Band: Carbon Tomb 🇩🇰
Titel: Passage to a Neutron Star
Label: Transcending Obscurity Records
VÖ: 17.07.2026
Format: Jewelcase-CD / Digital
Genre: Dissonant Death Metal / Progressive Death Metal / Deathgrind

Tracklist

01. Chanting Spells I
02. A Hidden Creature
03. From the Giant’s Snout
04. The Dog Hunter
05. Of God’s Neglect
06. Gogoffmagog
07. Tritons of Ichthyology
08. Reversed Head Renewal
09. Passage to a Neutron Star

Besetzung

Richardt Olsen – Gitarren / Shrieks
Jeppe Tander – Bass / Growls
Mikael Skou Jørgensen – Schlagzeug

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Ein Neutronenstern entsteht, wenn ein massereicher Stern kollabiert und sein Kern zu einer unvorstellbar dichten Kugel zusammengepresst wird. Eine passendere Zielkoordinate hätten sich Carbon Tomb für ihr erstes vollständiges Album kaum aussuchen können. Auf »Passage to a Neutron Star« verdichtet das dänische Trio dissonanten Death Metal, progressive Strukturen, Deathgrind-Ausbrüche und einzelne schwarzmetallische Elemente zu 34 Minuten kontrollierter Instabilität. Die Musik wirkt kompliziert, bleibt jedoch erstaunlich direkt. Sie setzt auf Reibung, Rhythmus und bedrohliche Atmosphäre, ohne ihre Stücke unter technischer Selbstbeschäftigung zu begraben.

Ganz unbekannt sind die beteiligten Musiker nicht. Carbon Tomb wurden 2023 in Kopenhagen gegründet und veröffentlichten noch im selben Jahr eine selbstbetitelte EP. Gitarrist und Schreihals Richardt Olsen ist unter anderem durch Dysgnostic, Imperious Mortality und Wrath Of Belial bekannt. Bassist Jeppe Tander und Schlagzeuger Mikael Skou Jørgensen spielen gemeinsam bei den dänischen Melodic-Death-Veteranen Urkraft; Jørgensen war außerdem zeitweise bei Saturnus und Huldre aktiv. Diese Erfahrung ist auf »Passage to a Neutron Star« deutlich zu hören. Das Album klingt nicht wie die vorsichtige Standortbestimmung einer jungen Band, sondern wie das Ergebnis dreier Musiker, die bereits genau wissen, welche Form ihre gemeinsame Hässlichkeit annehmen soll.

Carbon Tomb – Passage to a Neutron Star – Full Album Stream

AUS DER KOPENHAGENER TIEFE INS NICHTS

Dissonanter Death Metal besitzt ein grundsätzliches Problem: Das absichtliche Auflösen vertrauter Harmonien kann schnell zum Selbstzweck werden. Riffs scheinen dann keinen Anfang und kein Ende zu besitzen, das Schlagzeug arbeitet gegen jede erkennbare Ordnung und die einzelnen Songs verschwimmen zu einer einzigen grauen Fläche. Carbon Tomb umgehen diese Gefahr, indem sie ihre Komplexität an klare Bewegungen binden. Hinter den schiefen Akkorden, abrupten Tempowechseln und nervösen Leadgitarren verbergen sich wiedererkennbare Strukturen.

Natürlich sind die Bezugspunkte deutlich. Die verwinkelten Gitarren erinnern an Gorguts, die Verbindung aus Dissonanz, Weite und körperlicher Gewalt führt zu Ulcerate, während die außerirdisch anmutenden Klangbilder Überschneidungen mit Artificial Brain besitzen. Auch die Nähe zu Dysgnostic lässt sich durch Richardt Olsens Beteiligung kaum überhören. Carbon Tomb verarbeiten diese Einflüsse jedoch kompakter und häufig direkter. Statt lange Spannungsbögen über sieben oder acht Minuten zu ziehen, bringen sie ihre Ideen meist innerhalb von drei bis fünf Minuten auf den Punkt.

Hinzu kommen Grindcore-artige Beschleunigungen, schweres Deathcore-Grooven und schwarzmetallische Tremololäufe. Die Band wechselt zwischen diesen Ausdrucksformen, ohne wie eine wahllos zusammengestellte Stilübung zu klingen. Ein gemeinsamer Kern bleibt stets erhalten: Die Gitarren sollen verunsichern, der Bass soll Druck und Bewegung erzeugen, das Schlagzeug soll jede scheinbar gefundene Sicherheit wieder zerstören.

»CHANTING SPELLS I« – EIN RITUAL OHNE FESTEN BODEN

»Chanting Spells I« eröffnet das Album mit vereinzelten, beinahe klavierartig wirkenden Tönen und einer Melodie, die bereits in ihren ersten Sekunden leicht aus dem Gleichgewicht gerät. Der ruhige Beginn hält nicht lange. Blastbeats, scharf angeschlagene Akkorde und die zweigeteilte Gesangsattacke reißen den Song in eine wesentlich aggressivere Richtung.

Der Wechsel wirkt nicht wie ein gewöhnlicher Aufbau vom Intro zum Hauptteil. Die langsamen Töne bleiben als Idee im Hintergrund und bestimmen auch die härteren Passagen. Dadurch entsteht ein Leitmotiv, das die weitere Platte prägt: Unter der Gewalt liegt stets etwas Fremdartiges und schwer Greifbares. Selbst wenn das Trio gerade mit voller Geschwindigkeit arbeitet, bleibt ein Gefühl kontrollierter Unsicherheit erhalten.

Jeppe Tander liefert die tiefen Growls, während Richardt Olsen mit höheren, rauen Schreien dagegenhält. Die beiden Stimmen werden nicht sauber voneinander getrennt, sondern teilweise übereinandergeschoben. Das Ergebnis klingt wie ein Wesen mit mehreren Kehlen. Mikael Skou Jørgensen setzt darunter ein Schlagzeugspiel, das zwischen Raserei, kurzen Unterbrechungen und schweren Akzenten wechselt. Nach nicht einmal drei Minuten ist der Auftakt beendet. Der rätselhafte Zusatz „I“ bleibt vorerst ohne zweiten Teil.

»A HIDDEN CREATURE« – DIE BESTIE ZEIGT IHRE KONTUREN

Mit »A Hidden Creature« wird die Sprache des Albums deutlicher. Richardt Olsen schiebt ein technisch anspruchsvolles Riff nach vorn, das sich nicht einfach wiederholt, sondern bei jeder Rückkehr leicht verändert. Hohe Gitarrentöne schneiden durch die tiefer gestimmte Grundlage, während Bass und Schlagzeug das Stück mehrfach in ein schweres Halftime-Groove zwingen.

Hier zeigen Carbon Tomb erstmals, wie wirkungsvoll sie extreme Geschwindigkeit und brutale Langsamkeit miteinander verbinden. Die schnellen Passagen besitzen beinahe grindige Unmittelbarkeit. Sobald das Tempo fällt, werden die Gitarren nicht ruhiger, sondern schwerer. Dissonante Akkorde bleiben lange genug stehen, um ihre unangenehme Wirkung vollständig zu entfalten.

Die Gesangskombination funktioniert besonders stark. Tanders tiefe Stimme gibt dem Song Gewicht, während Olsens Shrieks wie eine panische Reaktion aus dem Hintergrund klingen. Es entsteht kein klassisches Wechselspiel zwischen Haupt- und Begleitgesang. Beide Stimmen gehören zur gleichen bedrückenden Szene. Für einen dissonanten Death-Metal-Song ist »A Hidden Creature« erstaunlich einprägsam. Das liegt weniger an einer klassischen Melodie als an der klaren rhythmischen Form der Riffs.

»FROM THE GIANT’S SNOUT« – MUSKELN UNTER VERDREHTEN KNOCHEN

»From the Giant’s Snout« zeigt die körperlichste Seite des Trios. Die Gitarren bleiben schief und unberechenbar, doch unter ihnen arbeitet ein deutlich ausgeprägterer Deathcore-Einschlag. Schwere rhythmische Figuren, kurze Stopps und plötzlich einsetzende Beschleunigungen geben dem Stück eine unmittelbare Wirkung, ohne es zu einem gewöhnlichen Breakdown-Song zu machen.

Besonders auffällig ist das Schlagzeug. Mikael Skou Jørgensen spielt nicht lediglich zu den Gitarren, sondern kommentiert und zerlegt sie. Die Snare besitzt einen hellen, hart anschlagenden Ton, der sich deutlich vom übrigen Klangbild absetzt. Das kann anfangs irritieren, gehört aber zum nervösen Charakter der Platte. Fills erscheinen häufig an Stellen, an denen andere Schlagzeuger den Rhythmus einfach durchlaufen lassen würden.

Der Song ist zugleich zugänglicher und komplizierter als sein Vorgänger. Zugänglicher, weil die groovenden Abschnitte sofort greifen; komplizierter, weil die Übergänge kaum angekündigt werden. Carbon Tomb verlangen Aufmerksamkeit, belohnen diese jedoch mit Details, die sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig erschließen.

»THE DOG HUNTER« – KONTROLLIERTE GEWALT MIT WIEDERERKENNUNGSWERT

Auf »The Dog Hunter« finden die Dänen zu einem besonders gelungenen Gleichgewicht. Das zentrale Riff ist sperrig, besitzt aber eine klare rhythmische Identität. Jørgensen verändert seine Betonungen fortlaufend, wodurch das gleiche Gitarrenmotiv bei jeder Wiederholung eine andere Wirkung erhält. Einmal klingt es beinahe marschartig, kurz darauf bricht es in nervöse Einzelteile auseinander.

Dazwischen setzt die Gitarre dünne, bedrohlich hohe Linien. Sie verleihen dem Song eine emotionale Schärfe, die über bloße Brutalität hinausgeht. Unter der technischen Konstruktion liegt eine erkennbare Verzweiflung. Das passt zu den wiederkehrenden Themen des Albums: Pessimismus, Auslöschung und die Vorstellung einer Welt, in der menschliche Bedeutung angesichts kosmischer Dimensionen vollständig zusammenfällt.

Auch der Bass erhält genügend Raum. Jeppe Tander verdoppelt nicht einfach die tiefsten Gitarrentöne, sondern schiebt sich mit einem knurrenden, metallischen Klang durch die Lücken des Arrangements. Gerade in den langsameren Passagen verhindert er, dass die Musik ihre Bewegung verliert. »The Dog Hunter« gehört deshalb zu den stärksten Stücken der Platte.

»OF GOD’S NEGLECT« – DER BLICK IN DIE LEERE

Mit 5:49 Minuten ist »Of God’s Neglect« das längste und zugleich atmosphärischste Stück des Albums. Nach der nervösen Gewalt der ersten vier Titel senkt die Band das Tempo. Schwere Akkorde stehen länger im Raum, die Drums bewegen sich kontrollierter und aus dem Hintergrund erhebt sich eine hohe, wortlos wirkende Frauenstimme. Wer sie eingesungen hat, wird in den offiziellen Albumangaben nicht genannt.

Dieser helle Gesang steht in starkem Gegensatz zu Tanders tiefen Growls. Wo seine Stimme aus der Tiefe zu kommen scheint, schwebt die weibliche Stimme über dem Arrangement. Die Kombination gibt dem Song eine beinahe sakrale Wirkung, allerdings ohne Trost oder Erlösung. Der Titel deutet auf eine Welt hin, die von ihrer höchsten Instanz verlassen wurde. Die Musik zieht daraus keine offene Anklage, sondern ein Gefühl vollständiger Gleichgültigkeit.

Leadgitarren steigen langsam aus den schweren Akkorden auf und entwickeln eine ungewohnt klare Melodik. Darunter bleibt der Bass präsent, während das Schlagzeug die Spannung zunehmend verdichtet. Carbon Tomb bewegen sich hier stellenweise in Richtung Death Doom, ohne ihren dissonanten Kern zu verlieren. Die Band beweist, dass sie keinen Dauerbeschuss benötigt, um bedrohlich zu wirken.

Gerade diese Erweiterung macht »Of God’s Neglect« zum Höhepunkt des Albums. Der Song besitzt Schwere, Atmosphäre und eine emotionale Tiefe, die viele technisch vergleichbare Bands nur selten erreichen. Würden Carbon Tomb diesen Ansatz künftig noch stärker ausbauen, könnte daraus eine unverwechselbare Handschrift entstehen.

»GOGOFFMAGOG« – KNAPP ZWEI MINUTEN VERDICHTETE ZERSTÖRUNG

Nach dem langsamen Aufbau von »Of God’s Neglect« schlägt »Gogoffmagog« vollkommen unvermittelt zu. Mit 1:53 Minuten ist der Song der kürzeste Titel der Platte. Entsprechend wenig Zeit wird verschwendet. Das Schlagzeug prügelt nach vorn, die Gitarren schneiden kurze dissonante Figuren in den Rhythmus und Jeppe Tanders Growls klingen besonders tief.

Der Titel scheint verschiedene mythologische Namen und Vorstellungen gewaltiger, zerstörerischer Wesen zusammenzuführen. Musikalisch passt diese Übertreibung. Das Stück besitzt Grindcore-Tempo, Death-Metal-Gewicht und die rhythmische Sprunghaftigkeit des restlichen Albums. Trotz der hohen Geschwindigkeit bleibt jede Bewegung nachvollziehbar.

Gerade weil »Gogoffmagog« keine weitere Entwicklung erzwingt, funktioniert es hervorragend. Der Song setzt einen harten Schnitt in der Mitte des Albums und verhindert, dass die langsamere Stimmung seines Vorgängers zu lange nachwirkt. Manchmal reichen knapp zwei Minuten, wenn jede Sekunde ihren Zweck erfüllt.

»TRITONS OF ICHTHYOLOGY« – SCHWARZMETALLISCHE STRÖMUNGEN

»Tritons of Ichthyology« greift die hohe Geschwindigkeit auf, öffnet den Sound aber stärker in Richtung Black Metal. Tremololäufe ziehen sich durch die schnellen Abschnitte, während das Schlagzeug zwischen Blastbeats und bewusst gesetzten rhythmischen Brüchen wechselt. Die Gitarren erzeugen dadurch eine frostigere und weniger körperliche Atmosphäre als auf »Gogoffmagog«.

Der ungewöhnliche Titel verbindet mythologische Meereswesen mit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fischen. Diese Mischung aus archaischer Vorstellung und nüchterner Fachsprache entspricht der Ästhetik des Albums. Carbon Tomb lassen uralte Kreaturen, biologische Veränderung und kosmische Vernichtung in einem schwer fassbaren Szenario aufeinandertreffen.

In der zweiten Hälfte wird der Song langsamer und scheint kurz in einem leeren Raum festzuhängen. Die Gitarre hält einzelne Töne, der Rhythmus verliert seine vorherige Sicherheit und die Stimmen treten wie entfernte Warnungen hervor. Danach zieht die Band die Gewalt erneut an. Diese Kontraste geben »Tritons of Ichthyology« genügend Eigenständigkeit, auch wenn einige Gitarrenfiguren an vorherige Stücke erinnern.

»REVERSED HEAD RENEWAL« – DIE FORM WIRD UMGEDREHT

»Reversed Head Renewal« zählt zu den technischsten Nummern des Albums. Richardt Olsen arbeitet mit schweren, mehrfach verschobenen Riffs, über denen hohe Töne und schief gezogene Harmonien schweben. Die Musik besitzt eine massive Grundlage, bleibt jedoch ständig in Bewegung.

Besonders stark ist die stimmliche Bandbreite. Tiefe Growls, heisere Schreie, fast erstickt wirkende Laute und höhere Ausbrüche gehen ineinander über. Die Vocals dienen nicht nur der Aggression, sondern verstärken das Gefühl körperlicher Veränderung, das bereits der Titel auslöst. Er klingt nach einer Erneuerung, bei der der ursprüngliche Zustand nicht verbessert, sondern vollständig verdreht wird.

Im Mittelteil öffnen Carbon Tomb das Arrangement. Für einen kurzen Moment entsteht Luft zwischen den Instrumenten, bevor Bass, Schlagzeug und Gitarre erneut zusammenstoßen. Diese Pausen sind wichtig. Ohne sie könnte die dichte Spielweise des Trios auf Dauer ermüden. »Reversed Head Renewal« ist weniger unmittelbar als »The Dog Hunter« oder »Gogoffmagog«, wächst aber mit jedem Durchlauf.

»PASSAGE TO A NEUTRON STAR« – DAS ENDE DER REISE

Der abschließende Titelsong verdichtet die zentralen Merkmale des Albums auf etwas über drei Minuten. Blastbeats, knurrender Bass, tiefe Growls und scharf gesetzte Gitarren bilden den Ausgangspunkt. Dazwischen fallen die Musiker in schwere, beinahe slammende Abschnitte, nur um diese wenige Sekunden später wieder aufzulösen.

Die kosmische Dimension des Titels wird nicht durch ausladende Synthesizer oder lange instrumentale Flächen erzeugt. Sie entsteht aus dem Gefühl extremer Verdichtung. Die Musik wirkt, als würde sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammengepresst. Gerade deshalb ist die vergleichsweise kurze Spieldauer richtig gewählt. Ein zehnminütiges Finale hätte dem Album nicht automatisch zusätzliche Größe verliehen.

Am Ende gibt es keine Erlösung und keine Rückkehr zu den einleitenden Tönen. Die Reise endet im Zusammenbruch. Als Schlusspunkt ist »Passage to a Neutron Star« brutal, kompakt und folgerichtig. Es gehört nicht ganz zu den abwechslungsreichsten Kompositionen der Platte, fasst ihre Grundidee aber überzeugend zusammen.

DER BASS KNURRT, DIE SNARE SPALTET DIE MEINUNGEN

Die Produktion hält die drei Instrumente erstaunlich sauber auseinander. Richardt Olsens Gitarren besitzen genügend Schärfe, um auch bei schnellen Läufen verständlich zu bleiben. Gleichzeitig wirken sie nicht steril. Kleine Reibungen, anschwellende Rückkopplungen und bewusst unangenehme Tonabstände sorgen für eine organische Unruhe.

Jeppe Tanders Bass steht ungewöhnlich deutlich im Mix. Sein Instrument gibt den Songs nicht nur Tiefe, sondern führt teilweise eigene Bewegungen aus. Gerade bei dissonantem Death Metal ist das entscheidend. Würde der Bass lediglich unter der Gitarre verschwinden, verlören viele Tempowechsel ihre körperliche Wirkung.

Mikael Skou Jørgensen ist der beweglichste Musiker des Trios. Seine Blastbeats bleiben präzise, die Fills sind einfallsreich und selbst kleine rhythmische Verschiebungen erhalten eine klare Betonung. Diskussionswürdig bleibt der Klang der Snare. Sie besitzt einen hellen, teilweise metallisch scheppernden Anschlag, der sich besonders in den schnellen Passagen stark in den Vordergrund schiebt. Das passt zum spröden Charakter des Albums, könnte für manche Hörer aber zu dünn wirken.

Auch im tiefsten Frequenzbereich wäre stellenweise etwas zusätzlicher Druck möglich gewesen. Die Platte klingt klar und aggressiv, entwickelt jedoch nicht immer jene massive Tiefe, die ihre langsamsten Riffs verdient hätten. Gerade »Of God’s Neglect« und einzelne Abschnitte von »Reversed Head Renewal« könnten mit etwas stärkerem Fundament noch überwältigender wirken.

KOSMISCHER TOD OHNE SCIENCE-FICTION-KITSCH

Thematisch bewegen sich Carbon Tomb zwischen Pessimismus, Nichtsein, ausgestorbenen Zivilisationen, apokalyptischen Szenarien und kosmischen Abgründen. Titel wie »A Hidden Creature«, »Of God’s Neglect« oder »Passage to a Neutron Star« deuten eine Reise an, auf der biologisches Leben, Mythologie und wissenschaftlich kaum fassbare Phänomene ineinandergreifen.

Das Artwork von Jon Toussas alias Graphic No Jutsu greift diese Themen auf. Die futuristische, dystopische Darstellung passt zu einer Musik, die nicht in romantischer Weltraumverehrung schwelgt. Der Kosmos erscheint hier nicht als Ort grenzenloser Möglichkeiten, sondern als Raum, in dem der Mensch jede Bedeutung verliert.

Darin unterscheiden sich Carbon Tomb von vielen technisch orientierten Death-Metal-Bands mit Science-Fiction-Thematik. Die komplexe Musik soll keine technologische Überlegenheit vermitteln. Sie beschreibt Kontrollverlust. Je präziser die Musiker spielen, desto instabiler wirkt ihre erschaffene Welt. Dieser Widerspruch trägt das gesamte Album.

KOMPLEX, ABER NICHT UNZUGÄNGLICH

Die größte Stärke von »Passage to a Neutron Star« liegt in seiner Konzentration. Neun Stücke und knapp 34 Minuten reichen aus, um die Band vollständig vorzustellen. Kein Song überschreitet die Sechs-Minuten-Marke, kein atmosphärischer Abschnitt wird unnötig verlängert und kein technisches Motiv muss mehrfach beweisen, wie kompliziert es ist.

Trotzdem benötigt das Album mehrere Durchläufe. Beim ersten Hören dominieren Blastbeats, Growls und schiefe Gitarren. Später treten die Bassbewegungen, kleinen melodischen Linien und sorgfältig vorbereiteten Tempowechsel hervor. Besonders »The Dog Hunter«, »Of God’s Neglect« und »Reversed Head Renewal« gewinnen deutlich, sobald ihre innere Ordnung erkennbar wird.

Nicht jede Idee ist vollkommen eigenständig. Der Einfluss von Gorguts und Ulcerate ist stellenweise sehr deutlich, während die Verbindung zu Dysgnostic erwartungsgemäß ebenfalls Spuren hinterlässt. Im letzten Drittel verliert das Album zudem geringfügig an Überraschung, weil die zentralen stilistischen Mittel bis dahin bereits etabliert wurden.

Dem stehen ein starkes Gespür für Dramaturgie, eine hervorragende Rhythmusgruppe und bemerkenswert griffige Riffs gegenüber. Carbon Tomb beherrschen eine seltene Fähigkeit: Sie spielen dissonanten Death Metal, der fordernd bleibt, aber nicht absichtlich jede Orientierung verweigert.

FAZIT:

Mit »Passage to a Neutron Star« legen Carbon Tomb ein außergewöhnlich reifes Debütalbum vor. Das Kopenhagener Trio verbindet dissonanten und progressiven Death Metal mit Grindcore-Geschwindigkeit, schwerem Deathcore-Groove, schwarzmetallischen Tremolos und einzelnen Death-Doom-Passagen. Die Stücke sind technisch anspruchsvoll, besitzen aber erkennbare Strukturen und überraschend viel Wiedererkennungswert.

Carbon Tomb – Reversed Head Renewal

Internet

Carbon Tomb - Passage to a Neutron Star - CD Review

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