Tracklist
01. Intro
02. Steel Apocalypse
03. Twisted Steel
04. I Drink Alone
05. Metalheart
06. Dresden
07. Shelter the Faithless
08. Man of Mayhem
09. Requiem Germania
Besetzung
Ash – Gesang, Gitarre und Bass
Mike Williams – Gitarre und Bass
Phil Cancilla – Schlagzeug
Neun Jahre nach »Era of Threnody« kehrt Nargaroth mit einem Album zurück, dessen Entstehungsgeschichte beinahe länger ist als manche vollständige Bandkarriere. Die instrumentalen Grundlagen von »Apocalyptic Steel« wurden bereits im September 2014 während eines einzigen Wochenendes in den Trident Studios im kalifornischen Pacheco aufgenommen. Anschließend verschwanden die Sessions auf einer Festplatte, während das später veröffentlichte »Era of Threnody« Vorrang erhielt. Erst Jahre danach wurde das Material wieder hervorgeholt. Das Schlagzeug wurde 2022 in Las Vegas neu eingespielt, während Gesang, Mix und Mastering zwischen Februar und April 2025 in den AMP Studios in Duisburg entstanden. Veröffentlicht wird das Resultat über Season of Mist: Underground Activists.
Wer nach dieser langen Vorgeschichte ein ausuferndes, atmosphärisch verschachteltes Werk erwartet, erlebt eine Überraschung. »Apocalyptic Steel« ist mit rund 39 Minuten das vielleicht direkteste und kompakteste Nargaroth-Album seit langer Zeit. Der Black Metal bleibt das Fundament, wird jedoch mit klassischem Heavy Metal, Speed Metal, Thrash und kantigem Death Metal verbunden. Alte Judas Priest, Accept, Deicide und Obituary stehen dabei ebenso Pate wie die rohe Energie der frühen Nargaroth-Veröffentlichungen. Das Album klingt bewusst ungeschliffen und besitzt reichlich aggressive Gitarrenriffs, lässt in seiner zweiten Hälfte jedoch auch Melancholie, klare Stimmen und persönliche Nachdenklichkeit zu. Genau aus diesem Gegensatz entwickelt die Platte ihre größten Stärken, aber auch einige ihrer Brüche.
DER STAHL SCHLÄGT EIN
Nach einem gerade einmal 34 Sekunden langen »Intro« fällt »Steel Apocalypse« ohne weitere Vorwarnung über die Hörerschaft her. Das Schlagzeug treibt den Song mit hoher Geschwindigkeit an, während Gitarren und Bass ein dichtes, aggressives Fundament errichten. Die Riffs bewegen sich zwischen klassischem Black Metal und deutlich death-metallisch gefärbten Akkordfolgen. Statt sich über lange Minuten langsam zu entwickeln, schlägt die Nummer schnell zu und bleibt anschließend konsequent in Bewegung.
Die Gitarrenarbeit fällt überraschend vielschichtig aus. Unter der rauen Oberfläche befinden sich zahlreiche kleine rhythmische Veränderungen, kurze melodische Gegenbewegungen und kontrolliert gesetzte Leadgitarren. Die Soli wirken wild und ungezügelt, sind jedoch technisch präziser gespielt, als es der absichtlich rohe Klang zunächst vermuten lässt. Gerade das Zusammenspiel von Ash und Mike Williams verleiht der Nummer zusätzliche Tiefe. Die beiden Instrumente verdoppeln sich nicht permanent, sondern teilen Rhythmus, Melodie und kurze Leadakzente untereinander auf.
Phil Cancilla liefert dazu ein druckvolles Schlagzeugspiel, das sich nicht auf durchgehende Blastbeats beschränkt. Wechselnde Betonungen und schnelle Fills halten den Song lebendig. Das Resultat ist Black Metal mit deutlich ausgeprägtem Heavy-Metal-Verständnis. Die Energie steht im Vordergrund, doch hinter der Raserei steckt ein präzises Arrangement.
Ashs Gesang wurde sehr weit vorn im Mix platziert. Sein heiseres Organ besitzt sofortige Präsenz und schneidet durch die Instrumente. Das sorgt für Aggressivität, lässt den Gitarren jedoch stellenweise weniger Raum, als ihre Detailarbeit verdient hätte. Der Opener funktioniert trotzdem ausgezeichnet und macht deutlich, dass »Apocalyptic Steel« kein verträumter Nachfolger von »Era of Threnody« werden soll.
VERDREHTER STAHL UND KONTROLLIERTE AGGRESSION
»Twisted Steel« setzt die hohe Geschwindigkeit fort, klingt jedoch bedrohlicher und rhythmisch verschobener. Das zentrale Gitarrenriff besitzt eine schneidende Bewegung, die sich immer wieder um wenige Töne dreht und dadurch eine beinahe klaustrophobische Wirkung entwickelt. Kurze Unterbrechungen, Sprachsamples und wechselnde Schlagzeugfiguren verhindern, dass die Nummer zu einem gleichförmigen Geschwindigkeitsangriff gerät.
Besonders überzeugend ist die Präzision der Rhythmusgitarren. Die schnellen Anschläge bleiben sauber voneinander getrennt, während abrupte Pausen geschlossen von der gesamten Band umgesetzt werden. Der rohe Klang darf daher nicht mit ungenauem Spiel verwechselt werden. Die Musiker wissen genau, an welchen Stellen die Riffs verdichtet und wann einzelne Akkorde bewusst offengelassen werden müssen.
Ash steigert seine Stimme mehrfach in ein scharfes, angegriffenes Kreischen. Das passt zur aggressiven Grundhaltung, beansprucht aber einen erheblichen Teil des Klangbildes. In einzelnen Momenten entsteht der Eindruck, dass der Gesang nicht über, sondern direkt vor den Instrumenten steht. Dadurch verlieren manche Gitarrenlinien an Wirkung. Wer den charakteristischen Vortrag von Nargaroth schätzt, wird darin kaum ein Problem erkennen. Über die gesamte Albumlänge kann diese starke Präsenz jedoch ermüden.
»Twisted Steel« gehört dennoch zu den überzeugendsten schnellen Nummern. Der Song ist kompakt, besitzt einen klaren Spannungsbogen und verbindet rohe Black-Metal-Energie mit kontrollierter Fingerfertigkeit. Die Leadgitarren tauchen nur kurz auf, hinterlassen aber durch ihre wilde Tongebung einen bleibenden Eindruck.
ALLEIN MIT DER FLASCHE
Mit »I Drink Alone« wird das Tempo etwas stärker variiert. Das Stück setzt weiterhin auf aggressive Gitarren, besitzt jedoch einen schwereren Groove und mehr klassisches Heavy-Metal-Gefühl. Die Riffs sind weniger flirrend und arbeiten häufiger mit kräftigen, klar gesetzten Anschlägen. Bass und Schlagzeug erhalten dadurch mehr Raum, während die Gitarren zwischen treibenden Strophen und offeneren Übergängen wechseln.
Die Nummer lebt von ihrer unmittelbaren Haltung. Der Titel benötigt keine komplizierte Interpretation: Einsamkeit, Alkohol und selbstgewählte Abgrenzung werden ohne romantische Verklärung zusammengeführt. Ashs Vortrag wirkt dabei weniger wie eine distanzierte Erzählung als wie ein persönliches Bekenntnis. Die Stimme klingt rau und angegriffen, besitzt aber genügend rhythmische Kontrolle, um die Gitarren nicht vollständig zu überrennen.
Instrumental bewegt sich der Song zwischen Blackened Heavy Metal und einer dunklen Form von Rock ’n’ Roll. Das zentrale Riff ist unkompliziert, aber wirkungsvoll. Kleine Pausen und Betonungswechsel verleihen ihm einen starken Vorwärtsdrang. Die Leadgitarre setzt erneut kurze, technisch saubere Akzente, ohne den Song in ein ausgedehntes Solostück zu verwandeln.
»I Drink Alone« gehört nicht zu den außergewöhnlichsten Nummern des Albums, erfüllt innerhalb der ersten Hälfte jedoch eine wichtige Aufgabe. Nach der fast pausenlosen Geschwindigkeit der beiden vorherigen Stücke bringt der Song mehr Groove und körperliche Schwere ein. Gleichzeitig kündigt er an, dass sich Nargaroth auf dieser Platte nicht ausschließlich an die Regeln des klassischen Black Metal halten.
EIN HERZ AUS METALL
»Metalheart« ist die offensichtlichste Liebeserklärung an traditionellen Heavy Metal. Inhaltlich werden zahlreiche Bands genannt, die Ashs musikalische Entwicklung geprägt haben. Accept, Venom, Slayer, Sodom, Sarcófago, Sepultura, Manowar, Motörhead und Dio werden nicht subtil angedeutet, sondern direkt in den Text integriert. Was schnell zu einer peinlichen Namensliste hätte werden können, funktioniert als bewusst überzeichneter Schlachtruf für die eigene metallische Sozialisation.
Musikalisch bewegt sich die Nummer zwischen Black Metal, Speed Metal und klassischem Achtziger-Heavy-Metal. Die Gitarrenriffs besitzen eine klare, fast hymnische Struktur. Der Bass unterstützt sie mit einem satten Grundton, während Cancilla den Song geradliniger antreibt als zuvor. Das Stück wirkt dadurch sofort zugänglich und dürfte sich besonders gut für die Bühne eignen.
Die Fingerfertigkeit der Gitarristen zeigt sich erneut nicht allein in hoher Geschwindigkeit. Entscheidend sind die sauberen Wechsel zwischen gedämpften Rhythmusfiguren, offenen Akkorden und kurzen Leadpassagen. Die Gitarren klingen aggressiv, bleiben aber nachvollziehbar. Gerade im Refrain entsteht ein breiter, fast klassischer Metal-Sound, der deutlich macht, wie stark die Platte von Musik jenseits des Black Metal geprägt wurde.
»Metalheart« besitzt reichlich Pathos und bewegt sich mehrfach nahe an der Grenze zur Selbstparodie. Genau darin liegt allerdings ein Teil seines Reizes. Nargaroth versuchen nicht, ihre Begeisterung hinter intellektueller Distanz zu verstecken. Der Song ist direkt, laut und vollkommen frei von Ironie. Wer mit traditionellen Metal-Hymnen wenig anfangen kann, dürfte die Nummer eher anstrengend finden. Wer sich auf den bewusst altmodischen Geist einlässt, erhält einen der eingängigsten Titel des Albums.
DRESDEN IM SCHATTEN DER GESCHICHTE
Mit »Dresden« verändert sich das Album grundlegend. Das Tempo wird reduziert, die Gitarren wirken melodischer und der bisher dominante Schreigesang weicht einer vollständig klaren Stimme. Nach den aggressiven ersten Stücken fühlt sich dieser Wechsel zunächst beinahe wie der Beginn einer anderen Platte an. Gerade deshalb entwickelt die Nummer eine starke Wirkung.
Die Gitarren greifen melancholische Motive auf, die eher an dunklen Gothic Metal als an traditionellen Black Metal erinnern. Einzelne Akkorde werden länger gehalten, während Bass und Schlagzeug ein zurückgenommenes Fundament bilden. Ash singt kontrollierter, als man es angesichts der vorherigen Stücke erwarten würde. Seine klare Stimme ist nicht technisch makellos, besitzt aber Charakter und transportiert die Schwere des historischen Themas glaubwürdig.
Besonders gelungen ist die Zurückhaltung der Instrumente. Keine Gitarre versucht, den Gesang mit unnötigen Verzierungen zu übertrumpfen. Stattdessen entstehen kleine melodische Gegenbewegungen, die sich unter die Stimme legen und die bedrückende Stimmung verstärken. Die Fingerfertigkeit zeigt sich hier in kontrollierten Tonwechseln, sauber gehaltenen Akkorden und einem sicheren Gefühl für Dynamik.
»Dresden« ist einer der stärksten Songs des Albums, weil Nargaroth die bisherige Aggression nicht einfach fortsetzen, sondern einen deutlichen emotionalen Kontrast schaffen. Gleichzeitig offenbart die Nummer, dass Ashs klare Stimme dem Material ausgesprochen gut stehen kann. Innerhalb einer Platte, deren Schreigesang sehr dominant gemischt wurde, wirkt diese ruhigere Darbietung fast befreiend.
Der Bruch ist allerdings so stark, dass die Gesamtwirkung des Albums darunter etwas leidet. Die erste Hälfte lebt von Geschwindigkeit und metallischer Kampfbereitschaft, während »Dresden« plötzlich nach innen blickt. Als einzelner Song überzeugt die Nummer vollständig. Als Bestandteil des Albums leitet sie eine zweite Hälfte ein, die stilistisch deutlich weiter gefasst ist.
SCHUTZ FÜR DIE GLAUBENSLOSEN
»Shelter the Faithless« beginnt mit schweren, beinahe death-metallischen Gitarrenriffs. Das Tempo bleibt zunächst gedrückt, während Bass und Schlagzeug eine massive rhythmische Grundlage bilden. Der Song erinnert in seinen tiefen, schleppenden Passagen deutlich stärker an Obituary oder ältere Deicide als an norwegischen Black Metal.
Die Gitarrenarbeit gehört erneut zu den Stärken. Tiefe Akkorde werden mit dissonanten Einzeltönen verbunden, während der Rhythmus regelmäßig zwischen schleppender Schwere und schnelleren Ausbrüchen wechselt. Diese Übergänge werden präzise gespielt und zeigen, dass das Album trotz seiner bewusst rauen Produktion keineswegs spontan zusammengewürfelt wurde.
Mit mehr als sechs Minuten gehört die Nummer zu den längsten Stücken. Hier macht sich erstmals deutlicher bemerkbar, dass nicht jede Wiederholung notwendig gewesen wäre. Das zentrale Riff besitzt Gewicht, wird jedoch häufig erneut aufgegriffen, ohne dabei immer eine entscheidende Veränderung zu erfahren. Die Atmosphäre bleibt bedrohlich, doch der Spannungsbogen verliert im Mittelteil etwas an Kraft.
Auch der dominante Gesang trägt zur Ermüdung bei. Ash klingt aggressiv und glaubwürdig, befindet sich aber erneut sehr weit vor den Instrumenten. Gerade weil die Gitarrenarbeit zahlreiche interessante Details besitzt, wäre etwas mehr räumliche Balance wünschenswert gewesen. Trotz dieser Schwächen bleibt »Shelter the Faithless« ein solides, schweres Stück, das die death-metallische Seite des Albums besonders deutlich hervorhebt.
DER MANN DES CHAOS
»Man of Mayhem« verbindet melodischen Black Metal mit nachdenklicheren Übergängen. Das Stück beginnt druckvoll, öffnet sich jedoch wiederholt für weitläufigere Gitarrenmelodien. Nach der massiven Schwere von »Shelter the Faithless« wirkt die Nummer beweglicher und emotional abwechslungsreicher.
Die Rhythmusgitarren setzen auf schnelle, präzise Anschläge, während darüber melodische Linien geführt werden. Diese Gegenüberstellung gehört zu den technisch interessantesten Momenten der Platte. Die Leadgitarre übernimmt keine reine Solorolle, sondern begleitet die Rhythmusarbeit über längere Passagen. Dadurch entsteht ein dichter, aber nicht undurchsichtiger Gitarrensound.
Cancillas Schlagzeug passt sich den unterschiedlichen Abschnitten überzeugend an. Blastbeats und treibende Doublebass wechseln mit zurückgenommenen Rhythmen, ohne dass der Song auseinanderfällt. Gerade die Übergänge zeigen ein präzises Zusammenspiel. Die Musiker wechseln geschlossen zwischen Aggression und Melancholie, während Ashs Stimme die emotionale Spannung aufrechterhält.
Mit mehr als sechs Minuten nimmt sich auch »Man of Mayhem« viel Zeit. Im Gegensatz zum Vorgänger werden die Wiederholungen jedoch durch melodische Entwicklungen und dynamische Veränderungen besser aufgefangen. Der Song besitzt ein erkennbares Ziel und führt seine Motive schrittweise zu einem wirkungsvollen Abschluss. Er gehört zu den stärkeren Stücken der zweiten Hälfte und verbindet die aggressive Anfangsphase mit der melancholischen Grundhaltung des Finales.
REQUIEM FÜR DIE HEIMAT
»Requiem Germania« beendet das Album mit einem vollständig deutschsprachigen Stück, das sich deutlich von den kämpferischen Metal-Hymnen der ersten Hälfte entfernt. Inhaltlich steht die Sehnsucht nach einer verlassenen Heimat im Mittelpunkt. Ash lebt seit vielen Jahren außerhalb Deutschlands und beschreibt die Spannung zwischen der anhaltenden Bindung an die eigenen Wurzeln und der Schwierigkeit einer tatsächlichen Rückkehr.
Die Gitarren bewegen sich in einem langsameren, von Black Metal und Doom geprägten Tempo. Breite Akkorde und melancholische Melodien bestimmen das Klangbild, während Schlagzeug und Bass eine feierliche Schwere aufbauen. Klare und beschwörende Gesangspassagen ergänzen die charakteristischen Schreie. Gerade diese Abwechslung sorgt dafür, dass die Stimme weniger anstrengend wirkt als in einigen vorherigen Stücken.
Musikalisch ist der Abschluss vergleichsweise einfach aufgebaut. Die Wirkung entsteht nicht durch komplizierte Riffs oder virtuose Soli, sondern durch Wiederholung, Dynamik und die emotionale Bedeutung der Melodien. Die Gitarren spielen präzise und kontrolliert, lassen den Akkorden jedoch genügend Zeit, vollständig auszuklingen. Das Stück entfaltet dadurch eine fast rituelle Atmosphäre.
Der Refrain besitzt eine hymnische Qualität, ohne sich in übermäßigem Bombast zu verlieren. Die melancholische Grundstimmung passt hervorragend zu Ashs rauer, gelegentlich brüchiger Stimme. Genau diese Unvollkommenheit verleiht dem Song Glaubwürdigkeit. Eine technisch glatte Gesangsleistung hätte vermutlich weniger Wirkung entfaltet.
»Requiem Germania« ist gemeinsam mit »Dresden« der emotional stärkste Moment des Albums. Beide Stücke zeigen eine Seite von Nargaroth, die über reine Aggression und demonstrative Metal-Verehrung hinausgeht. Gleichzeitig verstärken sie den Eindruck, dass »Apocalyptic Steel« aus zwei unterschiedlichen Hälften besteht: einer direkten, aggressiven Metallplatte und einem nachdenklicheren, persönlichen Werk.
ROH AUFGENOMMEN, PRÄZISE GESPIELT
Die Produktion wurde bewusst nicht auf modernen Hochglanz getrimmt. Gitarren, Bass und Schlagzeug besitzen eine raue Oberfläche, bleiben aber weitgehend voneinander unterscheidbar. Der Klang erinnert an ältere Extreme-Metal-Produktionen, ohne deren technische Einschränkungen vollständig nachzuahmen.
Besonders die Gitarren profitieren von dieser Balance. Die Rhythmusspuren wirken kräftig und dicht, während Leadlinien und Soli genügend Schärfe besitzen, um sich durchzusetzen. Die Riffs werden nicht durch übermäßige Kompression zu einer einheitlichen Wand zusammengeschoben. Anschläge, Pausen und kleine Ungenauigkeiten bleiben hörbar und verleihen der Platte einen menschlichen Charakter.
Der Bass ist stärker wahrnehmbar als auf vielen Black-Metal-Alben. Er unterstützt nicht nur die Gitarren, sondern verleiht den langsameren Death-Metal-Passagen zusätzliches Gewicht. Das Schlagzeug klingt trocken und unmittelbar. Cancillas Spiel besitzt Kraft, bleibt jedoch kontrolliert. Blastbeats, Doublebass und langsamere Rhythmen werden mit hoher Präzision umgesetzt.
Problematischer ist die Position des Gesangs. Ash steht über weite Strecken sehr weit im Vordergrund. Seine Stimme ist ein wichtiger Bestandteil der Nargaroth-Identität, verdrängt aber gelegentlich die instrumentalen Feinheiten. Besonders in den schnellen Stücken hätte eine etwas tiefere Einbettung in den Gesamtmix für mehr Ausgewogenheit gesorgt.
Die lange Entstehungszeit ist dem Album klanglich erstaunlich wenig anzuhören. Obwohl die ersten Instrumente 2014 aufgenommen, die Drums 2022 ersetzt und der Gesang erst 2025 ergänzt wurden, wirkt die Produktion überwiegend geschlossen. Das spricht für die sorgfältige Arbeit beim Mix und Mastering. Lediglich die stilistischen Unterschiede zwischen den Songs lassen erkennen, dass hier verschiedene musikalische Ideen nebeneinanderstehen.
HEAVY METAL IST AUCH KRIEG
»Apocalyptic Steel« ist kein reines Black-Metal-Album. Dafür sind die Einflüsse aus traditionellem Heavy Metal, Speed, Thrash und Death Metal zu deutlich. Gerade diese Offenheit macht die Veröffentlichung interessant. Ash versucht nicht, den Sound früherer Nargaroth-Platten einfach zu wiederholen. Stattdessen verbindet er seine Black-Metal-Wurzeln mit jener Musik, die ihn ursprünglich zum Metal führte.
Die stärksten Momente entstehen immer dann, wenn diese Einflüsse nicht bloß nebeneinanderstehen, sondern zu einer gemeinsamen Sprache verschmelzen. »Steel Apocalypse« und »Twisted Steel« verbinden präzise Gitarrenriffs mit kompromissloser Geschwindigkeit. »Metalheart« funktioniert als bewusst altmodische Hymne, während »Dresden« und »Requiem Germania« melancholische und persönliche Tiefe einbringen.
Die Schwäche liegt in der fehlenden Geschlossenheit. Der Wechsel von der aggressiven ersten Hälfte zur deutlich langsameren und emotionaleren zweiten Hälfte wirkt nicht immer organisch. »Shelter the Faithless« besitzt zudem einige Längen, während der sehr dominant gemischte Schreigesang über die gesamte Spielzeit anstrengend werden kann.
Trotzdem fühlt sich »Apocalyptic Steel« nicht wie eine belanglose Zusammenstellung alter Aufnahmen an. Die Überarbeitung, die neu eingespielten Drums und die späte Fertigstellung haben aus den ursprünglichen Sessions ein vollständiges Album gemacht. Die Platte klingt nicht nach einem modernen Versuch, die Vergangenheit künstlich nachzustellen. Sie trägt vielmehr tatsächlich den Geist einer 2014 begonnenen Aufnahme in sich und wurde mit genügend Sorgfalt abgeschlossen, um auch 2026 bestehen zu können.
FAZIT:
»Apocalyptic Steel« ist ein direktes, raues und überraschend vielseitiges Nargaroth-Album. Die erste Hälfte verbindet aggressive Black-Metal-Riffs mit Heavy-, Speed- und Death-Metal-Einflüssen, während »Dresden«, »Man of Mayhem« und »Requiem Germania« stärker auf Melancholie und persönliche Nachdenklichkeit setzen. Die Gitarrenarbeit überzeugt durch präzise gespielte Rhythmusfiguren, wilde Leadpassagen und eine Fingerfertigkeit, die nie zum bloßen Selbstzweck wird. Das druckvolle Schlagzeug und der deutlich hörbare Bass verleihen dem Material zusätzliches Gewicht. Nicht alle stilistischen Übergänge wirken vollständig geschlossen, einige Passagen werden unnötig ausgedehnt und der sehr weit vorn platzierte Gesang kann auf Dauer ermüden. Dennoch ist die Platte weit davon entfernt, lediglich eine ausgegrabene Archivaufnahme zu sein. Besonders »Steel Apocalypse«, »Twisted Steel«, »Dresden« und »Requiem Germania« zeigen, dass Nargaroth auch nach langer Veröffentlichungspause noch genügend Feuer, Eigenwilligkeit und musikalische Substanz besitzen.






