Band: Viande 🇫🇷
Titel: Monument aux morts
Label: Transcending Obscurity Records
VÖ: 31. Juli 2026 Format: Digital / CD / Vinyl
Genre: Blackened Death Metal / Death Doom Metal / Atmospheric Death Metal

Tracklist

01. Linceul immense
02. Sacrifice ardent
03. Germes de mort
04. Monolithe de chagrin
05. Cercueil de vase
06. Une cage d’os
07. L’esprit cachot
08. Austérité maximum
09. L’homme Brasier (Bonus)

Besetzung

J – Gesang
B – Gitarre & Synthesizer
O – Bass
I – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Heute an diesem Freitag erscheint mit »Monument aux morts« das zweite Album der französischen Viande. Vier Jahre nach »L’abime dévore les âmes« errichtet das Quartett aus Chambéry ein musikalisches Mahnmal, dessen französischer Titel passenderweise mit „Denkmal für die Toten“ übersetzt werden kann. Besinnlich wird es deshalb allerdings nicht. Viande verbinden Death Metal, Black Metal, Doom, Sludge, Noise und industrielle Klangflächen zu einer Musik, die sich langsam um den Brustkorb legt und mit jedem Takt fester zudrückt.

Wo andere Bands ihre Dissonanzen wie einen Beweis musikalischer Intellektualität vor sich hertragen, verwenden Viande sie als Werkzeug. Die schiefen Harmonien besitzen eine konkrete Aufgabe: Sie sollen Unbehagen erzeugen. Dennoch bleibt hinter dem Chaos stets eine erkennbare Struktur erhalten. Riffs, Rhythmen und Übergänge sind vorhanden – sie führen bloß an Orte, an denen sich kein vernünftiger Mensch freiwillig lange aufhalten möchte.

EIN MAHNMAL AUS TOD UND DISSONANZ

Der Name Viande bedeutet schlicht „Fleisch“. Entsprechend körperlich geht die Band auch mit ihrer Musik um. Ihr Death Metal bleibt kein abstraktes Klangexperiment, sondern besitzt Gewicht, Druck und eine beinahe greifbare Widerwärtigkeit. Die Gitarren winden sich durch dissonante Tonfolgen, der Bass rumpelt darunter wie eine einstürzende Kellerdecke und das Schlagzeug schlägt mit einer militärischen Konsequenz zu, die dem Album etwas Unerbittliches verleiht.

Gleichzeitig hat sich gegenüber dem Debüt einiges verschoben. Das neue Material klingt konkreter, massiver und stärker im klassischen Death Metal verankert. Die industriellen und lärmenden Bestandteile sind weiterhin vorhanden, stehen aber nicht länger im Vordergrund. Sie kriechen als Störgeräusche, Rückkopplungen und synthetische Schwingungen durch die Zwischenräume.

Das macht »Monument aux morts« zunächst zugänglicher als seinen Vorgänger, wobei „zugänglich“ hier ausschließlich im Verhältnis zum bisherigen Schaffen der Franzosen verstanden werden darf. Wer bei Death Metal an ein paar kräftige Riffs, ein Gitarrensolo und einen Refrain zum Mitgrölen denkt, dürfte nach wenigen Minuten orientierungslos in der Ecke sitzen.

J trägt mit seinen tiefen Growls wesentlich zu dieser Wirkung bei. Seine Stimme kommt nicht von vorne, sondern scheint aus einem Hohlraum unterhalb der Musik aufzusteigen. Gequälte Schreie und verzerrte Laute ergänzen den gutturalen Hauptgesang und vermitteln den Eindruck, als würden innerhalb der Aufnahme mehrere Menschen gleichzeitig um ihr Leben kämpfen.

UNTER EINEM GEWALTIGEN LEICHENTUCH

»Linceul immense« eröffnet das Album mit einem unheilvollen Dröhnen. Einzelne Gitarrentöne schweben zunächst durch den Raum, bevor sich die gesamte Band langsam in Bewegung setzt. Doomige Schwere trifft auf scharf gezogene Tremoloriffs und plötzlich ausbrechende Attacken. I wechselt am Schlagzeug zwischen schwerfälligen Schlägen, rollenden Übergängen und brutalen Beschleunigungen, ohne dass der Song dabei auseinanderfällt.

Besonders stark sind jene Momente, in denen B eine beinahe melodische Linie entstehen lässt, diese jedoch sofort wieder verbiegt. Kaum findet das Gehör einen festen Punkt, wird er unter einer neuen Schicht aus Dissonanz und Rückkopplung begraben. Trotzdem besitzt die Nummer einen erstaunlich wirkungsvollen Groove. Unter all dem Lärm arbeitet ein klarer Rhythmus, der den Hörer immer tiefer in das Album zieht.

Mit über sieben Minuten nimmt sich »Sacrifice ardent« anschließend ausreichend Zeit, die gerade geöffnete Wunde zu vergrößern. Das Riffing wird unruhiger, die Gitarren schlängeln sich umeinander und das Schlagzeug entwickelt eine beinahe kriegerische Härte. Im Hintergrund sind Schreie und schwer einzuordnende Geräusche zu hören. Sie wirken nicht wie nachträglich aufgelegter Horrorfilmschmuck, sondern wie Bestandteile des eigentlichen Arrangements.

Gerade hier zeigt sich die große Stärke von Viande. Die Band kann gewaltige Härte erzeugen, ohne permanent auf Höchstgeschwindigkeit angewiesen zu sein. Selbst die langsameren Abschnitte besitzen eine bedrohliche Spannung. »Sacrifice ardent« bleibt niemals wirklich stehen – die Nummer schleppt sich weiter, windet sich und schlägt irgendwann wieder zu. Einer der stärksten Songs des Albums!

TODESSAMEN UND EIN MONOLITH AUS TRAUER

»Germes de mort« erhöht das Tempo und zieht das Material stärker in Richtung Blackened Death Metal. Rasende Passagen treffen auf schneidende Gitarren und einen Gesang, der zwischen tiefem Grollen und gequältem Schreien pendelt. Trotz seiner Härte bleibt der Song erstaunlich vielschichtig. Die Gitarren erzeugen keine geschlossene Wand, sondern mehrere übereinanderliegende Bewegungen, die gegeneinander arbeiten.

Das ist anstrengend, aber nicht wahllos. Hinter der vermeintlichen Unordnung steckt ein genaues Verständnis dafür, wann ein Riff Raum benötigt und wann die komplette Band darüber herfallen darf. Der Bass von O hält die verschiedenen Ebenen zusammen, auch wenn er im dichten Gesamtklang nicht immer deutlich herauszuhören ist.

Mit »Monolithe de chagrin« folgt der kürzeste reguläre Song. Die knapp vier Minuten wirken wie ein verdichteter Mittelpunkt des Albums. Ein schwerer Rhythmus schiebt sich vorwärts, während die Gitarren darüber kreisen und zunehmend ihre feste Form verlieren. Die Nummer besitzt beinahe etwas Hypnotisches. Gerade weil Viande diesmal auf eine ausufernde Entwicklung verzichten, bleibt das Stück unmittelbar hängen.

Der Höhepunkt der regulären Albumfassung ist jedoch »Cercueil de vase«. Hier verbinden sich die verschiedenen Seiten der Band besonders schlüssig. Mächtige Death-Metal-Riffs, dissonante Gitarrenläufe, doomige Langsamkeit und ein beinahe körperlich spürbarer Groove greifen ineinander. Der Song bewegt sich wie ein schweres, verwundetes Tier, das noch immer genügend Kraft besitzt, alles in seiner Umgebung mitzureißen.

B vermeidet dabei jede konventionelle Auflösung. Wo andere Gitarristen nach einem Spannungsaufbau in ein befreiendes Riff wechseln würden, setzen Viande noch eine weitere Schicht Beklemmung darauf. Das kann nerven, soll aber genau das. Dieses Album möchte niemandem ein angenehmes Hörerlebnis bereiten.

GEFANGEN IN EINEM KÄFIG AUS KNOCHEN

»Une cage d’os« tritt noch schwerfälliger auf. Die Gitarren erinnern stellenweise an eine Verbindung aus Death Doom, Sludge und kaltem Industrial Metal. Jeder Schlag wirkt kontrolliert und zugleich menschenfeindlich. Dazwischen tauchen kurze, beinahe melancholische Melodien auf, die jedoch sofort wieder von der nächsten Welle aus Verzerrung verschluckt werden.

Gerade diese kleinen melodischen Öffnungen sind wichtig. Ohne sie würde die Platte Gefahr laufen, in ihrer eigenen Finsternis bewegungslos zu werden. Viande gewähren dem Publikum für wenige Sekunden etwas Luft, nur um den Raum anschließend noch enger erscheinen zu lassen.

»L’esprit cachot« führt diesen Gedanken weiter. Synthetische Geräusche, Rückkopplungen und sparsam eingesetzte Gitarren erzeugen eine Stimmung, die an ein verlassenes Industriegebäude erinnert. Das Schlagzeug bleibt lange zurückhaltend, ehe die Nummer wieder in einen massiven, schleppenden Rhythmus fällt. Der Song arbeitet weniger mit einzelnen Höhepunkten als mit einer fortschreitenden Zersetzung. Je länger er dauert, desto weniger sicher erscheint seine ursprüngliche Form.

Mit »Austérité maximum« endet die reguläre Ausgabe schließlich in einem zweieinhalbminütigen instrumentalen Nachhall. Als eigenständiger Song besitzt dieses Stück wenig Substanz. Innerhalb des Albums erfüllt es jedoch seinen Zweck. Die Musik verschwindet nicht mit einem plötzlichen Schlussschlag, sondern hinterlässt ein Feld aus Geräuschen, auf dem sich der zuvor angerichtete Schaden langsam betrachten lässt.

Trotzdem ist dieser Abschluss eine der schwächeren Stellen. Nach der dichten Entwicklung von »L’esprit cachot« wäre ein prägnanteres Ende wirkungsvoller gewesen. »Austérité maximum« vermittelt eher den Eindruck eines langen Outros als den eines vollständig ausgearbeiteten Stücks.

DAS BESTE STÜCK LANDET IM BONUSBEREICH

Mit »L’homme Brasier« enthält die Bandcamp-Fassung beziehungsweise der vollständige Albumstream noch einen Bonustrack. Die Nummer ist keineswegs bloß übrig gebliebenes Material. Im Gegenteil: Sie gehört zu den eindrucksvollsten Kompositionen dieser Veröffentlichung.

Dissonante Gitarren, wuchtige Schlagzeugarbeit und ein vollkommen entfesselter Gesang steigern sich zu einem kontrollierten Zusammenbruch. Die verschiedenen Ebenen prallen aufeinander, ohne vollständig zu einer undurchsichtigen Masse zu verschmelzen. Besonders die Wechsel zwischen schleppender Schwere und chaotischer Beschleunigung funktionieren ausgezeichnet.

Dass ausgerechnet dieser Song als Bonus geführt wird, ist etwas unverständlich. »L’homme Brasier« hätte der regulären Fassung einen wesentlich stärkeren Abschluss gegeben als das rein atmosphärische »Austérité maximum«. Zumindest erhält die Nummer durch das offizielle Musikvideo die verdiente Aufmerksamkeit.

EINE PRODUKTION OHNE SAUERSTOFF

Die Produktion von »Monument aux morts« ist gewaltig. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang werden so dicht aufeinandergepresst, dass kaum ein freier Raum übrig bleibt. Dieser Klang passt zur Musik und verstärkt das Gefühl völliger Einengung. Selbst bei reduzierter Instrumentierung bleibt eine unsichtbare Spannung bestehen.

Allerdings besitzt diese Herangehensweise einen Preis. Über die komplette Spielzeit fehlt es stellenweise an Dynamik. Laute und noch lautere Abschnitte gehen beinahe nahtlos ineinander über, während ruhigere Momente eher durch weniger gespielte Töne als durch eine tatsächliche Öffnung des Klangbildes entstehen. Der Bass hätte an einigen Stellen mehr Eigenständigkeit verdient und auch Details der Gitarrenarbeit verschwinden gelegentlich unter der massiven Verdichtung.

Dadurch ähneln sich mehrere Songs stärker, als es ihre eigentlichen Kompositionen vermuten lassen. Bestimmte Abläufe kehren wieder: schleppendes Riff, nervöses Tremolo, plötzliche Beschleunigung, Rückzug in Feedback und erneuter Ausbruch. Jeder dieser Bestandteile funktioniert, doch über fast eine Stunde kann sich der Effekt abnutzen.

Das Album benötigt deshalb mehrere Durchläufe. Beim ersten Kontakt bleibt vor allem eine große, finstere Masse zurück. Erst später werden einzelne Rhythmen, melodische Fragmente und die erstaunlich präzisen Übergänge hörbar. Wer bereit ist, sich diese Zeit zu nehmen, entdeckt unter der Oberfläche deutlich mehr, als der zunächst monolithische Klang vermuten lässt.

FAZIT:

Mit »Monument aux morts« liefern Viande ein zweites Album ab, das seinen Titel mit erschreckender Konsequenz vertont. Hier wird kein heldenhaftes Denkmal errichtet. Dieses Monument besteht aus Schlamm, Knochen, rostigem Metall und den Stimmen jener Menschen, denen längst niemand mehr antwortet.

Die Franzosen verbinden Death Metal, Black Metal, Doom, Sludge, Noise und Industrial zu einer eigenständigen Mischung. Ihre Dissonanzen dienen der Atmosphäre, die doomigen Passagen besitzen ein gewaltiges Gewicht und die Rhythmusgruppe arbeitet mit einer geradezu militärischen Präzision. J thront mit seinen tiefen Growls und gequälten Schreien über diesem musikalischen Massengrab, während B an Gitarre und Synthesizer immer neue Formen des Unbehagens erzeugt.

Nicht jede Komposition hinterlässt ein eigenes, sofort erkennbares Gesicht. Mehrere Strukturen wiederholen sich und die extrem verdichtete Produktion nimmt einigen Details die notwendige Luft. Auch »Austérité maximum« wirkt als regulärer Abschluss etwas unbefriedigend. Dafür hätte das hervorragende »L’homme Brasier« unbedingt in die eigentliche Albumfassung gehört.

Wer klar gegliederte Songs, eingängige Refrains oder freundliche Melodien benötigt, kann um dieses Werk einen großen Bogen machen. Anhänger von Incantation, Teitanblood, Portal, Primitive Man, Altarage oder Grave Miasma sollten sich hingegen unter dieses Leichentuch legen. »Monument aux morts« ist bedrückend, körperlich und konsequent hässlich. Genau darin liegt seine Stärke.

Internet

Viande - Monument aux morts - Album Review

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