Tracklist
01. Tethered
02. Flammable
03. Rebelude
04. Rebel Kids
05. Don’t MisStep
06. What Say You
07. Stab Wounds
08. Sunrise
09. Life’s a Mural
10. Family First
11. Clockwork
12. IWI
13. The Ride
14. Chase a Dream
Besetzung und Produktion
Freddy Cricien – Gesang
Mike Gurnari – Gitarre
Paul Delaney – Bass
Mike Justian – Schlagzeug
Gast:
Anthony Communale (Killing Time) – Gastgesang bei »Clockwork«
Produktion und Aufnahmen:
Andrew Baylis – Produktion / Engineering
Aiden Thompson – Engineering
Grady Saxman – Engineering
Lee Rouse – Mix / Mastering
Jeff „Stress“ Davis und Chuck Treece – zusätzliche Interludes
Aufgenommen in den Boneyard Studios, Nashville, Tennessee
Zusätzliche Interludes aufgenommen in den Chop Shop Studios
Coverfotografie:
Cornell Capa / Magnum Photos / Cornell Capa Estate
New York Hardcore (Kurz N.Y.H.C.) ist Musik, Haltung, soziale Gemeinschaft und ein über Jahrzehnte gewachsenes Selbstverständnis. Wenige Bands verkörpern diese Verbindung so glaubwürdig wie Madball. Seit den späten Achtzigern steht ihr Name für metallisch aufgeladene Riffs, massive Grooves, kurze Geschwindigkeitsschübe, kollektive Gesänge und Texte über Loyalität, Selbstbehauptung, Familie, Enttäuschung und das Überleben in einer Gesellschaft, deren Regeln Freddy Cricien nie widerspruchslos hinnehmen wollte.
Acht Jahre nach »For the Cause« melden sich Madball mit ihrem zehnten Studioalbum »Not Your Kingdom« zurück. Es ist die längste Pause zwischen zwei regulären Alben der Bandgeschichte und zugleich die erste Platte nach dem Ausstieg des langjährigen Bassisten Jorge „Hoya Roc“ Guerra. Dessen Bedeutung für Madball lässt sich nicht auf das Bassspiel reduzieren. Hoya gehörte seit den frühen Neunzigern zum inneren Kern, schrieb zahlreiche Riffs und prägte gemeinsam mit Freddy Cricien die musikalische Sprache der Band.
Ein Album ohne ihn musste deshalb zwangsläufig Fragen aufwerfen. Würden Madball noch nach Madball klingen? Würde die neue Besetzung versuchen, eine frühere Ära nachzustellen? Oder würde die Band ihren bekannten Namen lediglich über ordentlich produzierten Standard-Hardcore setzen? »Not Your Kingdom« beantwortet diese Fragen innerhalb von knapp 30 Minuten ziemlich entschieden. Madball klingen vertraut, aber keineswegs wie die müde Kopie ihrer eigenen Vergangenheit.
Der neue Bassist Paul Delaney, bekannt durch Kill Your Idols, Black Anvil und Deathcycle, bringt einen kräftigen und auffallend beweglichen Tiefton in die Stücke. Gitarrist Mike Gurnari besitzt mittlerweile sieben Jahre Madball-Erfahrung, während Schlagzeuger Mike Justian bereits seit rund 15 Jahren zum Umfeld der Band gehört. Die vermeintlich neue Besetzung ist daher kein hastig zusammengestelltes Ersatzteam, sondern eine Einheit, die ihre Rollen bereits lange kennt.
Aufgenommen wurde »Not Your Kingdom« ausgerechnet in Nashville, Tennessee. Produzent Andrew Baylis ist nicht als typischer Ansprechpartner für klassischen New York Hardcore bekannt, arbeitete bislang stärker im Umfeld moderner Rock-, Country- und Crossover-Produktionen. Trotzdem klingt das Ergebnis weder nach einer stilistischen Verkleidung noch nach einem Versuch, Madball radiotauglich abzurunden. Baylis, Aiden Thompson und Grady Saxman geben der Band einen klaren, lauten und druckvollen Klang, in dem Bass, Schlagzeug und Gitarre ausreichend voneinander getrennt bleiben.
Zwischen den eigentlichen Hardcorestücken tauchen kurze akustische Gitarren, Slide-Guitar-Farben, Straßenklänge und ein suchendes Radio auf. Diese Elemente verändern den Kern der Band nicht, verleihen dem Album jedoch einen nachvollziehbaren Ablauf. Madball haben kein loses Paket aus möglichen Livesongs zusammengestellt. »Not Your Kingdom« ist als vollständige Platte konzipiert, deren kurze Pausen die nachfolgenden Ausbrüche vorbereiten.
VOM AGNOSTIC-FRONT-ABLEGER ZUR NYHC-INSTITUTION
Die Geschichte von Madball ist untrennbar mit Agnostic Front verbunden. Freddy Cricien, der jüngere Halbbruder von Agnostic-Front-Sänger Roger Miret, stand bereits als Kind auf der Bühne. Als Madball 1988 entstanden, gehörten Roger Miret, Gitarrist Vinnie Stigma und Schlagzeuger Will Shepler zur ersten Besetzung. Freddy Cricien war damals gerade einmal zwölf Jahre alt.
Die EP »Ball of Destruction« erschien 1989 und enthielt zunächst Material, das aus dem Umfeld von Agnostic Front stammte. Mit »Droppin’ Many Suckers« begann Madball anschließend, eine deutlich eigenständigere Sprache zu entwickeln. Der entscheidende Schritt folgte 1994 mit »Set It Off«. Das Debütalbum verband die Geschwindigkeit des Hardcore Punk mit schweren, metallischen Riffs und langsameren Groove-Passagen, die später für zahllose Beatdown- und Metalcorebands zur Grundlage wurden.
»Demonstrating My Style« von 1996 festigte diesen Einfluss. Gemeinsam mit Agnostic Front, Sick Of It All, Biohazard, Murphy’s Law und Cro-Mags trugen Madball den New Yorker Hardcore weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Spätere Gruppen wie Hatebreed, Terror oder Throwdown griffen zahlreiche Bestandteile dieses Stils auf.
Madball überstanden wechselnde Besetzungen, Labelwechsel, eine kurze Auflösung und mehrere Veränderungen innerhalb der Hardcoreszene. Während sich Trends vom Crossover über Metalcore bis zum modernen Beatdown bewegten, blieb die Band erkennbar. Nicht jedes Album besaß die historische Bedeutung von »Set It Off« oder »Demonstrating My Style«, doch selbst schwächere Veröffentlichungen verloren nie vollständig den charakteristischen Groove und Criciens sofort identifizierbaren Gesang.
»TETHERED« – AN DIE EIGENE GESCHICHTE GEBUNDEN
Der Opener »Tethered« beschäftigt sich mit der Bindung an alles, was einen Menschen geprägt hat. Freddy Cricien blickt auf Erfahrungen zurück, die sich weder auslöschen noch abstreifen lassen. Gute und schlechte Erinnerungen gehören gleichermaßen zu jener Persönlichkeit, die heute am Mikrofon steht.
Musikalisch versetzt der Song die Band zurück in die Neunziger, ohne eine alte Aufnahme nachzustellen. Mike Gurnari eröffnet mit einem federnden, tief gestimmten Riff, das sofort Raum für den typischen Madball-Groove schafft. Paul Delaneys Bass verstärkt die Bewegung, während Mike Justian zwischen geradlinigem Vorwärtsdrang und kurzen Stopps wechselt.
Cricien trägt den Text nicht wehmütig vor. Seine Vergangenheit ist hier kein sentimentales Fotoalbum, sondern ein Gewicht, das Stärke und Belastung zugleich bedeutet. Der Refrain besitzt genügend Wiederholung für eine sofortige Publikumsreaktion, bleibt aber rau genug, um nicht wie ein nostalgischer Selbstglückwunsch zu wirken.
Gerade als erstes Stück erfüllt »Tethered« seine Aufgabe ausgezeichnet. Es bestätigt innerhalb weniger Sekunden, dass die grundlegenden Madball-Koordinaten weiterhin stimmen, deutet aber durch die persönlichere Perspektive an, dass dieses Album nicht ausschließlich aus den üblichen Durchhalteparolen bestehen wird.
»FLAMMABLE« – 59 SEKUNDEN KONTROLLIERTER ESKALATION
»Flammable« benötigt keine vollständige Minute. Der Song beschränkt sich auf Tempo, Rhythmus, Wut und einen kurzen Groovewechsel. Mike Justian treibt das Stück mit einer beinahe punkartigen Geschwindigkeit an, bevor die Gitarre einen schwereren Takt vorgibt.
Die Kürze wirkt nicht wie eine unfertige Idee. Madball wissen, dass manche Stücke ihre Wirkung verlieren würden, wenn ein zusätzlicher Vers und ein künstlich verlängerter Refrain angehängt würden. »Flammable« entzündet sich, richtet seine Verwüstung an und ist verschwunden, bevor der erste Gedanke an Wiederholung aufkommt.
Der Song gehört zu den unmittelbarsten Beiträgen der Platte. Seine eigentliche Aufgabe besteht darin, die Spannung nach dem vergleichsweise ausgearbeiteten Opener weiter zu erhöhen. Gleichzeitig erinnert er daran, dass Hardcore keine vorgeschriebene Mindestspielzeit benötigt.
»REBELUDE« – NASHVILLE DARF KURZ DURCH DAS FENSTER SCHAUEN
Mit »Rebelude« folgt das erste Zwischenspiel. Akustische und leicht gleitende Gitarrenfarben ersetzen für wenige Augenblicke die üblichen Stakkato-Riffs. Die Beteiligung von Jeff „Stress“ Davis und Chuck Treece verleiht der Passage einen Charakter, der tatsächlich etwas von der Nashville-Umgebung erkennen lässt.
Ein Countryalbum wird daraus selbstverständlich nicht. Das Interlude dient als kurzer Übergang und bereitet die deutlich zugänglichere Ausrichtung von »Rebel Kids« vor. Für sich allein besitzt »Rebelude« kaum Gewicht, innerhalb des Albums erfüllt es jedoch eine wichtige Funktion. Nach den ersten beiden Angriffen lässt es die Dynamik kurz absinken und verhindert, dass 30 Minuten im gleichen Geschwindigkeitsbereich vorbeiziehen.
»REBEL KIDS« – WER ENTSCHEIDET, WAS REBELLION IST?
»Rebel Kids« war das erste Stück, das für das Album geschrieben wurde. Nach Aussage von Freddy Cricien entwickelte sich daraus der Ausgangspunkt für viele weitere Songs. Musikalisch ist die Wahl als erste Single nachvollziehbar. Das Stück verbindet einen kräftigen Groove mit einem leicht erfassbaren Refrain und einer deutlich melodischeren Gesangsführung.
Inhaltlich richtet Cricien den Blick auf eine jüngere Generation, bei der Auflehnung nach seiner Wahrnehmung zunehmend zur äußeren Darstellung wird. Trends, soziale Medien und eine sorgfältig inszenierte Individualität stehen dabei dem früheren Anspruch gegenüber, Autoritäten grundsätzlich zu hinterfragen und einen eigenen Weg zu verfolgen.
Der Gedanke besitzt einen nachvollziehbaren Kern. Rebellion kann zur Ware, zum Hashtag oder zum käuflichen Kleidungsstil werden. Trotzdem bleibt der Text an einigen Stellen zu pauschal. Die Jugend als angepasst zu betrachten, während die eigene Generation automatisch für größere Echtheit steht, gehört selbst zu den ältesten Mustern der Pop- und Punkgeschichte.
Gerade Hardcore sollte vorsichtig damit umgehen, eine verbindliche Prüfung für Glaubwürdigkeit aufzustellen. Junge Menschen organisieren sich heute unter anderen Bedingungen und nutzen Werkzeuge, die in den Neunzigern nicht existierten. Eine digital sichtbare Form des Protests ist deshalb nicht zwangsläufig weniger ernst gemeint.
Musikalisch trägt »Rebel Kids« diese begrenzte Aussage dennoch sehr wirkungsvoll. Das Stück besitzt einen der stärksten Refrains der Platte, Gurnaris Riff bleibt hängen und Cricien erweitert seine sonst stark rhythmische Artikulation um eine melodischere Linie. Als Hymne funktioniert der Song besser denn als genaue gesellschaftliche Analyse.
»DON’T MISSTEP« – KEIN PLATZ FÜR UNACHTSAMKEIT
Bei »Don’t MisStep« ziehen Madball das Tempo wieder an. Der Titel ist Warnung und Befehl zugleich. Wer sich in einem schwierigen Umfeld bewegt, kann sich keine dauerhafte Unachtsamkeit leisten. Falsche Entscheidungen hinterlassen Folgen, und nicht jede davon lässt sich später korrigieren.
Der Song verbindet schnelle Hardcore-Punk-Passagen mit einem abrupt einsetzenden Groove. Mike Justian spielt ausgesprochen präzise und gibt den Richtungswechseln genügend Wucht. Paul Delaney folgt nicht ausschließlich der Gitarre, sondern verdichtet die tieferen Frequenzen mit einem eigenständigen Bassanschlag.
Mit knapp eineinhalb Minuten bleibt auch dieser Titel kurz. Seine Struktur ist innerhalb des Genres vertraut: Geschwindigkeit, Stopp, schwerer Rhythmus und erneuter Ausbruch. Madball setzen diese Formel allerdings so konzentriert um, dass kaum Leerlauf entsteht. Auf der Bühne dürfte »Don’t MisStep« zu jenen neuen Songs gehören, die keinerlei längere Eingewöhnung benötigen.
»WHAT SAY YOU« – DER SCHLÜSSEL GEHÖRT NICHT DEM KÖNIG
Aus »What Say You« stammt der Gedanke, der dem Album seinen Titel gab. Cricien beschreibt eine Welt, deren politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen scheinbar von sichtbaren Amtsträgern getroffen werden, während tatsächlicher Einfluss seiner Ansicht nach bei einer kleinen, extrem wohlhabenden und mächtigen Gruppe liegt.
Diese Perspektive formuliert ein Gefühl von Ohnmacht, das viele Menschen kennen. Wahlen, Parteien und öffentliche Auseinandersetzungen wirken bedeutend, während Kapital und wirtschaftlicher Einfluss häufig bestimmen, welche Möglichkeiten überhaupt zur Auswahl stehen. Madball übersetzen diese Unzufriedenheit in eine Absage an Unterordnung.
Musikalisch arbeitet »What Say You« stärker im mittleren Tempo. Die Gitarre hämmert keine übermäßig komplizierten Figuren, sondern setzt kurze, effektive Linien. Cricien erhält dadurch genügend Raum, seine Worte verständlich zu platzieren. Der Bass sorgt unterdessen für eine bedrohliche Bewegung.
Als politische Analyse bleibt der Song bewusst grob. Wer genau Macht ausübt und wie diese Strukturen funktionieren, wird nicht erläutert. Madball liefern keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern den Ausdruck eines tiefen Misstrauens. In dieser Rolle funktioniert »What Say You« ausgezeichnet und gehört zu den schwersten, geschlossensten Stücken des Albums.
»STAB WOUNDS« – DIE METALLISCHE SEITE SCHLÄGT ZU
»Stab Wounds« rückt die metallischen Einflüsse von Madball weiter in den Vordergrund. Das Riff besitzt eine thrashige Schärfe, während Schlagzeug und Bass mit beträchtlicher Wucht darunter arbeiten. Besonders Paul Delaney zeigt, weshalb seine Aufnahme in die Band eine sinnvolle Entscheidung war.
Der Bass ist nicht lediglich als tiefer Schatten der Gitarre vorhanden. Er drängt sich hörbar durch die Mitte des Arrangements und verleiht dem Stück zusätzliche Schwere. Mike Justian verbindet schnelle Schläge mit wuchtigen Akzenten und kurzen Tempowechseln.
Cricien klingt hier besonders aggressiv. Seine Stimme besitzt auch nach beinahe vier Jahrzehnten jene raue Färbung, die sofort mit Madball verbunden wird. Der Titel deutet körperliche Verletzungen an, lässt sich aber ebenso als Bild für Verrat und seelische Narben verstehen.
»Stab Wounds« gehört zu den stärksten Stücken der Platte. Der Song verbindet die bekannten Beatdown-Grundlagen mit einer metallischen Härte, ohne in modernen, klinisch berechneten Metalcore abzudriften.
»SUNRISE« – DER SENDERSUCHLAUF VOR DEM NÄCHSTEN AUSBRUCH
Das zweite Zwischenspiel beginnt mit Radiostatik und einem hörbaren Wechsel zwischen verschiedenen Sendern. »Sunrise« vermittelt für etwas mehr als eine Minute den Eindruck einer nächtlichen Fahrt, bei der Stimmen, Musik und Geräusche nur kurz auftauchen, bevor sie wieder im Rauschen verschwinden.
Akustische Gitarren und Slide-Farben führen die Nashville-Idee aus »Rebelude« weiter. Der Titel bildet gleichzeitig den Übergang zu »Life’s a Mural«. Allein betrachtet bleibt auch dieses Interlude eine Randnotiz. Im Ablauf sorgt es jedoch für Luft und verstärkt den Eindruck, dass Madball die Reihenfolge der Platte sorgfältig geplant haben.
»LIFE’S A MURAL« – DAS LEBEN ALS GEMEINSCHAFTSWERK
»Life’s a Mural« gehört zu den punkigeren und zugänglicheren Titeln. Die zentrale Vorstellung betrachtet das Leben als Wandbild, an dem Erfahrungen, Menschen und Entscheidungen ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. Nichts entsteht vollständig isoliert, und kein einzelner Abschnitt zeigt bereits das fertige Bild.
Musikalisch setzen Madball auf einen beweglichen Rhythmus und einen Refrain, der unmittelbar nach dem ersten Durchgang übernommen werden kann. Der Song besitzt weniger bedrohliche Schwere als »Stab Wounds«, gewinnt dafür eine fast straßenpunkige Energie.
Hier zeigt sich allerdings eine der Schwächen des Albums. Der Refrain ist wirksam, aber sehr einfach gebaut. Seine häufige Wiederholung wirkt stärker auf eine zukünftige Publikumsreaktion als auf musikalische Entwicklung ausgerichtet. Madball wissen genau, wann Freddy Cricien das Mikrofon in Richtung Zuschauer halten kann.
Trotzdem trägt die Nummer eine hörbare Lebensfreude, ohne plötzlich freundlich oder harmlos zu klingen. »Life’s a Mural« erweitert die Platte um eine zugänglichere Farbe und verhindert, dass jeder Song ausschließlich auf größtmögliche Schwere setzt.
»FAMILY FIRST« – VERANTWORTUNG VOR SELBSTDARSTELLUNG
Familie gehört seit jeher zu den wichtigsten Begriffen im New York Hardcore. Gemeint sind sowohl tatsächliche Verwandtschaft als auch Freundschaften und Gemeinschaften, die einander durch schwierige Lebensphasen tragen. Bei Madball erhält dieses Thema zusätzliches Gewicht, weil Freddy Cricien mittlerweile aus der Perspektive eines Vaters schreibt.
»Family First« beginnt langsam und schwer, bevor Mike Justian das Tempo deutlich erhöht. Das Schlagzeug entwickelt eine beinahe ungebremste Geschwindigkeit, während Gurnari kurze, massive Akkorde dazwischenstellt. Delaneys Bass klingt besonders kräftig und verhindert, dass das Stück trotz des hohen Tempos an Gewicht verliert.
Inhaltlich geht es nicht um die romantische Vorstellung einer grundsätzlich harmonischen Familie. Cricien betont Verantwortung, Verlässlichkeit und die Verpflichtung, für andere einzustehen. Loyalität ist für Madball kein dekoratives Wort, sondern muss sich gerade dann beweisen, wenn sie unbequem wird.
Der Song enthält alle bekannten Bestandteile des Stils. Langsamer Einstieg, Beschleunigung, Gangshouts und Grooveabschnitt erscheinen genau dort, wo erfahrene Hörer sie erwarten. Die Überzeugung, mit der Madball diese vertraute Konstruktion spielen, verhindert jedoch, dass »Family First« zur bloßen Routine wird.
»CLOCKWORK« – KILLING TIME IM MASCHINENRAUM
Für »Clockwork« tritt Anthony Communale von Killing Time ans Mikrofon. Sein Gastauftritt ist keine zufällige Namensbeigabe. Killing Times »Brightside« gehört zu den Veröffentlichungen, die Freddy Criciens Verständnis von Hardcore entscheidend geprägt haben.
Der Song setzt auf kurze, abgehackte Riffs und einen Rhythmus, der tatsächlich wie eine schwere Maschine arbeitet. Wiederholte Bewegungen erzeugen Druck, während kleinere Tempoveränderungen verhindern, dass das Stück unbeweglich wird. Cricien und Communale ergänzen einander mit zwei Stimmen, die aus unterschiedlichen Generationen derselben Szene stammen.
»Clockwork« besitzt genügend oldschoolige Einfachheit, um unmittelbar zu funktionieren, klingt durch die Produktion aber keineswegs veraltet. Besonders Mike Justian fällt auf. Seine Schläge wirken präzise, ohne mechanisch programmiert zu erscheinen.
»IWI« – 29 SEKUNDEN OHNE VERHANDLUNG
»IWI« führt die Madball-Tradition kryptischer Abkürzungstitel fort. Nach Stücken wie »NBNC« oder »D.I.M.M.F.« wird auch hier nicht lange erklärt. Eine kurze akustische Passage täuscht für wenige Augenblicke Ruhe vor, anschließend folgt ein nur rund 30 Sekunden dauernder Hardcore-Ausbruch.
Der Song ist kaum lang genug, um eine klassische Struktur zu entwickeln. Genau darin liegt sein Zweck. »IWI« ist ein kurzer Impuls zwischen den umfangreicheren Schlussstücken und erinnert an jene Form des Hardcore, die einen Gedanken nicht auf drei Minuten strecken muss.
»THE RIDE« – GEMEINSAM DURCH DIE NÄCHSTE RUNDE
Mit »The Ride« kehren Madball zu einem stärker ausgearbeiteten Song zurück. Das Stück besitzt Groove, einen klaren Refrain und eine fast erzählerische Grundbewegung. Der Titel lässt sich sowohl auf die Geschichte der Band als auch auf das Leben selbst beziehen: eine Fahrt voller Veränderungen, Verluste, Entscheidungen und unerwarteter Richtungswechsel.
Der Refrain gehört zu den zugänglichsten des Albums. Wie bei »Life’s a Mural« ist deutlich zu erkennen, dass Madball für ein gemeinschaftliches Liveerlebnis schreiben. Cricien gibt eine Zeile vor, der Saal kann sie geschlossen beantworten.
Diese Einfachheit hat zwei Seiten. Sie sorgt für unmittelbare Wirkung, lässt den Song aber weniger bedrohlich erscheinen als »What Say You« oder »Stab Wounds«. Die Struktur bleibt vorhersehbar und wiederholt bekannte Lösungen. Trotzdem wirkt »The Ride« nicht lustlos. Der Song besitzt eine ehrliche Energie und bringt das Album überzeugend in Richtung Abschluss.
»CHASE A DREAM« – HOFFNUNG WIRD NICHT ZUM SOFTROCK
Der abschließende Song richtet sich insbesondere an Criciens Kinder und an jüngere Menschen, die ihren Platz noch suchen. »Chase a Dream« ermutigt dazu, für Freiheit, Selbstbestimmung und die eigenen Ziele einzustehen. Die positive Botschaft hätte leicht in einen langsamen, sentimentalen Schluss münden können.
Madball entscheiden sich für das Gegenteil. Mike Justian eröffnet mit einem rasenden Schlagzeug, dessen Bassdrum- und Snare-Kombination zu den wildesten Momenten der Platte gehört. Die Gitarre folgt mit hektischen Riffs, während Cricien seine Ermutigung nicht freundlich vorträgt, sondern beinahe herausbrüllt.
Gerade dieser Widerspruch macht das Stück stark. Hoffnung klingt hier nicht bequem. Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben müssen gegen äußeren Druck, gesellschaftliche Erwartungen und die eigene Angst verteidigt werden. Der Traum ist kein passiver Wunsch, sondern ein Auftrag.
»Chase a Dream« beendet das Album deshalb passend. Nach vielen Stücken über Misstrauen, Verletzungen und eine dysfunktionale Welt bleibt keine vollständige Resignation zurück. Madball formulieren einen Ausweg, ohne ihre musikalische Härte dafür aufzugeben.
DIE NEUE RHYTHMUSSEKTION BESTEHT IHRE FEUERPROBE
Der Ausstieg von Hoya Roc war die größte personelle Veränderung innerhalb der Band seit langer Zeit. Seine Riffs und sein Bassspiel gehörten über drei Jahrzehnte zum Fundament. »Not Your Kingdom« versucht nicht, seine Rolle kleinzureden oder vollständig nachzuahmen.
Paul Delaney besitzt einen anderen Anschlag. Sein Bass ist auffällig präsent, beweglich und teilweise aggressiver in die Mischung geschoben. Besonders bei »Stab Wounds«, »Tethered« und »Family First« trägt er erheblich zur Schwere bei.
Mike Justian erweist sich unterdessen als eine Art heimliche Hauptfigur. Cricien ermutigte den Schlagzeuger während des Schreibprozesses, eigene Riffs und Ideen stärker einzubringen. Das Ergebnis ist hörbar. Justian spielt nicht ausschließlich begleitende Hardcore-Takte, sondern gestaltet zahlreiche Übergänge und Tempowechsel aktiv mit.
Mike Gurnari hält die Verbindung zum klassischen Madball-Sound. Seine Riffs sind einfach genug, um körperlich zu wirken, besitzen aber ausreichend kleine Variationen, damit nicht jeder Song identisch erscheint. Die aktuelle Besetzung kann die Geschichte der Band tragen, ohne sich wie eine Übergangslösung anzuhören.
KLARER KLANG OHNE VOLLSTÄNDIGE GLÄTTUNG
Die Produktion von Andrew Baylis, Aiden Thompson und Grady Saxman gibt Madball einen modernen, druckvollen Klang. Lee Rouses Mix und Mastering halten die Instrumente zusammen, ohne den Bass unter der Gitarre verschwinden zu lassen.
Freddy Criciens Stimme steht deutlich im Vordergrund. Sie klingt weniger unkontrolliert als auf den frühen Platten, besitzt aber weiterhin ihre raue, sofort erkennbare Kraft. An einigen Stellen wirkt die Artikulation bewusster und zurückhaltender. Das passt zu den persönlicheren Texten, nimmt den schnellsten Passagen jedoch gelegentlich etwas von der früheren Wildheit.
Das Schlagzeug besitzt genügend Wucht, ohne vollständig künstlich zu klingen. Bassdrum und Snare sind klar definiert, während die Becken ausreichend Raum erhalten. Die Gitarre klingt schwer, aber nicht so tief und steril wie bei zahlreichen modernen Beatdownproduktionen.
Die beiden Interludes bringen zusätzliche Farbe in den Ablauf. Akustische und gleitende Gitarren erinnern daran, dass die Aufnahmen in Nashville entstanden, ohne den eigentlichen Stil zu verändern. Diese kurzen Abweichungen machen »Not Your Kingdom« als Album interessanter.
ZWISCHEN ENTWICKLUNG UND BEWÄHRTER FORMEL
Madball erweitern ihren Stil auf »Not Your Kingdom«, ohne ihn grundlegend umzubauen. Die Interludes, persönlicheren Texte und zugänglicheren Refrains zeigen eine Band, die nicht vollständig im Jahr 1994 leben möchte. Gleichzeitig bleiben Riffs, Gangshouts, Tempowechsel und Breakdowns eindeutig im bekannten Bereich.
Diese Sicherheit ist Stärke und Begrenzung zugleich. Nahezu jeder Song funktioniert, kaum eine Passage fällt qualitativ deutlich ab. Einige Übergänge lassen sich allerdings früh vorhersagen. Schnelle Takte führen in einen schweren Groove, der Refrain wird gemeinsam gerufen und anschließend zieht das Tempo erneut an.
Besonders »Life’s a Mural« und »The Ride« setzen stark auf einfache Mitsingpassagen. »Rebel Kids« formuliert seinen Generationenkonflikt zu pauschal und läuft Gefahr, jugendliche Formen von Protest aus einer nostalgischen Perspektive zu bewerten.
Diesen Schwächen stehen Stücke wie »Tethered«, »What Say You«, »Stab Wounds«, »Family First« und »Chase a Dream« gegenüber. Sie zeigen eine Band, die ihre musikalische Identität weiterhin mit erstaunlicher Energie vertritt.
FAZIT:
Mit »Not Your Kingdom« kehren Madball nach acht Jahren nicht einfach in den regulären Veröffentlichungsbetrieb zurück. Das zehnte Studioalbum beweist, dass die Band auch ohne den langjährigen Bassisten Hoya Roc geschlossen, glaubwürdig und unverwechselbar klingt. Die stärksten Momente entstehen dort, wo persönliche Erfahrung und musikalische Wucht unmittelbar zusammenfinden. »Tethered« verarbeitet die Bindung an die eigene Geschichte, »What Say You« formuliert das Misstrauen gegenüber politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen und »Family First« verbindet Verantwortung mit einem der härtesten Arrangements der Platte.






