass die Melodie nach dem ersten Durchgang vollständig sitzt.
Gerade an »Saving Grace« zeigt sich jedoch auch die grundsätzliche Grenze von Code Red. Die Band ist hervorragend darin, vertraute AOR-Bauteile zu einem starken Song zusammenzusetzen. Eine eigenständige Klangsprache, die sich innerhalb weniger Sekunden keiner anderen Gruppe zuordnen ließe, entsteht daraus nur bedingt. Qualität und Originalität sind eben nicht dasselbe.
»ETERNAL PRETENDER« – GITARREN GEGEN DIE GLATTE OBERFLÄCHE
»Eternal Pretender« zieht das Tempo und den Härtegrad wieder an. Das Riffing steht deutlicher im Vordergrund, Daniel Flores spielt energischer und der Bass erhält mehr Bewegung. Die Keyboards bleiben wichtig, müssen sich ihren Platz diesmal jedoch mit den Gitarren teilen.
Der Song gehört zu jenen Nummern, bei denen die Erfahrung sämtlicher Beteiligten besonders hörbar wird. Kein Instrument drängt sich unnötig vor, trotzdem bleibt genug Platz für kleine Akzente. Die Gitarren setzen Gegenbewegungen zum Gesang, der Bass hält sich nicht ausschließlich an die Grundtöne und die Drums geben den Übergängen zusätzlichen Nachdruck.
Der Refrain ist erneut stark, ähnelt in seinem Aufbau allerdings einigen vorherigen Höhepunkten. Wer das Album am Stück hört, bemerkt zur Mitte hin, dass Code Red eine bewährte Formel mehrfach leicht verändert einsetzen. »Eternal Pretender« setzt sich durch seinen kräftigeren Gitarrenanteil dennoch ausreichend ab.
»LIKE I REMEMBER YOU« – ERINNERUNG OHNE ÜBERTRIEBENE DRAMATIK
Bei »Like I Remember You« nimmt die Band spürbar Tempo und Druck heraus. Lönnqvist erhält mehr Raum und liefert eine seiner besten Gesangsleistungen des Albums. Seine Stimme bleibt klar und technisch kontrolliert, wirkt hier aber emotional offener als auf den stärker durcharrangierten Rocknummern.
Der Song handelt von einem Menschen, der in der Erinnerung weiterlebt, obwohl die Gegenwart längst eine andere geworden ist. Code Red machen daraus keine tränenschwere Machtballade mit vollkommen überzogenem Finale. Das Arrangement wächst behutsamer. Keyboards, Gitarren und Begleitstimmen begleiten den Gesang, statt ihn zu überdecken.
Diese Zurückhaltung tut der Platte gut. Nach sechs stark produzierten Nummern bringt »Like I Remember You« zusätzliche Dynamik und zeigt, dass Lönnqvist keinen übergroßen Chor benötigt, um eine Melodie zu tragen. Der Song gehört zu den emotionalen Höhepunkten von »Incendiary«.
»FOREVER AND A DAY« – ZWISCHEN VERSPRECHEN UND ROUTINE
»Forever And A Day« kehrt zum bekannten Verhältnis aus Keyboardflächen, rhythmischen Gitarren und großem Refrain zurück. Der Song besitzt alles, was ein Melodic-Rock-Titel benötigt: eine sofort verständliche Strophe, einen vorbereitenden Übergang, einen leicht mitsingbaren Refrain und ein melodisches Solo.
Handwerklich sitzt jedes Detail. Gerade deshalb wirkt der Titel im direkten Vergleich zu »Saving Grace« und »Like I Remember You« etwas weniger zwingend. Die Melodie ist gut, erreicht aber nicht ganz deren emotionale Tiefe. Auch die bekannte Formulierung des Titels hilft nicht dabei, dem Stück eine unverwechselbare Identität zu geben.
Als schwach lässt sich »Forever And A Day« dennoch kaum bezeichnen. Auf vielen durchschnittlichen AOR-Alben wäre der Song ein klarer Anspieltipp. Auf »Incendiary« steht er lediglich zwischen mehreren noch stärkeren Kompositionen.
»RETURNING THE FLAME« – DAS FEUER BRENNT KONTROLLIERT
Mit »Returning The Flame« folgt ein weiteres langsameres und gefühlvolleres Stück. Die Band setzt erneut auf einen behutsamen Aufbau, lässt die Strophen atmen und vergrößert das Arrangement schrittweise. Der Titel spielt mit dem Wiederentfachen einer Beziehung oder eines längst verloren geglaubten Gefühls.
Lönnqvist findet dafür den richtigen Ton. Er überzieht die Emotionen nicht und vermeidet jene künstliche Verzweiflung, an der schwächere AOR-Balladen regelmäßig scheitern. Der Refrain besitzt dennoch ausreichend Kraft, um auch in einer größeren Halle zu funktionieren.
Im Gegensatz zu »Like I Remember You« wird hier die gesamte Band stärker einbezogen. Die Gitarren erhalten mehr Raum, das Schlagzeug arbeitet kräftiger und die Chöre stehen weiter im Vordergrund. So ähneln sich beide Songs in ihrer emotionalen Ausrichtung, bleiben musikalisch aber unterscheidbar.
»ARE YOU LEAVING NOW« – EIN ABSCHIED MIT HELLEN KEYBOARDS
Der ursprüngliche Teil des Albums endet mit »Are You Leaving Now«. Auf der offiziellen Labelseite hat sich daraus kurioserweise »Are You Leaving You« entwickelt, doch die ursprüngliche CD sowie die digitalen Plattformen bestätigen den korrekten Titel.
Musikalisch führt der Song noch einmal sämtliche Merkmale des Albums zusammen. Die Keyboards klingen heller als auf einigen vorangegangenen Titeln, der Rhythmus bleibt entspannt und der Refrain verbindet Nachdenklichkeit mit einer zugänglichen Melodie. In den weicheren Momenten erinnert die Nummer an den radiotauglichen Rock von Richard Marx und den gemäßigten Bryan Adams.
Als ursprünglicher Abschluss funktioniert »Are You Leaving Now« sehr gut. Statt das Album mit einer übergroßen Schlussgeste zu beenden, wählen Code Red einen offenen, leicht melancholischen Ausklang. Gleichzeitig zeigt die Länge von über fünf Minuten ein wiederkehrendes Problem: Einige Songs hätten ihre Aussage auch etwas knapper vermitteln können.
»INTO THE FIRE« – DER BONUS DREHT DIE GITARREN AUF
Der erste Bonus Track »Into The Fire« rechtfertigt die Neuanschaffung am deutlichsten. Die Version mit Ulrick Lönnqvist am Mikrofon wurde von Hal Marabel von Bad Habit produziert. Später nahm Rick Altzi, bekannt von Masterplan, den Song für sein Soloalbum »All Eyes On Me« auf.
Im Vergleich zum ursprünglichen Album besitzt »Into The Fire« einen härteren Gitarrenklang und einen kompakteren Groove. Die Riffs treten stärker nach vorn, während die Keyboards unterstützend arbeiten. Trotzdem bleibt der Refrain unverkennbar AOR. Code Red opfern ihre melodische Ausrichtung nicht zugunsten zusätzlicher Härte.
Als elfter Song wirkt die Nummer beinahe wie der Beginn eines nie entstandenen zweiten Albums. Sie zeigt, wie sich das Projekt hätte weiterentwickeln können: etwas weniger glatt, etwas gitarrenbetonter, aber weiterhin fest mit der skandinavischen Melodic-Rock-Tradition verbunden. Umso bedauerlicher ist es, dass »Incendiary« bis heute das einzige Album unter diesem Namen geblieben ist.
»SOME OF US« – DIE GROSSE BONUS-BALLADE
»Some Of Us« wurde von Michael Palace produziert und schlägt anschließend wieder die gefühlvolle Richtung ein. Der Song beginnt zurückhaltend, gibt Lönnqvists Stimme ausreichend Raum und steigert sich in einen breiten Powerballaden-Refrain.
Anders als eine beliebige Archivzugabe klingt »Some Of Us« vollständig ausgearbeitet. Die Melodie besitzt sofortigen Wiedererkennungswert, die Chöre sind sorgfältig gesetzt und das Arrangement entwickelt eine nachvollziehbare Steigerung. Der Song hätte ohne Qualitätsverlust bereits auf der ursprünglichen Albumfassung stehen können.
Lediglich die Reihenfolge der Neuauflage erscheint etwas eigentümlich. Nach dem härteren »Into The Fire« sinkt das Tempo deutlich, bevor die abschließende Demofassung von »Saving Grace« noch einmal bekanntes Material wiederholt. Als einzelner Bonus ist »Some Of Us« jedoch uneingeschränkt gelungen.
»SAVING GRACE« ALS DEMO – INTERESSANT, ABER NICHT UNVERZICHTBAR
Die Demoversion von »Saving Grace« beendet die knapp einstündige Neuauflage. Sie legt den kompositorischen Kern des Songs offener und erlaubt einen Blick auf die Entwicklung bis zur endgültigen Albumfassung. Melodie, Gesangslinie und grundlegender Aufbau waren bereits deutlich vorhanden, bevor Daniel Flores und die übrigen Musiker das Arrangement vollständig ausarbeiteten.
Für Sammler und Songwriter ist diese Fassung interessant. Im normalen Hörfluss wirkt sie hingegen eher wie dokumentarisches Zusatzmaterial. Nach zwölf vollständigen Produktionen besitzt das Demo weder die Kraft der Albumversion noch einen ausreichend anderen Ansatz, um als eigenständiger Höhepunkt zu bestehen.
Damit erfüllt es genau die Rolle, die eine solche Zugabe erfüllen sollte. Es erweitert den Blick auf das Album, ohne so zu tun, als wäre neun Jahre lang ein übersehener Hit im Archiv verborgen gewesen.
DAS REMASTER: MEHR KLARHEIT OHNE MODERNE GEWALT
Für die Neuauflage wurde »Incendiary« von Jimmy Gunnarsson remastert. Die Produktion wird dadurch nicht grundsätzlich verändert. Das wäre auch unnötig gewesen, denn bereits die Fassung von 2017 klang sauber, kräftig und professionell.
Die neue Version gewinnt vor allem bei der Trennung der Instrumente. Schlagzeug und Bass wirken definierter, während die Gitarren etwas klarer aus den dichten Keyboardflächen hervortreten. Die Höhen besitzen mehr Präsenz, ohne den Gesang unangenehm scharf erscheinen zu lassen. Auch die gestaffelten Begleitstimmen lassen sich besser verfolgen.
Ein Wunder vollbringt das Remaster nicht. Die ursprüngliche Produktion bleibt stark komprimiert und auf einen möglichst geschlossenen Klang ausgerichtet. Wer rohe Gitarren, große Dynamiksprünge oder eine betont natürliche Raumabbildung erwartet, sucht bei Code Red ohnehin an der falschen Adresse. Das Album soll groß, glatt und kontrolliert wirken. Genau das tut es auch 2026.
KLASSISCHER AOR MIT ALLEN STÄRKEN UND GRENZEN
»Incendiary« ist ein ausgesprochen traditionsbewusstes Album. Code Red erfinden kein neues Untergenre und versuchen nicht, die bekannte AOR-Formel durch elektronische Experimente oder moderne Metal-Elemente umzudeuten. Die Songs handeln von Beziehungen, Erinnerung, Enttäuschung, Hoffnung und dem Wunsch, verlorene Gefühle wiederzugewinnen. Inhaltlich bewegt sich die Band damit ebenso sicher innerhalb der Genregrenzen wie musikalisch.
Diese Berechenbarkeit ist gleichzeitig Stärke und Schwäche. Die Musiker wissen genau, wie ein Übergang aufgebaut, ein Refrain vorbereitet und ein Gitarrensolo platziert werden muss. Kaum ein Moment wirkt ungeschickt. Nach mehreren Songs fällt allerdings auf, wie häufig ähnliche Dynamiken und Klangfarben verwendet werden. Einige Stücke liegen zudem zwischen vier und fünf Minuten, obwohl ihre Grundideen teilweise früher vollständig erzählt sind.
Ulrick Lönnqvist singt technisch stark und besitzt ein feines Gespür für Melodien. Gelegentlich könnte seine Darbietung etwas weniger kontrolliert und rauer ausfallen. Gerade »Into The Fire« zeigt, wie gut seiner Stimme ein kräftigeres Umfeld steht. Auf der anderen Seite tragen seine Klarheit und sichere Intonation wesentlich dazu bei, dass selbst die gefühlvollsten Nummern nicht in übertriebene Rührseligkeit abrutschen.
Die Neuauflage ist außerdem sinnvoll zusammengestellt. Zwei vollwertige Songs, eine Demofassung und ein behutsames Remaster bieten einen echten Mehrwert. Weniger erfreulich ist die äußerst knappe Auflage von 300 CDs. Angesichts der Tatsache, dass bereits das Original zur gesuchten Rarität wurde, könnte damit bald das gleiche Spiel von vorn beginnen.
FAZIT:
Mit der Wiederveröffentlichung von »Incendiary« wird eines der stärkeren skandinavischen AOR-Alben der 2010er wieder regulär erhältlich. Code Red liefern große Keyboardflächen, melodische Gitarren, sorgfältig gestaffelte Chöre und Refrains, die ohne unnötige Umwege ins Gedächtnis gelangen. Die beteiligten Musiker spielen hörbar für den Song und nicht für die eigene Selbstdarstellung.
Zu den Höhepunkten gehören der unmittelbare Opener »I Won’t Be Your Hero«, das etwas dunklere »Heat Of The Night«, der melodische Kern »Saving Grace« sowie die beiden emotionalen Stücke »Like I Remember You« und »Returning The Flame«. »My Hollywood Ending« liefert skandinavischen AOR in beinahe lehrbuchhafter Form, während »Eternal Pretender« die Gitarren stärker nach vorn stellt.
Die Bonusstücke erhöhen den Wert der Neuauflage deutlich. »Into The Fire« besitzt mehr Härte und wirkt wie ein möglicher Ausblick auf eine zweite Platte. »Some Of Us« ist eine vollwertige Powerballade, die sich vor dem ursprünglichen Material nicht verstecken muss. Nur die Demoversion von »Saving Grace« bleibt eher eine interessante Beigabe als ein zwingender Grund für den Kauf.
Vollkommen unangreifbar ist »Incendiary« nicht. Manche Songs folgen einer sehr ähnlichen Dramaturgie, die durchgehend dichte Produktion lässt nur wenige Ecken stehen und nach fast einer Stunde macht sich eine gewisse melodische Sättigung bemerkbar. Wer Innovation und stilistische Risiken sucht, wird hier kaum fündig.
Wer dagegen klassischen AOR und Melodic Rock mit starken Sängern, auffälligen Keyboards, melodischen Gitarrensoli und großen Refrains schätzt, erhält eine beinahe vollständige Bedienungsanleitung für das Genre. Code Red haben mit ihrem einzigen Album kein neues Feuer erfunden. Sie wussten aber sehr genau, wie man ein vorhandenes entfacht und über neun Jahre am Brennen hält.






