Band: Mountainscape 🇬🇧
Titel: Traversing Realms
Label: Road To Masochist
VÖ: 24.07.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Cinematic Post-Metal / Post-Rock / Atmospheric Black Metal

Tracklist

01. Dune (featuring Amaya López-Carromero)
02. The Elder Scrolls
03. Closure

Die Vinyl-Ausgabe enthält einen zusätzlichen exklusiven Bonustrack.

Besetzung

Dan Scrivener – Gitarre, Arrangements, Komposition
Ethan Bishop – Bass, Mix, Mastering
James Scrivener – Schlagzeug

 

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Drei Stücke, knapp 29 Minuten und gleich mehrere Welten: Das britische Trio Mountainscape denkt auf »Traversing Realms« nicht in gewöhnlichen Liedern, sondern in weit aufgezogenen musikalischen Erzählungen. Zwei davon nehmen bekannte Themen aus den Klangwelten von »Dune«, »Oblivion« und »Skyrim« auseinander, um sie anschließend als monumentalen Post-Metal neu zusammenzusetzen. Das abschließende »Closure« stammt vollständig aus der eigenen Feder und verwandelt persönliche Trauer in ein bewegendes instrumentales Requiem. Der Begriff Cinematic Post-Metal wirkt bei vielen Bands wie eine hastig aufgeklebte Marketingbezeichnung. Bei Mountainscape beschreibt er ziemlich genau, was hier geschieht: Musik wird zu Landschaft, Bewegung und innerem Film.

Albumstream:

VON BLACK METAL ZU GRENZENLOSER POST-MUSIK

Gegründet wurden Mountainscape 2019 in Reading. Gitarrist Dan Scrivener und sein Bruder, Schlagzeuger James Scrivener, waren zuvor unter anderem bei Traces, Aklash und Saturnian aktiv. Entsprechend tief steckt der Black Metal weiterhin in ihrer musikalischen DNA. Bassist Ethan Bishop, der auch bei Cairiss spielt, vervollständigte das Trio und brachte nicht allein instrumentale Fähigkeiten, sondern ebenso Erfahrung mit Produktion, Mix und Mastering ein.

Schon »Acceptance« von 2021, »Atoms Unfurling« aus dem darauffolgenden Jahr und das 2024 veröffentlichte »Iridescent« zeigten eine Band, die Post-Metal nicht auf die übliche Abfolge aus leiser Einleitung und lautem Finale reduzieren wollte. Doom, Sludge, Black Metal, Shoegaze, Ambient und Post-Rock wurden zu langen Kompositionen verbunden, deren Übergänge eher einer Filmmontage als einem klassischen Strophe-Refrain-Schema folgten.

Auf »Traversing Realms« wird dieser Ansatz konsequent weitergeführt. Die drei Musiker nutzen bekannte Soundtrackthemen als Ausgangspunkte, behandeln sie jedoch nicht wie unantastbare Reliquien. Motive werden zerlegt, harmonisch verschoben und mit schweren Gitarren, dröhnendem Bass, Blastbeats sowie weit geöffneten Klangflächen neu eingefasst. Gerade deshalb ist das Ergebnis weder ein gewöhnliches Coveralbum noch eine bloße Metalversion bekannter Filmmusik.

DUNE: SANDSTURM MIT MENSCHLICHER STIMME

»Dune« eröffnet die Reise mit Motiven aus Hans Zimmers Musik zu den neueren Verfilmungen von Frank Herberts Science-Fiction-Epos. Bereits die ersten Augenblicke vermitteln Größe und Fremdartigkeit. Breite Flächen liegen über einem zunächst kontrolliert pulsierenden Fundament, bevor Dan Scriveners Gitarre schwere Akkordblöcke in das Klangbild schiebt. James Scrivener arbeitet weniger als einfacher Taktgeber denn als dramaturgische Kraft. Rolls über die Toms, massive Bassdrums und eruptive Blastbeats lassen das Arrangement anschwellen und wieder in sich zusammenfallen.

Die entscheidende zusätzliche Farbe liefert Amaya López-Carromero, bekannt durch Maud The Moth und Healthy Living. Ihre Stimme schwebt über den Instrumenten, ohne den Song in eine gewöhnliche Gesangsnummer zu verwandeln. Sie klingt entrückt, verletzlich und zugleich beschwörend. Zwischen den massiven Gitarrenschlägen wirkt sie wie eine menschliche Spur in einer Umgebung, die für Menschen eigentlich zu gewaltig erscheint.

Mountainscape übersetzen die Wüste nicht plump in orientalisch anmutende Tonfolgen. Stattdessen arbeiten sie mit Weite, Druck und der ständigen Ahnung, dass sich hinter dem nächsten ruhigen Abschnitt etwas Gewaltiges erhebt. Der Bass zieht dunkle Linien unter die Gitarren, während die Dynamik mehrfach beinahe vollständig zurückgenommen wird. Sobald sich der Hörer in dieser scheinbaren Sicherheit eingerichtet hat, fällt das gesamte Trio erneut mit voller Wucht ein.

Diese Wechsel wirken nicht willkürlich. Jede Steigerung besitzt eine erkennbare Funktion, jeder ruhigere Abschnitt verändert die Perspektive auf das zentrale Motiv. Besonders stark ist die Art, wie López-Carromeros Stimme nach den heftigsten Ausbrüchen zurückkehrt. Sie bildet keinen dekorativen Kontrast, sondern hält die emotionale Erzählung zusammen. »Dune« vermittelt Erhabenheit, Bedrohung und Einsamkeit, ohne eine einzige Filmszene zu benötigen.

THE ELDER SCROLLS: VON CYRODIIL BIS SKYRIM

Das zweite Kapitel greift auf Musik aus »The Elder Scrolls IV: Oblivion« und »The Elder Scrolls V: Skyrim« zurück, die ursprünglich von Jeremy Soule komponiert wurde. Im Gegensatz zur fremdartigen Schwere von »Dune« beginnt »The Elder Scrolls« wärmer und zugänglicher. Eine klare Gitarrenmelodie entfaltet sich langsam über zurückhaltendem Bass und dezentem Schlagzeug. Das Stück erzeugt zunächst weniger den Eindruck einer Schlacht als jenen des freien Wanderns durch eine gewaltige Landschaft.

Dan Scrivener behandelt die bekannten Themen mit spürbarem Respekt, lässt ihnen aber ausreichend Raum zur Veränderung. Die Gitarre übernimmt die Rolle eines Orchesters, ohne eine Orchesterproduktion imitieren zu wollen. Einzelne Melodielinien werden wiederholt, harmonisch erweitert und schließlich von verzerrten Akkorden umschlossen. Ethan Bishops Bass beschränkt sich dabei nicht auf die Verdopplung der Grundtöne. Er legt eigene Bewegungen unter das Hauptmotiv und verleiht der Musik eine organische Tiefe.

In der Mitte kippt das Stück zunehmend in atmosphärischen Black Metal. James Scrivener treibt das Tempo mit Blastbeats nach oben, während die Gitarre aus dem ruhigen Ausgangsthema eine flirrende Wand formt. Bemerkenswert bleibt, dass die Melodie innerhalb dieses kontrollierten Sturms nicht verloren geht. Sie wird vielmehr größer, dringlicher und emotional aufgeladener.

Genau hier liegt eine der größten Stärken von Mountainscape. Die Band setzt Härte nicht ein, um das ursprüngliche Material einfach zu übertönen. Die metallischen Elemente erweitern dessen emotionale Reichweite. Aus friedlichem Staunen wird Aufbruch, aus Aufbruch Gefahr und aus Gefahr schließlich Triumph. Das Ergebnis klingt eindeutig nach The Elder Scrolls, trägt jedoch ebenso eindeutig die Handschrift des britischen Trios.

Ein kleiner Vorbehalt bleibt. Wer mit den Spielen und ihren Soundtracks eng verbunden ist, bringt bereits starke Erinnerungen in die Komposition mit. Ein Teil der unmittelbaren Wirkung entsteht deshalb zwangsläufig aus vertrauten Melodien. Mountainscape verdienen allerdings Anerkennung dafür, dass sie diesen emotionalen Vorschuss nicht bequem verwalten, sondern in eine eigenständige post-metallische Dramaturgie überführen.

CLOSURE: TRAUER OHNE WORTE

Mit »Closure« verlässt die Veröffentlichung die Welt fremder Kompositionen. Das von Dan Scrivener geschriebene Stück verarbeitet persönliche Erfahrungen mit dem Verlust geliebter Menschen. Dieser Hintergrund wird nicht durch gesprochene Erklärungen oder sentimentale Klangzitate vermittelt. Mountainscape vertrauen vollständig auf Melodie, Dynamik und das Zusammenspiel zwischen Band und Streichinstrumenten.

Der Beginn ist beinahe zerbrechlich. Klare Gitarrentöne stehen mit viel Raum im Arrangement, während Violine, Viola, Cello und Kontrabass vorsichtig hinzutreten. Sally Hobbs, Thea Hobbs, Uta Mulenga und Tom Marsh werden nicht als nachträglich aufgesetzte Verschönerung eingesetzt. Ihre Instrumente übernehmen eigene melodische Stimmen und reagieren auf die Bewegungen von Gitarre und Bass.

Aus dieser Ruhe entwickelt sich ein stetiger Vorwärtsdrang. Die Rhythmusgruppe setzt zunächst behutsam ein, verdichtet den Puls und führt die Komposition in immer größere Klangräume. Wiederkehrende Melodien vermitteln Erinnerung, während kleine harmonische Veränderungen zeigen, dass sich deren Bedeutung im Verlauf des Stückes verschiebt. Was anfangs nach stiller Trauer klingt, erhält zunehmend etwas Versöhnliches.

Der unvermeidliche Ausbruch fällt schwer aus, doch er wirkt nicht aggressiv. Gitarren, Schlagzeug und Streicher bilden einen gewaltigen gemeinsamen Höhepunkt, in dem Schmerz nicht überwunden, aber zumindest vollständig zugelassen wird. Danach fällt das Arrangement nicht abrupt zusammen. Die Instrumente ziehen sich langsam zurück und lassen eine ruhige, beinahe schwerelose Schlussphase entstehen.

Gerade »Closure« beantwortet die Frage nach der kompositorischen Eigenständigkeit von Mountainscape. Die Band benötigt weder Sandwürmer noch nordische Fantasylandschaften, um ein starkes inneres Bild zu erzeugen. Ohne bekannte Vorlage entsteht das emotional überzeugendste Stück der Veröffentlichung. Dass es gleichzeitig das längste ist, fällt kaum auf. Keine Passage wirkt gestreckt, kein Crescendo wird unnötig hinausgezögert.

DREI MUSIKER KLINGEN WIE EIN GANZES ORCHESTER

Die Besetzung von Mountainscape ist überschaubar, der Klang keineswegs. Dan Scrivener arbeitet mit mehreren Gitarrenschichten, lässt aber stets genügend Raum für Bass und Schlagzeug. Seine Stärke liegt weniger in technischer Selbstdarstellung als in der Entwicklung langer melodischer Bögen. Einzelne Motive werden früh eingeführt und kehren später mit veränderter Klangfarbe oder gesteigerter Intensität zurück.

Ethan Bishop ist für die Wirkung der Kompositionen mindestens ebenso entscheidend. Sein Bass erzeugt körperliche Tiefe, übernimmt aber regelmäßig melodische Aufgaben. Besonders während der ruhigeren Passagen verhindert er, dass die Musik zu einer Ansammlung hübscher Gitarrenflächen zerfällt. Sobald die Band schwerer wird, hält er das tiefe Frequenzspektrum zusammen, ohne im Gitarrensound zu verschwinden.

James Scrivener beweist ein ausgeprägtes Verständnis für Dynamik. Seine Blastbeats schlagen heftig ein, weil sie nicht pausenlos verwendet werden. Leise Beckenschläge, zurückhaltende Grooves und rollende Tomfiguren bereiten die großen Ausbrüche sorgfältig vor. Das Schlagzeug erzählt die Stücke mit und reagiert auf ihre Stimmung, anstatt lediglich einen gleichbleibenden Puls bereitzustellen.

Damit erreicht das Trio eine bemerkenswerte Größe. Mountainscape klingen weder leer noch künstlich überladen. Selbst in den dichtesten Augenblicken bleibt nachvollziehbar, welche Rolle die einzelnen Instrumente übernehmen. Gerade für Musik, die bewusst an die Dimension eines Filmscores heranreichen möchte, ist diese Balance entscheidend.

ETHAN BISHOP BEHÄLT DIE KONTROLLE

Die Schlagzeugspuren wurden von Joe Clayton im Manchesterer No Studio aufgenommen. Die übrige klangliche Arbeit lag weitgehend bei Dan Scrivener und Ethan Bishop, wobei Bishop außerdem Mix und Mastering übernahm. Das Ergebnis verbindet enorme Wucht mit überraschend viel Luft.

Die Gitarren besitzen in den schweren Abschnitten ausreichend Masse, wirken aber nicht wie eine undurchdringliche digitale Wand. Klare Passagen behalten Anschlag, Wärme und räumliche Tiefe. Der Bass ist kräftig genug gemischt, um auch unter verzerrten Akkorden wahrnehmbar zu bleiben. Besonders gelungen ist der Schlagzeugsound: Die Bassdrum hat Druck, die Toms besitzen Körper und die Becken schneiden nicht unangenehm durch die atmosphärischen Ebenen.

Auch die Einbindung der Gastinstrumente gelingt. Amaya López-Carromeros Stimme steht weder künstlich vor der Band noch verschwindet sie hinter den Gitarren. Die Streicher in »Closure« behalten ihren natürlichen Charakter und werden nicht zu einer synthetisch klingenden Hintergrundfläche zusammengeschoben.

Lediglich während der massivsten Höhepunkte wird das Klangbild so dicht, dass kleinere Gitarrendetails vorübergehend untergehen. Das dürfte allerdings teilweise beabsichtigt sein: Diese Passagen sollen den Hörer nicht zur analytischen Betrachtung einladen, sondern vollständig umschließen. Entscheidend ist, dass die ruhigeren Momente danach wieder atmen können. Die Produktion kennt nicht allein Lautstärke, sondern tatsächliche Dynamik.

BEKANNTE WELTEN, EIGENE ARCHITEKTUR

Zwei der drei Kompositionen beruhen auf bereits vorhandenem Material. Dieser Umstand lässt sich bei der Bewertung nicht ignorieren. Hans Zimmer und Jeremy Soule liefern Themen, deren emotionale Kraft längst bewiesen ist. Mountainscape beginnen also nicht in jedem Fall mit einem leeren Blatt.

Ihre Leistung liegt in der vollständigen Neuordnung dieses Materials. Die Band kopiert keine Orchesterarrangements und legt anschließend verzerrte Gitarren darüber. Sie untersucht, welche Stimmung ein Thema erzeugt, und baut aus dieser Wirkung eine neue Form. Post-Rock, Doom, Sludge und atmosphärischer Black Metal werden dabei nicht als lose Stilzitate aneinandergereiht. Sie bilden eine gemeinsame Sprache.

Gelegentlich bleibt der grundsätzliche Verlauf vorhersehbar. Ruhige Melodie, allmähliche Verdichtung, massiver Ausbruch und atmosphärischer Nachhall gehören zum vertrauten Werkzeugkasten des Post-Metal. Mountainscape beherrschen diese Dramaturgie allerdings so sicher, dass sie kaum ermüdend wirkt. Innerhalb der drei langen Stücke finden sich keine austauschbaren Übergänge und keine Passagen, die allein zur Verlängerung der Laufzeit dienen.

Die größte Leistung bleibt deshalb nicht die schiere Größe des Sounds, sondern dessen Konzentration. In knapp 29 Minuten entsteht eine geschlossene Reise von fremdartiger Science-Fiction über vertraute Fantasy bis hin zu persönlicher Trauer. Die drei Welten unterscheiden sich deutlich und passen dennoch zusammen.

EIN KURZES WERK MIT GEWALTIGER REICHWEITE

»Traversing Realms« wirkt trotz der knappen Trackzahl vollständig. »Dune« liefert den monumentalen Einstieg und mit Amaya López-Carromero die einzige menschliche Stimme. »The Elder Scrolls« verbindet die eingängigste Melodie mit dem stärksten Black-Metal-Ausbruch. »Closure« führt schließlich in eine persönliche, von Streichern getragene Klangwelt und bildet den emotionalen Höhepunkt.

Wer Post-Metal vor allem mit endlosen Wiederholungen und vorhersehbaren Laut-leise-Kontrasten verbindet, erhält hier ein überzeugendes Gegenargument. Mountainscape komponieren lange Stücke, ohne ihre Ideen unnötig auszudehnen. Jede Wiederholung verändert den Kontext, jede Steigerung verfolgt ein Ziel.

Zur Höchstwertung fehlt lediglich der letzte Schritt in vollständig eigenes kompositorisches Gebiet. Zwei Drittel der Veröffentlichung profitieren von bekannten Ausgangsmelodien, während das hervorragende »Closure« gerade deshalb so wichtig ist: Es zeigt, wie gewaltig Mountainscape auch ohne fremde Vorlagen klingen können. Ein vollständiges Album, das diese emotionale Tiefe und orchestrale Vorstellungskraft ausschließlich auf eigene Themen überträgt, könnte tatsächlich außergewöhnlich werden.

FAZIT:

»Traversing Realms« ist eine eindrucksvolle Verbindung aus Soundtrack, Post-Rock, atmosphärischem Black Metal und orchestraler Klanggestaltung. Mountainscape behandeln die Musik von Hans Zimmer und Jeremy Soule mit Respekt, formen sie jedoch konsequent nach ihrer eigenen Vorstellung um, während das bewegende »Closure« die kompositorische Stärke des Trios ohne bekannte Vorlage bestätigt. Kleinere Abzüge gibt es für einige vertraute Post-Metal-Steigerungen und den erheblichen Anteil fremder Ausgangsthemen – die enorme Wirkung dieser knapp 29 Minuten bleibt davon nahezu unberührt. Vier­einhalb von fünf Punkten.

Dune Video:

Internet

MOUNTAINSCAPE - TRAVERSING REALMS - EP Review

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