Tracklist
01. Warrior Chant
02. Lost Soul
03. The Men
04. Echoes Of My Father
05. Shadow
06. Horsemen
07. Greed
08. The Real You
09. Grey Hun
10. Universe
11. Second Face
Besetzung
Galbadrakh „Galaa“ Tsendbaatar – Morin Khuur, Kehlkopfgesang
Nyamjantsan „Jaya“ Galsanjamts – Tumur Khuur, Tsuur, Kehlkopfgesang
Enkhsaikhan „Enkush“ Batjargal – Morin Khuur, Kehlkopfgesang
Temuulen „Temka“ Naranbaatar – Tovshuur, Kehlkopfgesang, Programmierung
Jambaldorj „Jambaa“ Ayush – Gitarre
Nyamdavaa „Davaa“ Byambaa – Bass
Odbayar „Odko“ Gantumur – Schlagzeug
Unumunkh „Unu“ Maralkhuu – Perkussion
Jonny Hawkins – Gastgesang bei »Lost Soul« (Digitalversion)
Hunnu Rock aus der Mongolei – und zwar in seiner absolut amtlichen Form! Mit »HUN« öffnen The HU erneut das Tor zwischen der mongolischen Steppe und den großen Rockbühnen dieser Welt. Vier Jahre nach »Rumble Of Thunder« erscheint das dritte Studioalbum der Formation über Better Noise Music und zeigt eine Band, die ihre traditionelle Identität keineswegs gegen westliche Massentauglichkeit eintauscht. Stattdessen werden Morin Khuur, Tovshuur, Tsuur und Kehlkopfgesang noch enger mit donnernden Gitarren, modernen Grooves und großen Melodien verzahnt. Das Ergebnis umfasst elf Stücke und rund 51 Minuten Spielzeit – und klingt trotz einiger bekannter Zutaten erfreulich lebendig.
DIE STEPPE TRIFFT AUF DIE WESTLICHE ROCKBÜHNE
Seit ihrer Gründung im Jahr 2016 haben The HU einen musikalischen Klangkosmos geschaffen, den man bereits nach wenigen Sekunden erkennt. Der von der Band als Hunnu Rock bezeichnete Stil verbindet traditionelle mongolische Instrumente und Kehlkopfgesang mit Folk, Hard Rock und Heavy Metal. Was anfangs von manchem Beobachter vorschnell als exotischer Internettrend abgetan wurde, hat sich inzwischen als ausgesprochen tragfähige musikalische Identität erwiesen.
»HUN« ist dabei weder die bloße Wiederholung von »The Gereg« noch ein zweiter Aufguss von »Rumble Of Thunder«. Die Band rückt westliche Heavy-Metal- und Hard-Rock-Strukturen deutlicher in den Vordergrund, ohne die traditionellen Instrumente zum dekorativen Hintergrundgeräusch zu degradieren. Gerade die Morin Khuur übernimmt immer wieder Aufgaben, für die andere Bands eine zweite Leadgitarre oder ein Keyboard einsetzen würden.
Inhaltlich beschäftigt sich das Album mit Erfahrungen, die Menschen unabhängig von Herkunft oder Sprache miteinander teilen. Selbstprüfung, innere Stärke, gesellschaftliche Verantwortung, Vaterschaft, Gier und die Frage nach der eigenen Identität bilden den gedanklichen Rahmen. Die überwiegend mongolischen Texte setzen zwar eine Übersetzung voraus, doch Rhythmus, Betonung und Klangfarbe transportieren bereits einen erheblichen Teil ihrer emotionalen Bedeutung.
WARRIOR CHANT: EIN „HU!“ FÜR DIE GROSSEN BÜHNEN
Der Einstieg mit »Warrior Chant« lässt keinerlei Zweifel daran, wer hier musiziert. Tiefe Stimmen, wuchtige Perkussion und das charakteristische „HU!“ der Band setzen bereits nach wenigen Augenblicken ein. Ein stampfendes Gitarrenfundament trifft auf gestrichene Saiten und einen Chor, der für Festivalgelände, Arenen und sämtliche anderen Orte geschaffen wurde, an denen sich mehrere Tausend Menschen gleichzeitig die Seele aus dem Leib brüllen dürfen.
Dabei funktioniert der Song nicht allein aufgrund seiner Lautstärke. Die traditionellen Instrumente führen kleine melodische Bewegungen aus, während Bass und Schlagzeug einen schweren, geradlinigen Puls darunterlegen. Das Arrangement baut keine unnötigen Umwege ein. »Warrior Chant« soll Gemeinschaft erzeugen, und genau das gelingt dem Stück innerhalb weniger Takte.
Der folgende Titel »Lost Soul« schlägt einen deutlich moderneren Weg ein. Auf der digitalen Albumversion übernimmt Jonny Hawkins von Nothing More den englischsprachigen Refrain. Seine klare, hohe Stimme steht in einem ausgesprochen starken Kontrast zum tiefen Kehlkopfgesang von The HU. Inhaltlich geht es darum, auf dem eigenen Lebensweg weder die Orientierung noch die persönlichen Werte zu verlieren und Hindernissen mit Mut zu begegnen.
Der Refrain besitzt unbestreitbaren Ohrwurmcharakter und macht den Titel zu einem offensichtlichen Kandidaten für Rockradio und moderne Playlisten. Allerdings ist »Lost Soul« zugleich jener Moment, an dem die verschiedenen Welten nicht vollkommen reibungslos ineinandergreifen. Elektronische Elemente, ein sehr sauberer Radio-Rock-Refrain und die traditionelle Klangsprache ziehen stellenweise in unterschiedliche Richtungen. Schlecht ist das keineswegs, doch innerhalb des Albums wirkt der Song kalkulierter und weniger natürlich als die stärksten Stücke.
THE MEN: STÄRKE OHNE BILLIGES MACHOGEHABE
Mit »The Men« kehren The HU unmittelbar zu ihrem eigenen Zentrum zurück. Traditionelle Saiten eröffnen den Song, bevor ein ausgesprochen fettes Midtempo-Riff durch die Lautsprecher marschiert. Die Stimmen klingen gleichzeitig würdevoll, bedrohlich und einladend. Meine Fresse, dieser Groove besitzt eine Wucht, die selbst Betonpfeiler zum rhythmischen Mitnicken bringen dürfte.
Das Lied beruht auf der mongolischen Vorstellung des inneren Geistes eines Mannes. Stärke wird dabei nicht mit Aggression, Herrschaft oder dem üblichen Machogehabe verwechselt. Gemeint sind positive Energie, Freundlichkeit, Großzügigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Auch das Video zeigt Männer aus unterschiedlichen Bereichen – Künstler, Wissenschaftler, Sportler und Kämpfer – als gleichwertige Teile einer Gemeinschaft.
Musikalisch zählt »The Men« zu den kompaktesten und effektivsten Stücken des Albums. Das Hauptriff ist einfach genug, um sofort zu greifen, besitzt durch die traditionelle Instrumentierung jedoch eine unverwechselbare Färbung. Die HU-Chöre erfüllen hier nicht lediglich ihre inzwischen bekannte Funktion, sondern werden rhythmisch so eingesetzt, dass sie gemeinsam mit dem Schlagzeug zusätzlichen Druck erzeugen.
ECHOES OF MY FATHER: DIE LEISE SEITE DER KRIEGER
Danach beweist »Echoes Of My Father«, dass The HU nicht permanent mit erhobenem Schwert durch die Steppe galoppieren müssen. Das über sechs Minuten lange Stück beginnt ruhig und beinahe zerbrechlich. Akustische Instrumente, Flötenklänge und zurückhaltende Perkussion schaffen einen weiten Raum, in dem die raue Stimme von Galaa eine unerwartet warme Wirkung entfaltet.
Die erste Hälfte ist den eigenen Vätern gewidmet, während sich der zweite Teil mit den Erfahrungen der Musiker als Väter beschäftigt. Erinnerung, Dankbarkeit und die Weitergabe von Erfahrungen an die nächste Generation greifen ineinander. Der Song versinkt dabei nicht in übertriebener Sentimentalität. Seine Würde entsteht gerade aus der Ruhe, mit der The HU das Thema behandeln.
Sobald Schlagzeug und elektrische Gitarren hinzukommen, entwickelt sich »Echoes Of My Father« zu einer monumentalen Folk-Rock-Ballade. Die Produktion lässt diesen Aufbau atmen und widersteht der Versuchung, jede freie Stelle mit zusätzlichen Spuren zu füllen. Dadurch besitzt der spätere Ausbruch erheblich mehr Kraft.
»Shadow« zieht die Stimmung anschließend wieder in dunklere Gefilde. Ein schwerer Basslauf und tiefe Gitarren erzeugen einen fast hypnotischen Groove. Die Melodie der Morin Khuur bewegt sich darüber wie ein Schatten, der seine Form mit dem Stand der Sonne verändert. Der Titel ist weniger unmittelbar als »The Men«, wächst jedoch mit jedem Durchlauf und gehört zu jenen Stücken, deren Details erst unter Kopfhörern vollständig sichtbar werden.
HORSEMEN: DIE ARMEE DES HIMMELS GALOPPIERT
Mit »Horsemen« liefert die Band einen der Höhepunkte des Albums. Inspiriert wurde das Stück von den legendären mongolischen Reiterheeren, deren Disziplin, Beweglichkeit, Intelligenz und Zusammenhalt ihnen den Beinamen „Armee des Himmels“ einbrachten. The HU feiern jedoch nicht einfach militärische Gewalt. Im Mittelpunkt stehen jene Eigenschaften, die aus einer großen Zahl einzelner Kämpfer eine schlagkräftige Einheit machten.
Das Schlagzeug galoppiert, die Gitarren treiben nach vorne und die Morin Khuur übernimmt eine Melodieführung, die unweigerlich an klassische Heavy-Metal-Doppelgitarren denken lässt. Der Einfluss von Iron Maiden ist kaum zu überhören, wird jedoch nicht kopiert. The HU übersetzen diese musikalische Sprache in ihre eigene Kultur und lassen den Song dadurch vertraut und fremdartig zugleich erscheinen.
Der Refrain besitzt gewaltige Livequalitäten. Stimmen und Instrumente schichten sich übereinander, ohne dass der Rhythmus seine Beweglichkeit verliert. »Horsemen« klingt tatsächlich wie ein Reiterverband, der zunächst am Horizont erscheint und wenige Sekunden später bereits durch das Wohnzimmer galoppiert. Ja, verdammt, genau so muss epischer Folk Metal funktionieren.
GIER, SELBSTERKENNTNIS UND EIN GRAUER REITER
»Greed« geht langsamer und schwerer vor. Das zentrale Riff besitzt etwas von jener gewaltigen Einfachheit, mit der Metallica zu Zeiten des Schwarzen Albums ganze Stadien in Bewegung versetzten. Dazu erklingen große Gesangsharmonien und ein Refrain, dessen melodische Breite im Kontrast zur düsteren Grundidee steht.
Die Gier erscheint nicht als abstraktes Monster, sondern als menschliche Schwäche, die Beziehungen, Gemeinschaften und letztlich den eigenen Charakter verformt. Gegen Ende verändert sich der Gesangsfluss beinahe in Richtung Sprechgesang. Dieser Abschnitt wirkt zunächst ungewöhnlich, verleiht dem Song aber genau jene Störung, die er benötigt, um nicht als gewöhnlicher Midtempo-Arenarocker durchzugehen.
Wesentlich schneller fällt »The Real You« aus. Die Band schrieb das Stück mit dem Bild ihrer galoppierenden Vorfahren vor Augen. Entsprechend treiben Schlagzeug und Bass ohne längere Pausen voran, während Morin Khuur und Gitarre fast wie zwei klassische Heavy-Metal-Leadinstrumente miteinander arbeiten.
Inhaltlich richtet sich der Song gegen vorschnelle Urteile, Verleumdungen und Heuchelei. Wer ständig auf die Fehler seiner Mitmenschen zeigt, sollte zunächst die eigene Haltung hinterfragen. The HU verpacken diese Mahnung nicht in einen erhobenen Zeigefinger, sondern in einen der schnellsten und angriffslustigsten Songs ihrer bisherigen Laufbahn.
»Grey Hun« hält anschließend das Tempo hoch, besitzt jedoch einen stärkeren rhythmischen Schwerpunkt. Enkush entwickelte das grundlegende Riff mit dem Bild eines einzelnen Mannes, der durch eine weite Landschaft reitet. Die Aussage dahinter ist ausgesprochen positiv: Man soll sich mit der eigenen Persönlichkeit wohlfühlen, statt ständig den Erwartungen anderer hinterherzulaufen.
Ein furioses Solo elektrisiert die zweite Hälfte, bevor der ursprüngliche Groove erneut das Kommando übernimmt. Gerade hier zeigt sich, wie selbstverständlich die Band mittlerweile traditionelle Klangfarben und westliche Rockdramaturgie miteinander verbindet. Keine der beiden Seiten wirkt nachträglich aufgesetzt.
UNIVERSE: ACHT MINUTEN BLICK IN DIE WEITE
Das beinahe neunminütige »Universe« bildet den ambitioniertesten Abschnitt des Albums. The HU verzichten auf die schnelle Belohnung durch einen sofortigen Refrain und lassen das Stück langsam wachsen. Traditionelle Saiteninstrumente und Flöten öffnen einen weiten, beinahe spirituellen Raum, bevor Bass, Schlagzeug und Gitarren das Gewicht schrittweise erhöhen.
Die Komposition bewegt sich zwischen Folk, Hard Rock und progressiver Klangreise. Massive Midtempo-Passagen wechseln mit ruhigen Abschnitten, in denen die Instrumente beinahe vollständig aus dem westlichen Rockschema ausbrechen. Galaa zeigt dabei eine besonders vielseitige Gesangsleistung. Neben dem tiefen Kehlkopfgesang erklingen wärmere, melodischere Töne, die dem Stück eine erstaunliche emotionale Offenheit verleihen.
Natürlich verlangt »Universe« Geduld. Der Song hätte ohne großen Verlust etwas kompakter ausfallen können, doch gerade seine bewusste Weite passt zum Thema. Er möchte nicht mit einem einzelnen Riff zuschlagen, sondern den Hörer für einige Minuten aus dem gewöhnlichen Ablauf des Albums herausheben.
Das abschließende »Second Face« wirkt danach beinahe ausgelassen. Ein federnder Rhythmus, eigenwillige Gesangslinien und eine Melodie mit deutlicher Wild-East-Atmosphäre beenden das Album nicht mit einem pathetischen Schlussakkord, sondern mit Bewegung. Der Song ist kantig, tanzbar und besitzt genügend Trotz, um nach dem letzten Ton unmittelbar wieder zum Anfang zurückzukehren.
DASHKA UND CHRIS LORD-ALGE ÖFFNEN DEN KLANGKOSMOS
Produzent und Hauptkomponist Dashka versteht genau, welche Elemente den Charakter dieser Band ausmachen. Die traditionellen Instrumente werden nicht unter den elektrischen Gitarren begraben. Morin Khuur, Tovshuur, Tumur Khuur und Tsuur stehen häufig im Vordergrund und übernehmen tragende melodische oder rhythmische Aufgaben.
Der Mix von Chris Lord-Alge verleiht dem Album einen ausgesprochen druckvollen, modernen Klang. Das Schlagzeug besitzt ordentlich Schub, der Bass bleibt auch in den dichtesten Arrangements hörbar und die tiefen Stimmen erhalten genügend Raum. Gleichzeitig behalten die akustischen Instrumente ihre natürliche Textur. Insbesondere »Echoes Of My Father«, »Shadow« und »Universe« profitieren von dieser Trennschärfe.
Gelegentlich fällt die Produktion allerdings fast zu sauber aus. Bei »Lost Soul« und einzelnen Refrains wird der Klang so stark auf moderne Rockradiotauglichkeit getrimmt, dass ein Teil der ursprünglichen Rauheit verloren geht. Auch manche Gitarren könnten etwas weniger standardisiert und dafür eigenwilliger klingen.
Grundsätzlich ist das Sounddesign dennoch ausgezeichnet. Die HU-Chöre besitzen Körper, die Perkussion klingt nicht nach vorgefertigtem Stammesrhythmus und die traditionellen Instrumente werden mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt wie Gitarre, Bass und Schlagzeug. Das Mastering von Howie Weinberg und Will Borza sorgt für Lautstärke und Gewicht, ohne sämtliche Dynamik aus den ruhigeren Stücken zu pressen.
ZWISCHEN EIGENER IDENTITÄT UND GROSSER ROCKMASCHINE
Ganz ohne Schwächen bleibt »HUN« nicht. Mehrere Stücke basieren auf ähnlich schweren Midtempo-Grooves, wiederkehrenden Chören und vergleichbaren Spannungsaufbauten. Wer mit dem bisherigen Stil der Band wenig anfangen konnte, wird auch durch dieses Album kaum bekehrt werden. Zudem wirkt die Zusammenarbeit mit Jonny Hawkins trotz ihres Ohrwurmrefrains wie der deutlichste Versuch, The HU noch stärker im westlichen Rockradio zu positionieren.
Die abwechslungsreiche zweite Hälfte verhindert jedoch, dass sich die Formel festfährt. »Echoes Of My Father« zeigt emotionale Tiefe, »Horsemen« entfesselt klassischen Heavy-Metal-Galopp, »The Real You« erhöht das Tempo und »Universe« erweitert den Klangkosmos in Richtung Progressive Rock.
Damit gelingt The HU ein entscheidender Schritt. Die Band behandelt ihre kulturellen Wurzeln weder wie ein Museumsstück noch wie ein Verkaufsargument, das wahllos über gewöhnliche Metalriffs gelegt wird. Tradition und Gegenwart werden als gleichwertige Bestandteile einer lebendigen Musik verstanden. Genau deshalb klingt »HUN« trotz gut hörbarer Einflüsse weiterhin nach niemand anderem.
FAZIT:
»HUN« verbindet den unverwechselbaren Kehlkopfgesang und die traditionelle Instrumentierung von The HU mit ihrem bisher breitesten Spektrum aus Folk, Heavy Metal, Hard Rock und progressiven Elementen. Einzelne Midtempo-Formeln und der etwas zu kalkulierte Radioanstrich von »Lost Soul« verhindern die Höchstwertung, während »The Men«, »Echoes Of My Father«, »Horsemen« und »Universe« zu den stärksten Stücken der bisherigen Bandgeschichte gehören. Vier von fünf Punkten.


