Voidthrone - Dreaming Rat - cover Artwork

Band: Voidthrone 🇺🇸
Titel: Dreaming Rat
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 08.05.2026
Format: Digital
Genre: Dissonant Blackened Death Metal / Avantgarde Metal / Extreme Metal

Tracklist

01. II-I. Homeless Animal
02. II-II. Morbid Seagull
03. II-III. Ren Omega
04. I-I. Bergen
05. I-II. Dreaming Rat
06. I-III. First Blood
07. III-I. Surfing the Abyss
08. III-II. The Dying Squid
09. III-III. Worm Spiral

Besetzung

Zhenya Frolov – Gesang, Otamatone, Conch Shell
Ron – Gitarre, Jaw Harp
Gavin Brooks – Fretless & Fretted Bass, Akustikgitarre, Gitarrensoli
Josh Keifer – Schlagzeug, Vibraslap, Didgeridoo, Spoons

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Wenn man den Titel »Dreaming Rat« von Voidthrone liest, denkt man zunächst: Hä? Wie jetzt, ne Ratte die träumt? Also sowas gibt es natürlich, denkt der Rezensent aber wieso ist das der Titel des Albums? Nach wenigen Minuten stellt sich allerdings heraus, dass diese Frage noch zu brav formuliert war. Das vierte Album der Band aus Seattle ist ein bewusst irritierendes Werk aus dissonantem Blackened Death Metal, Avantgarde-Wahnsinn, progressiver Zerlegungskunst und gelegentlicher Absurdität. Hier geht es nicht darum, Songs sauber an die Wand zu hängen. Hier wird die Wand erst untersucht, dann aufgebrochen und danach mit einem völlig anderen Raum verbunden.

Konzeptionell folgt »Dreaming Rat« drei ineinander verschobenen Bögen: einem Sonnensystem auf dem Weg durch seine Lebensspanne, einer Zivilisation, die an ihrer eigenen Komplexität zerbricht, und einer parasitären Idee, die sich durch Sprache, Kultur und Fleisch weiterverbreitet. Das ist ein anspruchsvoller Unterbau, der nicht immer sofort greifbar ist, aber die Musik erstaunlich genau erklärt. Voidthrone arbeiten nicht mit linearem Erzählen, sondern mit Überlagerung, Kontrollverlust, Wiederholung, Mutation und komischen Einschüben, die das Ganze noch unangenehmer machen. Wer klare Refrains sucht, bekommt hier eher ein mehrstöckiges Nervenlabor mit kaputtem Aufzug.

(Hört hier »Dreaming Rat« von Voidthrone)

DREI BÖGEN, NULL KOMFORTZONE

Der Einstieg »II-I. Homeless Animal« beginnt direkt im zweiten Konzeptbogen, also in der „vitalen Gegenwart“. Schon diese Reihenfolge zeigt, dass Voidthrone den Hörer nicht an der Hand nehmen wollen. Der Song setzt auf hektische Bewegungen, abrupte Richtungswechsel, extreme Vocals und einen fretless Bass, der nicht bloß Fundament liefert, sondern selbst ständig neue Linien in das Chaos zeichnet. Inhaltlich geht es um Entwurzelung, Kontrollverlust und eine Form von Zivilisationspanik, bei der der Mensch zwar organisiert erscheint, aber innerlich längst auf allen Vieren läuft.

»II-II. Morbid Seagull« treibt diesen Zustand weiter. Der Titel ist absurd, der Song selbst bleibt dennoch streng gearbeitet. Zwischen taumelnder Dissonanz, schwereren Passagen und unberechenbaren Ausbrüchen entsteht ein Stück, das kosmische Bedrohung, religiöse Verzerrung und Zwangsordnung ineinander schiebt. Die Lyrics wirken wie Gedankenreste nach einer Überlastung des Systems: Bilder von Himmelskörpern, Macht, Schmerz und spiritueller Verformung kollidieren, ohne sich zu einem gemütlichen Sinnbild zu fügen. Genau darin liegt die Wirkung.

Mit »II-III. Ren Omega« wird die erste Dreiergruppe zu ihrem intensivsten Punkt geführt. Der Song ist nervös, aggressiv, vokal völlig überdreht und an mehreren Stellen fast cartoonhaft aus der Kurve getragen. Das könnte in falschen Händen zum reinen Gag werden. Bei Voidthrone bleibt es Teil einer größeren Methode. Die Wiederholung des Namens wirkt wie ein Code, der sich selbst beschädigt, während der Song zwischen Mutation, Technologie, Körperverfall und psychischer Auflösung rotiert. Das ist anstrengend, aber beeindruckend konsequent.

DER VERGANGENE ANFANG

Erst mit »I-I. Bergen« beginnt der eigentliche erste Bogen, die „hoffnungsvolle Vergangenheit“. Musikalisch merkt man sofort, dass der Song etwas klarer ansetzt, ohne dadurch zahm zu werden. Die Entstehung von Materie, Hitze, Bewegung, biologischer Entwicklung und Konkurrenz wird hier in eine eruptive Form gebracht. Die Musik arbeitet mit mehr erkennbarem Drive, aber jeder Versuch von Stabilität wird durch Dissonanzen, Soli und abrupte Verschiebungen wieder aufgerissen. Das Ergebnis ist einer der zugänglicheren Songs des Albums, was in diesem Fall immer noch bedeutet: bitte Sicherheitsgurt schließen.

Der Titeltrack »I-II. Dreaming Rat« rückt die parasitäre Idee in den Mittelpunkt. Aus einem Gedanken wird ein Träger, aus einem Träger ein Muster, aus einem Muster ein System. Die Ratte steht hier nicht einfach als Tier, sondern als Bild für Überleben, Anpassung, Verbreitung und schlafende Intelligenz. Der Text arbeitet mit Motiven von Körper, Signal, Nachahmung und infektiöser Bedeutung. Musikalisch verdichten Voidthrone diese Ebene mit stark verschobenen Rhythmen, schneidenden Gitarren und einem vokalen Spektrum, das zwischen Death-Growls, Black-Metal-Schreien, Lautmalerei und wilder Theatralik pendelt.

»I-III. First Blood« führt die Vergangenheit in Richtung erster Gewalt, erster Trennung und erster kollektiver Ordnung. Isolation, Quarantäne, Gruppendenken und der Wunsch nach Erhalt einer Kultur treffen auf körperliche und geistige Zersetzung. Der Song gehört zu den stärksten Stücken des Albums, weil er neben dem wilden Aufbau auch körperlich greifbare Passagen bietet. Hier kann man tatsächlich mitgehen, bevor einem die nächste Wendung wieder den Boden unter den Füßen neu sortiert.

ZUKUNFT ALS ENDSTUFE

Mit »III-I. Surfing the Abyss« beginnt der dritte Bogen, die stille Zukunft. Das Stück gehört zu den verrücktesten Momenten des Albums. Die Band lässt absurde Sprünge zu, führt grotesk wirkende Passagen ein und kippt plötzlich wieder in Gewalt, Dissonanz und kontrollierte Zerstörung. Inhaltlich steht eine Welt am Ende ihrer Expansion: Ressourcenmangel, Stammesdenken, kosmische Leere und der Versuch, sich mit leichtfertigen Ablenkungen über den Kollaps hinwegzutäuschen. Der Song wirkt dadurch nicht einfach chaotisch, sondern wie ein überlasteter Organismus, der seine eigene Diagnose nicht mehr versteht.

»III-II. The Dying Squid« setzt stärker auf kosmischen Horror und spirituelle Verunreinigung. Der Text arbeitet mit Bildern von automatisiertem Gebet, Herrschaft, Schuld, parasitärer Erkenntnis und einer fremden, fast inhumanen Ordnung. Musikalisch bleibt das Stück sperrig, aber nicht beliebig. Besonders die Rhythmusarbeit von Josh Keifer hält die extreme Beweglichkeit zusammen, während Bass und Gitarre ständig gegeneinander zu arbeiten scheinen und doch ein gemeinsames Ziel verfolgen. Die ungewöhnlichen Zusatzinstrumente sind hier keine bloße Kuriosität, sondern Teil der allgemeinen Instabilität.

Der Abschluss »III-III. Worm Spiral« bringt das Konzept an einen logischen Endpunkt. Die Idee wächst, vervielfältigt sich, wird dogmatisch, kollektiv, zerstörerisch und wiederholt am Ende dieselben Fehler in anderer Form. Wachstum wird nicht als Fortschritt gefeiert, sondern als Eskalation betrachtet. Der Song bündelt noch einmal die typischen Voidthrone-Elemente: dissonante Raserei, kurze Momente von Wiedererkennbarkeit, fiebrige Vocals, technische Präzision und eine Kompositionsweise, die eher auf Verdichtung als auf klassische Auflösung setzt. Nach knapp 46 Minuten ist man nicht entspannt. Aber sehr sicher wach.

TECHNIK OHNE SHOWTREPPE

Die Leistung der Musiker ist enorm. Zhenya Frolov nutzt seine Stimme nicht nur als Aggressionsmittel, sondern als weiteres Instrument der Entgleisung. Death-Metal-Tiefen, Black-Metal-Höhen, rituelle Laute, Gelächter und absurde Einsprengsel formen ein Vokalkonzept, das permanent zwischen Bedrohung und Irritation schwankt. Ron liefert an der Gitarre keine klassischen Riffpakete, sondern bewegliche, dissonante Strukturen. Gavin Brooks sorgt mit fretless und fretted Bass für eine auffällige Eigenständigkeit, die in vielen Songs fast zum zweiten Erzähler wird. Josh Keifer hält das Material zusammen, ohne es zu vereinfachen.

Die Produktion von Foodsack ist dicht, scharf und fordernd. Bei dieser Musik wäre zu viel Glanz fatal, zu viel Matsch aber ebenso. »Dreaming Rat« findet eine Mitte, in der Details erkennbar bleiben, ohne dass der Kontrollverlust entschärft wird. Man hört, wie sorgfältig dieses Chaos gebaut ist. Genau das macht den Unterschied: Das Album wirkt nicht zufällig extrem. Es ist komponierter Kontrollverlust.

STÄRKEN UND ZUMUTUNGEN

Die größte Stärke von »Dreaming Rat« ist seine kompromisslose Eigenlogik. Voidthrone denken nicht in einzelnen Hits, sondern in einem System aus Bögen, Motiven, Klangbrüchen und Wiederholungen. Das Album verlangt aktive Aufmerksamkeit. Nebenbei funktioniert es kaum, außer man möchte seine Nachbarn freundlich daran erinnern, dass Stille auch ein Privileg ist. Besonders »Homeless Animal«, »Ren Omega«, »Bergen«, »First Blood«, »Surfing the Abyss« und »Worm Spiral« zeigen die enorme Spannweite der Band.

Die Kehrseite liegt auf der Hand: Nicht jeder Moment sitzt sofort. Manche Ideen wirken bewusst überreizt, manche vokalen Exzesse werden Hörer spalten, und das Konzept lässt sich ohne Zusatzinformationen nur schwer vollständig greifen. Einige Passagen könnten kürzer sein, einige Übergänge noch klarer. Trotzdem bleibt das Album fast durchgehend interessant, weil immer etwas passiert, das man nicht bereits dreißig Sekunden vorher kommen sieht. Für ein Genre, das sich oft gern in wiedererkennbaren Mustern absichert, ist das ein deutlicher Pluspunkt.

FAZIT:

»Dreaming Rat« ist ein radikales, technisch starkes und bewusst sperriges Album, das dissonanten Blackened Death Metal weit in Avantgarde-, Prog- und Noise-Räume schiebt. Voidthrone setzen auf Überforderung als Stilmittel, aber nicht als Ersatz für Songwriting. Hinter der nervösen Oberfläche steckt ein durchdachtes Konzept, das kosmischen Verfall, Zivilisationskollaps und parasitäre Ideenverbreitung miteinander verbindet.

Das Album ist nicht für Hörer gedacht, die sofortige Eingängigkeit oder klassische Songdramaturgie erwarten. Wer aber Imperial Triumphant, Deathspell Omega, Pyrrhon, Gorguts, Ulcerate oder Portal nicht nur kennt, sondern freiwillig wieder auflegt, sollte hier unbedingt einsteigen. Voidthrone liefern mit »Dreaming Rat« ein Werk, das irritiert, fordert, amüsiert, stresst und am Ende erstaunlich klar in Erinnerung bleibt.

Kurz gesagt: Das hier ist keine leichte Kost, aber eine sehr starke Platte. Die träumende Ratte hat offenbar einiges gesehen. Und sie erzählt es so, dass man hinterher erst einmal prüfen möchte, ob im eigenen Kopf noch alle Möbel an ihrem Platz stehen.

Dreaming Rat Album Stream:

Internet

Voidthrone - Dreaming Rat - CD Review

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