Membrance - Resa Marciana - cover artwork

Band: Membrance 🇮🇹
Titel: Resa Marciana
Label: Ad Noctem Records
Herkunft: Venedig, Italien
VÖ: 19.05.2026
Genre: Old School Death Metal / Death Metal / Groove Thrash / Blackened Death Metal
Format: Digital / CD

Tracklist

01. Batipai
02. Sentensa da Resa
03. Rioba
04. Turistificai
05. Serenissima
06. Morte de Vero
07. Redi Tegnue
08. El Cason dei Sette Morti
09. Cà Dario
10. Caronte
11. E Mi me ne So’ndao

Besetzung

Davide Lazzarini – Vocals, Bass
Mattia Guzzonato – Rhythm & Lead Guitar
Giacomo Rusconi – Rhythm & Acoustic Guitar
Giovanni De Fraja – Drums, Percussion

Gäste:
Luca Gerardini – Additional Vocals auf „Batipai“
Costanza Benedettelli – Violin auf „Serenissima“
Ludovica Marcuzzi – Soprano Vocals auf „Redi Tegnue“
Marco Pedrali – Clean Vocals auf „Caronte“

Bewertung:

4 von 5

Venedig sinkt hier nicht romantisch im Abendrot, sondern wird von Membrance in den modrigen Schlamm der Lagune gezerrt. Mit »Resa Marciana« legt die Death-Metal-Formation aus der Serenissima ein Album vor, das nicht einfach nur nach Old School Death Metal klingt, sondern nach fauligem Wasser, alten Steinen, zerbrochenen Symbolen und einer Stadt, die zwischen Mythos, Massentourismus und Verfall zerrieben wird. Wer hier gondelnde Postkartenromantik sucht, bekommt stattdessen eine rostige Kette um den Hals und wird in den Maschinenraum der Lagune geschubst.

Membrance - Resa Marciana - Albumstream:

Membrance existieren seit 2012 und stehen musikalisch für schwedisch geprägten Old School Death Metal mit HM2-Kante, Groove-/Thrash-Einschüben und dunklen Black-Metal-Schattierungen. Auf »Resa Marciana« wird dieser Stil aber nicht nur als Soundtapete benutzt. Die Band baut daraus ein Konzeptalbum, das vollständig im venezianischen Dialekt gehalten ist und sich mit Legenden der Lagune, alten Geschichten der Inseln und dem heutigen Zustand Venedigs auseinandersetzt. Das ist kein billiges Lokalkolorit, sondern Identität mit Dreck unter den Fingernägeln.

Aufgebaut auf ein standfestes Fundament aus Drums und Bass werfen Davide Lazzarini, Mattia Guzzonato, Giacomo Rusconi und Giovanni De Fraja hier die Prügel ordentlich raus, lassen aber genug Atmosphäre stehen, damit die Platte nicht nur als stumpfer Death-Metal-Brocken funktioniert. Die Riffs fräsen, die Drums treiben, der Bass schiebt aus dem Untergrund, und über allem liegt dieser morbide venezianische Schatten. »Resa Marciana« klingt, als würde eine Stadt selbst ihr Urteil sprechen.

Die Lagune schlägt zurück

Mit »Batipai« eröffnet die Band das Album nicht mit einem langen Intro, sondern direkt mit erdiger, schwitzender Arbeitermetal-Wucht. Der Begriff verweist auf die Welt der venezianischen Wasserwege, auf harte körperliche Arbeit, Pfähle, Holz, Wasser, Schlick und das Fundament einer Stadt, die auf Gewalt gegen die Natur und zugleich auf technischer Genialität errichtet wurde. Musikalisch passt das bestens: Die Nummer rammt sich wie ein Pfahl in den Boden, drückt nach vorne und setzt sofort klar, dass Membrance hier nicht an dekorativer Lagunenromantik interessiert sind.

Das zusätzliche Vokalfeuer von Luca Gerardini gibt dem Song noch mehr rauen Charakter. Davide Lazzarini röchelt, bellt und knurrt sich durch das Stück, als würde er nicht nur einen Text performen, sondern alte Erde ausspucken. Darunter setzen Bass und Drums ein massives Fundament, während die Gitarren herrlich schmutzig sägen. Hier wird gleich zu Beginn klar: Die Band verbindet historische und lokale Themen mit Death Metal, ohne dabei in Museumsführung abzurutschen. Das Ding lebt, stinkt und beißt.

»Sentensa da Resa« führt das Konzept noch deutlicher aus. Schon der Titel wirkt wie ein Urteil: Die Kapitulation ist nicht mehr Option, sondern bereits ausgesprochen. Inhaltlich lässt sich der Song als Abrechnung mit einer Stadt lesen, die ihre Seele verkauft hat. Venedig erscheint hier nicht als unantastbare Schönheit, sondern als Körper, der langsam unter seinem eigenen Mythos, unter Ausverkauf, Gier und Selbstaufgabe zusammenbricht.

Musikalisch trifft die Band hier einen starken Punkt zwischen Groove und finsterer Raserei. Die Gitarren sind gekonnt aufgebettet, schneiden aber trotzdem tief. Der Song hat diese Qualität, die gute Old-School-Death-Metal-Stücke brauchen: Er wirkt roh, aber nicht unkontrolliert. Die Prügel werden rausgeschmissen, aber mit System. Genau dadurch bleibt »Sentensa da Resa« hängen.

Steinerne Händler und touristische Fäulnis

»Rioba« greift eine bekannte venezianische Legendenfigur auf: Sior Antonio Rioba, verbunden mit den Statuen der Mastelli-Brüder am Campo dei Mori. In der Überlieferung stehen diese Figuren für Gier, Betrug und Versteinerung als Strafe. Genau daraus machen Membrance ein starkes Death-Metal-Bild. Der Mensch wird nicht einfach bestraft, er wird zu dem, was sein Inneres längst war: kalt, hart, leblos.

Musikalisch arbeitet der Song mit einer bedrohlichen Schwere, die sehr gut zu dieser Idee passt. Die Riffs schleifen wie Stein auf Stein, während Giovanni De Fraja an den Drums immer wieder Druck aufbaut, ohne den Song kaputtzuhetzen. Mattia Guzzonato und Giacomo Rusconi liefern Gitarrenarbeit, die sowohl oldschoolig röhrt als auch dunkle melodische Schatten durchlässt. Das ist kein glattes Material, sondern schön rauer Todesstahl aus der Lagune.

Mit »Turistificai« wird es dann richtig gesellschaftskritisch. Der Titel lässt kaum Zweifel: Hier geht es um Tourismus, Überformung, Kommerzialisierung und die Verwandlung einer lebendigen Stadt in ein konsumierbares Produkt. Venedig wird nicht mehr bewohnt, sondern benutzt. Nicht mehr verstanden, sondern fotografiert. Nicht mehr geliebt, sondern abgegriffen.

Der Song ist kurz, bissig und kommt schnell auf den Punkt. Genau so muss so ein Thema musikalisch umgesetzt werden. Keine großen Umwege, keine feine Samthandschuh-Kritik, sondern ein ordentliches Brett gegen den Ausverkauf. Membrance klingen hier wie eine Band, die nicht nur über ihre Stadt singt, sondern aus ihr herauskotzt. Das hat Energie, Wut und eine gewisse böse Direktheit. Volle Kanne Hoschi, aber mit sozialem Unterbau.

Die Serenissima blutet

»Serenissima« trägt einen großen Namen. Die Republik Venedig, die alte Macht, das historische Selbstbild, der Mythos der prächtigen Wasserstadt: All das steht in diesem Titel mit im Raum. Doch Membrance stellen keinen goldenen Bilderrahmen darum. Sie zeigen die Risse. Die Geige von Costanza Benedettelli verleiht dem Song eine besondere Note und sorgt dafür, dass sich für einen Moment etwas Tragisches und beinahe Würdevolles öffnet.

Gerade dadurch wird der Song stark. Zwischen Death-Metal-Wucht und folkloristischer Färbung entsteht ein Moment, in dem das Album seine emotionale Tiefe zeigt. Das ist nicht einfach nur Geballer, sondern ein Stück über verlorene Größe. Die Serenissima klingt hier nicht triumphal, sondern müde, verwundet und vom eigenen Erbe erdrückt. Die Band schafft es, historische Schwere und metallische Brutalität zusammenzubringen, ohne dass es aufgesetzt wirkt.

»Morte de Vero« lässt sich im Kontext des Albums als weiteres Bild des Verschwindens lesen. Ob man dabei an Glas, Wahrheit, Handwerk oder brüchige Schönheit denkt: Der Song setzt diese Zerbrechlichkeit nicht sanft um, sondern zermahlt sie. Hier geht es nicht um hübsche Trauer, sondern um Verlust, der knackt und splittert. Die Gitarren arbeiten hart, der Bass drückt tief, und die Produktion lässt genug Schmutz stehen, damit das Material nicht steril wirkt.

Der Song steht beispielhaft für eine Stärke des Albums: Membrance können Atmosphäre, ohne ihre Death-Metal-Kante zu verlieren. Wo andere Bands bei folkloristischen oder lokalen Konzepten gerne weich werden, bleiben diese Venezianer bissig. Die Melancholie steckt im Schlamm, nicht im Zuckerwasser.

Unter Wasser lauern die Toten

Mit »Redi Tegnue« geht es hinaus in die Unterwasserwelt der Lagune und der nördlichen Adria. Die Tegnùe sind Felsformationen und Riffe, die Fischer fürchteten, weil sich Netze daran verfingen. Als Bild ist das großartig: etwas Verborgenes unter der Oberfläche, das festhält, zerreißt und nicht loslässt. Genau so klingt der Song auch. Er hat eine lauernde Qualität, als würde unter der Wasserlinie etwas Altes atmen.

Der Sopran von Ludovica Marcuzzi gibt dem Stück eine zusätzliche geisterhafte Ebene. Diese Stimme wirkt nicht wie ein nettes Ornament, sondern wie ein Echo aus der Tiefe. Darüber legen Membrance ihre Death-Metal-Wucht und schaffen einen der atmosphärisch stärkeren Momente der Platte. Das ist brachial, aber nicht stumpf. Es hat Bilder im Kopf, und diese Bilder riechen nach Salz, Algen und Tod.

»El Cason dei Sette Morti« gehört zu den stärksten Titeln des Albums, weil hier die Lagunenlegende voll in den Death Metal kippt. Der Titel verweist auf die düstere Erzählung der sieben Toten, auf alte Orte, Ruinen, Wasser und die Art von Volksglauben, die nicht freundlich am Lagerfeuer sitzt, sondern kalt im Nacken hängt. Der Song nimmt diese Stimmung auf und übersetzt sie in eine wuchtige, dunkle Nummer.

Musikalisch ist das Stück ein Brett. Die Band setzt auf Druck, schneidende Riffs und eine Atmosphäre, die deutlich schwärzer wirkt als reiner HM2-Death. Die Drums schieben den Song energisch nach vorne, während die Gitarren eine bedrohliche Fläche bauen. Hier merkt man besonders gut, wie Membrance Groove, Old-School-Death und blackened Stimmung miteinander verweben. Das ist einer dieser Songs, bei denen man sofort versteht, warum das Album mehr ist als nur eine weitere Todesblei-Scheibe.

Verfluchte Paläste und letzte Überfahrten

»Cà Dario« greift mit dem gleichnamigen Palast eines der bekanntesten unheimlichen Motive Venedigs auf. Das Gebäude gilt in vielen Erzählungen als verflucht, verbunden mit tragischen Schicksalen und Todesfällen seiner Besitzer. Für ein Death-Metal-Album über Venedig ist dieses Thema natürlich ein gefundenes Fressen. Doch Membrance nutzen es nicht als bloßen Gruselkitsch, sondern als weiteres Symbol für eine Stadt, deren Schönheit immer auch etwas Morbides hatte.

Musikalisch ist »Cà Dario« kompakt, druckvoll und giftig. Der Song braucht keine überlange Dramaturgie, sondern arbeitet mit direkter Wirkung. Die Riffs greifen, der Groove sitzt, und Lazzarini klingt, als würde er die Mauern dieses Palastes persönlich anknurren. Es ist genau diese Mischung aus Legende und körperlicher Härte, die das Album trägt.

Mit »Caronte« kommt der Fährmann ins Spiel. Charon, der die Toten über das Wasser bringt, passt perfekt in dieses Album. Venedig ist ohnehin eine Stadt der Übergänge: Land und Wasser, Leben und Tod, Geschichte und Verfall, Mythos und Massentourismus. In »Caronte« wird diese Übergangsstimmung besonders deutlich. Die Clean Vocals von Marco Pedrali setzen einen interessanten Kontrast zur ansonsten rauen Stimme von Lazzarini.

Das Stück wirkt dadurch fast wie ein Ritual. Nicht im symphonischen Sinne, sondern eher wie eine dunkle Überfahrt, bei der man weiß, dass es kein Zurück mehr gibt. Die Band gönnt sich hier mehr Atmosphäre, ohne den Druck zu verlieren. Das ist stark komponiert und zeigt, dass Membrance mehr können als nur geradeaus prügeln. Sie können auch Szenen bauen.

Der Abschied aus der sinkenden Stadt

Das abschließende »E Mi me ne So’ndao« ist eine Bearbeitung eines alten venezianischen Volksstücks und bildet damit einen konsequenten Abschluss. Nach all den Legenden, der Kritik am Zustand der Stadt, der Fäulnis, den Geistern und den Toten wirkt dieser letzte Song wie ein bitterer Abschied. Nicht pathetisch, nicht kitschig, sondern wie ein letzter Blick auf eine Heimat, die man liebt und zugleich nicht mehr wiedererkennt.

Gerade dieser Abschluss macht »Resa Marciana« runder. Die Band kehrt nicht einfach mit einem letzten Knüppelriff zurück, sondern bindet das folkloristische Fundament des Albums noch einmal offen ein. Dadurch wird klar: Dieses Album benutzt Venedig nicht als hübsche Kulisse. Es kommt aus dieser Stadt, aus ihren Geschichten, aus ihrem Dialekt, aus ihren Schatten.

Fazit

»Resa Marciana« ist ein starkes, eigenständiges und atmosphärisch dichtes Death-Metal-Album geworden. Membrance verbinden schwedisch geprägten Old School Death Metal mit Groove-/Thrash-Druck, dunklen Black-Metal-Schattierungen und einem konsequent venezianischen Konzept. Das Ergebnis klingt roh, schwer und identitätsstark. Hier wird nicht einfach irgendeine Standard-Horrorästhetik bedient. Hier wird eine Stadt zerlegt, die zwischen Mythos, Tourismus, Legende und realem Verfall gefangen ist.

Die Leistung der Musiker sitzt. Davide Lazzarini trägt das Album mit seiner rauen Stimme und seinem Bassfundament, Giovanni De Fraja hält das Material mit wuchtigem Drumming zusammen, während Mattia Guzzonato und Giacomo Rusconi die Gitarren gekonnt zwischen sägendem Death Metal, schweren Grooves und düsteren Melodien aufbetten. Die Gastbeiträge sind sinnvoll eingesetzt und geben einzelnen Songs zusätzliche Farbe, ohne den Death-Metal-Kern zu verwässern.

Kleine Einschränkung: Wer mit venezianischem Dialekt nichts anfangen kann, wird textlich natürlich eher über Stimmung, Titel und Konzept einsteigen müssen. Gleichzeitig ist genau das aber auch eine der größten Stärken der Platte. Membrance klingen nicht austauschbar. Sie klingen nach Herkunft, nach Schlamm, nach Geschichte und nach einer Stadt, die langsam untergeht, während draußen noch jemand Selfies macht.

Schlusswort

Unterm Strich ist »Resa Marciana« eine brachiale, morbide und kulturell stark verwurzelte Death-Metal-Platte. Membrance liefern keine Touristenführung durch Venedig, sondern eine Leichenöffnung am lebenden Mythos. Die Lagune wird hier nicht besungen, sie wird aufgerissen. Und aus dem Wasser steigen Legenden, soziale Wut, alte Flüche und jede Menge Todesblei.

Wer Death Metal mit Charakter sucht, sollte diese Platte definitiv auf dem Schirm haben. »Resa Marciana« ist dreckig, wuchtig, atmosphärisch und inhaltlich deutlich spannender als viele Genre-Veröffentlichungen, die nur den nächsten Kadaver durchs Riffwerk ziehen. Hier wird nicht nur geprügelt. Hier wird Venedig begraben. Und zwar laut.

Membrance - El Cason dei Sette Morti - Official Video

Internet

Membrance - Resa Marciana - Album Review

Vorheriger ArtikelCrown The Beast – Judgement