Tracklist
01. Sedative Nights
02. Only Players Left Alive
03. Golden Boy
04. Love Hurts
05. Paintrader
06. Necropolis
07. Obsidian
08. No Dreams
09. Dark Horse
10. Nightfall
11. Uphill Battle
Besetzung
Helen Runge-Kehle – Gitarre / Gesang
Moritz Kehle – Gitarre / Gesang
Lukas Anderer – Bass / Gesang
Kai Hirt – Schlagzeug
Was kommt dabei heraus, wenn man Hardcore und Punk mit einer ordentlichen Portion Shoegaze und schwerem Alternative Rock vermengt? Die Antwort liefern die aus dem deutschen Tübingen stammenden Hysterese auf ihrem neuen, fünften Studioalbum »Hysterese (V)«. Seit 2011 nummeriert diese Formation ihre Alben schlichtweg durch, und man könnte das Ganze fast als fortlaufende Chronik einer Band verstehen, die keine große Show um sich macht, sondern lieber ihre Songs sprechen lässt. Schlagen wir also nun das fünfte Kapitel in der Historie der Band auf und gehen direkt hinein.
Hysterese sind keine Band, die sich mit großen Gesten anbiedert. Keine Dauerpräsenz auf allen möglichen Social-Media-Kanälen, kein künstlich aufgeblasener Werbeapparat, kein überinszeniertes Drumherum. Eigentlich ist das in der heutigen Zeit fast schon geschäftsschädigend. Und doch genießt diese Formation seit Jahren einen Ruf, der weit über die Punk-Rock-Basis hinausreicht. Alternative-Hörer, Metal-Fans und Menschen mit einem Faible für ehrliche, kantige Gitarrenmusik haben diese Band längst auf dem Schirm.
Mit »Hysterese (V)« bleibt sich das Quartett treu und erweitert trotzdem den eigenen Kosmos. Große Riffs, mal episch, mal punkig-ruppig, mal schmissig und fast immer nackenbrechend, treffen auf zweistimmige Gesangsmomente, reduzierte englische Lyrics und einen Groove, für den andere Bands wahrscheinlich einiges opfern würden. Das ist Hysterese at its very best: trocken, direkt, melancholisch, wuchtig und trotzdem nie platt.
(Schaut hier den Clip Only Players Left Alive)
KEIN 0815-PUNK VON NEBENAN
Eröffnend mit »Sedative Nights« zeigt diese Band direkt, dass sie mehr ist als die typische 0815-Punkband von nebenan. Hysterese legen hörbar Wert auf perfekt ausgearbeitete Songs, ohne dabei ihre Rohheit zu verlieren. Die Produktion klingt irgendwie nach den glorreichen 80ern, aber keineswegs altbacken. Ein kleines Manko gibt es allerdings: Die Becken und Hi-Hats braten stellenweise im Mix ziemlich weit nach vorne und nehmen kurzfristig viel Raum ein. Dennoch bleibt das Gesamtklangbild absolut fantastisch.
Im besten Rock ’n’ Roll-Jargon treiben Drummer Kai Hirt und Bassist Lukas Anderer mit einem Grundton voran, der mächtig groovt. Gitarristin Helen Runge-Kehle und Gitarrist Moritz Kehle legen lässig und souverän ihre Riffs darauf, während die Leads dem Ganzen eine Sahnehaube aufsetzen, die es in sich hat. Doch bei allem Lob für die solide instrumentale Darbietung ist auch der Gesang absolut fantastisch. Mit halligem Effekt unterlegt und einem weichen Timbre wird ein Song präsentiert, den man mehrfach interpretieren kann. Geht es hierbei um Zombiekids, oder um Kids, die erwacht sind und aus einem Trott aus Tristesse ausgebrochen sind? Die Band schafft es, mit dem Kopfkino des Zuhörers zu spielen, und legt nicht nur kompositorisch und instrumental, sondern auch inhaltlich ein starkes Werk vor, das einen direkt abholt.
Dies trifft auch auf den bereits vorab als Single und Video ausgekoppelten zweiten Song »Only Players Left Alive« zu. Direkt beginnend in einem düsteren Tonfall geht es zur Sache, und die Band präsentiert unter komplexerer Rhythmik im mittleren Tempo einen Song, der diesmal stärker nach Indie Rock klingt. Mit einer Hi-Hat, die fast nach Disco-Groove wirkt, wird der Song im düsteren Jargon zum Tragen gebracht. Flüssig und treibend ist die Darbietung der Rhythmusinstrumentalisierung. Ein wenig progressiv kommt dieses Arrangement aus den Boxen, gespickt mit Breaks und Fills des Schlagzeugs, das perfekt die Grundlage für die solide Soundwall aus Bass und Gitarren trägt.
Erneut ist der große Trumpf aber die Leistung der Sängerin, die einfach hervorstecht. Hier werden Songs geschrieben, die absolut ohrwurmtauglich sind und lyrisch alles andere als plakativ aus den Boxen kommen. Inhaltlich wirkt »Only Players Left Alive« wie ein Aufruf, sich aus der eigenen Erstarrung zu befreien, das innere Kind nicht zu begraben und trotz Dunkelheit wieder Bewegung, Licht und Leben in sich zuzulassen. Es geht nicht um platte Durchhalteparolen, sondern um eine fast trotzig wirkende Befreiung aus Stillstand, Schwere und innerer Müdigkeit. Genau darin liegt die Stärke dieses Songs: Er klingt tanzbar, düster und hoffnungsvoll zugleich.
Veredelt wird das Ganze dann noch mit einem melodischen Lead der Gitarre, das jetzt vielleicht nicht nach dem zweiten neuen Eddie Van Halen klingt, aber melodisch harmonisch daherkommt und passend zur Grundstimmung dieses Liedes gesetzt ist.
DÜSTERE GROOVES UND MEHRDEUTIGE BILDER
Im pogotauglichen Geschwindigkeitsrausch mit messerscharfen und griffigen Riffs kommt danach das tanzbare Stück »Golden Boy« aus den Boxen. Mit düsterer Grundstimmung und diesmal Moritz Kehle an den Vocals hat der Song stimmlich einen raueren Ton, und genau dieser steht dem vorliegenden Songmaterial sehr gut. Mit absoluter Souveränität erweisen sich Hysterese als Könner und widmen sich hierbei dem Thema des Wunderkindes, das entweder dem Erwartungsdruck verblendeter Eltern gerecht werden muss oder sicher nicht bedingungslos geliebt wird, sondern permanent Leistung bringen soll.
Doch das ist auf lyrische Art und Weise ja das Geniale an Hysterese. Die Songs sind absolut mehrdeutig und zwingen einen dazu, zu hinterfragen, was des Pudels Kern ist. Nichts wird vollständig erklärt, nichts wird sauber ausbuchstabiert, und genau dadurch entfaltet sich diese Musik auch nach mehreren Durchläufen immer wieder neu.
Mit Meeresrauschen und einer Synthesizerfläche geht es dann melodisch und fast schon mainstreamtauglich bei der nächsten Nummer »Love Hurts« zur Sache. Im mittleren Tempo gehalten und mit Sängerin Helen Runge-Kehle wieder am Mikro wird hier ein epischer Song präsentiert, der absolutes Hitpotenzial hat und den Zuhörer nachdenklich zurücklässt. Es geht um die Verbundenheit zweier Menschen und auch darum, wie zerbrechlich Glück sein kann. Mit absolutem Können schafft die Band es hier, einen Ohrwurm zu erschaffen, der sich immer noch dem Mainstream widersetzt, aber dennoch massentauglich ist.
»Paintrader« zieht die Platte anschließend wieder ein Stück tiefer in den Schatten. Der Song wirkt kantiger, weniger offensichtlich eingängig und lebt stärker von seiner ruppigen Spannung. Die Gitarren drücken, der Bass schiebt, und die Band zeigt erneut, dass sie nicht nur Refrains in die Welt werfen will, sondern auch Atmosphäre und Reibung erzeugen kann. Gerade diese leicht ungeschliffene Seite tut »Hysterese (V)« gut, weil sie verhindert, dass das Album zu sauber oder zu bequem wirkt.
VON LIEBE, TOD UND OBSIDIAN-SCHWERE
De facto könnte Sängerin Helen Runge-Kehle mir auch ihre Einkaufsliste vorsingen, ich würde ihr gebannt zuhören. Als Nächstes gehen wir dann, im Angesicht seines Titels, in die Stadt der Toten, mit der ordentlich treibenden und zügigeren Nummer »Necropolis«. Der Rock ’n’ Roll-lastige Indie-Rock-Charakter mit ordentlicher Punk-Attitüde steht dem Song perfekt. Es geht bei diesem Stück um die philosophische Frage, ob man sich manchmal wie tot fühlt durch die Umstände in seinem Umfeld. Jeder scheint sich selbst der Nächste, alle sind in ihrem Trott und Stumpfsinn gefangen.
Dies wird mit absolut energischer Komposition und Fingerfertigkeit zum Besten gegeben. Der Refrain ist hier simpler gehalten, entfaltet aber vollkommen seine Wirkung. Dass im Umfeld dieser Platte sogar der Name Manilla Road fällt, ist dabei gar nicht so abwegig, denn in manchen Gitarrenläufen schimmert tatsächlich eine gewisse epische Heavy-Rock-Kante durch, ohne dass Hysterese ihre eigene Identität verlieren.
Heavy-Rock-lastig geht es dann mit Schwermut, aber nicht anstrengend, direkt bei »Obsidian« zur Sache. Zumindest wenn man nach der Einleitung geht, denn nach einem als monströs zu bezeichnenden Einstieg geht es weiter mit dem üblichen düsteren Punkrock dieser Formation, die immer mehr beweist, dass sie keine Schema-F-Band ist. Sängerin Helen Runge-Kehle beweist nicht nur an ihrem Saiteninstrument, dass sie talentiert ist, sondern ist auch stimmlich eine Macht. »Obsidian« trägt dabei eine Härte in sich, die nicht nur über Lautstärke funktioniert, sondern über Stimmung, Gewicht und eine gewisse innere Kälte.
WENN MELODIE DIREKT UNTER DIE HAUT GEHT
»No Dreams« klingt dann wirklich derbe nach Indie Rock und bringt einen Sound mit, der trotz der etwas schwermütigen Grundierung durch die Leadgitarren diesmal deutlich helltöniger und beinahe fröhlicher zur Sache geht. Inhaltlich kann man den Song so verstehen, dass man in der realen Welt leben sollte und sich nicht von Träumen, die durchaus okay sein können, in die Irre führen lassen darf. Zumindest ist dies eine der möglichen Interpretationsmöglichkeiten, die der Song bietet. Dies ist nur ein weiteres Zeugnis für das lyrische Können dieser Band, die keine vorhersehbaren Wortaneinanderreihungen zum Besten gibt.
Songs zu schreiben, die direkt hängen bleiben, ist offenbar eine der großen Stärken von Hysterese. So ist »Dark Horse« ein weiterer female-fronted Song, der mit melodischer Präzision und griffig rockender Rhythmusinstrumentalisierung zum Besten kommt. Das Stück klingt emotional aus den Boxen und geht unter die Haut. Das Arpeggio der Leadgitarre und der leidenschaftlich starke Gesang der Frontfrau sind hier der Suchtfaktor, der Gänsehaut schafft und mit den Gefühlen des Zuhörers spielt.
»Nightfall« ist dann ein treibendes Stück, bei welchem der Rock ’n’ Roll-Charakter wieder stärker zum Tragen kommt. Dieser Song holt einen direkt ab: griffige Gitarren, drückender Bass, groovende rhythmische Drums und ordentlich Punkrock auf die Ohren. Es ist diese Mischung aus Eingängigkeit, Dreck und Melancholie, die Hysterese so besonders macht. Die Band klingt nie so, als würde sie um Aufmerksamkeit betteln. Sie stellt sich einfach hin, spielt, und plötzlich ist man mittendrin.
Während das Album dann mit dem Midtempo-Donnergrollen »Uphill Battle« seinen runden Abschluss findet. Hierbei geht es darum, manchmal vor einem Kampf wegzulaufen, um dann zu erkennen, dass man sich dem stellen muss, was auf einen wartet. Der Song schließt das Album nicht mit einem billigen Knall, sondern mit Haltung. Er wirkt wie ein letzter Blick zurück auf all die Dunkelheit, die dieses Album durchzieht, und zugleich wie ein grimmiges Weitergehen. Rock ’n’ Roll.
FAZIT:
»Hysterese (V)« ist ein starkes fünftes Kapitel einer Band, die sich nicht verbiegt und trotzdem hörbar weiterentwickelt. Hysterese klingen auch 2026 nicht wie eine Formation, die irgendeinem Trend hinterherläuft. Vielmehr walzt das Quartett seinen schwermütigen Punk-Rock in die nächste Metamorphose. Die riesigen Melodien sind getragen von krachigen Breitwand-Gitarren, mal Shoegaze, mal 80s-Rockismus, mal punkig roh, aber immer zeitlos und integer.
Das Album lebt von starken Songs, markantem Gesang, einem magnetisierenden Groove und einer Atmosphäre, die gleichzeitig düster, warm, rau und hymnisch wirkt. Nicht jeder Moment ist makellos, und stellenweise hätte der Mix bei den Becken etwas weniger bissig ausfallen dürfen. Doch das sind Details in einem Gesamtbild, das ansonsten erstaunlich geschlossen funktioniert.
Hysterese machen keine großen Worte, und genau das passt zu dieser Platte. »Hysterese (V)« ist kein auf Hochglanz poliertes Szeneprodukt, sondern ein Album mit Charakter, Kante und Seele. Die stärksten Songs sind »Sedative Nights«, »Only Players Left Alive«, »Love Hurts«, »Necropolis«, »Dark Horse« und »Uphill Battle«. Wer Punk-Rock mit melancholischem Alternative-Einschlag, Shoegaze-Nebel und ehrlicher Gitarrenwucht sucht, bekommt hier ein Album, das sich festsetzt und lange nachhallt.






