Tracklist
01. Made In Hell
02. Ghost In The Machine
03. Into The Universe
04. The Almighty (Live)
Besetzung
Martin Steene – Vocals
Michael Stützer – Guitar
René Loua – Guitar
Peter Thorslund – Bass
Frederik Kjelstrup Hansen – Drums
Wie würde eine Metalband in der Hölle klingen? Wir wissen es nicht, aber wenn eine Band wie Artillery nach über vier Jahrzehnten Bandgeschichte mit einer neuen EP um die Ecke biegt, darf man durchaus hellhörig werden. Die dänischen Thrash-Veteranen gehören nicht zu jenen Formationen, die ihren Namen nur noch als nostalgisches Etikett vor sich hertragen. Artillery waren immer dann am stärksten, wenn sie rohe Thrash-Brachailität mit technischer Eleganz verbunden haben. Genau diese Mischung zieht sich auch durch »Made In Hell«.
Vier Songs, knapp unter zwanzig Minuten Spielzeit, zwei neue Stücke, ein neu eingespielter Klassiker und ein Live-Abriss aus der Frühphase. Auf dem Papier klingt das nach typischer EP-Resteverwertung. In der Praxis wirkt »Made In Hell« aber eher wie ein Lebenszeichen mit breiter Brust. Nicht alles ist zwingend notwendig, doch vieles macht schlicht Laune.
EIN NEUER ANLAUF MIT ALTEM STAHL
Besonders interessant ist diese Veröffentlichung, weil sie die erste mit der neuen Besetzung ist. Martin Steeneübernimmt den Gesang, René Loua verstärkt die Gitarrenfront, und Frederik Kjelstrup Hansen sitzt hinter dem Schlagzeug. Zusammen mit Michael Stützer und Peter Thorslund klingt die Band nicht wie ein Museum, das noch einmal die alten Exponate poliert, sondern wie eine Maschine, die nach Wartung wieder auf Betriebstemperatur läuft.
Aufgebaut auf einem Fundament aus treibenden Drums und satten Bässen, setzen Artillery ihre Riffs wie glühende Stahlträger in ein Gerüst aus klassischem Thrash Metal. Die Produktion ist modern und druckvoll, aber nicht steril. Genau das ist wichtig. Diese Musik braucht Kanten, braucht Reibung, braucht den Eindruck, dass irgendwo im Hintergrund noch Öl, Schweiß und Verstärkerhitze in der Luft liegen.
DER TITELTRACK ALS HÖLLENMARSCH
Der Einstieg mit »Made In Hell« macht sofort klar, wo der Hammer hängt. Ein orientalisch angehauchtes Gitarrenmotiv öffnet den Song, fast so, als würde kurz ein heißer Wüstenwind durch die Boxen ziehen, bevor die Band in den eigentlichen Thrash-Modus schaltet. Das Tempo bleibt über weite Strecken eher im mittleren Bereich, doch gerade dadurch bekommt der Song eine schwere, stampfende Wirkung.
Hier wird nicht kopflos gerast, sondern mit kontrollierter Wucht gearbeitet. Die Gitarren riffen eng und präzise, das Schlagzeug schiebt mit Doublebass-Druck nach vorne, und Martin Steene zeigt direkt, dass er mehr kann als nur den neuen Mann am Mikrofon zu markieren. Seine Stimme besitzt Biss, eine gewisse Rohheit und genug melodische Höhe, um sich gegen die Gitarrenwand durchzusetzen.
Inhaltlich wirkt »Made In Hell« wie eine zynische Betrachtung einer Welt, die ihre eigenen Katastrophen immer wieder neu produziert. Krieg, Gewalt und menschliche Selbstzerstörung stehen sinnbildlich im Raum. Der Song klingt nicht wie ein erhobener Zeigefinger, sondern wie eine Thrash-Metal-Sirene aus einer brennenden Fabrikhalle.
GEISTER (Die Wir riefen) IN DER MASCHINE
Mit »Ghost In The Machine« folgt der zweite neue Song, und dieser wirkt etwas moderner, nervöser und technischer. Die Gitarrenarbeit ist hier besonders sauber ausgearbeitet. Ein instrumentaler Einstieg, ein starkes Lead-Motiv und tightes Riffing sorgen dafür, dass der Song nicht einfach nur als zweiter neuer Track neben dem Titelstück steht, sondern ein eigenes Gesicht bekommt.
Das Stück beschäftigt sich sinngemäß mit Entfremdung, Kontrollverlust und der Frage, was vom Menschen übrigbleibt, wenn Technik, digitale Systeme und künstliche Intelligenz immer stärker in das eigene Denken eingreifen. Artillerymachen daraus keinen futuristischen Plastiktrack, sondern bleiben klar im Thrash verwurzelt. Gerade dieser Kontrast funktioniert: kaltes Thema, heiß gespielte Musik.
Auch hier fällt auf, wie gut Martin Steene in die Band passt. Er erreicht nicht zwangsläufig die Klasse früherer Sänger in deren besten Momenten, aber er bringt genügend eigene Farbe mit. Seine Stimme ist rau, flexibel und wirkt nie wie ein Fremdkörper. Dazu kommen Gitarrensoli, die nicht nur Pflichtprogramm sind, sondern echte Spannungsbögen setzen.
ALTE WURZELN, NEUER DRUCK
Mit »Into The Universe« greifen Artillery tief in die eigene Geschichte zurück. Der Song stammt ursprünglich vom Debüt »Fear Of Tomorrow« aus dem Jahr 1985 und bekommt hier eine neue Produktion spendiert. Bei Neueinspielungen alter Klassiker darf man grundsätzlich skeptisch sein. Nicht alles, was früher glühte, muss noch einmal frisch lackiert werden.
In diesem Fall funktioniert es jedoch ordentlich. Die moderne Produktion gibt dem Song mehr Druck, die Gitarren schneiden klarer durch den Mix, und das Stück wirkt weniger wie ein nostalgischer Blick zurück als wie ein Beweis, dass das alte Material immer noch Zähne hat. Hier wird das Tempo spürbar angezogen, die Riffs sind aggressiver, und die Band erinnert daran, warum sie im europäischen Thrash Metal einen festen Platz hat.
Der Song ist ein willkommenes Gegengewicht zu den beiden eher kontrolliert-mittleren neuen Stücken. Wo »Made In Hell« und »Ghost In The Machine« ihre Kraft stärker aus Aufbau und Präzision ziehen, kommt »Into The Universe«direkter aus der alten Schule. Das tut der EP gut.
LIVE-ROST STATT STUDIOLACK
Zum Abschluss gibt es mit »The Almighty« eine Live-Version eines weiteren Frühwerks. Auch hier stellt sich die Frage, ob man diesen Song in dieser Form zwingend gebraucht hätte. Für eine vollwertige neue Veröffentlichung wäre das zu wenig frisches Material. Als Abrundung einer EP funktioniert es aber.
Die Live-Aufnahme zeigt, dass Artillery auf der Bühne nichts von ihrer Schärfe verloren haben. Der Song kommt schnell, aggressiv und mit klassischer Thrash-Metal-Wucht aus den Boxen. Man hört keine polierte Perfektion, sondern eine Band, die ihr altes Material mit genügend Feuer spielt. Gerade das lange Lead-Spiel im Mittelteil wirkt wie ein Gruß aus einer Zeit, in der Thrash Metal noch nicht verwaltet, sondern geschmiedet wurde.
ZWISCHEN ELEGANZ UND APOKALYPSE
Die große Stärke von Artillery liegt auch auf »Made In Hell« darin, dass die Band technische Präzision und rohe Energie miteinander verbinden kann. Viele Thrash-Bands entscheiden sich entweder für stumpfe Abrissbirne oder für verkopfte Fingerakrobatik. Artillery schaffen es, beides zusammenzubringen. Die Riffs haben Biss, die Soli besitzen Klasse, und die Songs wirken trotz aller Routine nicht gelangweilt.
Allerdings hat die EP auch ihre Grenzen. Die beiden neuen Songs sind stark, bleiben aber häufig im Midtempo verankert. Das gibt ihnen Druck, nimmt ihnen aber stellenweise etwas Raserei. Gerade bei einer Band wie Artillerywünscht man sich hin und wieder, dass der Motor komplett aufgerissen wird. Diesen Dienst übernehmen dann eher »Into The Universe« und »The Almighty«.
Dazu kommt das grundsätzliche Problem des EP-Formats. Zwei neue Songs sind ein guter Appetizer, aber kein Festmahl. Man bekommt genug, um wieder Hunger auf ein neues Album zu entwickeln, aber nicht genug, um komplett satt zu werden. In diesem Sinne ist »Made In Hell« weniger ein abgeschlossenes Kapitel als ein heißer Blick durch die Tür zum nächsten größeren Angriff.
FAZIT
»Made In Hell« von Artillery ist kein revolutionärer Neuanfang, aber ein starkes Lebenszeichen. Die neue Besetzung wirkt stabil, Martin Steene macht am Mikrofon eine überzeugende Figur, und René Loua fügt sich gut in die Gitarrenfront ein. Die beiden neuen Songs zeigen eine Band, die ihre klassischen Markenzeichen nicht vergessen hat und dennoch frisch genug klingt, um nicht nur von der Vergangenheit zu leben.
Die Neueinspielung von »Into The Universe« bringt zusätzlichen Druck, während »The Almighty« als Live-Abschluss die alten Wurzeln mit Schweiß und Bühnenenergie verbindet. Nicht alles auf dieser EP ist unverzichtbar, und ein bisschen mehr Tempo hätte den neuen Stücken gutgetan. Doch schlecht ist hier gar nichts. Im Gegenteil: Artilleryliefern eine kompakte, sauber produzierte und riffstarke Thrash-Metal-Packung ab, die Lust auf mehr macht.
Wenn »Made In Hell« ein Vorbote für ein kommendes Album ist, darf die Thrash-Gemeinde die Lauscher schon einmal spitzen. Der dänische Geschützstand ist wieder geladen.






