An anderer Stelle einer rosafarbenen Tageszeitung habe ich einen Artikel über frauenstärkende Tendenzen im Metal geschrieben. Da in Tageszeitungen nie genug Platz für unsere beste Musik der Welt (also Metal, höhö!, Anm. d. Red.) ist, meine Interviewpartnerin Frau Percht, Sängerin und kreative Kraft hinter den Tiroler Black-Metaller*innen PERCHTA, aber noch viel mehr zu sagen hatte, das man lesen sollte, bringen wir das Interview in unserem kleinen Familien-Webzine in voller Länge. Here we go, im Folgenden könnt Ihr ausführlich lesen, was Frau Percht als engagierte Stimme über tagesaktuelle Debatten, Gewalt an Frauen, Femizide und eine bessere Welt durch Extreme Metal zu berichten hatte.
Dr. Peda: Ihr seid seit 2017 aktiv – dabei habt ihr es geschafft, euch als gut sichtbare feministische Stimme mit extremmusikalischen Konzept zu etablieren. Euer zweites Album bezeichnet ihr online als „feministisches Manifest“. Kannst du uns zusammenfassend erläutern, was du damit meinst, was ist das Programm dahinter?
Foto Credit: Cartismandua
Frau Percht: Für mich bedeutet unser zweites Album „D’Muata“ eine kompromisslose Rückforderung der weiblichen Urkraft, der Selbstbestimmung und der Sichtbarkeit. Der Feminismus, den wir leben und in dieses Album gegossen haben, ist kein theoretisches Konstrukt, sondern tief verwurzelt in der Natur, im alpinen Brauchtum und den realen Lebenserfahrungen von Frauen. Auch von mir als Mutter und Hebamme. Das Programm basiert auf folgenden Säulen:
Enttabuisierung des Weiblichen: Das Durchbrechen von Stigmata rund um den weiblichen Körper, Zyklus, Geburt, Mütterlichkeit, Ausleben und Zeigen von starken Gefühlen, auch Wut und das Altern.
Macht und Selbstermächtigung: Frauen aus der Opferrolle herauszuholen und ihnen ihre eigene, oft verschüttete oder gesellschaftlich abtrainierte Schöpfungs- und Zerstörungskraft bewusst zu machen.
Die Natur- und Ahnenverbundenheit: Die Besinnung auf matriarchale Wurzeln und das Wissen der Frauen, die vor uns da waren. Heilerinnen, Gebärende, Schaffende, Hebammen, die vom Patriarchat historisch unsichtbar gemacht oder vernichtet wurden.
Radikale Ehrlichkeit: Feminismus darf nicht in eine gefällige oder sanfte Form gezwungen werden. Er darf auch laut, dreckig, wütend und unbarmherzig sein.
Dr. Peda: Spannend ist ja, dass Perchta im Gegensatz zu anderen von Frauen geprägten Metal-Bands ein so integrales programmatisches Konzept verfolgen. Das drückt sich auch, so mein Höreindruck, in bewusst gewählten musikalischen Mitteln aus. Welche Gedanken, Impulse und Ziele leiten Frau Percht und Perchta denn, wenn sie dieses Programm in Töne, Screams und Riffs packen? Welche Instrumente, Kompositionstechniken und Stimmen sind denn besonders geeignet, den feministischen Ansatz künstlerisch zu verwirklichen?
Frau Percht: Als wir dieses Manifest in Musik übersetzten, suchten wir nach der perfekten Balance zwischen roher Gewalt und tiefer Geborgenheit. Genau den zwei Facetten der Natur und des Weiblichen.
Wir nutzen traditionelle Instrumente wie das Hackbrett, die Zither oder die Teufelsgeige nicht als folkloristische Deko, sondern als emotionale Anker. Das Hackbrett kann glasklar, zerbrechlich und eiskalt klingen, aber auch perkussiv und treibend. Kombiniert mit sägenden Black-Metal-Riffs entsteht ein Kontrast, der die Zerrissenheit zwischen Tradition und Aufbegehren spürbar macht.
Foto Credit: Cartismandua
Unsere Songstrukturen sind organisch aufgebaut, wie Geburtswehen, Stürme oder Jahreszeiten. Es gibt Phasen des Schmerzes, des Aufbaus, des Wütens und schließlich der Stille und Erlösung. Wir arbeiten also stark mit Dynamik und spielen gerne mit ASMR-Sounds für ein multisensorisches Hörerlebnis. Ein brachialer Blastbeat bricht ab in ein unbegleitetes, intimes Naturtonmotiv, um die Verletzlichkeit hinter der Aggression als rohe Kraft freizulegen und wird im anderen Moment von einer sanften im Zweigesang klingenden Passage abgelöst, bevor das Gewitter wieder über den/die HörerInnen/ZuseherInnen hereinbricht.
Dr. Peda: Als besonders „männlich“ war ja lange Zeit gerade im Extrem-Metal gutturaler Gesang codiert. Du benutzt sowohl clean als auch guttural. Mir ist im Hören eurer beiden Alben aufgefallen, dass es damit verbunden sehr spannende Laut/Leise-Dynamiken gibt. Ist die Stimme bzw. die Wahl der jeweiligen Form der Stimme (guttural vs. clean) eines der Werkzeuge, um das feministische Manifest zu vertonen? Was leitet dich denn in der Ausarbeitung der Vocals an?
Frau Percht: Die Stimme ist das unmittelbarste Organ für Emotionen und Manifestation. Die Entscheidung zwischen Clean-Gesang und Gutturalem ist bei mir kein Zufall, sondern ein zentrales erzählerisches Element. Der gutturale Gesang, meine Befreiung im Schrei (Screams und Growls), bricht mit der gesellschaftlichen Erwartung, dass die weibliche Stimme süß, leise, gefällig oder dienend zu klingen hat.
Außerdem ist es für mich jedesmal ein Wunder der Natur, wenn man Gebärende beim Tönen unter den Wehen begleiten darf. Nicht ohne Grund mikrofonierte ich in dem Track „Ausbruch“ meine eigenen Geburtswehen, die dann mit dem fantastischen Drumsolo von Håscht kombiniert wurden. Der Scream ist der Urschrei, die Wehe, der Protest.
Der cleane Gesang, oft inspiriert vom alpinem Jodeln, von Wiegenliedern oder Mythenerzählungen bringt die Melancholie, die Verbundenheit zur Erde und die tröstende Mutterenergie hinein. Das Zusammenspiel dieser beiden Extreme spiegelt die Zyklen des Lebens wieder und bietet eine wunderbare Dynamik für mich, für uns als MusikerInnen und für unsere ZuhörerInnen. Ich passe die Vocals immer der emotionalen Wahrheit des Textes an und liebe es, die Achterbahn der Gefühle dramaturgisch für uns umzusetzen und zu erleben.
Dr. Peda: Ich würde abschließend noch gern auf die eingangs genannten Debatten zurückkommen. Tagespolitisch und auch im Metal sind Debatten um Gewalt gegen Frauen sowie Femizide ein Dauerthema. Ihr erwähnt online, dass das Thema von Femiziden in eurem Albumkonzept eine Rolle spielt. Kannst du erläutern, inwiefern ihr das Thema aufgreift und was ihr damit erreichen wollt?
Frau Percht: Das Thema Femizide und Gewalt gegen Frauen ist leider eine alltägliche, blutige Realität, bei uns wie weltweit. In unserem Albumkonzept greifen wir diese Thematik historisch wie auch aktuell auf. Wir verarbeiten das Thema auf zwei Ebenen.
Wir geben den Opfern eine Stimme und einen Raum. Es geht darum, das Verbrechen nicht zu anonymisieren oder hinter Scham zu verstecken, sondern das Leid unverblümt beim Namen zu nennen. Dies ist besonders beim Lied „Ois wås ma san“ rauszuhören.
Foto Credit: Cartismandua
In der Mythologie ist die Perchta jene Gestalt, die richtet, straft und die Ordnung der Natur wiederherstellt. Sie ist die Beschützerin der Frauen und Kinder. In unseren Songs lassen wir diese mythologische Kraft, auch als Vergeltung, aufleben. Gewalt an Frauen ist kein Schicksal, das hinzunehmen ist, sondern ein Verbrechen, das Konsequenzen fordert.
Wir wollen damit aufrütteln, die Banalisierung von häuslicher und patriarchaler Gewalt anprangern und Betroffenen zeigen: Ihr seid nicht allein, und eure Wut ist absolut berechtigt.
Dr. Peda: Auch wenn es derzeit in diesen Punkten schwierig fällt, würde ich gerne optimistisch schließen. Ich erlebe immer wieder, gerade in kleinen Metal-Communities, dass der intensive Sound von Extreme-Metal, verbunden mit Messages wie eurer Menschen erreichen und zum Nachdenken anregen kann. Kann deiner Einschätzung nach Musik wie eure etwas zu einem besserem gesellschaftlichen Klima beitragen? Wieviel darf denn von Musik in dem Punkt erhofft werden?
Frau Percht: Ich glaube zutiefst an die transformierende Kraft der Musik. Extreme Metal ist für viele Menschen, so auch für uns, kein bloßer Zeitvertreib, sondern ein Ventil, eine Therapie und eine Gemeinschaft. Wenn ein Hörer/eine Hörerin durch die Energie der Musik an einen Text herangeführt wird, er/sie sonst vielleicht abgelehnt hätte, entsteht ein Funke.
Durch das gemeinsame Durchleben von echten Emotionen, schafft man einen bleibenden, nachklingenden Eindruck und regt den/die Einen/Eine oder Anderen/Andere zum Nachdenken an. In einer Szene, die historisch oft männlich dominiert war, schaffen wir mit unseren Konzerten und Botschaften einen Raum, in dem sich Frauen, FLINTA*-Personen und alle, die sich abseits patriarchaler Muster bewegen, sicher, gesehen und gestärkt fühlen.
Für mich als Sängerin ist es das schönste Kompliment, wenn ich junge Frauen/Musikerinnen erreichen kann und dazumotiviere, selbst Musik zu machen. Ich denke daran zurück als ich 14 Jahre alt war, gerade mit Metal in Kontakt gekommen bin, und damals nahezu keine Vorbilder fand. Ich glaube, je mehr Frauen, FLINTA*- Personen mit unterschiedlichen Körpern, unterschiedlichsten Stimmen und einer an den Menschenrechten orientierten Botschaft auf den Bühnen möglichst vieler/aller Metal Veranstaltungen zu sehen sind, desto mehr kommen wir dem Ziel der Diversität und der damit einhergehenden Akzeptanz näher.
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